Familie Europa

Vor Reisebeginn wurde an uns häufiger die Frage herangetragen, warum wir uns als Etappe für den Segeltörn mit der Bark Europa entschieden haben.

Ein wichtiger Teilaspekt dieser Frage betraf unsere Mitreisenden. Auch wir selbst überlegten im Vorfeld immer wieder, wer diese Menschen sein würden, mit denen wir unseren Traum vom Besuch der Antarktis und der anschließenden Atlantiküberquerung teilen und erleben dürfen. Ab dem 16. Februar bekamen wir schließlich nach und nach Antworten.

Das erste Aufeinandertreffen der voyage crew untereinander und dem Expeditionsteam in Ushuaia

Wir treffen 48 Männer und Frauen aus insgesamt 16 Nationen, zwischen Anfang 20 bis Ende 60, darunter alte und junge Seebären, Süßwasser – und Leichtmatrosen, aber auch einige Landratten. Stille Wasser und Alleinunterhalter. Es gibt junge Pärchen wie uns (ja, wir BEIDE sind noch jung…) auf der Suche nach einem Abenteuer und Rentner, die sich im Ruhestand einen ihrer Lebensträume (teilweise sogar zum zweiten Mal) erfüllen. Aufgeteilt waren wir in eine 17-köpfige permanent crew, die uns als 31 Personen zählende Gastmannschaft (voyage crew) „beaufsichtigte“, verpflegte und rundum umsorgte.

Sehr schnell lernen wir vor allem Eva und Bas aus den Niederlanden kennen, da sie die Kabine mit uns teilen. Mit unseren Zimmergenossen aus Kabine 10 verbringen wir eine wunderbare Zeit. Wir teilen zu warme, zu kalte und auch ganz normal temperierte Nächte, schnarchen nicht, hören Musik, tanzen, feiern, trinken Wein und Bier, spielen „Mensch ärgere dich nicht“ (sorry, not sorry) und führen unzählige seriöse und unseriöse Konversationen. Wir haben sie sehr in unser Herz geschlossen und freuen uns jetzt schon auf jedes Wiedersehen.

In insgesamt über 80 Wachen – zu jeder Tages und Nachtzeit – und bei allen erdenklichen Witterungsverhältnissen lernen wir dann die Mitglieder unserer Blue-Watch besser kennen und schätzen, sprechen über Träume und Wünsche, Familie und Freunde, Beziehungen und Lebensentscheidungen und stellen uns im Südatlantik beim Anblick der leuchtenden Milchstraße die Frage, warum Sterne eigentlich romantisch sind.

Von John aus unserer Wachgruppe (Blue-Watch) lernen wir, dass man in der Fremde zunächst mal auf seine eigenen Vorurteile, Klischees und persönlichen Grenzen trifft. Er beweist uns, dass ein Texaner Demokrat sein und über Trump nur den Kopf schütteln kann, Günther Grass und Tolstoi liest, Gedichte schreibt und mehr über europäische Geschichte weiß als viele Europäer. Er erklärt uns die Sterne und überrascht uns auch sonst immer wieder mit allerlei Kenntnissen, die er mit seiner gewinnenden und humorvollen Art vermitteln kann. Vor allem sein ansteckendes Lachen wird uns allen in liebevoller Erinnerung bleiben.

Je länger die Reise dauert, desto intensiver kommen wir auch mit den Crewmitgliedern der restlichen Wachen und der permanent Crew in den Austausch. Die permanent crew vermittelt uns neben Segelkenntnissen vor allem das Lebensgefühl auf hoher See. Wir verstehen, warum man sich für diesen Lebensweg entscheidet, auch wenn wir sicher sind, dass dies für uns keine Option (mehr) darstellt. Wir bewundern die Leichtigkeit mit der sich die permanent crew auf der Europa bewegen kann und die Geduld, Offenheit und Ausgeglichenheit, mit der sie uns begegnet. Auch die Lebensgeschichten aus der voyage crew ziehen uns immer wieder in den Bann (z.B. Besteigung des Mount Everest, Kajaking in Alaska und Madagaskar, Weltumsegelungen, Familienleben an Bord eines Segelbootes, Motorradreisen durch Asien in vorchristlichen (also internet- und handyfreien) Zeiten, und noch so viele mehr).

Als zusammenwachsende Crew essen und trinken wir, segeln und trotzen Wetter, Wind und Wellen, klettern auf Masten, ziehen und zerren gemeinsam an Tauen bei Neigungswinkeln des Schiffs von 0-40 Grad.

Wir feiern 12 Geburtstage und einen St. Patricks Day.

Carstens Geburtstag am 11.3. feiern wir in Grytviken, South Georgia – auch alle anderen bekommen Kuchen!

Wir liegen zusammen in der Sonne an Deck und bekommen Sonnenbrand. Manch einer packt sogar die Badehose aus.

Die ersten Tage mit Sonne an Deck
Unser italienisches Crew-Mitglied „El Mustachio“ eröffnet die Badesaison auf der Europa

Wir spielen Kartenspiele aus allen Teilen der Welt und singen gemeinsam eine Version von ‚Help‘ der Beatles für unseren Expeditionsleiter Jordi. Wir fotografieren alle die gleichen Tiere und Landschaften, manche allerdings etwas besser, denn es gewinnen immer die gleichen den Fotowettbewerb.

Der härteste Trading-Markt in Antarktika

Wir mögen uns, können uns nicht leiden, diskutieren, lachen, weinen und verlieben uns an Bord.

Zum Abschluss stehen wir nachts im Hafen von Kapstadt an Deck im Kreis Arm in Arm und singen gemeinsam.

Abschiedsfeier im Hafen von Kapstadt

Als wir am 8.4. von Bord gehen, haben fast alle Tränen in den Augen. Uns wird bewusst, dass es in dieser Reise nicht nur um Segeln, den Besuch der Antarktis, Pinguine, Robben, Wale oder Seeelefanten geht. Es geht auch nicht nur darum, die tollsten Fotos zu schießen und die spektakulärsten Videos zu drehen.

Es geht ganz besonders um die einzigartige Erfahrung der Gemeinschaft auf diesem besonderen Schiff, der Erfahrung von Freundschaft und Kameradschaft, die Dich in einer überschaubaren Zeit zusammenschweißt und die sich kaum in Bildern und Filmen festhalten lässt. Wir sehen uns in die Augen und müssen nicht das unbeschreibliche Gefühl erklären, das wir alle spüren. Es geht um die Freude und Hingabe, mit der die Menschen auf diesem Schiff leben und arbeiten und welche sie unvoreingenommen mit uns teilen. Es geht um Rücksicht und Respekt, von denen wir befürchten, dass sie uns in der Zivilisation mehr und mehr abhanden kommen. Wir sind mit einem besonderen Gefühl der Dankbarkeit erfüllt, einmal Teil der Europa Familie gewesen zu sein und hoffen, einen Teil dieses Gefühls in unseren zukünftigen Alltag integrieren zu können.

Smile and wave, boys, smile and wave!

Die Europa unter – fast – vollen Segeln

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