Am 16.02. war es also so weit. Mit der Freude über die negativen Testergebnisse und den letzten, sehr teuren Neuerwerbungen im Gepäck (wir hatten zwar genug – und wie sich später herausstellen sollte – viel zu viel Gepäck dabei, jedoch fehlten aus unserer Sicht entscheidende Teile) trafen wir die Crew in Ushuaia. Wir wurden herzlich von unserem Expeditionsteam begrüßt. Jordi, Maria und Adrian stellten sich vor und gaben einen ersten Vorgeschmack auf das, was wir von Ihnen erwarten würden. Alle drei sind in Spanien geboren und weisen außergewöhnliche Lebensläufe auf. Ihre südeuropäische Einstellung („let´s see que pasa“) stieß auf unsere deutsche Organisiertheit. Dies würde zwar anfangs noch zu einigen Missverständnissen führen, letztlich aber schnell eine extrem nette, freundschaftliche, lustige, spontane und ungezwungene Atmosphäre schaffen, in der sich alle sehr wohl fühlten – außer es ging um etwas Organisatorisches 😉 Unser Expeditionsleiter Jordi ließ keine Zweifel aufkommen, dass wir in seinen Händen gut aufgehoben waren. Er hatte bereits an unzähligen Antarktis- und Arktisexpeditionen sowie Atlantiküberquerungen teilgenommen, ein halbes Forscherleben mit Flora und Fauna der sub(ant)arktischen und (ant)arktischen Regionen verbracht und lebte spätestens seit Beginn der Coronapandemie durchgehend auf der Bark Europa („it´s my home, so don´t mess with it“). Nachdem er auf einer früheren Expedition zwei Zähne verloren und keine Zeit gefunden hatte, diese auf Festland ersetzen zu lassen, war für uns schnell klar, dass er ein Pirat sein muss. Unser Papagei bekam nun endlich einen Namen.
Coronabedingt wurden wir mit dem Bus die 500 Meter zum Hafen gebracht, wo uns der Rest der Crew auf der Europa bei Kaffee und Kuchen willkommen hieß. Das große Kennenlernen von Schiff und Mannschaft begann und wir verbrachten die erste Nacht an Bord im Hafen.

Auszug aus dem Tagebuch:
„Der erste Tag auf „See“
Wir beide waren eher aufgeregt und mussten uns erst an die neue Situation gewöhnen. Sprich: Es war warm und eher beengt. Außerdem fehlte die Person neben Dir.)„

Am nächsten Tag machten wir dann alle Leinen los und verabschiedeten uns durch Betätigen des ohrenbetäubenden Schiffshorns von Ushuaia. Auf unserem Handy lief der Soundtrack zu „Fluch der Karibik“ und es stellte sich ein unglaubliches Gefühl der Zufriedenheit ein. Die Reise, die jahrelang ein mehr oder weniger weit entfernter Traum gewesen war, wurde zur Wirklichkeit. Diesen Moment genossen wir in vollen Zügen noch völlig ohne wind- oder wetterbedingte Hindernisse. Ganz im Gegenteil, das Wetter im Beagle Kanal war herrlich und schon nach kurzer Zeit hatten wir die ersten Begegnungen mit Robben, Pinguinen und Delfinen.
Eines der ersten schiffsintern ausgiebig diskutierten Themen (Stichwort: Was wirklich wichtig ist) ließ vermuten, dass sich einige durch den sonnigen und ruhigen Start womöglich ermutigt fühlten, auf Medikamente gegen Seekrankheit zu verzichten. Wer auch immer eine solche Entscheidung getroffen hatte, musste sich jedenfalls wohl oder ÜBEL bald eines besseren belehren lassen. Der für den Beagle Kanal obligatorische Pilot verließ uns, wir setzten die ersten Segel und mit Erreichen der Einflüsse des offenen Meeres stellte sich endlich das von Carsten lang ersehnte Segelgefühl ein.
Wir befuhren die berüchtigte Drake-Passage und obwohl diese aus Carstens Sicht viel zu ruhig (fast schon langweilig ruhig) war und er befürchtete, wie einst im ebenfalls berüchtigten Skagerrak vor sich hin zu dümpeln, überkam einen Großteil der voyage crew langsam aber sicher ein mulmiges Gefühl. Neue beliebte Orte auf dem Schiff: Koje, Bank im Deckhouse, Boden der Toilette und Reeling. Neue beliebte Accessoires: Kleine, gelbe Eimer. Neue beliebte Gesichtsfarbe: weiß. Gute Laune: Fehlanzeige.

Trotzdem wurden die Wachen – zur Not in Minimalbesetzung mit 3/10 – durchgezogen und das Matrosenleben begann.
Auszüge aus dem Tagebuch:
„First Watch
Die erste Wache polarisierte eher. Männlicherseits bestand fast ein wenig Enttäuschung, dass die angekündigten Stürme der Drakepassage ausblieben. Weiblicherseits realisierten sich quasi alle Befürchtungen einer gewissen Seeunverträglichkeit. Nichtsdestotrotz wurde alles versucht. Hut ab vor dieser Leistung.
Am Ende der Wache hatten wir drei Ausfälle. Schon während der Wache wurde schnell klar, dass auch mindestens drei Mitglieder der nächsten Wache ausfallen würden…
Es bleibt spannend, wie – und vor allem wie schnell – sich die Ausfallquote entwickelt.“
Ein großer Teil der Crew stellte sich sehr schnell auf die neuen Umstände ein. Einige wenige litten jedoch sehr schlimm und sehr lange. Für ganz wenige endete das segelbedingte Leiden eigentlich erst wieder so richtig in Kapstadt. In der ersten Woche sah man jedenfalls jeden Tag neue Gesichter (soweit man sie wegen der noch zu tragenden Masken erkennen konnte), deren dazugehörige Körper nach und nach in unterschiedlichen Zuständen aus ihren Kabinen krabbelten. Zwei Crewmitglieder entschieden sich hingegen dazu, das Deckhouse gar nicht mehr zu verlassen, so dass man zumindest wusste, dass sie zwar vor sich hin vegetierten, aber immerhin noch an Bord waren.
Das nächste schiffsintern ausgiebig diskutierte Thema (Stichwort: Was wirklich wichtig ist) widmete sich dem positiven PCR-Testergebnis, was es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen an Bord gegeben hatte.
Auszug aus dem Tagebuch:
„Wir waren auf Bark Europa und hatten Corona an Board. Ahoi, Kameraden, ahoi ahoi…
Weiblicherseits traten erste Gewöhnungserscheinungen auf. Die – zugegebenermaßen – eher anstrengende und schweißtreibende Wache von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr wurde tapfer durchgestanden und das Essen – soweit ersichtlich – nicht an die Meeresbewohner übergeben. Soweit die guten Nachrichten.
Die Nachricht, dass jemand aus der ständigen Crew positiv getestet wurde, machte per Flurfunk schnell die Runde und fast alle rätselten, wen es wohl getroffen hatte. Da die gesamte Kabine nun zur Quarantänezone erklärt wurde, wird sich die Zahl der möglichen Virusopfer verringern, da schnell klar werden wird, wen man die nächsten Tage nicht zu Gesicht bekommt. Zumindest sind alle noch hoffnungsvoll, sich selbst nicht angesteckt zu haben.“
Da die Drakepassage (leider) weiter mit für diese Region relativ ruhigem Wetter überraschte, durchquerten wir sie unter Segeln zwar nicht unanstrengend, aber sehr zügig und sahen bald das erste Mal antarktisches „Land“ (wir bezeichnen bzw. definieren für diesen Text die South Shetland Inseln jetzt der Einfachheit halber mal als antarktisches Land. Uns war der Unterschied zwischen den Inseln und der antarktischen Halbinsel natürlich bestens bekannt). Der Moment war magisch…und kalt…und windig… Am besten können wohl die Auszüge unseres Tagebuchs das Ende der ersten Segelwoche vermitteln:
„Land in Sicht
Nach einer mal wieder mäßig erholsamen Nacht (Wache von 0.00 Uhr bis 4.00 Uhr), die es aus Laiensicht auch arbeitstechnisch in sich hatte (viel Arbeit an den Segeln und Tauen, wobei das Deck auch zum Teil komplett unter Wasser stand, Zusammenfalten eines ins Wasser gefallenen staysails auf dem „Tisch“ – am Ende der Reise wissen wir bestimmt den genauen Ausdruck für dieses Segel, schließlich existieren hier ganz schön viele solcher Teile, die das Schiff voran bringen sollen) wurde männlicherseits um 8.30 Uhr gefrühstückt, um dann gegen 9 Uhr noch einmal eine halbe Stunde Powernap zu versuchen. Um 11.15 Uhr trat man(n) außerplanmäßig zum Helfen auf Deck an, was damit belohnt wurde, dass man am Hauptmast hochsteigen durfte, um die Segel am yard zu befestigen („to furl“, der deutsche Fachausdruck hierfür ist natürlich nicht bekannt). Einfach nur atemberaubend. Zwar blieb noch nicht viel Zeit für den wahnsinnig tollen Ausblick, da man viel mit sich selbst und der – zugegebenermaßen – nicht sehr anspruchsvollen Arbeit beschäftigt war (wie geht noch einmal dieser eine Knoten?), aber trotzdem werden selbst die kurzen Blicke auf Höhe des yards unvergesslich bleiben.
Während der Wache erfuhr man am lookout, was windig (möglicherweise) in der Antarktis bedeutet (wir werden sehen) und am Steuer konnte man auch schon erste kleine „Eisklumpen“, liebevoll als Eisberge bezeichnet, am Boot vorbeiziehen sehen. Unser erster Offizier äußerte sich wie folgt dazu: „please dodge the ice“.
Aktuell sind alle Segel weitgehend unten und wir halten mit Motorunterstützung Kurs auf unsere erste Landungsmöglichkeit.
Was auf jeden Fall hängen bleibt: Der Blick auf diesen weitgehend unberührten Fleck der Erde mit dem Gefühl von Wind und Wasser im Gesicht und die Anstrengung, die notwendig war, hierher zu kommen und standfest zu bleiben.“
„Die Stimmung steigt
Mehrere gute Nachrichten sorgten dafür, dass die Stimmung auf einen neuen Höhepunkt steigt. Man merkt deutlich, dass die grassierende Seekrankheit wesentlich milder wird. Auch die Tatsache, dass wir die Drakepassage glimpflich überstanden haben und hoffentlich bald die ersten Antarktisgänge anstehen, sorgt für ausgelassene Stimmung. Nicht zuletzt erfahren wir, dass der zunächst positive PCR-Test zweimal durch einen negativen Test widerlegt wurde, so dass wir wahrscheinlich die unwahrscheinliche (ca. 4/1000) Möglichkeit eines falschpositiven Tests in Betracht ziehen können. Darüber sind alle mehr als happy. Zuletzt erfahren wir auch, dass ab 20.00 Uhr keine Wachen mehr stattfinden müssen, da wir so gut wie am Ziel sind und keine Manöver mehr stattfinden werden. Wir nutzen die Möglichkeit, den ersten Eindruck der Antarktis zu intensivieren, indem wir uns frei von segelbezogenen Verpflichtungen an Bord bewegen und die nahe Eislandschaft auf uns wirken lassen.
Der Tag klingt entspannt im Deckhouse aus“
(bedeutet: wir genossen Bier, Wein, Unterhaltung und Kartenspiele mit anderen Crewmitgliedern, da am nächsten Tag keine Wache für uns anstand).

