Man stelle sich ein Schiff mit 48 Besatzungsmitgliedern vor, das nach langen drei Wochen auf See und dem eisigen weißen Kontinent, nach Stürmen und Flauten in der Scotia Sea nun endlich die Aussicht auf „richtiges“ Land hat. Nachdem wir alle schon so viel von diesem abgelegenen Ort und seinen tierischen Bewohnern gehört hatten, waren wir begierig darauf, Südgeorgien nun endlich zu sehen.
Am Morgen des 8. März hüllte sich ein Großteil der Insel in grauen Nebel, was wir aber erkennen konnten, waren mit grünem Gras bewachsene steile Klippen, Felsen und Steine, Buchten und einen schmalen Streifen Strand. Diese unwirtliche Landschaft wurde begleitet von einem stetigen Konzert verschiedener – tierischer – Geräusche: jaulen, piepsen, fiepen, schnattern, gackern, gurren, schnarren – kurz: Eine für menschliche Ohren unverständliche Kakofonie von Lauten. Wir bekamen einen ersten Eindruck davon, wie laut es bei den Landungen hier werden würde.


Unter stetigem Regen betraten wir an diesem Tag zum ersten Mal südgeorgischen Boden, ein Moment, den viele von uns sicher nie mehr vergessen werden: Sobald man aus dem Boot gestiegen war und den Strand betrat, sah man sich von etwa einem Dutzend kleiner Pelzrobben-Heuler umgeben, die den menschlichen Neuankömmling aus ihren großen schwarzen Kulleraugen treuherzig anschauten, den kleinen Kopf schief gelegt und noch nicht entschieden hatten, ob denn die Neugier oder die Angst siegen sollte. Im ersten Fall kamen sie – wenn man sich ruhig verhielt – immer näher, beschnupperten die ganze Person und stupsten mit der Nase so manche GoPro Linse an, vermutlich in der Hoffnung, Essbares zu erhalten. Obsiegte die Angst, nahmen sie mit Geheule reiß aus, nur um vor dem nächsten Besucher fasziniert für das selbe Procedere stehen zu bleiben oder als schwarzer Leib im Wasser zu verschwinden. Solche Szenen wiederholten sich an diesem und auch den anderen Stränden hunderte Male, doch wir wurden nie müde, diese kleinen, zugegebenermaßen unglaublichen süßen Geschöpfe zu betrachten. Sah einer der kleinen gar so einsam und verlassen aus, spielten wir bereits mit dem Gedanken, eine der leeren Kabinen zu einer Heuler-Auffangstation umzubauen.


Auch andere Strandbewohner wie die majestätischen Königspinguine zeigten reges Interesse an den Besuchern und gingen sogar soweit, den Menschen ähnlich in einer Reihe den Hügel zu erklimmen wie um zu sehen, was wir da oben entdeckt haben konnten. Oben angekommen müssen sie wohl doch etwas enttäuscht gewesen sein, dass es für sie nicht mehr zu sehen gab, als sie ohnehin schon kannten. Uns dagegen eröffnete sich der Blick auf dieses Tierparadies von oben, auf Strände und Buchten voller Robbenbabys gemischt mit Pinguinen und vereinzelten Seeelefanten, umkreist von Seevögeln, die im hohen Gras auf den steil zum Meer abfallenden Hängen nisteten.
Wir waren – gelinde gesagt – einmal mehr überwältigt. In dem uns umgebenden Spektakel waren wir lediglich stumme Betrachter, die Augen auf die sich stets ändernde Szenerie gerichtet, auf die kleinen und großen tierischen Dramen, die sich vor uns abspielten. Die überwältigende Präsenz der Tiere in Anzahl, Erscheinung, Geräusch und Geruch ließ keinen Zweifel aufkommen, dass wir Menschen an diesem Ort nur als Besucher geduldet wurden.
Dieses Gefühl hielt an und hatte seinen Höhepunkt sicherlich bei dem Besuch der beiden großen Königspinguin Kolonien, eine davon die zweitgrößte Kolonie der südlichen Hemisphäre mit etwa 100.000 Pinguin-Paaren. Die Schönheit und Eleganz des einzelnen Tiers verblasst hier vor der schieren Anzahl. Mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund und umgeben von saftigem grünen Gras und grauen Steinstrand bereitete sich ein Meer aus schwarz-weiß-orangenen Körpern dicht gedrängt vor uns aus, hin und her wogend, und sich den Hang hinauf ergießend. Wir möchten auch an dieser Stelle einfach wieder unsere Eindrücke in Bildern mit den Lesern teilen:









Obwohl wir heute nur stille Beobachter und Bewahrer sind, lässt sich der (ehemalige) menschliche Einfluss auf der Insel noch an verschiedenden Stellen in Form von alten Robben-und Walfangstationen sehen, und natürlich in Grytviken, der – abgesehen von kleinen Forschungsstationen – einzigen menschlichen Behausung in Südgeorgien. Diesen phantastischen Ort besuchten wir an Carstens 25. Geburtstag bei strahlendem Sonnenschein – überhaupt die erste Sonne seit fast vier Wochen – und einer tollen Sicht auf die umliegenden Berge und die Insel selbst. Bis dahin waren wir größtenteils im strömenden Regen oder im Nebel über die Insel gezogen. Irgendwie hatte Jordi vergessen, uns mitzuteilen, dass es hier an ungefähr 300 Tagen im Jahr regnet.
Grytviken war bis ca. 1965 aktive Walfangstation und die Überreste werden heute noch als Teil des Museums in Stand gehalten. Zusätzlich gibt es ein kleines Museumsgebäude mit einer liebevoll gestalteten Ausstellung über das Leben und Wirken der Walfänger. Etwas abseits findet sich der Friedhof, auf welchem unter anderem der berühmte Sir Ernest Shackleton begraben liegt. Sein legendäres, gesunkenes Schiff, die „Endurance“, wurde zeitgleich mit unserem Besuch der Antarktis von einem Forschungsschiff (der „Agulhas“) nach über 100 Jahren „endlich“ gefunden. Was für ein Zufall, dass die Agulhas am 11. März ebenfalls in Grytviken landete und dort über Wasser einen schönen (und ganz intakten) Dreimaster bewundern konnte.
An diesem abgelegenen Ort der Erde sahen wir zum ersten Mal nach Verlassen des Hafens von Ushuaia wieder „andere“ Menschen, darunter zwei Mitarbeiter des Museums sowie den Postbeamten (der im Übrigen auch der biosecurity-Officer war, der uns und unser Schiff vor der Landung kontrolliert hatte). Der Anblick von nuen Menschen löste bei manchen Crew-Mitgliedern geradezu Euphorie aus. Viele von uns nutzten die Gelegenheit, um von diesem abgelegenen Ort Souvenirs zu erwerben und Postkarten nach Hause zu schreiben, die wie überall im Britischen Hoheitsgebiet in einen roten Briefkasten eingeworfen wurden (oder direkt bei dem Postbeamten abgegeben werden konnten, der gut gelaunt auch jede Frage beantwortete, die nichts mit Post zu tun hatte und wahrscheinlich ebenso froh war, mal wieder andere Menschen zu treffen).







Diesem Tag folgten noch weitere Landungen, Pinguine, Robben, Vögel, Seelefanten und mehr.







Nach sieben Tagen verließen wir Südgeorgien, die Speicherkarten und Herzen voll von diesem magischen Ort, dem man erlaubt hatte, in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu finden als Monument dafür, wie Schönheit und Artenreichtum der Natur abseits der menschlichen Einflüsse aussehen können. Wir sind dankbar, diesen Ort einmal in unserem Leben besucht haben zu dürfen. So saubere Luft werden wir so bald wohl nicht mehr atmen.
Am Abend des 13. März setzten wir erneut – fast alle – Segel in unserer Wache und begannen unseren letzten Abschnitt der Reise, die Überquerung des Südatlantiks bis nach Kapstadt.

Welch herrliche Gelegenheit für das Üben einer konsequenter Erziehung: “Nein, bleib kleiner Mann” 😀 Dieses Video gefällt mir besonders gut.
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