Ein interessanter Aspekt der Schiffsreise war die Tatsache, dass wir 52 Tage ohne Telefon- oder Internetverbindung sein würden. Für Notfälle bestand natürlich ein Kontakt zum Schiff via Satelliten-Telefon und die Europa bot auch die Möglichkeit der elektronischen Kommunikation per E-Mail über den Schiffscomputer (abgerechnet wurde nach Datenmenge, weswegen man sich auf reinen Text beschränken sollte; ein Crewmitglied zahlte für eine Mail mit neumodischem Impressum etwa 100 Euro – in diesem Zusammenhang vielleicht ein kleiner Denkanreiz in Bezug auf die ökologischen Auswirkungen unserer zivilisierten modernen Kommunikation). Wir haben uns im Vorfeld allerdings bewusst dafür entschieden, diese Möglichkeit nicht in Anspruch zu nehmen und bereiteten daher unsere Familien und Freunde auf eine 52-tägige Funkstille vor. Den Eltern versprachen wir, uns nach etwa der Hälfte der Zeit zu melden. Mit dieser restriktiven Informationspolitik waren wir eher eine Ausnahme auf dem Schiff. Neben einigen SMS-fähigen GPS-Geräten schaffte es auch ein privates Satelliten-Telefon an Bord und das E-Mail Postfach des Schiffscomputers verzeichnete stets regen Verkehr. Dennoch konnte man sich dem Abgeschiedensein nicht ganz entziehen. Auf Grund fehlender Internetverbindung fiel bei fast allen Crew-Mitgliedern zeitnah das Spotify-Musikangebot aus, obwohl im Voraus großzügig für den offline Gebrauch heruntergeladen worden war. Diese aus Konsumentesicht krasse Fehlfunktion des Anbieters verschlechterte die Stimmung schnell, konnte aber – zumindest kurzfristig – durch das Zurücksetzen des Telefon-Datums behoben werden. Ein Moment des puren Glücks für einige der Crewmitglieder („Schau mal, Wale … jaja, mein Spotify geht wieder, ich bin so glücklich„). Trotzdem fielen früher oder später fast alle Spotify-Playlists aus und heruntergeladene Netflix-Serien verloren ihre Gültigkeit oder waren schon durchgeschaut worden. Immer mehr Handys blieben in den Kabinen bzw. wurden nur als Fotoapparat genutzt, Bücher oder E-Reader wurden rausgeholt und Tagebücher vollgeschrieben.

Es ist erstaunlich, wie schnell in einer solchen Umgebung und unter diesen besonderen Umständen ständige Erreichbarkeit, Informationskanäle und social Media ihren Reiz verlieren. Kein Post auf Instagram, Facebook oder Twitter kann mit dem Gefühl von Wind und Wellen und dem Anblick grandioser Natur, eines sternenklaren Nachthimmels oder machmal auch einfach nur der unglaublichen Weite des Ozeans mithalten. Keine Sendung, kein Film, kein Bild kann einem das Gefühl vermitteln, das man individuell empfindet, wenn man etwa einer Babyrobbe in die Augen schaut (dank Jordi in den meisten Fällen wohl wissend: „it´s not gonna make it„). Und keine WhatsApp-Nachricht ersetzt die persönliche Kommunikation. Man vergißt heutzutage viel zu schnell, welchen Wert ein ehrliches Lachen Gesprächspartners haben kann.
Eingeschlossen in unserer Blase verloren wir bei all den unglaublichen Eindrücken schnell das Interesse an der Außenwelt – Familie und engste Freunde ausgenommen. Covid war nach Einstellung aller Maßnahmen bald vergessen, Sportergebnisse völlig egal (Carsten gewann seine Bundesliga-Tipprunde trotzdem, weil er – im Gegebsatz zu) und selbst der Kriegsbeginn war eine beiläufige Information, zu der wir keinen Zugang fanden. Es fühlte sich daher fast merkwürdig an, nach einem Monat die versprochenende E-Mail an die Familie zu schreiben. Gleichzeitig waren wir begierig, von unseren Eindrücke und Erfahrungen zu berichten.
Wir möchten deshalb die Original-E-Mail an die Familie nach ca. 4 Wochen an Bord mit Euch teilen:
„Ihr Lieben,
wir senden Euch allen ganz liebe Grüße von der Europa, die langsam zu unserem zweiten zu Hause wird. Uns geht es wunderbar, Tonis Seekrankheit war Gott sei Dank nicht von langer Dauer und seit ein paar Wochen schon können wir dieses grandiose Abenteuer beide an Deck und gesund erleben. Nach der kalten Antarktis mit unglaublichen Bildern von Eisbergen, Gletscherfronten, Pinguinen, Seerobben, Seeelefanten und vielem mehr ging es zunächst weiter nach Nordwesten bis nach Südgeorgien, einer der vemutlich letzten, von menschlichem Einfluss verschonten Inseln dieser Erde. Wir tuen uns beide sehr schwer, die dort gesammelten Eindrücke mit Worten zu beschreiben. Bislang haben wir nur unglaublich, unbeschreiblich und wahnsinnig schön als passend erachtet. Wir wurden von neugierigen Babyrobben über den Strand gejagt, sind mit zehntausenden Pinguinen im Einklang über den Strand gewackelt und haben Seeelefanten bestaunt, die mehr an einen Felsen aus Fett erinnern, denn an Tiere. 4 Tonnen können diese Kreaturen zu besten Zeit wiegen. Also besser Abstand halten und aus der Ferne bewundern. Carstens 41. Geburtstag durften wir mit einem Geschenk aus Sonnenschein und einem Besuch des Walfangmuseums in Grytviken, dem einzigen von Menschen bewohnten Ort in Südgeorgien feiern. An diesem Tag gewinnen wir auch endlich einen Eindruck von der Landschaft der Insel, die zuvor meist im Regen oder Nebel verborgen lag (Südgeorgien hat im Schnitt 300 Regentage im Jahr). Es ist eine unglaubliche Landschaft mit weiten Stränden voller Pinguine auf der einen, rauen Klippen auf der anderen Seite, schnee und eisbedeckte Berge im Hintergrund und immer wieder Gletscher dazwischen. Bei jedem Landgang erwarten wir fast, einen Dinosaurier in dieser ursprünglichen Landschaft zu sehen. Am 13.3. haben wir uns dann mit einer letzten Wanderung zu den Maccaroni-Pinguinen aus Südgeorgien verabschiedet und die Segel Richtung Tristan da Cunha und Kapstadt gesetzt.
Das Leben an Bord ist sehr unterschiedlich, je nachdem ob wir gerade im Landgang-Modus oder im Segel-Modus sind. Während der Landungen spielen wir abends zusammen Karten, hören Musik, singen Seemannslieder und lassen uns dazu das ein oder andere Bier oder Glas Wein schmecken. Im Segelmodus ändert sich der Rhythmus des Schiffes und der Hauptfokus liegt auf einer ausreichenden Menge Schlaf und darauf, sich immer überall ordentlich festzuhalten, wenn das Schiff mal wieder deutliche Schräglage hat. Bei 40 Knoten Wind lerne viele Dinge in der Kabine – manchmal auch Menschen – das Fliegen, nur landen können sie meistens nicht unfallfrei. Bislang sind wir aber Gott sei Dank von schweren Unfällen verschont geblieben. So ungemütlich die Schräglage des Schiffes unter Deck auch ist, auf dem Deck, am Steuerrad oder auf dem Aussichtsposten ist es ein irres Gefühl, mit diesem tollen Schiff durch die Wellen zu pflügen auf einem Ozean, auf dem wir alleine zu sein scheinen. Langsam haben wir eine gute Balance entwickelt und jede Bewegung des Schiffes setzt sich wie natürlich in unsere Füsse und Beine fort und lässt das Seglerherz höher schlagen. Meistens begleiten Seevögel unser Schiff und gleiten mit einer unheimlichen Anmut über die Kronen der Wellen, ab uns zu sehen wir auch Wale in der Nähe oder Ferne auftauchen. Und wenn wir viel Glück haben, zieht die Wolkendecke nachts fuer einen kurzen Moment auf und gewährt uns einen Blick auf den gigantischen Sternenhimmel, aus dem die Milchstrasse wir ein weiss-schimmerndes Band leuchtet. Die Profis unter uns haben eine App, mit der sie alle Sternenbilder und Planeten benennen können. Offensichtlich schwirren gerade auch Venus, Mars und Jupiter irgendwo über uns rum.
Von der Aussenwelt erfahren wir nur Bruchstücke aus den einzelnen Emails der anderen Gäste. Das wenige was wir hören reicht uns aus um unsere Abgeschiedenheit noch mehr wertzuschätzen. Wir geniessen unserer Blase aus Sorgenlosigkeit, in der wir die frische Seeluft atmen, den Sonnenschein auf der Haut geniessen und uns frei fühlen dürfen. Wir sind beide sehr glücklich und dankbar, dieses einmalige Erlebnis zusammen geniessen zu dürfen. Ab und zu schwenken die Gedanken nach Hause und wir hoffen sehr, dass es Euch allen gut geht.
Liebe Mama ich wuerde dich bitten, die Email an Eugen und Gitte, sowie unsere Familiengruppe weiterzuleiten. Wir senden Euch allen ganz liebe Grüße in die Heimat und freuen uns, euch bald wieder zu hören und euch von mehr erzählen zu können.
Alles Liebe, Toni&Carsten„
Es war interessant, dass auch der Wiedereintritt in die Welt der digitalen Kommunikation und Informationsbereitstellung einer gewissen Gewöhnung bedurfte. Als wir nach 52 Tagen „endlich“ unser Handy und die WLAN-Verbindung wieder anschalteten, erreichten uns viele fröhliche sowie einige traurige Nachrichten, wichtige, aber auch absolut unnötige E-Mails und jede Menge sonstige Informationen. Tatsächlich waren wir überfordert und noch nicht bereit, wieder mit unserer Außenwelt in Kontakt zu treten. Wir gönnten uns daher einen letzten Abend mit unseren Lieblings-Crewmitgliedern. Menschen, die unsere Eindrücke und Erfahrungen geteilt hatten und denen wir nicht erklären mussten „wie es auf der Europa denn gewesen war“. So genossen wir einen fröhlichen Abend in Unwissenheit und Sorgenfreiheit über die jüngsten weltpolitischen und privaten Dramen.
Aber keine Sorge, wie alle anderen modernen Menschen fanden auch wir unseren Weg zurück in die digitale Welt der ständigen Erreichbarkeit, die Hand nie mehr als 30 Minuten weg vom Handy, auf dem aktuellen Stand, was die neuesten Instagram-Posts unserer Freunde und neuesten Katzenvideos auf Youtube betrifft. Ein nicht angenommener WhatsApp-Call oder eine länger als zwei Tage ausstehende Nachricht wird wieder mit der gleichen Ungeduld und Unverständis aufgenommen wie vorher.
Und doch sehnen wir uns häufig zurück in die Zeit ohne Handy, in denen das echte Leben als Eindruck genügte. Jedes Mal, wenn wir an John denken, hören wir sein herzhaftes Lachen.
