Als wir am Abend des 13. März Südgeorgien verließen und als Teil der wachhabenden blue watch gut damit beschäftigt waren, zahlreiche Segel zu setzen, wussten wir noch nicht, was uns bevorstand. 25 Tage auf hoher See ließen uns zu Matrosen werden, ob wir wollten oder nicht. Den einen standen fast vier Wochen herrlicher Segelerfahrung bevor, den anderen der Alptraum von weiteren vier Wochen des Seekrankheit-Martyriums. Wie auch immer die Stimmungslage war, uns allen gab das nun ohne Landungsunterbrechungen fortlaufende Wachsystem einen festen Tages- und Lebensrhythmus. Ein Beispiel für unseren Wach- und Zeitplan findet sich am Ende der Seite, das meiste davon wurde auch schon in unserem Video-Beitrag „A typical day of sailing“, verarbeitet.
Um nicht in die Verlegenheit zu kommen, uns in erneuten Beschreibungen von Wind, Wellen, Schräglage des Schiffes etc. zu wiederholen, möchten wir eher Gedanken teilen, die wir uns während dieser Zeit gemacht haben. Denn Zeit zum Nachdenken hatten wir wahrlich genug. Um diese schwere Kost aufzulockern, zeigen wir zwischendrin aus unserer Sicht eindrucksvolle – und manchmal auch sehr lustige – Impressionen der Atlantiküberquerung (Wir hoffen, dass trotz der (leider notwendigen) Kompression noch etwas zu erkennen ist).
12 Fragen ins Blaue hinein:
I. Spielball der Elemente oder wie weit kann der Ozean sein?
Als outdoor-aktive Menschen hatten wir beide schon vor der Reise hin und wieder die Macht der Natur kennen gelernt und Carsten hatte während seiner Segeltörns durch die Ostsee vor ein paar Jahren bereits den ein oder anderen welligen Segeltag erlebt. Was der Begriff „Naturgewalt“ wirklich bedeutet, haben wir beide aber wohl erst in diesen Segelwochen wirklich verstanden. Bei 40-50 Knoten Wind und 6-7 Meter hohen Wellen wir das Schiff zur Nussschale, zum Spielball der Elemente, denen es schutzlos ausgeliefert ist. Das Wort Wellenberg ist nicht umsonst gewählt, türmten sich die Wassermassen doch noch weit über unsere auf dem Deck befindlichen Köpfe auf, bevor sie das tapfere Schiff in das nächste Wellental warfen. Vom Mast des Schiffes sah diese Abfolge von Berg und Tal tatsächlich aus wie ein Gebirge, durch welches sich die Europa kämpfte. Dazu kam noch der Wind, heulend und schreiend in unseren Ohren, der einen Wortwechsel zu einem wilden Gebrüll werden ließ, dessen Kraft gegen den eigenen Körper drückte, an ihm zerrte und ihn mit sich wehen wollte. Den Elementen derart ausgesetzt lernten wir Demut vor der Natur und ihren Gewalten und wurden uns unserer Rolle als in solchen Situationen weitgehend machtlose Menschen wieder bewusst.
II. Wir als Matrosen?
Wir wollten das Matrosenleben kennenlernen, hatten jedoch warme Duschen, unsere Bettwäsche und Handtücher wurden gewechselt und unsere Wäsche wurde gewaschen. Nicht nur unsere Kabinen wurden von der permanent crew gereinigt, diese kümmerte sich regelmäßig sogar um das komplette Schiff, ohne dass wir mit anpacken mussten/durften – sondern vielmehr aufpassen mussten, dass wir nicht im Weg standen. Auch in der Küche war – abgesehen vom Kartoffelschälen – keinerlei Mithilfemöglichkeit angedacht. Wir fanden deshalb schnell den Begriff „Segelkreuzfahrt“ sehr passend für unser aktuelles Abenteuer und versuchten uns so zumindest bestmöglich als Teilzeitmatrosen.
Am Anfang waren wir völlig ahnungslos, was die Bedienung der Segel angeht. Dies blieb zunächst auch so, da nicht alle Mitglieder der voyage crew volles Interesse für das Segeln zeigten und viele Segelunterrichtseinheiten den schwierigen Segelbedingungen zum Opfer fielen. Die Europa fungiert zudem auch für die permanent crew zum Teil als Ausbildungsschiff, so dass es oftmals an einer klaren Kommandostruktur fehlte. Dies führte zu einigen – zumeist lustigen – Missverständnissen, aber am Ende haben wir doch immer alles irgendwie hinbekommen. Nach und nach entwickelten wir ein gutes Verständnis für die Situation und mit ein wenig Eigeninitiative eigneten wir uns doch genug Wissen an, um zumindest zu verstehen, was man zu tun hatte, wenn eine gewisse Ansage getätigt wurde. Wir hätten uns noch nicht zugetraut, eigene Entscheidungen zu treffen, konnten aber zielgerichtet mit der permanent crew überall an Deck und auf allen Masten zusammenarbeiten, so dass wir bei der Wache gerne tatkräftig unterstützten und uns nicht mehr nutzlos fühlten. Bei anderen Tätigkeiten, die sonst so anfallen, wie z.B. Reparieren von Segeln und Tauen, ließen es die Bedingungen nicht zu, dass wir uns mehr einbringen konnten. Nur bereits erfahrende Seebären konnten hier mithelfen, wir gewannen hingegen einen Einblick in alles, was während so einer Reise erledigt werden muss. Mit Ausdauer und Geduld würden wir das bestimmt auch beizeiten hinbekommen. Irgendwann verinnerlichten wir den Rhythmus auf dem Schiff und es entstand eine neue routinierte Normalität. Der Weg war das Ziel. Wir als Mannschaft taten fast jederzeit alles, um den Kurs an die äußeren Bedingungen bestmöglich anzupassen. Daneben genossen wir trotz des teils tosenden Wetters um uns herum eine angehnehme und friedliche Ruhe. Zu diesem Zeitpunkt waren wir vollständig auf dem Ozean angekommen und fühlten uns gut aufgehoben und genau richtig – zumindest für den Moment. Dauerhaft auf einem solchen, oder auf überhaupt einem Schiff zu leben wie viele der permanent crew oder insbesondere unser Guide Jordi seit 20 Jahren, ist für uns aber doch keine Lebensweise. Eingebunden in den strikten Wachrhythmus ohne richtige Privatsphäre oder eigenen Rückzugsort und letztlich in der Mobilität beschränkt auf die Schiffsmaße fehlte uns sowohl Raum für Intimität als auch ein adäquater Bewegungsradius (z.B. zur Entfaltung der persönlichen Hobbies wie Bergwandern, Radfahren, Reisen oder für regelmäßige bzw. spontane Treffen mit Familie und Freunden).
III. Wer lebt am Ende der Welt?
Ein weiterer Höhepunkt dieser Reise sollte die Landung auf Tristan da Cunha, einer Insel mittel im südlichen Atlantik und der – so sagt man – abgelegenste Wohnort der Welt, werden. Als uns kurz vor der Ankunft per Mail mitgeteilt wurde, dass immer noch keine Besucher auf der Insel erlaubt waren, wog bei einigen die Enttäuschung sehr schwer und wurde auch nicht gebessert durch Erzählungen eines anderen Crew-Mitglieds, der bei der gleichen Reise vor ein paar Jahren auf der Insel gelandet war. Um den Verzweifelten zumindest etwas Linderung zu verschaffen, segelten wir bei strahlendem Sonnenschein und wenig Wind sehr, sehr langsam an der Vulkaninsel vorbei und bekamen Gelegenheit, die einzige menschliche Ortschaft – Edinburgh of the Seven Seas – und ihre berühmten Kartoffelfelder aus der Ferne zu betrachten. Gegen 9 Uhr ließen wir unser ohrenbetäubendes Schiffshorn zum Gruße ertönen. Die Neugier auf diesen Ort, seine Geschichte und die Menschen, die dort leben war allseits sehr groß. In einem Vortrag des Schiffsarztes bekamen wir einen Einblick in die historischen Begebenheiten und Traditionen auf der Insel. Aber was waren das für Menschen, die freiwillig und gerne an diesem Ende der Welt lebten? Es entspannen sich wilde Spekulationen über an einen Kreis erinnernde Familienstammbäume und Diskussionen über das Leben an abgelegenen Orten im Allgemeinen. Der ein oder andere erwog vermutlich auch, ob nicht ein ungeliebtes Crew-Mitglied auf der Insel abgesetzt werden könnte… Doch zu bald zog die Insel und diese Chance an uns vorbei und so blieben alle an Bord, freiwillig wäre wohl von uns auch niemand auf der Insel geblieben.
IV. Wo endet der Himmel?
Wenn man mitten in der Nacht irgendwo im südlichen Atlantik Wache schiebt und alles dunkel und ruhig um das Schiff ist, bleibt einem auf dem Ausguck nicht viel mehr zu tun, also nach vorne oder nach oben zu starren. Meist versprach der Blick nach oben einen besseren Ausblick. In wolken- und mondlosen Nächten war die von Lichtverschmutzung unbehelligte Pracht des südlichen Sternenhimmels mit der Milchstraße als hell schimmerndes Band zu sehen. Hatte man die Mitternachtswache und Glück, konnte man gegen Morgen sogar die Planeten Venus, Jupiter, Mars und Saturn am Horizont aufgehen sehen. Viele Stunden waren wir in diesen unglaublichen, wunderschönen Anblick versunken, konnten uns nicht satt sehen an der Pracht des Lichterspiels und entdeckten immer neue Sternenkonstellationen. Insbesondere unser Freund John stellte sich als wahrer Kenner heraus, da er in seiner Freizeit häufig kosmologische Phänomene wie Mondfinsternis oder Meteoritenschauer beobachtete. Der Blick in diese unendliche Weite ließ das eh schon auf ein gesundes Maß gestutzte Bild der eigenen Bedeutung für die Welt auf subatomare Ebene zusammenschrumpfen. Wir kamen uns alle ziemlich klein und unserer Sorgen und Nöte unbedeutend vor. Natürlicherweise kam auch bei uns die Frage auf, ob irgendwo in den unendlichen Weiten noch anderes Leben entstanden war oder ob vielleicht doch ein Gott da draußen auf uns wartete. Antworten fanden wir nicht, aber von diesen und weiteren Fragen inspiriert, las Antonia anschließend zwei der populärwissenschaftlichen Bücher von Stephen Hawking, um zu verstehen, welche Antworten die Physik bereit hält. Kurz gesagt: sie wissen auch nicht mehr als wir.
V. Wie lange kann man das aushalten?
Keinen Tag-/Nachtrhythmus, keine Familie, keine (alten) Freunde, kein vernünftiges Bier, kein Internet, kein Sport, keine flexiblen Essenszeiten und keine 1,80mx2,00m-Matratze. Dazu der ganze Stress. Viele von uns stellten sich die Frage, wie lange das man wohl aushalten kann. Getoppt wurde die Frage, ob man sich selbst ein Leben als Mitglied einer permanent crew vorstellen konnte. Die Antworten lauteten anfangs unisono wie folgt:
Antwort auf die erste Frage: „Jedenfalls bis zum 8. April.“
Antwort auf die zweite Frage: „Auf gar keinen Fall!!!“
Mit zunehmender Zeit wurden die Antworten hingegen verschwommener. Klare Schwarz-Weiß-Konturen wurden grau. Man lernte die Vorzüge des Lebens auf hoher See kennen und schätzen und konnte gar nicht mehr so genau sagen, wo man seine eigenen Grenzen ziehen würde. Die Abwägung wurde immer schwerer und wir können nicht sagen, wie viele von uns jemals wieder auf einem Großsegler unterwegs sein werden. Wir selbst verabschiedeten uns am 8. April mit einem lachenden und einem weinenden Auge (ehrlicherweise waren es bei der eigentlichen Verabschiedung zwei weinende Augen…). Wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir so bald keine Langzeitmatrosen werden würden und waren deshalb nur insoweit traurig, als dass die Ankunft in Kapstadt die Beendigung einer wunderschönen Zeit bedeutete. Gleichzeitig waren wir aber schon aufgeregt, was die Zukunft für uns bereit halten würde.
VI. Wann geht einer über Bord (Seminar zur gewaltfreien Kommunikation)?
Unsere Bord-Psychologin Ilona beschrieb die Reise schon sehr früh als „interessanten psychologisches Projekt“. Im Nachhinein wird ihr da wohl auch niemand widersprechen. Sie selber zählte sich als Frau vom Fach und überhaupt immer freundliche, empathische, fröhliche, höfliche und ausgeglichene Person vermutlich selber nicht zu den Teilnehmern der Studie. Wir anderen hatten da weniger Glück. Wir waren teil des Big-Brother-Hauses und mussten lernen, mit allen aufkommenden Gefühlslagen selten alleine, sondern meist in der Gruppe exponiert umzugehen. Die Grupp setzte sich mit dem gleichen Prozentsatz aus netten, blöden, nervigen, witzigen, tollpatschigen, rücksichtsvollen und rücksichtslosen Menschen zusammen wie die Durchschnittsbevölkerung. Wie auch im normalen Leben blieben Spannungen und Konfliktpotential nicht aus. In den ersten vier Wochen war es durch die relativ kurzen Segeletappen und die Landgänge möglich, unliebsamen Crew-Mitgliedern aus dem Weg zu gehen und ganz allgemein Konflikte zu vermeiden. Das änderte sich nach Südgeorgien. Auf dem Schiff „eingesperrt“ ohne die Möglichkeit, vom anderen mehr als sagen wir 40 Meter weg zu kommen, bedurfte es immer größerer Nachsicht und Selbstbeherrschung, dem ein oder anderen nicht seine Meinung ins Gesicht zu sagen oder Konflikte offen auszutragen. In kritischen Situationen wurde der Ton schon mal schärfer, die hinter dem Rücken geschnittenen Grimassen oder Kopfschütteln häufiger und der Wunsch nach sozialem Abstand immer größer. Wurde es dem ein oder anderen dann doch zu viel, konnte schon mal ein „Oh fuck off!“ erschallen, dem eine gespannte Stille folgte, ob sich jetzt tatsächlich ein handfester Streit entwickeln würde. Gott sei Dank blieb es bei diesen verbalen Unmutsäußerungen und es kam nie ernstlich zu einer Auseinandersetzung. Unsere Psychologin Ilona würde dies bestimmt positiv in ihrem Abschlussbericht vermerken 😉.
VII. Wie lange bleiben Äpfel grün?
Eine der ersten Dinge, die im Laufe der Reise zu neige gingen, waren, naturgemäß und wie zu erwarten, frisches Obst und Gemüse. Gab es anfangs noch Salat, Zucchinisuppe oder Melone zum Dessert, waren es bald hauptsächlich Reis, Nudeln, Kartoffeln und Obst und Gemüse aus Dosen. Bananen hielten sich erstaunlich lange zum Frühstück und den Letzten wurde mit einer gewissen Wehmut hinterhergeschaut, als sie in den hungrigen Mündern verschwanden. Eine erstaunliche Resilienz zeigten dagegen Pfirsiche, Orangen, Trauben und rote sowie grüne Äpfel. Anfangs wurden diese Köstlichkeiten in unregelmäßigen Abstand nachmittags unter Deck in der Lounge in einer Fruchtschale der Allgemeinheit zum Verzehr dargeboten. Ruhte man sich gerade in der Kabine aus oder hatte man das Pech, an Deck beschäftigt zu sein, konnte dieses Highlight schon mal an einem vorbei gehen, was nicht selten für einige lange Gesichter sorgte. Mit zunehmender Anzahl der Seemeilen hatte die Küche dann womöglich Sorge um eine adäquate Versorgung der Crew mit Vitaminen und erhöhte die Schlagzahl der Obstspeisung auf alle zwei Tage. Diese Tatsache blieb nicht unbemerkt und es entwickelte sich ein regelrechter „Run“ auf die süßen Kostbarkeiten. Kaum war irgendwo auf dem Schiff ein Crew-Mitglied mit einem leuchtend grünen Apfel gesichtet worden, stürzten mindestens fünf andere unter Deck in die Lounge mit dem Auftrag, allen anderen auch noch was mitzubringen. Stolz wie Oskar kehrten sie anschließend zu ihrer Truppe zurück und verteilten die Beute. Nachdem Antonia einmal leer ausgegangen war, änderte sie – heimlich – ihre Taktik. Ihr war aufgefallen, dass die Schale meist gegen 14 Uhr – nach dem Lunch – platziert wurde und so kam es, dass sie wie zufällig immer gegen diese Uhrzeit gerade an der Lounge vorbeiging und sich ihren Anteil und den ihrer Kameraden sicherte. Hätten die Äpfel gewusst, welche Mischung aus Freude und Frustration sie bei den Crew-Mitgliedern hervorriefen und zu welchen Mitteln gegriffen wurde, um in ihren süßen Genuss zu kommen, sie hätten womöglich fassungslos mit den Köpfen geschüttelt. Als wir im Hafen von Kapstadt ankamen, waren tatsächlich immer noch grüne Äpfel übrig, also was sollte die ganze Aufregung? Die grünen Äpfel waren übrigens deshalb heiß begehrt, weil Carsten gleich zu Beginn feststellte, dass die roten Äpfel, die er eigentlich bevorzugt, eher mehlig trocken und auf keinen Fall süß schmeckten und innen zum großen Teil bereits braun waren. Glücklicherweise stellte Carsten im Lauf der Reise fest, dass die roten Äpfel an Qualität gewonnen hatten oder anfangs nur die schlechten Chargen verteilt wurden. Diese wertvolle Information wurde allerdings nur mit ausgewählten Crew Mitgliedern geteilt, so dass es beim run auf die grünen Äpfel blieb.
VIII. Was ist wenn…?
Eine der Lieblingsbeschäftigungen von Antonias Kollegen vor der Reise waren „Was ist wenn…?“-Fragen. Dabei tat sich vor allem ein Kollege hervor, der es nicht verpasste, sich in jeder gemeinsamen Mittagspause die schlimmsten, aber doch theoretisch möglichen, Szenarien von Unfällen, Verletzungen oder Erkrankungen auszumalen. „Was machst´n du dann? Kannst ja nichts machen!“, war meistens die Erkenntnis danach. Bei seinen Schilderungen von dem, was womöglich passieren konnte, wurde Antonia schon sehr mulmig zumute. Eine Notaufnahme im Haus der Maximalversorgung mit Hubschrauberlandeplatz vor der Tür war sie gewohnt, womöglich – fast – auf sich allein gestellt zu sein auf offener See, war eine ganz andere Nummer. Zumindest letztere Befürchtung war umsonst, waren doch am Ende inklusive des Schiffsarztes sechs Ärzte an Bord, darunter auch eine erfahrene Intensivmedizinerin. Diese Erkenntnis wog auch den Rest der Crew in einer gewissen Sicherheit und das war auch gut so, konnte Antonia selber dieses Vertrauen in die medizinische Versorgung nicht teilen. Doktor Daan, der Schiffsarzt, lud seine Kollegen zu Beginn der Reise zur Durchsicht des medizinischen Equipments ein und allen wurde relativ schnell klar: sollte „wirklich“ etwas passieren, waren die Rettungsmittel – sagen wir mal – eher überschaubar. Mit tausenden Seemeilen von Festland und vermutlich hunderten Seemeilen vom nächsten Schiff entfernt wäre schnelle oder rechtzeitige Hilfe, je nach Zustand des Patienten, völlig aussichtslos. Wir waren schon vor der Segelreise zu dieser Erkenntnis gekommen, hatten uns mit Medikamenten, Verbandszeug, Nahtmaterial etc. ausgestattet. Allerdings waren wir doch der Ansicht, unser „junges“ Alter mache uns nicht zu Hochrisikopatienten. Andere Crew Mitglieder in deutlich fortgeschrittenem Alter waren anscheinend zu einer anderen Erkenntnis gekommen und wohl der Meinung gewesen, im Notfall würde schon Hilfe kommen. Gott sei Dank blieb das medizinische Personal bis auf einen eitrigen Finger mit chirurgischer Wundrevision in Lokalanästhesie und anschließender Wundbehandlung in Kombination mit intravenöser Antibiotikatherapie ohne größeren Einsatz. Allerdings musste bereits für diesen kleinen Eingriff die Fahrt des Schiffes unterbrochen werde, um ein möglichst stabiles Arbeiten zu ermöglichen. Bei hohem Wellengang wäre das kaum möglich gewesen.
IX. Was ist Freiheit?
Im Bewegungsradius und den sozialen Kontakten begrenzt, aber trotzdem unheimlich frei. Wie kann das sein? Ein wichtiges Element dieser Erfahrung war sicherlich der digitale Detox, den wir uns selbst verschrieben hatten. Daneben spielte auch die materielle Begrenzung auf das absolut Notwendige (was zugegebenermaßen für die Antarktis etwas mehr als für einen warmen Törn in den Tropen beinhaltete) eine Rolle. Ohne ständige Ablenkung fokussierten wir uns automatisch auf das Hier und Jetzt. Die Bande nach Hause, zur Arbeitsroutine und dem alltäglichen Leben lockerten sich mit jeder zurückgelegten Seemeile weiter, die sonst oft in Furchen gelegte Stirn glättete sich (sehr zum Vorteil der beginnenden Faltenbilddung) und der so starre und manchmal eingeengte Blick weitete sich für das spektakuläre Blickfeld, was einem vor Ort geboten wurde. Aufgrund der vorgegebenen Routine und der Rund-um-Verpflegung hatte man keine Alltagssorgen, sondern konnte seine Gedanken völlig frei schweifen lassen. Auch in unserem Sichtfeld gab es bald nichts mehr, was dem Betrachter ein Gefühl von Enge vermittelt haben könnte, ganz im Gegenteil. Die schiere Unendlichkeit des Wassers um uns herum und die buchstäblich unendliche Weite des Himmels über uns verstärkten unser Gefühl der Freiheit noch mehr. Wichtige Themen, mit denen man sich beschäftigte, waren zunehmend aktuelle Erfahrungen und Beobachtungen. Und hier genossen wir sogar den Luxus, dass uns bestimmte Aspekte, wie z.B. Flora und Fauna der Umgebung, Wetter- und Klimabedingungen, maritimes Leben, in regelmäßig stattfindenden Fortbildungsveranstaltungen von Experten, die nicht nur Fach-, sondern auch enormes Praxiswissen hatten, vermittelt wurden. Dies förderte den Gedankenaustausch, der auf einer soliden Basis stattfinden konnte. Über hier und da aufkommendes „Heim“weh konnten wir uns hinwegtrösten, da wir wussten, dass der Zustand ja irgendwann (und zwar spätestens am 8. April) vorbei sein würde. Auf dem Schiff festgesetzt, doch in Gedanken und Geist gelöst, fühlten wir uns frei wie die Albatrosse, die unser Schiff begleiteten. Für uns beide war dieses Gefühl von Freiheit eine kostbare Erfahrung und wir wünschen uns, einen Teil dieses Gefühls mit nach Hause bringen zu können.
X. Was sind eigentlich die wirklich wichtigen Themen?
Hier einige Beispiele, die die Diskussions- und Gesprächsliste regelmäßig anführten:
- Welche Suppe gibt es wohl zum Mittagessen?
- Es ist viel zu warm auf dem Schiff.
- Es ist viel zu kalt auf dem Schiff.
- Wie hast Du geschlafen?
- Wann ist dieses Rollen endlich vorbei?
- Können wir die Schräglage nicht mal zur anderen Seite haben?
- Wie war Eure Wache?
- Welche Segel habt Ihr gesetzt?
- Sieht man heute Sterne?
- Wann ist der nächste Geburtstag (damit es wieder Kuchen gibt)?
- Regnet es?
XI. `Wo sind die Wale?´ oder `Warum ist hier eigentlich keiner?`
Dies stellt eine kleine Auswahl der – sagen wir mal außergewöhnlichen – Fragen dar, die der Kapitänin im abendlichen Meeting an Bord gestellt wurden.
XII. Wie ändere ich mein Leben, war das erst der Anfang oder gibt es einen Weg zurück?
Durch die heterogene Mannschaftszusammensetzung prallten die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und -pläne aufeinander. Vielen war dies eine Inspiration. Manch einer, der noch mitten im Berufsleben stand, hatte nur eine Auszeit genommen, manch einer bereits vor der Reise gekündigt. Ein Teil hatte das aktive Arbeitsleben auch bereits hinter sich gelassen. Angeregt von den Geschichten und Erlebnissen der anderen und abseits von der täglichen Informationsflut begann jedenfalls fast jedes erwerbsfähige Mitglied der voyage crew, seinen bisherigen Alltag und seine bisherigen Lebenspläne zu hinterfragen. Gab es irgendeine Möglichkeit, das berufliche Hamsterrad und die neu gewonnene Lebensqualität auf hoher See in Einklang zu bringen? Was kann man tun, um etwas vom Hier und Jetzt in einen neuen Alltag zu retten? Für viele schien plötzlich das Leben in „vor“ und „nach“ der Europa und dieser außergewöhnlichen Reise geteilt zu sein. Der Weg zurück schien kaum möglich oder wenig erstrebenswert. Wir selber begannen auch Fragen an unserer individuelles und unser gemeinsames Leben zu stellen. Bis Kapstadt gab es allerdings noch keine abschließenden Antworten, aber Gott sei Dank ging unsere große Reise ja weiter. Wir sind sehr gespannt, von welchen Veränderungen andere berichten werden, wenn wir sie in Zukunft treffen und wie wir uns selbst verändert haben. Ein Fazit können wir jedenfalls jetzt schon ziehen. Auf die Frage an ein älteres Crewmitglied, was er seinem jüngeren Ich raten würde, kam die Empfehlung: „do it, while you can“. Auch wenn es uns hin und wieder schwer fällt, werden wir versuchen, diese Empfehlung vor allem auf unserer weiteren Reise das ein oder andere Mal zu berücksichtigen.
Für alle, die es doch nochmal ganz genau wissen wollen, eine kurze Erklärung der Wache:
Die Wache beinhaltete das Steuern des Schiffes (jeweils zu zweit, Einführung wie folgt: Dreht ihr so rum, bewegt sich das Schiff nach links. Dreht ihr so rum, bewegt sich das Schiff nach rechts. Viel Spaß!), den lookout (jeweils zu zweit, Einführung wie folgt: Der lookout ist wirklich sehr wichtig und soll vor allen möglichen Gefahren warnen. Bitte schlaft dabei also nicht ein!) und das Bereitstehen für etwaige Arbeiten an Deck (jeweils alle, die nicht am Steuer oder lookout beschäftigt sind). Die Verteilung konnte die Wachmannschaft selbst regeln. Es gab drei Wachmannschaften (red, white, blue). Zwei Wachmannschaften zählten zehn, die dritte elf Mitglieder. Wir als blue watch einigten uns sehr schnell auf halbstündige Dienste mit regelmäßig wechselnden Partnern (z.B. eine halbe Stunde lookout, dann eine halbe Stunde Aufwärmen im Deckhouse oder Mithelfen bei Segelmaßnahmen und dann eine halbe Stunde ans Steuer). Unser Wachrhythmus war ab South Georgia wie folgt:
13.03.2022: 20.00 Uhr bis 0.00 Uhr
14.03.2022: 08.00 Uhr bis 12.00 Uhr
16.00 Uhr bis 20.00 Uhr
15.03.2022: 04.00 Uhr bis 08.00 Uhr
14.00 Uhr bis 16.00 Uhr
16.03.2022: 0.00 Uhr bis 04.00 Uhr
12.00 Uhr bis 14.00 Uhr
20.00 Uhr bis 0.00 Uhr
(usw.)
Wichtige zeitliche Konstanten waren:
Breakfast: 7.00 Uhr bis 9.00 Uhr
Coffeetime: 10.00 Uhr
Lunchtime: 13.00 Uhr
Coffeetime: 16.00 Uhr
Dinnertime: 19.00 Uhr
Um 20.00 Uhr gab es ein Treffen der gesamten voyage crew, wo unsere Kapitänin Janke die wichtigsten Informationen, z.B. über Kurs, zurückgelegte Strecke, zu erwartende Windbedingungen, vermittelte.
Mit den regelmäßigen unrhythmischen Wachzyklen mussten alle sonstigen Bedürfnisse, hauptsächlich Schlafen, Essen, Körperhygiene und sozialer Austausch in Einklang gebracht werden. Und das zumeist unter erschwerten Bedingungen auf hoher See. Doch irgendwie klappte es und genau diese Zeit ließ uns zu der Gemeinschaft werden, die wir hier versucht haben, näher zu beschreiben. Jeder brachte sich mehr oder weniger ein, jeder fand seinen oder zumindest einen Platz und am Ende lebten wir einen harmonischen Rhythmus im Einklang mit dem Ozean.
Thank you for the memories! You have summed it up nicely. I didn’t know you captured the „Yee Haw“ moment. Wonderful.
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