Back to the Roots (Kapstadt)

24.04. – 30.04.2022

Bei der Planung unserer Weltreise wurde uns ziemlich schnell klar, dass wir nach der Atlantiküberquerung ein Problem mit unserem Gepäck bekommen würden. Zwei insgesamt 250 Liter fassende Seesäcke mit Offshore-Kleidung, Merino-Unterwäsche ausreichend für eine gesamte Fußballmannschaft, Arctic Gummistiefeln mit ca. 3 kg Kampfgewicht und ausschließlich langen Hosen stellten als 52 Kilo wiegendes Gesamtpaket vermutlich nicht das beste und handlichste Reisegepäck für Tauchsafaris auf tropischen Inseln oder Kraxelei im Hochgebirge dar. Auch wollten wir nicht bei jedem Flug einen nicht unerheblichen Teil in Übergepäck investieren. Es musste also dringend auf die ein oder andere Weise ein Gepäckaustausch erfolgen.

In bester „Inception“-Manier pflanzten wir frühzeitig den Gedanken eines Wiedersehens mit unseren Eltern in Kapstadt. Man könnte doch zusammen die Stadt und Südafrika bereisen – und ganz nebenbei vielleicht zwei Rucksäcke aus Deutschland mitbringen und zwei Seesäcke aus Südafrika zurücknehmen. Leonardo DiCaprio wäre ob unserer Fähigkeiten stolz gewesen und unsere Hoffnung in die elterliche Sehnsucht nach dem abwesenden Nachwuchs wurde nicht enttäuscht, auch wenn aus verschiedenen Gründen am Ende nur Antonias Eltern sich auf den Weg in den Süden machten. Wir planten eine gemeinsame Woche im toll eingerichteten Haus unserer lieben Freundin Anett in Somerset West (übrigens buchbar über Airbnb), um von dort aus Kapstadt und die nähere Umgebung zu erkunden.

Im Laufe der Reise würden wir auch noch Carstens Eltern treffen, aber dazu werden wir später in einem eigenem Artikel berichten.

Am 24.4. flogen wir somit nach Kapstadt zurück. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen war groß. Mit klopfendem Herzen passierten wir die Passkontrolle, schwitzig zittrige Hände zogen den Seesack vom Gepäckband, weiche Knie trugen uns quer durch den Ankunftsbereich Richtung Ausgang, der Blick unruhig über die umherschwirrenden Menschen gleitend, bis endlich zwei heftig winkende Paar Arme mit dazugehörigen Eltern ins Auge fielen. Zwei lange Umarmungen und viele aufgeregte Freudenworte später machten wir uns auf den Weg nach Somerset West, wo wir den Sonnenuntergang in unserem neuen „Stammlokal“ (wie es Antonias Vater nach zwei voherigen Besuchen liebevoll bezeichnete) mit Austern am Strand genossen. Anschließend ließen wir den Abend bei Papas Spaghetti Bolognese inklusive zwei Flaschen Rotwein ausklingen und berichteten bis spät in die Nacht von unseren bisherigen Erfahrungen.

Begrüßungskomitee am Flughafen
Die sehnlich vermissten Ankömmlinge

Für den nächsten Tag war der Besuch des Tafelbergs geplant. Nach einem – frühen 😉 – Frühstück machten wir uns auf in die Stadt. Nachdem Antonias Mama mit den Fahrkünsten ihres Gatten in der jüngsten Vergangenheit – sieben Tage Garden-Route – nicht immer einverstanden war, wurde die Tochter zur neuen Fahrerin auserkoren. Im chaotischen, rasanten Linksverkehr der südafrikanischen Straßen, zwischen kleinen weißen Stadtbussen mit suizidalem Fahrstil, Autos ohne Licht, Lastwagen ohne Blinkereinsatz und die Autobahn überquerenden Fußgängern suchte die arme Chauffeuse meistens das Heil in der Flucht auf die rechte Spur. Dies verkomplizierte allerdings das Nehmen der richtigen Ausfahrt. Die Wahrscheinlichkeit einer sicheren Ankunft am gewünschten Zielort wurde zusätzlich durch die ausbaufähige Navigationstätigkeit des Beifahrers erschwert, da weder ausbleibende noch zu späte Anweisungen zielführend waren und der regelmäßige Verzicht auf google maps auch nicht immer weiter half. Vor diesem Hintergrund war es zwar letztlich nicht verwunderlich, dass jeder geglückte Spurwechsel, Park- oder Autofahrvorgang oder ganz allgemein die unversehrte Fahrt zum richtigen Ankunftsort mütterlicherseits mit einem „prima Püppi“ gelobt wurde. Dies führte allerdings auf Seiten der Fahrerin eher zu einem Negativausschlag des Stimmungsbarometers. Aber zurück zum Tafelberg.

Entlang des Seitenstreifes der Straße zur Gondelbahn parkte bereits eine beunruhigende Anzahl von Autos und die böse Vorahnung wurde von der langen Schlange vor dem Ticketschalter und am Eingang der Talstation bestätigte. Wir stellten uns brav in die Schlangen an. Etwa eineinhalb Stunden später befanden wir uns auch schon in der Gondel auf dem Weg nach oben. Auf die verschiedenen Gemütszustände von 50% der Reisegruppe in diesen 90 Minuten gehen wir hier nicht näher ein, man kann sie sich vermutlich vorstellen. Oben angekommen wurden wir allerdings für Fahrt und Warterei belohnt: die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und wir hatten einen fantastischen Blick auf die umliegenden Berge, Buchten, Stadt und Meer.

Den Nachmittag verbrachten wir bei einem späten Lunch am Strand von Camps Bay, einem Luxusviertel von Kapstadt.

Der nächste Tag hielt für uns alle eine Überraschung bereit. Geplant war eine vier stündige Führung durch Kapstadt mit Dieter, einem Guide, der uns von vorherigen Hausgästen empfohlen wurde. Die Details der Führung wurden im Vorhinein nicht spezifiziert – warum auch immer. Um 10 Uhr ging es los und wir folgten unserem berenteten Führer flotten Schrittes durch die Stadt. Gestoppt wurde an verschiedene Punkten wie teuren Hotels mit Rooftop-Bars, Souvenir- und Gewürzläden, Biltong-Verkäufern, lokalen Künstlern, Restaurants, einem Café in einer Kirche, Märkten, einer Goldschmiede inklusive Diamantenverkauf und mehr. Wir hatten schnell den Verdacht, dass dies keine Stadtführung werden würde, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Nach vier Stunden, mehreren Bitten um einen Kaffee und deutlich sinkender Laune auf Grund aufkommenden Hungers (25% der Gäste halten normalerweise eine strenge Essenzeit um 12:30 Uhr ein) hatte unser Führer ein Einsehen und wir bekamen eine Lunchpause. Körperlich gestärkt konnten wir wieder unserem rüstigen Guide folgen, der mit ca 6-7 km/h vorne weg durch die Stadt pacte. Überall erkannte man Dieter, begrüßte ihn herzlich und beglückwünschte uns zum besten Stadtführer – und wahrlich kannte er sich hervorragend in der Stadt aus und zeigte uns viele eher unbekannte Orte und Highlights. Nach sechs Stunden und 22.000 Schritten kapitulierten wir allerdings erschöpft und baten um die Rückführung zum Auto, obwohl unser dynamischer Guide gut und gerne noch zwei Stunden weiter gegangen wäre. Dieter selbst empfiehlt übrigens, seine Führung am Beginn eines Aufenthalts zu machen. Dies können wir nur bestätigen, denn er liefert in kurzer Zeit so viele Inspirationen für Kapstadt und Umgebung, die man in den nächsten Tagen (oder besser Wochen) eines Aufenthalts abarbeiten kann.

Nach dem anstrengenden Stadtführungsmarathon brauchten wir Erholung, also unternahmen wir am Mittwoch eine Tour nach Stellenbosch und zu den Weingütern. Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir das kleine Städtchen in sehr europäischem Stil mit vielen netten Cafés, Restaurants, kleinen Läden und Galerien, sowie der berühmten Universität. Ein kurzer Stadtbummel überzeugte Antonia davon, dass es sich hier leben ließe, vielleicht in einem anderen Sabbatical – ein LLM zu Weiterbildungszwecken ist ja schnell gemacht. Hunger (s.o.) und vor allem Durst trieb uns weiter zum Weingut Boschendahl, einem der ältesten in dieser Region. Wir ergatterten den letzten der begehrten Picknickkörbe und genossen das wunderbare Essen im tollen Park bei bestem Wetter, Live-Musik und einer Flasche Wein.

Für den Rückweg wählten wir eine Route mit grandiosen Ausblicken auf die Landschaft und einem spektakulären Sonnenuntergang am Meer zum Abschluss.

Für den „richtigen“ Abschluss der Cape2Cape-Tour fehlte Antonia und Carsten noch das afrikanische Kap, dessen Besuch am Donnerstag anstand. Früh morgens ging es mit dem Auto entlang der wunderschönen Küste zum Kap der guten Hoffnung. Auf dem Weg dorthin machten wir Halt bei „alten Bekannten“, den Fellrobben in Kalk-Bay und den Pinguinen in Jamestown. Von der Familie offensichtlich zu Pinguin-Experten erklärt, wurden uns viele Fragen zu den kleinen Kerlen gestellt, die wir zumeist nicht beantworten konnten. So viel zum Expertentum. Im Nationalpark angekommen ging es zunächst zum Leuchtturm an Cape Point mit spektakulärem Blick über die Klippen und das Meer. Nach dem harten Aufstieg hatten wir uns eine Tasse Kaffee und Süßigkeiten verdient – zumindest war das unsere Sicht der Dinge. Einer der umherziehenden Paviane, vor denen überall ausdrücklich mit Schildern gewarnt wird, sah das offensichtlich anders und entschied, die Süßigkeiten ständen doch eher ihm zu. In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit – zwei Leute daddelten am Handy und eine brachte den Müll weg – machte er seinen Standpunkt klar und beanspruchte Süßigkeiten und Obst für sich. Es gehört schon einiges an Selbstvertrauen dazu, die Beute anschließend noch vor den Augen der Eigentümer zu verschlingen. Wir waren sicher nicht seine ersten oder letzten Opfer.

Nach diesem schockierenden Erlebnis, welches uns zudem den Zorn von Antonias Mama über die verlorenen Lieblings-Süßigkeiten einbrachte, machten wir uns auf, endlich das Kap der guten Hoffnung zu erreichen. Nach einem kurzen Spaziergang in wunderschöner Szenerie und einem kleinen Ausflug in eine tolle Bucht (Achtung wieder Paviane!) erreichten wir (wie hunderte Bus-Touristen auch) das Holzschild „CAPE OF GOOD HOPE“ und damit das Ende unserer Segeltour zu Fuß. Dass dieser Punkt lediglich der südwestlichste und nicht der südlichste Punkt Afrikas ist, mag wohl den ein oder anderen Touristen enttäuscht haben, uns kam er nach der Antarktis doch eher nördlich vor.

Endlich am Kap angekommen

Für den letzten ganzen Tag in Kapstadt hatten wir uns ein besonders Schmankerl aufgehoben: Gepäck umpacken. Die verschiedenen Zustände der Unordnung des Hauses und der Gefühle der Reisenden können hier nur schlecht dargestellt werden. „Bombenexplosion“ und „Wechselbad der Gefühle“ sind wohl die treffendsten Beschreibungen. Wer Carstens Liebe fürs Packen kennt, kann sich seine Stimmung sicherlich ausmalen. Glücklicherweise hat ja doch alles – außer der Wurst bekanntermaßen – ein Ende und so standen nach etwa drei bis vier Stunden jeweils zwei halbwegs gepackte See- und Rucksäcke im Wohnzimmer. Erschöpft von dieser Aufgabe verbrachten wie einen letzten Nachmittag in der Stadt, kauften eine dritte Kamera – GoPro nicht mitgerechnet – füllten am Gewürzmarkt den verlorenen Vorrat an Süßigkeiten auf und genossen einen letzten Blick auf „unsere Europa“, bevor sie und wir Kapstadt verlassen würden.

Carsten bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen.

Am 30.4. um sechs Uhr in der Früh hieß es für uns erneut Abschied nehmen von Antonias Eltern, diesmal ohne Aussicht auf baldiges Wiedersehen. Mit Tränen in den Augen drückten wir uns fest, die Abfahrt des Taxis wurde von heftigem Winken begleitet. Wenige Stunden später machten wir uns selbst erneut auf zum Flughafen, das Herz noch etwas traurig vom Abschied, aber doch voller Vorfreude auf den nächsten Teil unserer Reise.

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