02.-22.05.2022
„Money can be counted up, but time can only ever be counted down.“ – James Ogilvie, Europa Crew Mitglied, Besteiger der Seven Summits und überhaupt toller Typ
Zeit ist ein kostbares Gut und neben Gesundheit das Kostbarste, was wir haben. Ein Jahr gemeinsam Zeit zu haben, um einen Teil der Welt zu entdecken, war ein Traum, den wir uns erfüllen konnten, aber auch ein Geschenk, das andere Menschen möglich gemacht hatten. Diese Erkenntnis kam Antonia in der namibianischen Savanne mit dem Sonnenuntergang auf der einen, dem Mondaufgang auf der anderen Seite und der Milchstraße über ihr – kein schlechter Ort also für eine Erleuchtung.
Unsere Gedanken beschäftigten sich zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit wilden Tieren, Zelten und der Frage nach genügend Wasservorräten. Gleichzeitig drängte uns die Zeit zur weiteren Planung der Reise, da uns die südafrikanischen Behörden bei unserer Rückkehr vermutlich nur ein Visum für sieben Tage geben würden. Gleichzeitig begannen die Strapazen der Reise, Planung und Organisation, sowie die vielen unverarbeiteten Eindrücke langsam an uns zu zehren. Und irgendwie fühlten wir uns beide noch nicht bereit, diesen faszinierenden Kontinent zu verlassen. Aus dem Gemisch der Gefühle mit Dankbarkeit für diese unglaubliche Zeit und beginnender Erschöpfung formte sich langsam ein Gedanke und aus diesem Gedanke ein Plan. Carsten wurde eingeweiht und nach einer Nacht „drüber schlafen“ wurde am nächsten Tag wurde: nach Ägypten sollte es als Nächstes gehen, als Überräschungsgäste ans Rote Meer zu Eugens (Carstens Papa) 70. Geburtstag, den der restliche Ufer-Clan dort in einem Hotel feiern wollte. Da Toni noch nie vor den Pyramiden stand, planten wir gleich ein paar Tage Kairo mit ein.
Flüge und Hotel wurden gebucht und am 30.04. machten wir uns auf die 36 stündige Reise nach Kairo, mit einem 24 Stunden Transit-Aufenthalt in Adis Ababa, der Hauptstadt von Äthiopien (was den Flug etwa 200 Euro verbilligte).
Ziemlich müde und übernächtigt bestiegen wir am 2.5. morgens um 3 Uhr in Kairo unser Taxi und fuhren in die Stadt. Erst verspätet wurde uns bewusst, dass außer uns auch der Rest der Stadt noch auf den Beinen war. In den Straßen wimmelte es von Menschen, alte und junge, große und kleine. Wir erfuhren von unserem Taxifahrer, dass just diese Nacht der Ramadan zu Ende gegangen war und es die nächsten Tage zu weiteren Feiertagen und Feierlichkeiten kommen würde. Uns so war es auch.
Als wir später am Tag gegen 12 Uhr das Hotel verließen, waren die meisten Geschäfte geschlossen, kaum Verkehr auf den Straßen, dafür Horden von umherziehenden (fast ausschließlich männlichen) Jungendlichen unterwegs. Es dauerte nicht lange, da wurden wir bemerkt und mit „Hello“ oder „Welcome to Egypt“ begrüßt. Die ganz Mutigen fragten sogar nach einem Foto – vorwiegend mit Toni (Männer…). Wir liefen etwas ziellos durch die Stadt, zunächst zum Nil und dann ins moderne Viertel „Zamata“. Auf dem Spaziergang gewannen wir eine ersten Eindruck von der Stadt: heiß, laut, dreckig, stinkend, lärmend. Wie oben bereits erwähnt, war es Antonias erste Reise nach Kairo, Carsten hat die Stadt zuletzt vor 17 Jahren bei einer Rundreise erlebt. Wie sich noch zeigen sollte, hatte sich einiges verändert. Bei Kaffee und Kuchen planten wir die nächsten Tage: ägyptisches Museum, Pyramiden von Gizeh, koptisches Viertel mit hängender Kirche, arabisches Viertel und Basar. Um nicht in Gefahr zu geraten, die Leser mit einem eintönigen Bericht der einzelnen Sehenswürdigkeiten zu langweilen, möchten wir nur einige Erlebnisse hier teilen.







Niemand läuft außer uns
Eine neue Stadt lernen wir beide typischerweise zu Fuß kennen. Diese Eigenart ändern wir auch bei 30 Grad im Schatten nicht. Wird man in Mitteleuropa als Spaziergänger mit Rucksack schon mancherorts schief beäugt, dann stelle man sich den verwunderten Blick der Einheimischen in einer Stadt wie Kairo vor, wo tagsüber überhaupt niemand irgendwohin zu laufen scheint – außer uns. Wir haben den Gehweg – oder das was man dafür halten kann – meist für uns (man läuft aber trotzdem auf der Seite der Straße – außer Toni, denn sie tendiert dazu, immer einen Meter in die Straße hinein zu laufen, was Carsten ausschließlich aus Sicherheitsaspekten zum Wahnsinn treibt) und treffen abseits der Touristenattraktionen auch keine anderen ausländischen Besucher. Unser „magic carpet“ – wie wir den verdutzten, ständig opfersuchend hupenden Taxifahrern erklären – trägt uns zuverlässig, wohin wir wollen oder eben geraten. Nach den modernen Einkaufsstraßen kommen wir in runtergekommene Wohnviertel mit Ziegen und Kühen im „Vorgarten“, an breite Straßenzüge voller Eisenwarenläden, auf einheimische Märkte – kurz ins Gewimmel und Getummel der Stadt. Wir erhaschen einen kurzen Einblick in das richtige Leben – mit allem Dreck, Gestank und allen nicht an mitteleuropäischen Maßstäben zu messenden Umständen, die dazu gehören.





Wie Wiesn, nur ohne Alkohol
Wie schon berichtet, erreichten wir Kairo zum Ende des Ramadan und die ganze Stadt war auf den Beinen. Das änderte sich auch die nächste Tage nicht. Waren tagsüber vor allem Gruppe von männlichen Jugendlichen unterwegs, gesellten sich spätestens am Nachmittag Vertreter aller Altersgruppen und – wenn auch in wesentlich geringerer Anzahl – des weiblichen Geschlechts dazu und bald herrschte auf den Straßen sowie in den Restaurants, Shisha-Bars und Streetfood-Ständen dichtes Gedränge. Überall lief Musik, manch übermütiger Jugendlicher tanzte sogar, auf kleinen Seitenstraßen wurde Fahrradfahren und Inline-Skaten geübt. Als es uns an einem Abend auf den größten arabischen Basar in Kairo verschlug, kamen bei dem unheimlichen Menschenandrang und Gequetsche, lauter Musik, Gejohle und Gebrüll, sowie unangebrachter Grabscherei fast heimatliche Gefühle auf. Nur das Bier fehlte – also doch keine Wiesn.
Arme oder Haare?
Als weiße Frau in fremden Ländern angeschaut zu werden, war Antonia schon von vorherigen Reisen gewohnt. Um dem entgegenzuwirken, wurden immer lange Hosen und T-Shirts getragen. Auf Berührungen in der Öffentlichkeit und auf den Austausch von Intimitäten verzichteten wir komplett. Trotzdem wurde Antonia in den ersten Tagen häufig angestarrt und um ein Foto gebeten. Ein Blick auf andere Frauen legte die Vermutung nahe, dass unbedeckte Haare – obwohl durchaus vorkommend – doch eine Ausnahme waren. Um der ungewünschten Aufmerksamkeit zu entgehen, wurden schnell zwei Kopftücher gekauft. Obwohl es danach besser wurde, blieb das Gefühl der verfolgenden Blicke und wir bemerkten, dass das Haar zwar bedeckt, die Oberarme im Gegensatz zu den anderen Frauen aber immer noch frei lagen. Also was war es nun, Arme oder Haare? Da auf Grund der hohen Temperaturen immer nur lediglich eines der beiden in Frage kommenden Körperteile bedeckt wurde, blieb die Frage bis zum Ende ungeklärt.

„Welcome to Egypt“
In den 17 Jahren seit Carstens letztem Besuch hatte sich Kairo doch sehr verändert. Es war bis über die Pyramiden hinaus gewachsen, hatte sich seiner Heerscharen von Schuhputzern entledigt und seine aggressiven Händler mit heimtückischen Tricks – kleine Kinder nahmen Touristen an die Hand und zogen sie einfach in ein Lokal – zu „zurückhaltenden“ Geschäftsmännern gemacht. Alte, extrem zerbeulte Autos waren durch neuere zerbeulte ersetzt worden, der moderne Taxi-Service Uber setzte der alten Taxifahrer-Garde mir ihrer undurchschaubaren Preispolitik schwer zu und im Herbst sollte sogar das „Great Egyptian Museum“, Nachfolger des berühmten ägyptischen Museums, nach etwa 20 Jahren Bauzeit eröffnet werden. Der Einsatz von Licht bei Nacht ist hingegen weiterhin verpönt, außer um den Vordermann durch Betätigen der Lichthupe von der Straße befördern zu wollen, weil alleiniges Dauerhupen keinen ausreichenden Erfolg verspricht. Gleich geblieben zu sein scheint das freundliche „Welcome to Egypt“, was uns auf unserem Weg durch die Stadt von überall her zugerufen wurde und uns das Gefühl gab, tatsächlich willkommen zu sein in diesem Land.

Wenn dich deine eigenen Eltern nicht mehr erkennen
Nach vier Tagen in der stickigen, stinkenden, heißen Stadt machten wir uns auf nach Marsa Alam ans Rote Meer, um dort den Rest der Familie Ufer am 8.5. in Empfang zu nehmen. Nach einer 11-stündigen Busfahrt durch die Nacht, wobei der Busfahrer während der Fahrt oft am Handy oder essend verbrachte, kamen wir am 7.5. endlich am Meer an.



Es blieb ein Tag im Hotel, um das Spektakel vorzubereiten. Ein geeigneter Nebenraum der Hotellobby wurde ausgespäht, der Lockvogel an der Rezeption wurde eingeweiht und verschiedene Pläne wurden diskutiert. Am 8.5. gegen 16 Uhr war es endlich soweit. Die völlig ahnungslosen Ufers betraten die Hotellobby, wurden vom freundlichen Rezeptionisten eingecheckt und anschließend auf einen Begrüßungsdrink in den Nebenraum eingeladen. Das hatte es zwar in der Historie von ägyptischen Hotels noch nie gegeben, aber was soll’s. Die erschöpfte Reisegesellschaft ergab sich (Carsten hatte hier mit mehr Gegenwehr gerechnet), betrat den Raum und setzte sich. Gegenüber saß eine Frau mit Kopftuch und Maske, offensichtlich lesend. Schon kam der Kellner herein mit fünf (!?) Sektgläsern, gefolgt von einem dünnen Weißen mit kurzen Hosen, T-shirt und Maske, die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen. Der offensichtlich nicht ägyptische Angestellte erregte zwar durchaus Aufmerksamkeit, entkorkte die gebrachte Sektflasche aber fachmännisch und schenkte ein. Anschließend zog er sich zurück. Sein Auftritt wurde mit den Worten: „Der war aber verkniffen“ und „Der gehört aber nicht hierher“ kommentiert, sonst aber klaglos hingenommen.

Als eben jener verkniffene Angestellte nur wenige Augenblicke später an den Tisch zurück kehrte, erneut zur Sektflasche griff, sich selber ein Gläschen einschenkte und der Reisegesellschaft zuprostete, wurde dieses Verhalten mit einem verwunderten „Prost“ quittiert. An dieser Stelle endete die Scharade, Baseballkappe und Maske wurden abgesetzt und das überraschte Gelächter hielt die nächsten fünf Minuten an. Die vermummte Frau entpuppte sich als die Schwiegertochter und die Familie war vereint. Das aus tiefstem Herzen kommende Freudengelächter wird sicherlich eine der liebsten Erinnerungen unserer Reise werden.

Wir verbrachten eine wunderbare Woche wieder im Kreise der Familie mit gutem Essen, ausreichend Getränken, Sonne, Strand und Meer, mit weiterem Gelächter und manchem ersten Moment. Eugens 70. Geburtstag feierten wir dem Jubilar gebührend. Aber sieben Tage gehen schnell vorbei und ehe wir uns versahen, winkten wir ein weiteres Mal unseren Lieben hinterher, unsicher, wann wir sie das nächste Mal wiedersehen würden.





Wir selber fanden in der bekannten Umgebung zur Ruhe, erholten uns von den zwei anstrengenden Monaten die hinter uns lagen, sortierten Fotos und aktualisierten unseren Reiseblog – das war ja längst überfällig geworden. Gleichzeitig planten wir weiter, buchten Flüge und Hotels und bereiteten uns auch körperlich auf den nächsten Teil vor.
Am 22.5. verabschiedeten wir uns vom Roten Meer und Ägypten voller Erwartung und Freude auf das nächste Abenteuer.
In diesem Sinne bedienen wir uns nochmal der Worte unseres Crew-Mitglieds und Freundes James:
„Money can be counted up, but time can only ever be counted down. So carpe diem and be not afraid that your life will end: be afraid that it will never really begin.“
Und für alle, die tapfer bis zum Ende gelesen haben: hier noch der Link zum Lieblingswitz von Antonias Papa passend zum Reiseland.
Sehr schöner Schreibstil! Allerdings ist „mitteleuropäischen Maßstäben zu messenden Umständen“ eine kleine Herausforderung beim Vorlesen als Beifahrer 😉
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