Indonesien, Java 15.06. – 26.06.2022
Nach knapp zwei Monaten in Afrika wollten wir den nächsten Kontinent in Angriff nehmen und nach Südostasien reisen. Ursprüngliches Reiseziel waren die Philippinen gewesen. Nachdem wir unsere Flüge aber krankheitsbedingt verfallen lassen mussten und zudem – nach kurzer Recherche – feststellten, dass auf den Philippinen zu diesem Zeitpunkt Regenzeit und Taifun-Saison angesagt waren, änderten wir kurzentschlossen das Reiseziel. Indonesien und vor allem Bali waren seit Beginn der Reise ein vages Ziel gewesen und so fiel uns die Auswahl nicht schwer. Indonesien sollte es werden. Eine – ebenfalls – kurze Recherche machte klar, dass „Indonesien“ zu bereisen anders werden würde als die bisherigen Länder. Als viert bevölkerungsreichstes Land der Erde besteht der Staat Indonesien insgesamt aus über 17.000 einzelnen Inseln mit jeweils eigener Sprache und Religion. Angesichts der Möglichkeiten waren wir zugegebenermaßen etwas überfordert, die Lektüre verschiedener Reiseblogs gab uns aber einen Impuls für den Start. Wir würden zunächst nach Jakarta fliegen und mit dem Zug die Insel Java von West nach Ost durchqueren, um dann mit der Fähre nach Bali überzusetzen. Was danach kommen sollte… Keine Ahnung…

Deutsche Bahn 2.0
Zugegebenermaßen waren wir etwas skeptisch, was das Bahnfahren in asiatischen Ländern betraf. Die Erfahrungsberichte aus Indonesien waren zwar durchweg positiv, dennoch hatten wir Horror-Geschichten mit überfüllten, stickigen Zügen ohne funktionierende Toilette und Menschen mit Hühnerkäfigen auf dem Schoß vor Augen. Unsere erste Fahrt von Jakarta nach Yogyakarta sollte sechs Stunden dauern, ein Zeitraum, der bei den oben befürchteten Zuständen durchaus eine Herausforderung werden könnte. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf machten wir uns an die Organisation. Die online Ticketbuchung war erstaunlich einfach und unkompliziert. Man konnte zwischen drei verschiedenen „Klassen“ wählen. Für unsere erste Reiseverbindung stand nur noch die teuerste Klasse zur Verfügung, was uns die Auswahl einfach machte. Wobei teuer nach mitteleuropäischen Maßstäben relativ zu sehen war, zahlten wir für eine Zugfahrt von sechs Stunden gerade einmal 25 Euro pro Person. Die billigsten Tickets lagen bei 6-10 Euro. Mit der Bestätigungsmail im Postfach waren wir gerüstet.
In Jakarta selbst wollten wir keine Zeit verbringen. Wir hatten wenig Positives über die Stadt gelesen und bei unserer Ankunft und Fahrt zum Hostel sahen wir uns in unserer Entscheidung bestätigt. Es war grau und regnerisch, was die feuchte Hitze noch verschlimmerte. Die Straßen waren mit Autos und Rollern verstopft. Positiv auffällig war lediglich, dass am Flughafen erstaunlich viele E-Taxis warteten. Das Hostel lag günstig zur Bahnstation, das war aber auch das einzig Gute. Uns erwartete ein dunkles, eher dreckiges, nach Feuchtigkeit, Muff und altem Zigarettenrauch riechendes Zimmer mit fleckigen Bettlaken und durchgelegener Matratze. Von der anstrengenden Reise erschöpft nahmen wir die Zustände zunächst so hin. Nachdem beim Duschen allerdings plötzlich Wasser von der Decke tropfte, war es für Antonia genug und sie verlangte ein anderes Zimmer. Das „Upgrade“ war etwas besser, Antonia aber dennoch sehr froh, die Stadt und Unterkunft früh am nächsten Morgen verlassen zu können. Schwer bepackt kamen wir am Bahnhof an und waren erst einmal etwas überfordert, wobei es durchaus sehr geregelt zuging. Mit dem QR-Code aus der E-Mail mussten an einem Service-Terminal die Zugtickets ausgedruckt werden. Anschließend ging es mit den Tickets durch die Passkontrolle, wo auch ein Impfnachweis verlangt wurde. Dann konnte man den ausgewiesenen Bahnsteig betreten. Zu unserer Überraschung klappte alles reibungslos und zügig, das Personal war sehr freundlich und hilfsbereit. Der Zug war auf die Minute pünktlich, Wagen- und Platznummer deutlich ausgezeichnet. Die Sitze waren sehr komfortabel mit mehr Beinfreiheit, als wir sie je in einer Bahn erlebt hatten. Der Zug war sauber und ruhig, regelmäßig wurde der Müll eingesammelt und Kaffee/Snacks angeboten. Wir fühlten uns wie die Könige. Nur die Klimaanlage, wie asiatisch-üblich auf Gefrierfach-Temperatur eingestellt, ließ uns schnell lange Hosen und Pullis anziehen. Aber hey, besser als heiß und tropisch.


So saßen wir entspannt und gemütlich in unseren Sitzen, während der Zug langsam die Stadt in Richtung Osten verließ. Je weiter wir Jakarta hinter uns ließen, desto mehr wichen Dreck und Müll am Schienenrand und es ergab sich ein Blick auf die grüne Landschaft. Reisplantagen und Felder, grüne Wälder und kleinere Ortschaften zogen am Fenster vorbei, ab und zu war auch einer der Vulkane am Horizont zu sehen, für die Indonesien so berühmt ist. Die Stunden flogen schnell vorbei und wir erreichten unser Ziel völlig entspannt und ohne Verspätung. Insgesamt waren wir von der Qualität des Services und des Transportes mehr als positiv überrascht, waren wir doch selbst aus Deutschland regelmäßige Verspätungen oder andere Reisehindernisse gewohnt.
Zwei Tempel der Götter
In Yogyakarta angekommen erwartete uns eine sehr positive Überraschung. Unser Hostel war unglaublich gemütlich und authentisch, sauber und ordentlich. Der Empfang war sehr nett und wir fühlten uns gleich wohl. Insbesondere Antonia hatte nach der ersten Erfahrung in Jakarta doch Befürchtungen indonesischen Hostels gegenüber gehegt. Wie wir am nächsten Tag herausfanden, waren wir im Studententeil der Stadt zwischen vielen netten Restaurants, Cafés und kleinen Geschäften gelandet. Es war wunderbar, mal wieder durch eine Stadt zu laufen und sie zu Fuß erkunden zu können.







In Yogyakarta entdeckten wir auch sofort die Warungs für uns. Warung ist die Bezeichnung für eine typische indonesische Garküche. Die Ausstattung reicht vom „echten“ Restaurant mit Dach, Tischen und Stühlen, über einfachere Stände mit Sitzgelegenheiten bis zum mobilen Küchenwagen am Straßenrand. Man findet solche Warungs wirklich so gut wie überall und wir tasteten uns zunächst langsam in eben der genannten Reihenfolge heran, hatten bald aber überhaupt keine Vorbehalte mehr. Fast jede Insel in Indonesien hat ihre eigenen Spezialitäten und wir probierten einen Großteil davon in eben diesen Warungs. Bis auf extrem seltene Ausnahmen vermieden wir größere Restaurants und ausländisches Essen. Die indonesische Küche war eine Offenbarung an Geschmack für uns und sobald der Hunger kam, hielten wir nach dem nächsten „kleinen Warüngchen“ (so nannten wir die kleinen Restos bald liebevoll) Ausschau. Uns konnte es gar nicht „einheimisch“ genug sein, auch wenn das manchmal hieß, sich mit Hand und Fuß zu verständigen oder nicht so genau zu wissen, was wir eigentlich bestellt hatten.



Die Stadt Yogyakarta ist ein beliebtes Ziel vieler Touristen auf Java, da sich in ihrer unmittelbaren Umgebung zwei der wichtigsten Tempelanlagen der Insel befinden, der buddhistische Borobudur und der hinduistische Prambanan. Beide Tempelanlagen zeugen von der wechselhaften Geschichte auf Java, welches heute zu über 90 Prozent muslimisch geprägt ist. Natürlich wollten auch wir das Kultur-Pflichtprogramm erfüllen und die beiden Sehenswürdigkeiten besuchen. Wir buchten dafür die obligatorische „Sunrise“-Tour. Um 4 Uhr morgens wurden wir von einem Kleinbus abgeholt und zusammen mit drei anderen jungen Touristen zum Sunrise-Point gebracht. Die Sonne ging auf, doch leider lag über der Tempelanlage des Borobudur eine dicke Nebel-Wolkenschicht, so dass uns nur die Aussicht auf die dahinterliegenden Vulkane blieb. Besser als nichts. Um 9 Uhr öffneten sich die Tore des Tempels und wir gingen mit Guide los. Covid-bedingt konnte das Bauwerk nur von außen besichtigt werden, die nach oben führenden Treppen waren gesperrt. Eine Ausnahme war wenige Tage zuvor nur zu Ehren des deutschen Bundespräsidenten gemacht worden, der während seines Aufenthaltes in Indonesien die Tempelanlage besucht hatte. Das wurde uns gleich zu Beginn der Führung stolz erzählt. Vermutlich haben Bundespräsidenten kein Risiko für Covid. Selbst von außen war die Anlage wunderschön und einen Besuch wert. Für die überwiegende Anzahl der Besucher (vor allem waren viele indonesische Schulklassen hier) schienen aber wir die Hauptattraktion gewesen zu sein. Wir konnten uns kaum retten vor Fotoanfragen und waren froh, dass wir unserem Guide hinterherlaufen mussten, sonst würden wir wahrscheinlich heute noch dort stehen.







Anschließend ging es zum Prambanan Tempel, ebenfalls ein fantastisches Beispiel früherer Baukunst und in großen Teilen noch sehr gut erhalten. Wir waren sehr erstaunt festzustellen, dass sich auf dem Areal des hinduistischen Tempels auch buddhistische Tempelbauten befanden. Im Rahmen der Besichtigung des Borobudur war uns zudem erzählt worden, dass vor allem die in der Gegend lebende muslimische Bevölkerung geholfen hatte, den Tempel auch vor seiner Ernennung zum Weltkulturerbe zu erhalten und aufwendig zu restaurieren. Die Religionen schienen hier, zumindest heutzutage, friedlich zusammen zu leben und einander zu respektieren. Dieser Eindruck sollte sich im Laufe unserer Indonesien-Reise noch bestätigen und vertiefen. Obwohl selber stark an ihre Tradition und Religion gebunden, lebten die Menschen doch eine Offenheit und Toleranz anderen gegenüber in dem Bestreben eines friedlichen Miteinander, welche uns beeindruckte und unser Bild des Landes und der Leute prägte. Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Geschehnisse war diese Erfahrung umso kostbarer.
Ayam Puti
Nach drei Tagen in Yogyakarta ging es weiter mit dem Zug nach Surabaya, eine Großstadt an der Nordküste von Java. Antonia hatte eine Internetseite mit vielen Tipps von Einheimischen für die Stadt und ihre Umgebung gefunden, die wir mit dem Roller erkunden wollten. Problem war nur, dass wir vor Ort leider keinen Roller bekamen. Offensichtlich war Surabaya selber kein touristischer Ort, die Anzahl der Rollervermietungen begrenzt und die angefragten alle ausverkauft. Nach einem Nachmittag schlechter Laune beschlossen wir, das Beste daraus zu machen und die Stadt dann eben zu Fuß zu erkunden. Zu Fuß hieß 45 Minuten bis zur Stadtmitte durch Hitze und Schwüle, entlang von vielbefahrenen Straßen mit knatternden Scootern und Motorrändern ohne Gehweg, aber gut. Seitens der Einheimischen wurden wir mit großen Augen angeschaut, aber doch freundlich mit „Hello“ begrüßt, Kinder liefen uns aufgeregt hinterher und lachten (uns aus?). Offensichtlich kamen hier nicht oft westliche Touristen vorbei, erst recht nicht zu Fuß. Ein Kind zeigte mit dem Finger auf uns und rief halblaut „ayam puti“, was wir anhand unserer bisherigen Esskenntnisse und mit Hilfe des Google-Translator sofort übersetzen konnten („weißes Hühnchen“). Wir mussten lachen und der Begriff wurde fester Bestandteil unseres Indonesischrepertoires.


Zwei Abende verschlug es uns auf einen Nachtmarkt in der Stadt, der, entgegen unserer Befürchtung und vorangegangener Erfahrungen, überhaupt nicht touristisch war. Wie bei Volksfesten zu Hause fanden sich lange Reihen von – für uns exotischen – Essensständen, Kleidung, Schmuck, Parfüm und Elektronikverkäufer sowie eine Ecke mit kleinen Fahrgeschäften und Attraktionen für Kinder. Wir genossen die fremden Gerüche der Stände, probierten verschiedenen Köstlichkeiten und ließen die ganze Stimmung auf uns wirken. In Kombinationen mit unseren Spaziergängen bekamen wir einen ersten Eindruck vom Leben der normalen Leute abseits der großen Touristenattraktionen und fühlten uns unter ihnen sehr wohl.

Da wir die Umgebung der Stadt dann aber doch noch erkunden wollten, mieteten wir uns nach dem Scooter-Fiasko einen Fahrer für 8 Stunden. Wir fuhren Richtung Norden und besuchten zwei Kalksteinbrüche (Fotos siehe unten). Die Anzahl der leerstehenden und halb verfallenen Verkaufsstände ließ vermuten, dass beide Orte vor der Pandemie beliebte Touristen-Attraktionen gewesen waren. Vor allem der zweite Ort hatte sich im Vergleich zu den Bildern der Google-Suche aber deutlich verändert. Das ehemals blaue Wasser war aktuell grün und veralgt, die kleinen mit Blumen geschmückten Bambus-Boote lagen traurig im Wasser oder waren ans Ufer gezogen worden. Dem Anschein nach ließen die großen Besucherströme auch weiterhin auf sich warten, zumindest waren außer uns kaum andere Leute da. Es war daher nicht verwunderlich, dass sich dort gleich zwei junge Männer auf uns stürzten und als Guides anboten. Die ganze Szene kam uns so traurig und sie so hoffnungsvoll vor, dass wir nicht einmal versuchten, sie abzuwimmeln, sondern uns unserem Schicksal ergaben und über das Gelände führen ließen. Zum Steinbruch selber erzählten die Experten nur wenig, dafür bekamen wir von ihnen eine sehr ausführliche Einführung darüber, wo und wie die besten Fotos für Instagram aufgenommen werden konnten. Alle paar Meter wurden wir als Paar oder Einzelpersonen arrangiert, unsere Posen korrigiert und alles mit einem fröhlichen Geplauder begleitet, dann wurden mit allen vorhandenen Handys mehrere Bilder gemacht (wir sind uns fast sicher, dass wir es in diesem Moment auch gleich mehrfach auf tiktok geschafft haben). Die Aufnahme des „perfekten Fotos“ war für den üblichen Besucher offensichtlich das Hauptziel. Wir gaben unser Bestes, die in uns gesetzten Erwartungen nicht zu enttäuschen und warfen uns in Pose. Etwa 100 Fotos später war die Tour vorbei und wir auf dem Weg zurück in die Stadt. Inwieweit die Ergebnisse wirklich „instagramable“ sind, liegt im Auge des Betrachters. Viel wichtiger für uns war, dass wir durch die beiden Guides eine essbare Frucht kennenlernten (Salak), die wir im weiteren Verlauf der Reise dann das ein oder andere Mal am Straßenrand erwerben konnten.









Zweimal Sonnenaufgang, dann reichts aber auch
Zum Pflichtprogramm eines jeden Java-Touristen gehört anscheinend ein Besuch des Mount Bromo zum Sonnenaufgang, zumindest wenn man Tripadvisor und anderen einschlägigen Reiseseiten glauben darf. Um auch diesbezüglich unsere Pflicht zu erfüllen und FOMO (fear of missing out) zu vermeiden, buchten wir eine 3-Tagestour, welche uns von Surabaya zunächst zum Mount Bromo, dann zum Ijen-Crater und schließlich zum Fährhafen Richtung Bali bringen würde. Das straffe Programm beinhaltete zweimal früh aufstehen, um den Sonnenaufgang jeweils oben am Berg zu erleben. Der Weg zum ersten Hotel, Ausgangspunkt für die Sonnenaufgangstour zum Mount Bromo, führte eine steile, gewundene Bergstraße hinauf und machte selbst einer Alpenpassstraße alle Ehre. Nach einer kurzen Nacht bestiegen wir um 3 Uhr einen kleinen Jeep, der uns zur Aussichtsplattform bringen sollte. Das Auto ruckelte los und bald schon fanden wir uns in einer schier unendlichen Schlange identischer Gefährte auf dem Weg den Berg hinauf, die es in vier Farbvarianten gab. Das Scheinwerferlicht der Autos sah aus wie eine Ameisenstraße, die zum Gipfel hinaufkroch. Unser Fahrer schien es aus irgendeinem Grund eilig zu haben und wollte sich offensichtlich nicht in sein Schicksal ergeben, welches ihm einen Rang vermutlich irgendwo zwischen dem 100sten-200sten Platz zugedacht hatte. Auf der sehr schmalen und kurvigen zweispurigen (bzw. eher eineinhalbspurigen) Straße fing er daher bei gefühlter 45 Grad Steigung plötzlich an, den vor ihm fahrenden Kontrahenten zu überholen. Ein Manöver, bei dem uns als Mitfahrer der Angstschweiß auf die Stirn trat. Wir klammerten uns an das Gestänge des Jeeps, den Blick starr auf das Spektakel vor uns gerichtet. Die Anstrengungen unseres tapferen Fahrers waren natürlich völlig umsonst und er hatte irgendwann ein Einsehen. Je näher wir dem Gipfel kamen, desto langsamer ging es voran, bis die ganze Wagenkolonne zum Stehen kam. Wir lösten unsere verkrampften Finger von woran auch immer wir uns festgeklammert hatten und verließen das Fahrzeug. Rechts und links der Straße standen Hunderte der identischen Autos, aus denen ebenfalls Insassen ausstiegen. Unser Fahrer deutete die Straße hinauf, was so viel hieß wie „von hier an geht’s allein und zu Fuß weiter“. Zunächst machten wir ein Foto des Kennzeichens unseres Jeeps, was unsere einzige Hoffnung darstellte, auf dem Rückweg den richtigen Fahrer wieder zu finden. Denn weißer Jeep ohne Kennzeichen hätte die Auswahl nur auf wenige Hundert reduziert. Ohne richtigen Plan folgten dann wir den Massen weiter bergauf entlang unzähliger Stände, an denen Frühstück oder heiße Getränke gereicht wurden. Es war 3:30 Uhr.


Bald schon wurden wir von Motorradfahrern belagert, die uns irgendwo hinfahren wollten. Wir hielten uns an die anderen Fußgänger und landeten schließlich auf einer Hügelkuppe, die offensichtlich als Aussichtspunkt diente. In Ermangelung weiterer Kenntnisse oder Alternativen blieben wir wie der Rest an dieser Stelle stehen, suchten uns einen Punkt, von dem aus der Sonnenaufgang hoffentlich gut zu sehen sein würde und bauten das Kamera-Stativ auf. Mittlerweile war es 4 Uhr und kalt. Der Sonnenaufgang würde gegen 5 Uhr beginnen. An eine Decke oder ähnliches hatten wir nicht gedacht und der feuchte Boden lud nicht gerade zum Hinsetzen ein, weshalb wir wohl oder übel stehen blieben. Die Situation entwickelte auf Grund der Kälte, langen Wartezeit und unbequemen Position großes Potenzial für schlechte Laune, insbesondere auf weiblicher Seite. Diese befand sich auch schon im Anflug, als hinter uns, wo eine Gruppe (einheimischer?) Frauen saß, plötzlich ein Choral-ähnlicher Gesang anhob. Helle, klare Stimmen sagen eine wunderschöne Melodie und es entstand eine mystische, fast magische Stimmung. Als die Musik abebbte, zeigte sich die erste Morgenröte am Horizont und die Zeit war wie im Flug vergangen. Es folgte ein tolles Licht- und Farbenspiel, während die Sonne langsam aufging und es Gott (welcher auch immer) sei Dank auch wärmer wurde. Nach gut 100 Fotos und Videos mit verschiedenen elektronischen Geräten verließen wir als eine der letzten Gruppen den Aussichtspunkt.
Nächster Stopp war der Krater des Mount Bromo, aus dem man schon aus der Ferne Rauch aufsteigen sah. Unser Jeep hatte, wie alle anderen auch, in der Zwischenzeit umgedreht und auf der anderen Straßenseite geparkt (sicherlich ein ähnlich sehenswertes Spektakel wie der Sonnenaufgang) und die ganze bunte Schlange bewegte sich jetzt in unendlich langsamen Tempo den Berg hinab und in Richtung der Ebene, von welcher aus man zum Kraterkegel laufen musste. Auf dem Parkplatz wurden wir rausgelassen und der Fahrer wies Richtung Krater. Wir wussten ja bereits, was das hieß. Auf Grund des nicht abreißenden Menschenstroms aus den identischen Autos war dieser auch kaum zu verfehlen. Wir versuchten uns, den exakten Standort unseres Fahrers zu merken und machten uns auf den Weg. Nach einem circa 25-minütigen Fußmarsch (weniger laufbegeisterte Menschen konnten sich von einem Pferd transportieren lassen) und einer massiven Treppe (die weniger laufbegeistere Menschen an ihre Grenzen brachte) erreichten wir den Kraterrand. Tief unten im Inneren rauchte und qualmte es begleitet von einem konstanten lauten Rumpeln und Zischen.


Nach einem kurzen Frühstück kam die lange Fahrt zum nächsten Hotel, Berg und Sonnenaufgang. Diesmal ging es noch früher in der Nacht, um 2 Uhr, zum Ausgangspunkt für den Ijen Krater. Diesmal wurde uns allerdings ein Führer zur Seite gestellt und so ging es um 3 Uhr bei konstantem Nieselregen den Berg hinauf. Wir waren für alle Witterungsverhältnisse gut ausgerüstet und mit unseren Wanderschuhen hatten wir auch auf dem steilen, matschigen Sandweg guten Halt. Damit stellten wir eher die Ausnahme da. Um uns herum waren haufenweise andere Besucher ohne Taschen- oder Stirnlampen, in Jogginghose und Sweatshirt, ohne Regenjacke oder nur mit einem dünnen Ragencape und in Flip-Flops oder Adiletten unterwegs. Weder an das Laufen, noch an die Steigung des Weges gewöhnt und mit mangelnder Ausrüstung sah sich der ein oder andere seinem Endgegner gegenüber. Nach dem Motto „zwei vor, einer zurück“, kämpften sie sich den rutschigen Pfad entlang, eine Hand an den genauso unglücklichen Beimann geklammert. Bald schon zeugten Matsch und Dreck auf der Kleidung der „Wanderer“ von unliebsamen Kontakten mit dem Boden. Die ganze Szene erinnerte uns sehr an die Fernseh-Show Takeshi´s Castle und wir mussten – gemeinerweise – lachen. Um diesem unglücklichen Schicksal zu entgehen, verzichtete manche*r ganz auf das Laufen und ließ sich für umgerechnet etwa 20 Euro von drei Männern in einem zweirädrigen Karren den Berg hinauf ziehen.
Wir erreichten auf zwei Beinen und vor den meisten anderen den Rand des Kraters und machten uns auf den Abstieg in den Kraterkegel zu der Hauptattraktion: den blauen Flammen. Im Krater selber befindet sich eine Schwefelquelle, in welcher bis heute von Hand Schwefel abgebaut wird. Da es tagsüber zu heiß wird, wird nachts gearbeitet und wir sahen einige der Arbeiter mit einem Tragesystem aus zwei vollgepackten Körben an einer Querstange, wie sie sich den steilen Pfad hinaufmühten.
An einer Stelle entstehen in einem chemischen Prozess, von dem wir beide nicht den leisesten Schimmer haben, blaue Flammen, die allerdings nur bei Dunkelheit zu sehen sind. Da die aufsteigenden Schwefeldämpfe gesundheitsschändlich sind, wurden uns Atemmasken mitgegeben. Auf dem Weg hinab nahmen wir erst nur einen leicht schwefligen Geruch war, der sich aber bald intensivierte und als uns die erste „richtige“ Rauchwolke traft, brannte er uns trotz der Masken in Lunge und Augen. Die Flamme war deutlich kleiner, als wir sie erwartet hatten, eigentlich nur ein kleiner blauer Fleck. Trotzdem konnten wir die Faszination nachvollziehen und schauten dem Flackern gerne eine Zeitlang zu, bis uns eine ungünstige Windböe gefühlt minutenlang in den beißenden Rauch einhüllte und wir mit leichter Panik reagierten. Hustend und mit tränenden Augen machten wir uns auf den Aufstieg. Wir waren erleichtert, die gesundheitsschädliche Zone hinter uns zu lassen. Außerdem wartete ja noch der nächste Sonnenaufgang. Auf dem Weg hinauf kam uns eine lange Schlange Absteigender entgegen. Dem Profil der Schuhe/Sandalen/Flip-Flops der Meisten hatten Matsch und Schlamm den Rest gegeben und ihre unglücklichen Besitzer bewegten sich mehr rutschend als gehend den steilen Pfad hinab.

Oben angekommen navigierte uns der Führer bis zur besten Stelle, um den Beginn des Tages zu betrachten. Die Sonne ging auf, wie bereits am Vortag, und blieb erstmal oben. Hurra.

Spektakulärer als dieses, sich doch wirklich fast jeden Tag wiederholende, Ereignis des Sonnenaufgangs, war für uns der Blick in den Vulkankrater mit seinem türkisgrünen See und den Rauchschwaden bei Tageslicht. Dem Beispiel seiner Kollegen am Steinbruch folgend und wahrscheinlich sehr zur Freude vieler anderer Kunden, lotse uns der Guide zuverlässig zu den besten Instagram-Fotopunkten und beeindruckte uns mit seinen Kenntnissen über verschiedene Formattypen und Aufnahmemodi. Er bewies außerdem eine erstaunliche Ausdauer – im Gegensatz zu uns. Nach 6 verschiedenen Punkten und wahrscheinlich über 50 Aufnahmen reichte es vor allem Antonia und sie erklärte das Fotoshooting für beendet. Offensichtlich gehören dieser – aus unserer Sicht – Fotowahnsinn und Kenntnisse über die besten Instagram-Spots heute zum Geschäft des Fremdenführers und machen die Touristen glücklich. Die Beobachtung vieler anwesender Touristen bestätigte diesen Eindruck. Uns würde man dagegen vermutlich in die Kategorie „Dinosaurier-Tourist“ stecken und wie folgt beschreiben:
Tourist, der
- sich tatsächlich für das Besichtigte interessiert, dieses in Ruhe betrachten und nicht ständig in die Kamera lächeln möchte
- Hintergrund- und weiterführende Informationen erwartet
- mit 2-3 Fotos zufrieden ist, auch wenn entweder jemand die Augen zu hat oder nicht lächelt
- nicht anhand des Kalenders recherchieren muss, welchen Ort der Bildhintergrund zeigen könnte
- kein Foto von sich während der Besichtigung auf Instagram postet auf die Gefahr hin, dann nie da gewesen zu sein




Um auf dem Abstieg nicht Gefahr zu laufen, auf dem schlammigen Boden auszurutschen, bedienten wir uns der Lauf-Bergab Methode und joggten, wodurch wir nach etwa 40 Minuten wieder am Parkplatz angekommen waren. Dort genossen wir einen heißen Tee, denn durch den Regen, die Höhe und frühe Uhrzeit war es auch hier empfindlich kalt gewesen. Über dem heiß dampfenden Getränk machten wir uns Gedanken über die letzten zwei Tage. Das Erlebnis, die blauen Flammen zu betrachten und dabei den gefährlichen Dämpfen ausgesetzt zu sein, war schon etwas Besonderes und Aufregendes. Auch waren es schöne Naturschauspiele gewesen, doch konnten wir insgesamt den Hype nicht bestätigen, vor allem das Theater um den Sonnenaufgang. Auffällig war zudem, dass sich die wenigsten Besucher wirklich Zeit zur Betrachtung nahmen oder die Natur erkunden wollten. Viele beschäftigten sich viel mit ihrem Handy, womit etwa die aufgenommenen Bilder und Videos gleich verschickt und gepostet, aber auch Telefonate geführt oder einfach nur Spiele gespielt wurden. Wir gewannten den Eindruck, dass für viele derartige Aktivitäten häufig nur Punkte waren, die von einer imaginären Liste abgehackt werden mussten, wie die 10 beliebtesten Tripadvisor-Aktivitäten oder 15 besten ToDo-Empfehlungen auf Instagram. Wir beschlossen, dass für uns zwei Sonnenaufgänge reichen mussten und machten von da an um „Sunrise“-Touren, die zuhauf in den verschiedensten Ausführungen angeboten wurden, einen großen Bogen.
Unser Fahrer brachte uns noch zum Fährhafen nach Banyuwangi, von wo aus wir nach Bali übersetzen wollten. Nach den zwei kalten und kurzen Nächten freuten wir uns sehr auf den Strand und die Sonne. Eigentlich war alles organisiert und wir brauchten nur auf den Transport zu warten. Eigentlich. Denn es sollte doch anders kommen als geplant. Aber das ist eine andere Geschichte.
Statt der morgendlichen Dusche, wurde ich (bewährter Vorleser Daniel) durch euren neuen, spannenden Eintrag ans Bett gefesselt. Wir fragen uns, wie Punkt d) von einem Nicht-Dinosaurier-Tourist durchgeführt wird – eine Fertigkeit, die wir eigentlich gar nicht erlernen/verstehen wollen. Danke für diese herrliche Gutenmorgengeschichte vom Sunrise 🙂
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