In einem Land vor unserer Zeit

Land X, 25.09.-03.10.2022 (der geneigte Leser möge erraten, wo wir uns aufhielten) 

Ende Juli, Anfang August 2022, während unseres Aufenthaltes in Indonesien, kam bei uns beiden der Wunsch nach „mehr“ oder „anders“ auf. Wir sprachen viel darüber, was wir uns darunter eigentlich vorstellten, und ein Resultat dieser Überlegungen war unser Aufenthalt im thailändischen Kloster (siehe Beitrag). Ein anderes Resultat war der Besuch des hier beschriebenen Landes X. Antonia hatte Anfang des Jahres einen Artikel über einen dort 2020 neu eröffneten Fernwanderweg gelesen und war gleich begeistert. Ihre Gedanken kehrten im August zu diesem Artikel zurück und nach einer etwas tiefergehenden Recherche zu Land und Leuten war schnell klar, dass wir dort die außergewöhnlichen Erfahrungen finden könnten, die wir suchten. Wir begannen mit den Vorbereitungen, mussten aber feststellen, dass das Land seit Beginn der COVID-Pandemie für Touristen überhaupt nicht zugänglich und aktuell weiterhin noch geschlossen war. Da aber bereits Reisen angeboten wurden, fragten wir einfach nach und erfuhren so, dass das Land nach über zweijähriger Isolation seine Grenzen genau zwei Tage vor unserem geplanten Reisebeginn öffnen würde. Damit war nicht nur ein Besuch für uns möglich, sondern wir würden auch zu den ersten Touristen zählen, die das Land nach so langer Zeit überhaupt besuchen konnten. Es erschien uns wie ein Wink des Schicksals und unsere Entscheidung stand sofort fest. Wir hatten unsere Reise gebucht und machten uns zurück aus der Zukunft in ein Land vor unserer Zeit.

Blick in die Vergangenheit

Anstelle einer chronologischen Aneinanderreihung von Gegebenheiten oder Aktivitäten haben wir uns entschlossen, unsere Reise durch Land X anhand von Orten zu beschreiben, mit denen wir besondere Erfahrungen und Menschen verbinden und/oder die uns einen guten Einblick in die Kultur des Landes vermittelten. Da wir im Vorhinein niemandem von unserem Plan, dieses Land zu besuchen, erzählt haben und vermutlich einige von Euch immer noch nicht wissen, dass wir da waren (keine Insta-Posts o.ä.), lassen wir die Identität im Beitrag offen und ihr könnt gerne in der Kommentarfunktion einen Tipp abgeben, wo wir gewesen sein könnten. Und für alle diejenigen, die es schon wissen, bitte nicht spoilern.

Der Weg

Der Weg ist das Ziel. Wie oben beschrieben, hatten wir die Ehre, als erste Touristen kleine Teilstücke einer Route zu begehen, die quer durch das gesamte Land führte. Da sich das Land während der Coronapandemie komplett abgeschottet hatte, war der Weg seit seiner Eröffnung noch von keinem Touristen begangen worden. Einige Tage vor uns hatte sich lediglich eine Gruppe von Journalisten aufgemacht, die über die Neueröffnung der Route berichten würde. Um dem Weg auch im eigenen Land eine gewisse Bekanntheit und Bedeutung zu verleihen, würden nach uns sämtliche Staatsoberhäupter und Würdenträger folgen. Der Weg verläuft entlang historischer Handelsrouten von West nach Ost und jedes Teilstück kann seine eigene Geschichte erzählen. Das gesamte Land zu durchwandern, würde etwa 30 Tage dauern. Dies reizte uns zwar sehr, allerdings reichten hierfür leider weder unsere Zeit noch unser Geld. 

Mit Begrüßungsschal in unserer ersten Unterkunft, einem wunderschönen alten Gasthof

Schon der erste Teilabschnitt überschritt die 3000-Meter-Marke und verlangte uns einiges ab, hatten wir doch in letzter Zeit unser Cardiotraining eher vernachlässigt. So blieben wir weit hinter den Zeiten zurück, die die Einheimischen angeblich früher benötigten (heute greifen alle auf ein Auto zurück), die Testzeit unseres Guides unterboten wir jedoch, was ihn sichtlich beeindruckte. Wir dagegen waren beeindruckt von der Verbundenheit zur Tradition und zur Natur, die die Menschen vermittelten und die wir von Beginn an spürten. Unser Guide erklärte mit Hingabe und Kompetenz Flora und Fauna der weitgehend unberührten Umgebung und wir konnten verstehen, warum sich hier ein Paradies für Biologen befindet. Wir genossen die Vielfalt der Eindrücke und fühlten uns zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 

Die nächsten Etappen waren tiefer gelegen und wir bewunderten Mischwälder, Reisterrassen, Gemüsefelder sowie Gärten mit bekannten und unbekannten Frucht- und Obstsorten. Immer wieder ergaben sich Blicke auf umgebende Berge sowie enge Täler und Schluchten. Da wir Korea schon als bergig empfunden hatten, mussten wir in alter Coronamanier auf unserer „Landfläche-geteilt-durch-Bergfläche-Skala“ tatsächlich eine neue Farbe hinzufügen. Die Schwierigkeiten, auf die Infrastrukturplaner und -umsetzer hier treffen, waren mehr als offensichtlich. Unser Guide meinte, in der Mitte des Landes gebe es wohl eine kleine ebene Fläche. Wir werden dies jedoch erst glauben, wenn wir es mit eigenen Augen sehen. 

An jedem Ort wurden wir herzlich begrüßt und dank unseres Guides erfuhren wir nicht nur Allgemeines zum Leben der Menschen. Er kam immer wieder mit Personen vor Ort ins Gespräch, so dass uns auch individuelle Einblicke gewährt wurden. Wildfremde Menschen ließen uns an ihrem Leben teilhaben und wir hatten tolle interkulturelle Austausche. Auch unser Guide fasste nach etwa einer Woche Vertrauen und ließ hinter die werbewirksame Fassade seiner sonst touristenorientierten Aussagen blicken. So bekamen wir für die kurze Dauer unseres Aufenthalts ein doch recht gutes Verständnis für Land und Leute.

Diese Frau hielten wir für eine Weile von ihrer Arbeit ab

In keinem anderen Land bisher wurde unser Lächeln so oft und vor allem authentisch erwidert. Fast jeder freute sich über die bloße Tatsache, dass wir als Touristen das Land bereisten und keiner wollte dies für sich ausnutzen. Ehrlicherweise war dies eine der konkreten Hoffnungen bei der Entscheidung für dieses Land als Reiseziel gewesen und wir waren wirklich glücklich, dass wir nicht enttäuscht wurden. 

Vieles ist hier noch Handarbeit

Die Stadt

Für Millionenmetropolisten wirkten selbst die großen Städte wie Dörfer. Man kann sich kaum vorstellen, wie sich die Menschen in „echten“ Städten fühlen würden. Uns wurde von zwei jungen Menschen berichtet, die sich bei einem Besuch in Sydney zwei Tage nicht aus ihrer Wohnung getraut haben, aus Angst, sich zu verirren.

Einkauf in der Stadt?
Eine menschliche Verkehrsampel – smile and wave

Von Beginn an fiel auf, dass fast alle Häuser einem Bauschema entsprechen, was einen hohen Wiedererkennungswert hat. Ein bis mehrere Stockwerke umfassend, mit viel Holz, verzierten Fensterstöcken und wunderschönen Bemalungen war jedes für sich allein schon ein Schmuckstück und in der Summe ein wunderbarer Anblick.

Auf Grund des straffen Zeitplans blieb uns leider nur wenig Zeit, um wirklich ins Stadtleben einzutauchen. Clubs und Bars bekamen wir nur von außen zu sehen. Wir tranken Cappuccino und merkten, dass diese Art von Kultur noch nicht so richtig im Land angekommen ist. Auch die Restaurants waren überwiegend für Touristen und öffneten erst wieder mit der Zeit, da sich während der Pandemie geschlossen hatten. Die Qualität des Essens war zwar gut, kam aber bei weitem nicht an das heran, was wir im Farmhaus oder von unserem Fahrer selbst gekocht, gegessen hatten.

Zwar gab es in den Städten und größeren Orten – für unsere Verhältnisse sehr – kleine Supermärkte, die auch nicht immer als solche zu erkennen sind. Die meisten Einheimischen kauften ihre Lebensmittel allerdings auf dem wöchentlich stattfindenden Markt. Auch wir bekamen die Gelegenheit, uns einen der Märkte anzuschauen und waren beeindruckt von der Vielfalt an Gemüse, Früchten, Obst, Getreide und Hülsenfrüchten, die sich hier anbauen ließen. Von fast tropischen Südfrüchten wie Melone, Ananas und Mango über – natürlich – Reis und viele Bohnensorten bis hin zum Yakkäse aus dem Hochgebirge ließ sich alles erwerben. Nur für unsere Karnivorenfreunde war leider nichts dabei. Das Schlachten von Tieren ist auf dem Staatsgebiet verboten und so finden sich keine Fleischhändler mit kuriosen Auslagen (Schweinekopf, Rinderzunge, Ziegenkopf, Schweineohr, Innereien) wie in anderen asiatischen Ländern. Dafür umso mehr Chili!

Markttreiben

Das Farmhaus

Im Rahmen unseres Programms war ein Abend in einem traditionellen Farmhaus inklusive „landestypischer Aktivitäten“ geplant. Unter anderem standen ein „hot stone bath”, Bogenschießen und landestypisches Dart auf dem Programm. Die Erfahrung aus anderen Ländern ließ uns – leider – an eine typische Touristenfalle denken und so sahen wir dem Besuch mit Skepsis entgegen. Obwohl im Verlauf tatsächlich mehrere Touristengruppen zum Farmhaus gebracht wurden und wir uns in unserer Befürchtung schon bestätigt sahen, hatten wir einen angenehmen Aufenthalt. Wir versuchten uns als Bogen- und Pfeilschützen und merkten schnell, dass diese „Sportarten“ tatsächlich gerne von den Einheimischen betrieben wurden. Nach einer kurzen Anleitung versuchten wir es selbst mit überschaubarem Erfolg. Es folgten viele gutgemeinte Ratschläge und Tipps zur Technik und Körperhaltung, gepaart mit Demonstrationen. Antonia schnitt im Bogenschießen erstaunlich gut ab, dafür war beim Darts, wie schon zu Hause in der Küche, Hopfen und Malz verloren. Bei Carsten war es genau andersherum. Jeder Einschlag eines Pfeils wurde frenetisch bejubelt, ungeachtet der Tatsache, dass normalerweise aus der dreifachen Entfernung gezielt wird.

Yes, she hit something
Super Darts
There is only one Phil Taylor
Hier mal die Profis am Werk
Die Versorgung mit isotonischen Sportgetränken ist ähnlich wie bei uns

Nach vier Wandertagen war auch das Bad eine wohltuende Erholung. In den einfachen Holzzuber ließen wir uns so viele glühende Steine bringen, bis die Wassertemperatur eine angenehm Hitze erreicht hatte. Von unserem Guide erfuhren wir, dass die Einheimischen früher den Badezuber an den Fluss getragen und die gesammelten Steine direkt am Ufer im Feuer erhitzt hatten. Wir waren froh über die nun etwas modernere Version.

Keep them coming…
Er hatte nicht mal Schuhe an

Nach dem heißen Bad wurde uns ein Blick in die Küche gestattet – wie meist – das Herzstück des Hauses. Die ganze Familie half bei der Zubereitung des Abendessens für so die vielen Gäste. Wir bekamen eine private Demonstration der Zubereitung von Chili Cheese, unserer neuen landestypischen Lieblingsspeise. Der Besuch der Küche schien im Programm der restlichen Gäste nicht enthalten zu sein, wir waren dagegen sehr froh über diesen Einblick in das alltägliche Leben der Familie.

Anschließend durften wir – wegen Belegung der übrigen Räume – im privaten Tempelraum des Hauses essen. Der für Landesverhältnisse prachtvoll gestaltete Raum mit seinen Wandbehängen, religiösen Instrumenten, abgewetzten Holzboden und dem Familienaltar voller Opfergaben war für uns ein fremder und gleichzeitig fast magischer Ort. In diesem privaten Raum das vorzügliche Abendessen einnehmen zu dürfen, empfanden wir als besonderes Privileg. Nach dem Essen gesellte sich noch der Gastherr zu uns und gab ein paar Geschichten zum Besten. Er hatte es in der Gegend zu einiger Berühmtheit gebracht, da er vor vielen Jahren eine ausländische Freundin gehabt hatte. Weiter erzählte er, dass das Farmhaus seit drei Generationen in Familienbesitz sei und in althergebrachter Weise betrieben wurde. Alles also biologisch und in harter Handarbeit. Wir verbrachten einen tollen Abend, nicht ohne den obligatorischen selbstgebrannten Reisschnaps zu verkosten. In diesem Moment waren wir froh, dass wir uns für den Besuch des Westteils des Landes entschieden hatten, denn die Berichte über den östlichen Teil und dem dortigen Konsum von Reisschnaps ließen nicht gerade auf Enthaltsamkeit schließen. 

Das Farmhaus sollte auch ein Vorzeigebeispiel für das einfache und harte Leben auf dem Land sein. Die Menschen vermittelten insgesamt einen zufriedenen Eindruck. Aus Rücksicht hinterfragten wir dies nicht weiter und gingen stark davon aus, dass nicht alles Gold war, was glänzte. So wurde uns etwa mitgeteilt, dass das Land trotz der eigenen Landwirtschaft abhängig von Importen ist – und wir vermuten, dass dabei die ökologischen Standards des eigenen Landes nicht gleichwertig beachtet werden. Auch wurde uns berichtet, dass es einen Teil der jungen Leute auf der Suche nach Jobs und Geld in die Städte oder ins Ausland zieht. Schade eigentlich, denn wir finden den Weg, den das Land hier bislang grundsätzlich beschreitet, sehr vorbildlich. Wir würden in Bezug auf Nachhaltigkeit, Tierwohl und Qualität gerne sehen, wenn er weiter ausgebaut wird und die Menschen nicht zur Flucht in die Städte oder aus dem Land zwingt. Auch die allgemeine Zufriedenheit wirkte fast ausnahmslos authentisch, so dass wir uns nicht vorstellen können, dass sich die Menschen in einer anonymen Stadt oder einem anderen Land genauso wohl fühlen würden. 

Der Tempel

Religion – Buddhismus – spielt eine wichtige Rolle im Leben der Menschen. So wie die Drachen auf Bali oder die blinkenden Werbetafeln in Korea prägten religiöse Elemente das sich uns bietende Bild. Überall fanden sich Stupas, Gebetsfahnen, Gebetsrollen (was bei Antonia häufig Begeisterung auslöste) sowie – wie sollte es auch anders sein – unzählige Tempel.

fun with prayer wheels

Selbst viele private Gebäude standen in religiösem Kontext. Neben der staatlichen Baugenehmigung war vor der Errichtung eines Gebäudes z.B. auch die Erlaubnis der „Erdgöttin“ notwendig, um ihr ein Stück für den eigenen Gebrauch entreißen zu dürfen. Im Gegenzug war ihr zu Ehren auf dem Gelände ein kleines Tempelchen einzurichten. 

Die auf den Gebetsfahnen abgedruckten Mantras werden durch den Wind in die Welt getragen

Gebetet wird viel, lang, häufig und zu allen möglichen Anlässen. Es wird gebetet für die Gesundheit (ersetzt die Notwendigkeit eines Krankenversicherungssystems), für gute Schulnoten (ersetzt die Notwendigkeit eines effizienten Schulsystems), für die Eltern (ersetzt die Notwendigkeit eines Renten- und Pflegeversicherungssystems), für einen guten Job (ersetzt die Notwendigkeit einer Arbeitslosenversicherung), für das Eintreten einer Schwangerschaft oder für den erfolgreichen Ausgang einer Sportveranstaltung, wie z.B. im Nationalsport Bogenschießen. Eine ungewöhnliche Einstellung für uns außenstehende Beobachter. 

Gläubige Buddhisten – mit entsprechend Zeit – umrunden Stupas im Gebet bis zu 108 Mal

Um der Wirkung eines Gebets Nachdruck zu verleihen, werden diverse Opfergaben erbracht. Man gibt, was man hat. Alle Sinne der Göttinnen und Götter, Gottheiten, Großmeister und Buddhas werden dabei angesprochen. So sind die Tempel aus unserer Sicht „verziert“ mit rituellen Kuchen, Wasserschalen, Butterlampen, Geldscheinen, Keksen, Schnapsflaschen, usw. Ein ungewöhnlicher Anblick für uns außenstehende Beobachter. 

Man muss wissen, welcher Gott der richtige Ansprechpartner ist. Wendet man sich an den falschen Adressaten ist es wahrscheinlich, dass man – trotz Opfergabe – nicht erhört wird. Bei der Vielzahl der Möglichkeiten grenzt die richtige Auswahl allein an ein Wunder – ungewöhnliche Schwierigkeiten für uns außenstehende Beobachter. Manche Tempel allerdings sind auch für uns Touristen ein Anziehungspunkt. Auf unserer Reise besuchten wir einen Fruchtbarkeitstempel, in welchem Paare mit unerfülltem Kinderwunsch im Rahmen einer Zeremonie mit Fruchtbarkeit gesegnet werden. Nicht selten waren diese Bemühungen von Erfolg gekrönt. Im Inneren des Tempels fand sich ein Fotoalbum mit vielen Karten und Fotos dankbarer, gesegneter Eltern mit ihrem Nachwuchs. Allgegenwärtig im Tempel sowie im angrenzenden Dorf war das Phallussymbol, welches hier Glück bringen und böse Geister vertreiben soll. Es fand sich bis manns*innengroß auf fast allen Hausfassaden, ein für uns doch etwas irritierender Anblick, sowie in denkbaren und undenkbaren Formen in Souvernirläden. Die Dienste dieses Tempels nahmen wir persönlich nicht in Anspruch, sondern richteten unsere Gebete und Wünsche auch dieses Mal in Richtung „Weltfrieden-Abteilung“ (offensichtlich sind unsere Anliegen aber noch nicht eingetroffen).

Die Tempel selbst ähnelten sich, waren aber nach genauerem Blick immer wieder individuell gestaltet und wurden mit enthusiastischer Hingabe instandgehalten. Leider war Fotografieren in keinem der Tempel erlaubt, daher können wir hier keine Bilder zeigen. In der Regel befanden sich goldene Figuren mehrere Hauptgottheiten an zentraler Position, darunter einer der drei Buddhas, der Vereiniger des Landes oder ein anderer Großmeister. Daneben wurden Schriftrollen von historischem und kleinere Statuen von durchaus materiellem Wert aufbewahrt. Vor den Figuren befanden sich die Tische mit den Opfergaben, wie oben beschrieben. Die Wände zeigten Gemälde vom Leben Buddhas, von der Geschichte des Landes, dem Rad des Lebens (wheel of life) oder andere religiöse Darstellungen.

wheel of life

Von den Decken hingen Fahnen und Flaggen, der Boden war meist aus Holz und an vielen Stellen durch die Knie und Hände der Betenden abgewetzt. Je nach Größe und Bedeutung gab es noch einige Nebenaltäre für örtliche Gottheiten, Großmeister oder hochgestellte Persönlichkeiten. Alles war in prächtigen Farben, viel Gelb, Gold, Rot und Orange gehalten. Nach Betreten des Tempels wurde normalerweise eine kleine Spende erbracht, wofür der Gläubige im Gegenzug eine Segnung von einem der anwesenden Mönche erhielt. Dieses „Blessing“ wurde von den Gläubigen ehrfürchtig entgegen genommen und auch wir wurden vor Betreten des Tempels angehalten, etwas Kleingeld als Spende für eine Segnung bereit zu halten.

Es gab zahlreiche religiöse Riten und Gebräuche, die zu komplex waren, um sie als außenstehender Beobachter erfassen zu können. Selbst nach vielen Erläuterungen unseres Führers blieben bei uns viele Fragen. Deren Formulierung allein fällt uns schon schwer, weil unsere religiösen Verständnisse so wenig Gemeinsamkeiten oder Bezugspunkte aufweisen. Darüber hinaus hat der hier praktizierte Buddhismus wenig mit dem gemeinsam, was wir während unseres Aufenthaltes im thailändischen Kloster erfahren und kennenlernen durften. Wir fanden es spannend, in diese völlig fremde Welt einzutauchen. Oft fühlten wir uns in eine fantastische Welt versetzt, in der Götter auf Drachen oder Tigern reiten und gegen böse Dämonen kämpfen. Die Religion schien tief verwoben mit Traditionen, Legenden und etwas, was wir als Aberglaube beschreiben würden, und war für Außenstehende schwer zu fassen.  Oft konnten wir gar nicht feststellen, ob die Menschen an diese Geschichten wortwörtlich glauben oder diese lediglich als Anhaltspunkte für die Auslegung ihrer Religionsausübung hernehmen. 

Abwechslungsreiche Geräuschkulisse

Wir trafen auf Mönche im Vorschulalter, Nachfahren eines Großmeisters, tranken reinigendes Wasser, hörten Geschichten von Pfeilen, die Hunderte von Kilometern geflogen sind und erfuhren, dass der Schwager unseres Guides für sein restliches Leben als Eremit in den Bergen meditieren möchte, ohne jemals wieder Kontakt zu Familie und Freunden bzw. Menschen überhaupt haben zu können (was eigentlich bedeutet, dass er nicht sehr lange überleben wird). 

Insgesamt fiel und fällt es uns bei dem Thema Religion trotz aller Faszination immer wieder schwer, wertneutral und unvoreingenommen zu bleiben. Unser Verständnis von Religion ist einfach zu unterschiedlich. Nach einem längeren Gespräch mit einem jungen Einheimischen auf dem Zeltplatz merkten wir, dass wir da nicht die Einzigen sind, denn auch die jüngere Generation wirft Fragen auf. 

Wenn auch meist nicht (mehr) vorbehaltlos, so sind die Traditionen doch bei vielen Jugendlichen noch tief verwurzelt

Auf der anderen Seite vermittelt die Religionsausübung simpel ein Rezept für ein friedliches Miteinander. Die „three main poisons“ Hass, Gier und Ignoranz in sich im Griff zu halten, ist das Ziel eines jeden Gläubigen und sicherlich ein gutes Vorbild für alle Menschen auf der Welt, um Konflikte und Gewalt zu vermeiden. Im täglichen Miteinander merkten wir, wie fried- und respektvoll die Menschen miteinander umgingen und wie sie sich anstrengten, mit dem – wenn oft auch Wenigen – zufrieden zu sein, was ihnen gegeben war. Neid, Missgunst und Gier, insbesondere nach materiellen Dingen schienen im Alltag keine große Rolle zu spielen. Dies im Zusammenspiel mit den oben beschriebenen ökologischen Wertvorstellungen bildet aus unserer Sicht eine hervorragende Basis für ein harmonisches Leben im Einklang mit der Natur.

Die vier harmonischen Freunde sind ein weit verbreitetes Motiv und stehen sinnbildlich für ein harmonisches Miteinander und Respekt vor dem Alter.

Die Festung

Eine weitere Gelegenheit, die Verwurzelung der Tradition in der Gesellschaft zu sehen, bietet der Besuch der Festungen im Land. Die jahrhundertealten Bauten sind an strategisch wichtigen Punkten quer über das Land verteilt und wir haben drei davon besichtigen dürfen. Ihre Wichtigkeit wurde den Erbauern in einer religiösen Vision prophezeit.

Anhand der Bemalungen der Festungen wurde uns die Geschichte des Landes erläutert und stolz berichtete unser Guide, wie sich das Land zu einer Einheit entwickelt und sich seitdem mehrerer Angriffe – auch vermeintlich übermächtiger Gegner – erwehrt hat. Heute bilden sie einen Großteil der Verwaltungsgebäude, da die Hälfte der historischen Gebäude von der Verwaltung genutzt wird. Die andere Hälfte dient religiösen Zwecken und beinhaltet Kloster und Tempel. 

Die Festungen dienen neben ihren offiziellen Teilen auch als Veranstaltungsort der übers Jahr verteilten religiösen Festivals. Wir hatten das große Glück, in der Hauptstadt des Landes eines der größten Feste besuchen zu können. Es war zwar nur die Generalprobe der später „wirklich“ stattfindenden Veranstaltung, für uns allerdings beeindruckend genug. Auf Bemühen unseres Führers war es uns möglich, in traditioneller Kleidung teilzunehmen. Mit Hilfe zweier Hotelangestellter wurden wir eingekleidet, denn ohne die routinierten Hände hätten wir es nicht geschafft, die Gewänder selbst anzulegen. Das männliche Gewand beispielsweise besteht aus nur einer Stoffbahn, die lediglich mit einem Gürtel an der Taille gehalten wird.

Wir fühlten uns plötzlich ganz anders mit dem Land und seinen Bewohnern verbunden. Nicht auf den ersten Blick allein wegen der Kleidung aus der Menge hervorzustechen, war schon ein schönes Gefühl. Auf den zweiten Blick dann gerade doch wegen der Kleidung hervorzustechen, war allerdings ein ganz besonderes Gefühl.

Wir waren erst am Morgen aus einer anderen Stadt angekommen und daher verhältnismäßig spät dran. Der volle Parkplatz und die weiterhin heranströmenden Besuchermassen ließen auf eine große Zuschauermenge schließen. Tatsächlich war bis auf die Tanzfläche der gesamte Innenhof der Festung fast ausschließlich von in traditioneller Kleidung gewandeten Menschen gefüllt. Groß, Klein, Jung, Alt saß, kniete oder stand um den zentralen freien Platz herum, den Blick auf das Spektakel in der Mitte gerichtet, einen Schal oder Tuch gegen die gleißende Sonne über den Kopf gezogen, mit Snacks und Wasser für das Tagesprogramm gewappnet. Hauptprogrammpunkt waren die Maskentänze, die von allen gebannt verfolgt wurden.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Durch die Tänze sollten den Gläubigen früher religiöse Inhalte vermittelt werden und die Teilnahme am Festival wird immer noch als Segnung angesehen.

Maskentanz

Es war offensichtlich, dass es sich hierbei nicht um eine Touristenattraktion handelte. Wir standen am Rand der Menge, ließen die Musik, Farben, Kostüme, Tänze, kurz die ganze Stimmung auf uns wirken und waren tief berührt von der Authentizität, die wir erlebten. Die Ernsthaftigkeit, Freude und Anteilnahme, die sich in den Gesichtern der Leute spiegelte, ließen keinen Zweifel an dem Stellenwert von Tradition und Brauchtum aufkommen.

Nach unseren eigenen Erfahrungen zu Hause und all unser weniger positiven Erfahrungen auf der Reise bislang, machte es uns Hoffnung zu sehen, wie sich uralte Traditionen noch heute bewahren können.

Die Pausenclowns dienen der Unterhaltung der Zuschauer

Der Campingplatz

Wir sahen uns an und mussten uns entscheiden. Eigentlich war klar, wie unsere Entscheidung ausfallen würde. Unsere Blicke wanderten zurück zu den vier neugierigen Kulleraugen, die uns immer noch höchst interessiert musterten. Wir saßen schon eine gute halbe Stunde mit den beiden Mädchen zusammen, die ihre Zurückhaltung langsam abgelegt hatten und auf unsere Fragen immer ausführlicher antworteten. Die beiden Zehnjährigen sprachen und verstanden sehr gut Englisch, wodurch im Verlauf eine richtige Konversation zustande gekommen war. Jetzt mussten wir uns entscheiden, ob wir das Gespräch mit ihnen fortsetzen oder noch das Protokoll studieren wollten, das man einhalten sollte, wenn einem der Ministerpräsident eines Landes über den Weg läuft. Denn Tandin, unser Guide, hatte bereits den gesamten Tag sehr aufgeregt davon gesprochen, dass der Ministerpräsident auf demselben Weg unterwegs sein würde wie wir. Er war nach uns losgegangen und mit viel Glück würde er den Tempel, der sich direkt neben unserem Campingplatz befand, besuchen. Mit noch mehr Glück würde er sogar hier übernachten. In jedem Fall standen die Chancen auf ein Treffen gut. 

Nach unserer Ankunft und einer kurzen Dusche ein paar Stunden zuvor waren wir in Richtung des nahegelegenen Tempels gegangen, um uns diesen zumindest von außen anzusehen. Am Eingang hatten mehrere Männer gestanden und uns interessiert gemustert. Plötzlich hatte uns einer von ihnen zu sich gewunken und sich als Distriktsvorsteher vorgestellt. In einem längeren Gespräch hatte er uns von dem hohen Besuch berichtet. Zum Beweis stand ein ganzes Empfangsbuffet bereit. Im Verlauf der Konversation hatte Carsten ihm gegenüber auf eher vage Nachfrage – natürlich höchst diplomatisch – thematisiert, wie wichtig er es finde, das Thema „Umgang mit Müll“ immer wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rufen und wie unerlässlich ein gutes Müllmanagement sei. Bevor wir uns wieder Richtung Camp aufmachten, kamen wir noch auf einige andere Themen zu sprechen und waren am Ende davon überzeugt, dass sich die Kommunalpolitik des Landes X nicht großartig von derjenigen in Deutschland unterscheiden würde. Dort angekommen, gaben wir die frohe Kunde des hohen Besuchs an Tandin weiter, woraufhin er noch nervöser wurde als er ohnehin schon war. Er ermutigte Carsten aber ausdrücklich, die Themen Müll und Müllmanagement auch beim Ministerpräsidenten zu platzieren, sofern sich die Gelegenheit ergeben sollte.

Nach unserem Ausflug zum Tempel hatten wir uns für Tee und Kekse an den gedeckten Tisch gesetzt. Das war der Moment, in dem sich die beiden kleinen Mädchen bemerkbar machten. Sie hatten noch nie Menschen wie uns getroffen – heißt: Menschen kaukasischer Abstammung. Nachdem sie schon zwei Stunden um das Camp geschlichen waren, hatten sie sich schließlich ein Herz gefasst und uns angesprochen. Ihre Schüchternheit gepaart mit Neugier und Mut, sich zwei völlig Fremden zu nähern, beeindruckte uns sehr und wir hatten die beiden Mädchen schnell ins Herz geschlossen. Der Gedanke an ein mögliches Treffen mit dem Ministerpräsidenten schwirrte zwar weiterhin in unseren Köpfen, wir waren aber zunehmend gefesselt von dem Gespräch und dem Interesse der Zwei. Wir blieben daher einfach sitzen und führten unsere Unterhaltung fort. Ehrlicherweise rechneten wir überhaupt nicht damit, dem Ministerpräsidenten über den Weg zu laufen, so dass wir die ganze Aufregung nicht ganz nachvollziehen konnten. Warum sollte er denn auf einem Campingplatz vorbeischauen? 

Plötzlich näherten sich ein paar Männer von der Seite, die dem Weg, den wir genommen hatten, direkt gegenüber lag. Da auch einige Dorfbewohner aus dieser Richtung gekommen bzw. in diese Richtung gelaufen waren, dachten wir uns nichts dabei und grüßten wie zuvor mit einem höflichen Lächeln, was – wie so oft in diesem Land – erwidert wurde. Erst als wir die Rucksäcke der Männer, ihre traditionelle Kleidung und ihr Arrangement als Gruppe bemerkten, wurden wir stutzig. „Die werden dem Ministerpräsidenten vermutlich entgegenkommen, wie lustig“, waren unsere spontanen Gedanken. Da war es allerdings schon zu spät. Einer der Männer blieb nach der Erwiderung unseres Grußes stehen und verwickelte uns in ein Gespräch. In dem Moment war uns klar, dass wir uns ganz locker mit den Ministerpräsidenten des Landes unterhielten. Souverän beantworteten wir alle seine Frage und wie es sich für den höchsten Regierungsvertreter gehört, drückte er uns in Vertretung des ganzen Landes seinen Dank für unseren Besuch aus. Gern geschehen, kein Ding. Hoffentlich bis bald mal wieder. Er gab den beiden Mädchen noch ein paar liebevolle Worte mit auf den Weg und da erst merkten wir, wie ehrfurchtsvoll alle anderen um uns herumstanden. Tandin hatte sogar noch schnell Wander- gegen traditionelle Kleidung getauscht. Carsten suchte kurz die Gelegenheit, über seine Ideen zur Zukunft des Landes zu diskutieren. Der vollgestopfte Terminkalender ließ eine Erörterung aber leider nicht zu. Familie Ufer hatte nach der langen Begrüßungszeremonie schließlich noch viel vor und ließ sich höflichst entschuldigen 😉. Der Ministerpräsident grüßte nochmal kurz in unsere Richtung und ging zum Tempel davon, seinen Tross schnaufender Begleiter im Gepäck. Nach einem kurzen Moment der betretenen Stille und unsicherer Blicke, die häufig auf eine Situation folgt, in der nicht alle wissen, ob sie sich richtig verhalten hatten, setzten wir unsere Konversation am „Kindertisch“ fort. 

Ein Mitarbeiter auf dem Campingplatz hatte bemerkt, wie begeistert wir von der Begegnung mit den Mädchen und wie fasziniert sie von uns waren. Auf seine Initiative hin erhielt schließlich eines der Mädchen die Erlaubnis, mit uns zu Abend zu essen. Es wurden für uns mit die erinnerungswürdigsten Stunden unserer Reise. Zunächst einmal war das Essen hervorragend. Wir bekamen so viel Leckeres aufgetischt, dass wir nicht einmal ein Drittel schafften (allein das ganze Hähnchen hätte vermutlich gereicht). Viel mehr in Erinnerung bleibt aber der Spaß, den wir hatten. Kinga, so hieß das Mädchen, war inzwischen vollends aufgetaut, erzählte auch ungefragt von sich, lachte und ließ es sich schmecken. Wir unterhielten uns, sie brachte uns spielerisch ein paar Worte ihrer Sprache und wir ihr unser „Lieblings“würfelspiel – Kniffel – bei.

So kurz der Abend war, da sie bald nach Hause musste, so glücklich waren wir über diese Begegnung. Mit ihrem Kinderlachen berührte sie unsere Herzen und Seelen und das völlig unerwartet auf einem Campingplatz inmitten eines kleinen bäuerlichen Dorfes im Nirgendwo. So Gott bzw. Buddha will, werden wir sie irgendwann noch einmal wieder treffen und uns dann hoffentlich genauso freuen, wie beim ersten Mal (wobei wir uns nach der Lehre Buddhas wahrscheinlich schon einmal in einem vorherigen Leben getroffen haben). 

Das Kloster im Fels

An unserem letzten Tag besuchten wir das –fototechnisch gesehene – Schmuckstück des Landes, was für viele Touristen der absolute Höhepunkt ihrer Reise hier ist. Für manch einen sei es ein Lebenstraum, berichtete unser Guide, und er selbst habe schon eine Kundin, die den  Aufstieg aus eigener Kraft nicht mehr schaffte, hochgetragen, um ihr diesen Traum zu erfüllen. Am Kloster angekommen sei sie schließlich in Tränen ausgebrochen.

Das Ziel vor Augen – für viele Besucher anstregender als es auf dem Bild aussieht

Dabei ist der Aufstieg kein Kinderspiel, der Weg zeitweise ziemlich steil und griffig, und für die doch im Schnitt eher älteren Besucher sicherlich eine körperliche Herausforderung. Aber es ist jede Mühe wert.

An einem wunderbar warmen Sonnentag machten wir uns an den Aufstieg. Durch die Wandertage vorher gestärkt hatten wir keine Probleme und fanden uns bald am ersten Aussichtspunkt auf unser Ziel. Die Erinnerung an diesen Anblick verursacht uns noch heute Gänsehaut. Hoch über dem Tal, in den blanken Fels gehauen, thront das Kloster mit mehreren in sich verschachtelten Gebäuden nahezu unwirtlich, wie an den Fels geklebt, mit rot-goldenen Dächern und flatternden Gebetsfahnen. Es ist ein tolles Fotomotiv und entsprechend viel Zeit verbrachten 50 Prozent von uns damit, diesen Anblick auf unseren Speicherkarten festzuhalten.

Ein wunderbares Motiv

Im Kloster waren wieder keine Fotoapparate erlaubt, daher muss die Beschreibung hier genügen. Die Anlage besteht aus mehreren Einzelgebäuden auf verschiedenen Höhen, die über Gänge und Treppen miteinander verbunden sind. Einige dienen als Tempel und Gebetsräume, andere als Unterkunft der Mönche oder zur Hauswirtschaft. In den Tempeln befinden sich einige der wichtigsten religiösen Heiligtümer des Landes und die Räumlichkeiten sind entsprechend prachtvoll und aufwendig verziert.

Zur Zeit unseres Besuchs fand eine mehrtägige religiöse Veranstaltung im Kloster statt. Neben den zahlreichen – touristischen – Tagesbesuchern, waren deshalb auch viele Mönche aus anderen Klöstern gekommen, um an den Gebeten und Zeremonien teilzunehmen. Entsprechend voll waren das Kloster und die Tempelräume, so dass es uns mitunter schwer fiel, nicht über die am Boden sitzenden oder knienden Mönche zu stolpern.

Der Hund ist auch müde, allerdings nicht vom Aufstieg

Wiederum hatten wir Glück als wir uns auf Betreiben unseres Guides in einen Tempelraum zwängten. Wir würden einem Ritual beiwohnen, das die Mönche während ihrer Veranstaltung just in dem Moment vollzogen, in dem wir zufällig im Kloster weilten. Schon die anwesenden Mönche brachten den Raum zum Bersten, waren jedoch völlig entspannt, als noch ein paar wenige auserwählte Tagestouristen am Rande Platz suchten. Die Mönche rezitierten Texte oder Strophen in verschiedenen Stimmlagen und Rhythmen, wobei einige Mönche mit kleinen Trommeln und Holzinstrumenten einen Grundrhythmus vorgaben. Das Zusammenspiel von Stimmen und Tönen erschuf ein für uns einmaliges Klangerlebnis. Die Luft in dem fensterlosen, mit Kerzenlicht erleuchteten Raum schien zu vibrieren und als Besucher vergaß man schnell Zeit und Raum und lauschte dem bewegenden Sprechgesang und fand sich schnell tief berührt von den Klängen und Bildern der Zeremonie. Gesteigert wurde dieses Erlebnis noch, als drei Mönche als traditionelle Tänzer den Raum betraten und begannen, sich im Rhythmus der Klänge im Kreis zu drehen und zu tanzen. Wie in Trance schlossen sie bald die Augen und gaben sich ganz der Bewegung hin. Nach der Vorstellung brauchten wir einen Moment, um wieder im hier und jetzt anzukommen. Tief berührt verließen wir den Tempel und bald darauf auch das Kloster. Wir hätten uns sehr gewünscht, dieses Erlebnis digital festhalten zu können. Aber wie der Buddhist sagt: „everything is impermanent“ und so können wir auch diese Erfahrung nur als Erinnerung mitnehmen.

Und jetzt?

Selten auf unserer Reise waren wir so fasziniert von einer Kultur und einem Land. Fast ausnahmslos führte unsere Faszination zu Begeisterung. Geschichte, Religion, Tradition und – für uns – Aberglaube sind hier eng miteinander verbunden und die jeweilige Fremdartigkeit ist eine spannende und herausfordernde Erfahrung für unsere „westliche“ Denkweise. Die Menschen scheinen mit ihrer Umwelt, ihrer Kultur und miteinander auf eine besondere Weise verbunden zu sein. Damit ist nicht die romantische Vorstellung des naturverbundenen, selbstversorgenden Eremiten und Asketen ohne Strom und fließendes Wasser gemeint. Es ist vielmehr der Gedanke, dass Religion und Kultur einen maßgeblichen Teil der Identität des Volkes, aber auch des Individuums bilden und die Frage nach dem „wer bin ich?“ in beidem eine Antwort findet. Natürlich finden sich auch in diesem, so kleinen Land Unterschiede und Ungleichheiten, trotzdem hatten wir das Gefühl, dass die Menschen hier ein besonderes, starkes verbindendes Element haben, was in vielen „westlichen“ Kulturen verloren gegangen ist: ihre kulturelle Identität (also unsere Definition davon).

So sehr wir jedem eine Reise in diese fantastische Welt empfehlen können und wollen, so sehr sorgen wir uns doch um die Entwicklung des Landes mit aufkommendem Tourismus. Bereits jetzt sieht man viele Baustellen für große Hotelkomplexe und diese positive Erwartung ist sicherlich richtig. Erst dieses Jahr hat es das kleine Land in die Liste von Reiseempfehlungen der New York Times geschafft und auch in Deutschland wird es immer populärer. Und so sehr wir den Menschen vor Ort natürlich den mit dem Tourismus einhergehenden wirtschaftlichen Erfolg wünschen, haben wir doch in vielen Ländern gesehen, wohin (unregulierter) Tourismus führen kann. Allerdings haben sich die Entscheidungsträger hier in den letzten Jahrzenten als sehr weitsichtig und nachhaltig erwiesen und vielleicht finden sie einen Weg, Kultur und Tourismus in Balance zu halten.

Wir wünschen der Bevölkerung und dem Land eine rosige Zukunft und hoffen, dass die hier gelebten Werte mehr Einzug in die „westliche“ Welt halten. Das Land kann anhand der Entwicklung der „westlichen“ Länder die Probleme erkennen, die der Weg in die Moderne mit sich bringt. Auch hier hoffen wir, dass die Entscheidungsträger entsprechend weitsichtig und nachhaltig handeln, um nicht die gleichen Fehler zu begehen.


Und weil es so schön war, nehmen wir Euch nochmal auf eine Runde mit

Zurück in die Zukunft

Südkorea, 04.09. – 24.09.2022

Zugegebenermaßen, ursprünglich wollten wir gar nicht nach Korea, sondern nach Japan. Über die Natur und Kultur des Landes hatte wir schon so viel Positives gehört, dass unsere Neugier geweckt war. Leider waren die japanischen Visa- und Einreisebestimmungen im August 2022 noch sehr streng und machten einen Besuch unmöglich. Kurzerhand wurde die Weltkarte konsultiert und festgestellt, dass Südkorea quasi daneben lag. Würde man in Schubladen denken, könnte man auf die Idee kommen, dass es vielleicht ähnlich zu Japan wäre (hier erlaubt sich dann auch definitiv ein erstes „wie bitte?“). Aber möglicherweise erwartete uns hier tatsächlich das exotischere Erlebnis, da Südkorea nach unserer Meinung nicht ganz so touristisch erschlossen schien (ganz ohne „wie bitte?“). Von Land und Leuten hatten wir zumindest überhaupt keine Vorstellung, die über Stichworte wie Mangas, Samsung, Hyundai, die WM 2002 mit der verheerenden Finalniederlage gegen Brasilien nach einem folgenschweren Torwartfehler vom „Titan Oliver Kahn“, die Netflix-Serie „Squid-Game“ (die wir erst vor Kurzem gesehen hatten und vielleicht deshalb unbewusst beeinflusst waren) sowie den Hit „Gangnam-Style“ hinaus gingen. Unsere beschränkten Kenntnisse minderten die Euphorie aber nicht im Geringsten und stellten unserer Meinung nach eine solide Grundlage für die Auswahl dieses Reiselandes dar. Hier erlaubt sich ein zweites „wie bitte?“, was dazu führte, dass wir doch noch etwas recherchierten. Viele positive Reiseberichte und Sehenswertes ließen aber keine Zweifel aufkommen und unsere Vorfreude stieg. Südkorea sollte es also sein.

Wie waren wir auf diesen Teil Asiens gekommen? Für die meisten Backpacker wären nach Thailand nun Kambodscha, Laos, Vietnam oder vielleicht Malaysia auf dem Programm gestanden. Auch wir hatten über diese – nicht nur geografisch – naheliegenden Optionen nachgedacht, uns letztendlich aber dagegen entschieden. Wir erwarteten in diesen Ländern keinen großen Kontrast zu dem, was wir in Indonesien und Thailand bereits gesehen und erfahren hatten, sondern eher Variationen des Bekannten. Wer diese Länder tatsächlich bereist hat, wird vermutlich widersprechen und ein drittes – verdientes – „wie bitte?“, verlauten lassen. Da wir es aber nicht besser wussten, folgten wir unserem Wunsch, noch einen gänzlich anderen Teil Asiens kennen zu lernen und völlig neue, durchaus konträre Erfahrungen zu machen. Dazu kam die Tatsache, dass wir der Art und Weise, in Südostasien zu reisen, langsam müde wurden. Nach fast einem halben Jahr in Ländern mit viel Privatunternehmertum, überteuerten Touristen„attraktionen“, dreckigen Toiletten, feucht-muffig-schimmelig riechenden Hostelzimmern und der-ethnischen-Zugehörigkeit-variabel-anpassbaren Preisen, sehnten wir uns nach etwas Normalität, geordneten Verhältnissen, funktionierendem Nahverkehr, Toilettenspülungen sowie sauberem Trinkwasser und Restaurants mit Preisen auf der Karte. Es war unser Wunsch, uns zur Abwechslung mal wieder mit Altvertrautem und Ähnlichem zu umgeben, um nicht nur von neuen Eindrücken erschlagen zu werden. Aber entscheidet am Ende des Beitrags selbst, ob uns dies gelungen ist.

Koreas Hauptstadt

Erstes Ziel war die Hauptstadt des Landes. Nach etwa 24 Stunden Reisezeit von Koh Tao über Bangkok nach Südkorea waren wir zugegebenermaßen ziemlich erledigt, mussten aber trotzdem unsere „Flughafen-Routine“ von Immigration, Bargeldabhebung, lokalem SIM-Karten-Erwerb und in diesem Fall einen verpflichtenden COVID-PCR Test hinter uns bringen. Nach weiteren zwei Stunden standen wir endlich an der Bahnstation, entschieden uns für die Express-Bahn ins Stadtzentrum und saßen wenig später in selbiger. Seoul verfügt über ein hervorragendes Bahn-und Busnetz, mit dem sich auf Grund des absurden Verkehrs und der langen Staus ein Großteil der Menschen fortbewegt. Wir hatten uns im Voraus verschiedene U-Bahn-Apps runtergeladen, wobei sich keine davon als intuitiv und hilfreich herausstellte. Als Konsequenz liefen wir alten Dinosauriertouristen – fast schon steinzeitlich – mit einem richtigen Stadtplan auf Papier inklusive des abgebildeten U-Bahn-Netzes durch die Stadt (dies hatte zudem den Vorteil, dass meist auch die richtigen der 8 bis 18 Ausgänge angezeigt wurden).

Unser Hostel lag mitten im geschäftigen Banken-und Einkaufsviertel. Schon der erste Eindruck überwältigte. Wir waren überfordert mit all den blinkenden Reklametafeln, Geschäften, herumhetzenden Menschen, der fremden Sprache und daher sehr froh, als wir endlich unsere Unterkunft erreichten. Das Zimmer war winzig, vielleicht 7-8 Quadratmeter, mit einem Stockbett und einer separaten Toiletten-Dusch-Kombination. Aber wir waren endlich angekommen. Obwohl ziemlich erschöpft, siegte der Hunger über das Ruhebedürfnis. In unserer aktuellen Verfassung waren wir nicht bereit für kulinarische Abenteuer und steuerten deshalb bekanntes Territorium an, ein Café.

Korea und Kaffee

Wie sich herausstellen sollte, übertraf die Café-Dichte in Korea die thailändische noch bei weitem und ist damit für uns bis jetzt unangefochtener Spitzenreiter. Neben vielen kleinerer Ketten und Läden finden sich vor allem drei Frachises im Übermaß und (fast) immer in direkter Nachbarschaft zueinander: A Twosome Place, Starbucks, The Coffee Bean & Tea Leaf – die koreanische Dreifaltigkeit. Dieses Phänomen war uns am ersten Tag in Seoul noch unbekannt und wir landeten daher eher zufällig im Coffee Bean. An unsere Cappuccinos geklammert, beobachteten wir eine fremde Welt durch die Fensterscheibe. Im Gegensatz zu uns tranken die meisten Koreaner ihren Kaffee, oder die jeweilige Variation desselbigen, kalt und mit Eiswürfeln. Auf der Karte fand sich eine schier unendliche Anzahl von „iced sowieso“, die in durchsichtigen Plastikbechern mit Deckel und Strohhalm verkauft wurden. Die auf der Straße vor unserem Fenster flanierenden Personen hielten mit hoher Wahrscheinlichkeit einen solchen Becher in der Hand. Wie die Menschen bei einem solchen Konsum süßer Getränke, denn die meisten enthielten der Beschreibung nach enorm viel Zucker, noch so schlank sein konnten, war uns ein Rätsel. Die Koreaner aber liebten ihre eiskalte Abkühlung. Ihre Zuneigung ging sogar so weit, dass sich im Eingangsbereich eines jeden Geschäfts, das etwas auf sich hielt, eine Depot-Box für ebenjene Becher befand. Das hatten wir tatsächlich noch nirgendwo gesehen.

Koreas Sprache und Schrift

Uns war von Anfang an klar, dass Sprache und vor allem Schrift eine Herausforderung werden würde. Wie immer taten wir unser Bestes, um schnell die gängigen Floskeln wie „Guten Tag“, „Danke“ und „Auf Wiedersehen“ zu lernen. Tatsächlich bekamen wir dafür meist einen freundlichen, manchmal aber auch einen irritierten Blick. Vielleicht hatten wir in letzterem Fall die Worte doch nicht ganz korrekt ausgesprochen und wer weiß schon, was sie dann bedeuteten. Aus „Danke“ kann ja auch schnell mal „Schranke“ oder „Tanke“ werden. Trotzdem hielten wir uns an unsere kümmerlichen Koreanisch-Kenntnisse, denn mit Englisch, das hatten wir ziemlich schnell bemerkt, kam man hier nicht weit. Englischkenntnisse waren meist nicht oder nur rudimentär vorhanden. Dieser Eindruck sollte sich im Laufe der Reise überall bestätigen. Besonders verheerend war diese Sprachbarriere, wenn es etwa um eine Bezahlung im Supermarkt ging. Es war daher von größter Bedeutung, sich in einem zur Anzeigetafel der Kasse geeigneten Winkel zu positionieren. Gelang dies nicht, musste man darauf hoffen, dass die Kasse über einen drehbaren Bildschirm oder der Verkäufer über einen Taschenrechner mit Zahlenanzeige verfügte. Ansonsten war man verloren.

Um der Sprachbarriere auch von unserer Seite zu begegnen, hatten wir gleich zu Beginn die Google-Translate und andere Apps heruntergeladen, die uns hoffentlich das Leben erleichtern würden und mit denen wir uns etwas weniger orientierungslos fühlten. Aus der „Hand und Fuß“- wurde jetzt „Handy und Foto“-Kommunikation, die meistens gut funktionierte, auch wenn unser Gegenüber häufig nach der Lektüre unserer Übersetzung in Landessprache antwortete und wir die Antwort selbstverständlich nicht verstanden. Back to square one. Aber selbst, wenn wir etwas in bekannter Schrift lesen konnten, ergaben die Wörter oft keinen Sinn, blieben nicht hängen oder unser Gehirn tat sich schwer, einen Unterschied festzustellen, was die Ortssuche nicht erleichterte (z.B. Geunjeonmun, Geunjeonjeon, Gyeongbokgung, Cheonggyecheon)

Die Geschichte von der Postkarte

Seit Beginn der Reise hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig Postkarten um den Globus zu verschicken. Diese Tradition wollten wir auch in Korea gerne weiterführen und kauften daher – relativ früh – Karten an einem Souvenirgeschäft in Seoul. Briefmarken bekamen wir leider nicht dazu, wurden aber an eine große Poststelle in der Nähe verwiesen. Ein paar Tage später ließ unser straffer (Frei-)Zeitplan einen Besuch dort zu. Die von Google angesteuerte Poststelle schien – bereits von außen ersichtlich – geschlossen zu sein. Von einem netten Pförtner bekamen wir die Info, es sei Feiertag und daher alle Filialen geschlossen. Wir zogen wieder ab, verließen Seoul, fuhren nach Sokcho an die Küste und dachten erst drei Tage später wieder an die Briefmarken, als wir dort an einer Poststelle vorbeikamen.
Kurzerhand betraten wir sie. In unserer Übersetzungsapp hatten wir den Satz „Wir brauchen 6 Briefmarken für unsere Postkarten nach Deutschland“ eingegeben, traten an den Schalter heran, hinter dem uns eine junge Frau etwas unsicher anlächelte, und hielten ihr unser Handy-Display entgegen. Nach der Lektüre dachte sie kurz nach, stand dann auf und ging zu ihrer Kollegin. Nach einem kurzen Wortwechsel verschwanden die beiden Frauen im hinteren Bereich der Poststelle. Wir sahen uns an, nicht sicher, was an unserem Anliegen die beiden Frauen dazu veranlasst haben könnte, ihren Arbeitsplatz, von dem aus sie doch sicherlich viele Briefmarken verkauften, zu verlassen. Nach geraumer Zeit kamen die beiden mit einem Ordner in der Hand zurück, in welchem sie hektisch herumblätterten. Das gewünschte schien sich nicht in dem Ordner zu befinden, zumindest wurde er weggelegt, eine dritte Angestellte dazu gebeten und sich beratschlagt. Wieder verschwanden jetzt drei Personen im Hinterzimmer und kamen mit einem neuen Ordner zurück. Offensichtlich fündig geworden entnahm ihm „unsere“ Angestellte etwas und kam zu uns zurück.
Ganz stolz hielt sie uns nun sechs DIN-A6 große Papiere und 18 Briefmarken hin und sah uns erwartungsvoll an. Eher verwirrt sahen wir zurück. Die DIN-A6 großen Papiere entpuppten sich als Blankopostkarten, die ein vorgedrucktes Porto enthielten. Zudem erklärte uns die Postmitarbeiterin, dass wir zusätzlich je zwei Briefmarken auf eine Karte kleben mussten. Wir wechselten einen unsicheren Blick, brachten es aber nach all der Arbeit nicht übers Herz, die – vermutlich schon museumsreifen – Blankopostkarten zurückgehen zu lassen.
Anstatt der gewünschten sechs Briefmarken hatten wir jetzt sechs champagnerfarbene Postkarten im Vintagestyle, zusätzlich achtzehn Briefmarken und – immer noch – sechs bedruckte Postkarten ohne Briefmarken. Damit hatte sich innerhalb kürzester Zeit die Anzahl der zu schreibenden Postkarten verdoppelt – immerhin über das Porto waren wir uns nun im Klaren. Im Nachhinein gehen wir einfach stark davon aus, dass unser übersetzter Satz wohl Schwächen aufgewiesen haben und in seiner Bedeutung offensichtlich nicht 100%ig eindeutig gewesen sein musste.

Es dauerte zwei weitere Poststellen und einen Mitarbeiter mit rudimentären Englischkenntnissen, um die noch fehlenden Briefmarken zu erwerben. Mit Briefmarken meinen wir damit jedoch selbstklebende Barcodes auf Plastikstreifen, die laut von uns verstandener Auskunft des Mitarbeiters – warum auch immer – noch am selben Tag in den Briefkasten eingeworfen werden mussten. Vor der letzten Leerung des Briefkastens verbrachten wir dann weitere zwei Stunden damit, die champagnerfarbenen Blankopostkarten mit Stickern, Stempeln und bunten Textmarkern nach bester Vorschulmanier zu gestalten und insgesamt 12 Textfelder mit Sinnvollem zu füllen. Halleluja.

Sechs bedruckte Postkarten (links), achtzehn 10er-Briefmarken (Mitte) und sechs Blankopostkarten mit aufgedruckten 400er-Briefmarken (rechts).

Koreas Klima

Bei der Ankunft in Korea erwartete uns schlechtes Wetter und Dauerregen. Eine ungewohnte Abwechslung nach drei Monaten Tropenwetter (wo es zwar auch ab und an stärkeren Regen, allerdings in Form von maximal halbtägigen Schauern gegeben hatte). Wir wussten zwar, dass Taifun-Saison war, hatten allerdings keine Ahnung, was das bedeuten würde. Offensichtlich zog gerade ein Taifun über den südlichen Teil des Landes und brachte einen Haufen Nässe mit sich. Nicht lange, nachdem wir unsere SIM-Karten am Handy aktiviert hatten, kam auch schon die erste Benachrichtigung den Taifun betreffend. Anfangs verstanden wir nicht ganz, worum es sich bei dem andauernden Alarm handelte. Der erste Einsatz unserer Google-Translator-App brachte schnell Klarheit. Offensichtlich wurden die Bürger auf diesem Wege über Straßen- und Tunnelschließungen informiert und daran erinnert, nicht vor die Türe zu gehen und ungesicherte Gegenstände von Balkonen oder Terrassen zu entfernen. Wie freuten uns fast, endlich mal wieder lange Hosen und einen Pulli tragen zu können und ließen uns sonst nicht weiter beunruhigen. Dem zweitägigen Dauerregen folgte wunderschönes, heißes spätsommer-/frühherbstliches Wetter, das stabil über mehrere Tage anhielt. Für uns kam dieser Wetterwechsel doch etwas unerwartet und die T-Shirts wurden wieder herausgekramt. Überhaupt mussten wir unsere „Wettergewohnheiten“ umstellen. Anstatt auf den täglichen Wetterbericht schauten wir jetzt auf die Taifunkarte oder lasen die auf unserem Handy aufblinkenden Warntexte, ob sich der nächste Taifun näherte. Und die Saison enttäuschte nicht. Gegen Mitte des Aufenthalts kündigte sich schon der nächste Taifun an. Korea scheint klimatisch ohnehin eine Herausforderung zu sein. Mit schwülen, heißen Sommern und bitterkalten Wintern bietet es Extreme, die wir weder von den europäischen Inselstaaten, dem Golfstrom sei Dank, noch vom Festland gewohnt sind.

Gefährliches Land, gefährliches Wetter – unsere gesammelten Werke nach gerade einmal einer Woche Südkorea.

Korea zwischen Tradition und Moderne

Auf unseren teilweise sehr ausgedehnten Stadtspaziergängen in Seoul, Gyeongju und Busan besuchten wir Museen zur Geschichte des Landes, über die wir bis dahin kaum etwas gewusst hatten, einige der bemerkenswerten Palast- und Tempelanlagen, antike Hügelgräber, den Jongmyo Schrein, das Gamcheon Culture Village und vieles mehr. Die Bauweise der Tempel und Paläste war für uns exotisch und faszinierend, ihre farbliche Gestaltung wunderschön und die mit ihnen verbundene Geschichte spannend. Für die Großstädte waren sie häufig Ausgangspunkt der Besiedlungen gewesen und finden sich heute meist inmitten dieser Millionenstädte. Insbesondere in Seoul und Busan war das Nebeneinander von Tradition und Moderne nicht zu übersehen, grenzten die weitläufigen Parkanlagen doch unmittelbar an das moderne Seouler Finanzdistrikt mit seiner gläsernen Fassade.

Eindrücke aus Busan:

Eindrücke aus Sokcho:

Und noch in einem anderen Punkt zeigte sich diese Dualität. Neben den sehenswerten Prachtbauten und Grünanlagen, waren an den kulturellen Stätten vor allem die hohe Anzahl an „historisch“ gekleideten jungen Frauen, aber auch Männern, augenfällig, die sich vor den Gebäuden oder in den Parkanlagen fotografieren ließen. Von diesem Trend hatten wir bereits gelesen, seine Popularität aber unterschätzt. Es wurde dabei eine derartige Vielzahl an Kleidern, Frisuren, Kopfbedeckungen und sonstigem Zierrat präsentiert, dass wir nicht sicher waren, ob es sich wirklich um die historische Bandbreite oder die Vorliebe der Trägerin/des Trägers handelte. Wir verzichteten auf eine Kostümierung und blieben bei Outdoor-Hose und T-Shirt. Ohnehin luden uns die großzügigen Palast-und Parkanlagen eher zum Spazieren als zum Posieren (Ausnahme: Fotospot) ein.

Korea ist digital

Auf unseren über-und unterirdischen Wegen durch die Stadt begegnete uns viel Neues, wenig Vertrautes, einiges Kurioses und hauptsächlich Modernes. Insbesondere in Sachen Digitalisierung war Korea dem uns bekannten, deutschen Standard weit voraus. Das Smartphone war hier, gefühlt mehr noch als zu Hause, permanenter Begleiter und Multifunktionstool für Kommunikation, Unterhaltung, Bezahlung etc. Wenn man nicht direkt mit dem Smartphone bezahlte, gab es eine ebenso multifunktionale Karte, mit der man überall kontaktlos bezahlen konnte, egal ob im kleinen 7-Eleven oder dem öffentlichen Nahverkehr. Sie konnte mit einer beliebigen Summe aufgeladen und verwendet werden, manche Bankinstitute hatten sie auch in „herkömmliche“ Bank-oder Kreditkarten integriert. Insbesondere die jüngere Generation sagte damit dem Bargeld den Krieg an und wir alten Dinosauriertouristen waren vermutlich die letzte Hoffnung für die labbrigen Scheine. Für unser Empfinden hatte insbesondere die Verwendung des Smartphones hier absurde Züge angenommen. Vielleicht war es in Deutschland mittlerweile ähnlich, das konnten wir nicht mehr gut beurteilen, aber in Korea zumindest galt das Motto „Kopf runter“. Extrem augenfällig war dieses Verhalten in der U-Bahn. Unsere These, wonach lediglich schlafende oder ältere Personen über 70 die Einzigen waren, die nicht auf ihr Handy schauten, konnten wir mir genügend Beobachtungen statistisch belegen. Die Datenerhebung wurde allerdings manchmal erschwert, wenn sogar Schlafende ein Handy in der Hand hielten. Selbst Gruppen von zwei oder mehr Personen, die offensichtlich zusammen den Wagon betraten, wanden sie wie einem Zwang folgend sofort ihrem Handy zu, sobald sich die Wagentüren geschlossen hatten. Wir beobachteten das ganze wie Außenstehende, verspürten plötzlich keinerlei Drang mehr, unser eigenes Handy aus der Hosentasche zu ziehen und fragten uns, wie die Menschen in zehn Jahren überhaupt nach miteinander sprechen würden.

Die Geschichte von der Karte

Wie bereits beschrieben nutzen die meisten Koreaner zum Bezahlen kein Bargeld mehr, sondern entweder ihr Handy, eine Bankkarte oder die – berüchtigte – T-Karte. Letztere funktioniert im Wesentlichen wie eine Prepaidkarte und kann an Automaten oder im Convenience Store aufgeladen werden. Mit ihr kann man so ziemlich überall, vor allem aber im öffentlichen Nahverkehr, bezahlen. Ähnlich wie in den Metro-Systemen in London oder Paris befinden sich an den Ein- bzw. Ausgängen der U-Bahn-Stationen in Korea Drehkreuze, die sich mit einem gültigen Einzelfahrschein oder eben einer T-Karte öffnen lassen. Je nach Strecke oder Dauer wird der fällige Betrag beim Verlassen der Zielstation automatisch von der T-Karte abgebucht und mühsames sowie vor allem zeitraubendes Tarifrätseln ist damit nicht mehr nötig.

Auch wir wollten gerne solche Wunderkarten erwerben und hatten zunächst zum Teil Glück, da zumindest Antonia ihre gleich im Paket mit der Sim-Karte am Flughafen erhielt. Für Carsten wollten wir eine an der U-Bahn-Station kaufen. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt steuerten wir gleich den ersten Automaten an, der in etwa wie ein Süßigkeitenautomat aussah, nur dass er statt verschiedener Süßigkeiten etwa 20 Reihen á 10 Karten enthielt, wovon allerdings die meisten schon leer waren. Etwas verwirrt standen wir deshalb zunächst davor und es dauerte eine Weile, bis wir alle Textanweisungen übersetzt und den Vorgang verstanden hatten. Wie ein Süßigkeitenautomat – wird schon nicht so schwer sein. Die Karte sollte 4.000 Won kosten. Wir drückten also die entsprechende Nummer, wo noch ein Vorrat von Karten vorhanden war, schoben zunächst einen 1.000 Won Schein in den Schlitz und es passierte nichts. Der Schein kam zügig wieder raus und wir bekamen eine Information auf Koreanisch. Nach mehrfachem Wiederholen des Vorganges konnten wir die Information dann dahingehend übersetzen, dass der Automat keine 1.000 Won Scheine akzeptierte. Nun gut, kein Problem, wir wiederholten Vorgang 2 einfach mit einem 10.000 Won Schein und warteten.
Es passierte zunächst nichts und wir kontrollierten, ob die Karte im Drehdraht hängen geblieben war (ein Klassiker, der aus Film und Fernsehen bekannt ist). Dies war nicht der Fall und nach kurzer Zeit wurde uns auch dieser Schein mit einer Information wieder entgegen gespuckt. Dieses Mal vorbereitet, brauchte es weniger Versuche, um die Information zu übersetzen. Der Automat könne kein Wechselgeld zurückgeben, weshalb man die Summe passend zahlen sollte. Erstaunt rätselten wir noch eine Weile, wie das funktionieren soll (es gibt nur 1.000, 5.000 und 10.000 Won Scheine) und zogen schließlich unverrichteter Dinge ab. Beim Ausstieg an unserem Zielbahnhof steuerten wir gleich den nächsten Automaten an, der aber leider im Moment außer Betrieb war. So ging es uns noch beim selben und bei zwei weiteren Automaten im Laufe des nächsten Tages bis wir endlich – wieder – auf ein funktionierendes Exemplar trafen. Hier schien der Erwerb und das Aufladen der Karte gleichzeitig möglich zu sein, zumindest wenn wir die Textanzeige richtig übersetzten.
Wir wählten eine Karte mit entsprechender Aufladung und schoben, da wir nichts anderes griffbereit hatten, einen 50.000 Won Schein ein. Der Schein kam – nach längerer Wartezeit – wieder raus. Auf dem Bildschirm erschien die – diesmal von uns gleich beim ersten Versuch übersetzte – Information, der Automat würde nur 10.000 und 20.000 Won Scheine annehmen. In unseren Köpfen lief das Video vom Passierschein A38 und wir machten uns auf die Suche nach Schalter eins, ähhh nach „Kleingeld“. Gegenüber dem Automaten befand sich ein U-Bahn-Café, wo wir darum baten, unser Geld wechseln zu dürfen. Nach einem Blick auf unseren 50.000 Won Schein schüttelte die Verkäuferin bedauernd lächelnd den Kopf und schob ihre Kasse wieder zu („Haben Sie das blaue Formular?“). Leicht entnervt blickten wir uns nach einem ATM um und wurden tatsächlich wenige Meter entfernt fündig. Der Reklame-Aufdruck versprach horrende Abhebungsgebühren. Karte einschieben – Geheimzahl – Credit – Umrechnungskurs zustimmen – Betrag 100.000 WON auswählen – ach ne, Mist – nicht, dass wir wieder zwei 50.000 Won Scheine bekommen – ABBRUCH ABBRUCH ABBRUCH… ABBRUCH Gott sei Dank erfolgreich, also von vorne. Karte einschieben – Geheimzahl – Credit – Umrechnungskurs zustimmen – 90.000 Won auswählen (da müssten dann zumindest 10.000 und 20.000 Won Scheine dabei sein) – Danke, Ciao.
Am langsamsten ATM, dem wir je begegnet waren, dauerte dieser Vorgang etwa 10 Minuten. Zurück am Fahrkartenautomaten wählten wir wieder eine Karte, diesmal mit 20.000 Won Aufladung, schoben den Schein ein und warteten. Auf dem Bildschirm tat sich geraume Zeit nichts und es regte sich leise Hoffnung in uns, die jäh von einem plötzlich schwarzen Bildschirm mit beunruhigend rot leuchtendem Schriftzug zunichte gemacht wurde. Den „außer Betrieb“-Sperrbildschirm eines defekten Fahrkartenautomaten würde man wohl überall auf der Welt als solchen erkennen. Ungläubig standen wir vor dem Automaten („Eintragung einer Galeere? Oh, da sind Sie hier falsch. Wenden Sie sich an die Hafenkommandantur unten im Hafen. Ein Hafen ist immer da, wo Wasser ist“).
Dass wir tatsächlich versuchten, über den Notfallknopf und die eingebaute Gegensprechanlage, den Oberkörper um 90 Grad dem Lautsprecher entgegengebeugt, unser Problem einem Mitarbeiter (womöglich der Koordinationsabteilung des Zukunftsarchivs) auf Englisch zu erklären, kann hier nur als Zeichen des unbedingten Willens im Kampf gegen die Digitalisierung gesehen werden, war letztlich aber – natürlich – völlig vergebens („Ohne rosa Formular kein Passierschein A 38. Schalter 12, Stiege B, Korridor J.). Kopfschüttelnd verließen wir den Bahnhof und Antonia überlegte sich kurz, ob sich eine Kategorie „In-Automaten-verlorene-Geldscheine“ in ihrer Buchhaltungs-App lohnen würde. Am Ende gelang uns der Erwerb der schlüpfrigen Karte doch noch in einem winzigen Kiosk, dessen Besitzer wir mit Händen und Füßen unser Anliegen soweit verständlich machen konnten, dass er eine grüne Karte unter seinem Tresen hervorzog und wir glücklich von Dannen zogen („Hier ist er doch. Und nun verschwinden Sie! Wir haben hier schließlich Wichtigeres zu tun“).

Korea mag Kosmetik

Beim Gang durch die Städte fiel uns schnell die große Anzahl an Beauty-Läden auf, in denen Gesichtsmasken und -cremes, sowie andere Schönheitsartikel verkauft wurden. Außerdem viele Läden mit Kontaktlinsen, in denen man sich seine Wunsch-Augenfarbe aussuchen konnte. Im Internet lasen wir nach, dass Korea berühmt für seine teure Kosmetik und Schönheitschirurgie war. Für ein ästhetischeres Erscheinungsbild legen sich hier viele Koreaner unters Messer oder geben ein Vermögen für Kosmetika aus in der Hoffnung, damit bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Partnersuche zu haben oder schlicht dem Schönheitsideal ein Stück näher zu kommen. Mittlerweile hatte sich in dem Land auch ein regelrechter Medizin-Tourismus entwickelt und es kamen viele Ausländer, um sich hier zu verhältnismäßig günstigen Preisen verschönern zu lassen. In Busan führten wir ein langes Gespräch mit einer jungen Koreanerin und kamen auch auf diese Thematik zu sprechen. Sie erzählte uns von Erfahrungen in ihrem persönlichen Umfeld. Ihre Freundin hatte sich im Alter von 20 Jahren, nachdem sie wohl häufig von Männern auf Grund ihres Aussehens zurückgewiesen worden war, zu Schönheitsoperationen entschieden. Innerhalb der nächsten drei Jahre hatte sie sich insgesamt sechs Operationen unterzogen. Von ihrem Chirurgen sprach sie als ihrem „zweiten Vater“. Man erkenne sie heute zwar nicht mehr wieder, aber sie sei jetzt glücklich, einen Partner und ein neues Aussehen zu haben. Zugegebenermaßen schockierte uns diese Geschichte, aber nicht so sehr wie das, was sie uns anschließend erzählte. Offensichtlich gab es mittlerweile einen Trend bei Teenagern, das äußere Erscheinungsbild vor dem ersten „richtigen“ Abschlussbild in der Schulakte, d.h. vor dem 16. Lebensjahr, den Wünschen nach verändern zu lassen, damit „von Anfang an“ das „richtige“ Gesicht zu sehen sei und es keine Abweichungen zu späteren Aufnahmen gebe. Ihrer Aussage nach zögerten dabei weder Eltern noch Ärzte, dem Wunsch der Minderjährigen zu entsprechen. Den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage konnten wir natürlich nicht prüfen. Während unseres sehr langen Gespräches entsprachen ihren Aussagen über ihre Heimat allerdings genau dem, was wir bereits aus anderen – journalistischen – Quellen über das Land erfahren hatten und sich im Internet nachlesen lässt.

Korea ist kurios

In Korea entdeckten wir auch viel kurioses, unter anderem das Poop Café und das Love Museum in Seoul. Über ersteres hatte Antonia in einem Reiseblog gelesen. Es handelte sich um ein Café in einem der geschäftigen Viertel Seouls, das ganz im Zeichen des Poop Emojis stand. Ein Großteil der Dekoration des In-und Exterieurs war diesem kleinen Haufen gewidmet, mit viel Liebe zum Detail. Antonias Drang nach Kaffee folgend besuchten wir dieses Kleinod und sie gönnte sich die braune Brühe, wenn auch nicht aus der Toilettenschüssel. Das Café befand sich auf dem Dach eines kleinen Karrees mit vielen witzigen Geschäften, in denen Klamotten, Schmuck, Taschen und anderer Schnickschnack verkauft wurden. Eine ausgiebige Streiftour ließen wir uns natürlich nicht nehmen.

Das Love Museum, welches wir auf Tripadvisor gefunden hatten, lag im Studentenviertel von Seoul, mitten in einer belebten Einkaufsstraße. Es war weniger ein Museum im klassischen Sinne als eine Ausstellung verschiedener „Themenräume“, in denen wir uns in komprimierenden Positionen mit Skulpturen oder Wandgemälden fotografieren konnten. Es war definitiv nicht jugendfrei, sehr kurios und sehr lustig. Für den wahrscheinlichen Fall, dass einer von uns beiden Bürgermeister*in oder Bundeskanzler*in (man weiß ja nie) werden sollte, veröffentlichen wir hier nur FSK 0 Fotos. Im Rahmen eines privaten Treffens mit ausreichend Alkohol (natürlich nicht für uns, s.o.) ist eine Demonstration der übrigen Fotos nicht ausgeschlossen.

In der Einkaufsmeile fanden wir unser nächstes Highlight: Selfie-Läden mit Foto-Automaten, in denen man sich für etwa drei Euro mit einer Auswahl verrückter Accessoires fotografieren lassen konnte. Wir brauchten zugegebenermaßen eine Weile um zu verstehen, worum es sich überhaupt handelte. Leider konnte Antonia ihren Mann nicht zu einem Versuch überreden, dafür entwickelte er eine Leidenschaft, diese Läden zu entdecken und zu fotografieren.

Wir sahen noch einiges mehr, was uns neugierig machte, erstaunte und zum Lachen brachte.

Hier werden wohl, mitten auf der Straße, die neuen K-POP Stars geboren. Da wir von den Ansagen leider nichts kapiert haben, bleibt es für uns kurios.

Korea ist geteilt

Einen Tag wendeten wir uns einem ernsteren Thema zu und besichtigten die „DMZ“ (demilitarised zone) zwischen Nord und Südkorea, die nur etwa eine Stunde Autofahrt nördlich von Seoul liegt. Sie wurde 1953 im Rahmen der UN-Friedensverhandlungen zwischen den beiden Ländern, eigentlich nur als Zwischenlösung, etabliert und umgibt bis heute auf beiden Seiten die Grenze. Früh morgens um 7 Uhr ging es los, da offensichtlich nur fünf Reisebusse selber in das Grenzgebiet fahren dürfen – die nachkommenden Touristen werden auf die angebotenen Shuttlebusse aufgeteilt. Jeden Morgen gibt es ein heißes Rennen um die wenigen Plätze und unsere Reiseleiterin tat ihr Bestes, den aktuellen Stand vorauszusagen. Bereits auf der Fahrt erklärte sie uns viel zum geschichtlichen Hintergrund, dem Aufbau der DMZ und der aktuellen politischen Lage. Grundsätzlich bestand ein Wunsch und Bestreben nach der Wiedervereinigung in der südkoreanischen Gesellschaft, die politische Umsetzung hängt allerdings immer von der gerade amtierenden Regierungspartei und deren Position ab. Und natürlich auch vom Regime in Pyongyang. Gleichzeitig fürchtet ein Teil der Koreaner wirtschaftliche Konsequenzen bei einer Vereinigung mit dem unterentwickelten Norden und die hohen Kosten, die damit einhergehen würden.

Der erste Stopp war ein Besucherzentrum noch vor dem eigentlichen Militärgebiet. Hier bekamen wir auch die frohe Nachricht, dass wir tatsächlich als fünfter Bus angekommen waren und selber weiterfahren konnten. Unsere Reiseleiterin hüpfte euphorisch auf und ab und wir taten unser Bestes, ihre Freude zu teilen. Bis zum Besucherzentrum konnte man unbehelligt mit dem eigenen PKW fahren und es war offensichtlich zu einem beliebten Ausflugsziel geworden. An die wenigen historischen Sehenswürdigkeiten hatten sich ein großer Food-Court, eine Seilbahn über den angrenzenden Fluss sowie ein kleiner Freizeitpark angeschlossen. Wir bekamen Zeit, uns das Gelände selbstständig anzuschauen oder zu frühstücken. Die meistens taten Letzteres, dann ging es weiter. Nach einer Militär-und Passkontrolle erreichten wir unseren nächsten Halt, den „Dritten Tunnel“. Über die Jahre sind insgesamt vier Tunnel entdeckt worden, die sich unterhalb der DMZ befinden und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen von Nord nach Süd, also von Nordkorea ausgehend, gegraben wurden. Hochrechnungen zu Folge gibt es noch deutlich mehr Tunnel, die nur bis dahin noch nicht entdeckt wurden. Mache der entdeckten Tunnel sind breit genug, um 30.000 Soldaten mit militärischem Equipment innerhalb einer Stunde von einer zur anderen Seite zu bringen. Das zumindest wurde uns erzählt. Ein Teil des „dritten Tunnels“ ist für die Touristen zugänglich, leider dürfen dort aus Sicherheitsgründen keine Fotos gemacht werden. Der Schacht erinnert an ein Bergwerk mit niedriger Decke und etwa 1,5 Meter Breite. Am Ende befindet sich eine Tür mit Sichtfenster, durch welches man 170 Meter von der Grenze zu Nordkorea entfernt auf weitere Türen und Blockaden schaut. Die ganze Szene ruft bei uns ein bedrückendes Gefühl hervor, weiß man doch nie genau, was hinter den Türen auf der anderen Seite vor sich geht.

Carsten vor dem falschen 3. Tunnel.

Nachdem wir den militärischen Bergbau verlassen hatten, ging es zum letzten Stopp, dem Aussichtspunkt. Unsere Reiseleiterin war ganz begeistert über das gute Wetter und die klare Sicht, bei der wir vielleicht „echte Nordkoreaner“ auf den Feldern durch das Fernglas sehen konnten. Wir fühlten uns an den Zoo oder unsere Safaris erinnert. Vielleicht vergleichen Besucher hier am Ende auch ihre „Nordkoreaner-Fotos“ nach dem Motto „Hey, schau mal, wen ich hab!“. Sie machte uns auch noch auf andere interessant Dinge aufmerksam, wie einen großen Schriftzug, zerstörte Fabrikgebäude und die nordkoreanische Flagge (die höher hängt als die südkoreanische Flagge) neben einem verlassenen Propaganda-Dorf. Auf dem Aussichtsdeck angekommen, suchten wir mit dem Fernglas wie im Wimmelbild die entsprechenden Motive und fanden sogar echte Nordkoreaner auf dem Fahrrad. Was für ein Glückstag. Wir fanden es surreal, dieses Land durchs Fernglas zu beobachten, das so nah, und doch so fern war. Natürlich dachten wir dabei auch an die deutsche Geschichte, die eigene politische und kulturelle Trennung und an all die Familien, die dabei betroffen waren. Der Anblick von Stacheldrahtzäunen und Abwehranlagen weckte bei Carsten Erinnerungen an seine eigenen Kindheit und an Besuche bei seiner Oma in der DDR.

Der Blick durch das Fernglas nach Nordkorea. Zwischen den beiden Fahnen liegt die Grenze.

Immerhin war in Deutschland eine Kommunikation zwischen Ost und West möglich, in Korea wissen viele Menschen im Süden nicht, ob ihre Verwandten im Norden überhaupt noch leben. Es ist deprimierend, noch heute, nach so langer Zeit, die Konsequenzen politischer Entscheidungen Dritter zu sehen und zu spüren.

Korea isst anders

Zugegebenermaßen überfordert uns die koreanische Küche anfangs, so dass wir uns nicht nur wegen des schlechten Wetters die ersten zwei Abende mit Instant-Mie-Nudeln und Gimbab aus dem Supermarkt in unser Hostel zurückzogen. Zwar gab es überall Restaurants und Schnellimbisse, doch die abgebildeten und angepriesenen Speisen sagten uns nichts. Aufgrund der uns unbekannten Architektur erkannten wir auch viele Restaurants und Essmöglichkeiten noch nicht als solche. Viele Läden waren keine klassischen Restaurants wie bei uns, sondern eher kleine Garküchen an jedem Tisch, wo das Essen frisch zubereitet wurde. Da wir aber keine Ahnung hatten, wie genau die Zubereitung und die Handhabung erfolgte und auch nicht auf eine englische Erklärung hoffen konnten, trauten wir uns anfangs keine Abenteuer zu. Am dritten Tag fassten wir uns ein Herz und marschierten in ein Restaurant, das wir schon am Tag vorher ausgesucht hatten. In der Mitte eines jeden Tisches fand sich eine Herdplatte, auf die eine große Pfanne mit Inhalt gestellt und erhitzt wurde. Aus dieser bedienten sich die Gäste dann. Mutig bestellten wir etwas von der Karte und beobachteten heimlich die Essgewohnheiten der anderen, um uns das ein oder andere abzuschauen. Obwohl wir einige irritierte Blicke bekamen, brachten wir das Essen unserer Meinung nach erfolgreich hinter uns und wurden von da an mutiger.

Wir studierten verschiedene Internetseiten mit typischen koreanischen Gerichten und versuchten dann, möglichst viel davon während unserer Reise zu probieren. Der koreanische Klassiker Kimchi (fermentierter Kohl mit scharfer, knoblauchiger Soße) wurde eines unserer Lieblingsgerichte, genauso wie Bibimbap oder Jiggae, eine Art Eintopf. Letzteres probierten wir zum ersten Mal in Busan an einem kleinen Straßenbistro, in dem außer uns nur Einheimische waren. Es schmeckte unglaublich gut und die nette Wirtin stopfte uns zusätzlich mit den typischen Beilagen aus Kimchi, eingelegtem Rettich und Anchovis voll. Es war ein wunderbares Erlebnis.

Natürlich gab es in Korea auch unglaublich viel Fisch und Meerestiere auf der Speisekarte. Üblicherweise befanden sich die entsprechenden Tiere noch lebend in großen Aquarien vor dem Restaurant und konnten von den Gästen vor dem Verzehr begutachtet werden. Es fand sich alles von verschiedenen Fischarten, Oktopoden, Muscheln, Hummern, Krebsen etc. Was wir bei unseren Tauchgängen unter Wasser (noch) nicht finden konnten, wurde uns hier zum Essen angeboten. Obwohl wir grundsätzlich Fisch essen und mögen, verging uns beim Anblick der Tiere meist der Appetit. Vermutlich wäre der gleiche Effekt eingetreten, wenn wir ein Kälbchen vor dem Schnitzelrestaurant angebunden gefunden hätten. Psychologie halt. In unserem Fall wirkte sie appetithemmend.

Korea ist grün

Sobald man die urbane Gegend hinter sich lässt, ist Korea landschaftlich wahnsinnig schön und vor allem grün, da etwa 70% der Fläche bewaldet ist. Während vieler Stunden Autofahrt fiel unser Blick auf grüne Reisfelder und sanfte Hügel bis hin zu Bergketten, die Aussicht nur ab und zu von Ortschaften oder Kleinstädten unterbrochen. Der Großteil der Natur, die wir sahen, war Teil eines der vielen Nationalparks, die über das ganze Land verteilt quasi den Raum zwischen den Städten bilden. Über die Schönheit der Parks und die dortigen Wandermöglichkeiten hatten wir bereits viel gelesen und waren daher sehr gespannt, uns selbst ein Bild zu machen. Wir wurden nicht enttäuscht. Sowohl der Seoraksan Nationalpark an der Ostküste, als auch der Jirisan Nationalpark im Süden des Landes boten wunderbare Wanderwege in einer tollen Landschaft, herrliche Ausblicke (zumindest bei gutem Wetter) und, wenn man die touristischen „Autobahnen“ mied, ziemliche Exklusivität. Touristisch inkludiert in diesem Fall die vielen einheimischen Besucher, die aufgrund der besonderen Grenzgegebenheiten sehr gerne ihr eigenes Land erkunden.

Einzig die vielen Warnschilder bezüglich der Schwarzbären trübte unsere entspannte Wanderfreude etwas, da plötzlich jedes Knacken im Gebüsch zu einem zähnefletschenden schwarzen Ungeheuer wurde, nur um sich dann als eichelsuchendes Nagetier zu entpuppen. Besonders gut gefallen haben uns bei unseren ausgiebigen Wanderungen und Spaziergängen die tollen Tempel, die sich jeweils am Fuß der Berge oder auch entlang des Weges fanden, und die Landschaft um ein interessantes Detail ergänzten. Wir würden gerne wiederkommen, um noch mehr dieser herrlichen Natur zu Fuß oder auch auf Skiern zu entdecken.

Im Seoraksan Nationalpark findet sich ein in den Fels gebauter Buddha-Tempel.

Korea singt Karaoke

Wenn wir abends durch die belebten Innenstädte liefen, waren Karaokeläden die mit der auffälligsten, am meisten blinkenden Reklame. Karaoke ist eines der beliebtesten Hobbys der Koreaner. Sie haben sogar ein eigenes Wort dafür: Noraebang. Es kann der reinen Unterhaltung, aber auch der Stressreduktion oder dem „Dampfablassen“ dienen. Beliebt ist es vor allem bei jungen Leuten und die meisten Läden finden sich in den Universitätsvierteln. In der Regel mietet man sich alleine oder mit einer Gruppe einen entsprechenden Raum auf Zeit und los geht der Spaß. Dabei gibt es spezielle Verhaltensregeln zu beachten. Beispielsweise wird unaufgefordertes Mitsingen als unförmlich betrachtet, genauso wie die Auswahl eines Songs, den jemand anderes gerne singen möchte. Räumlichkeiten für Karaoke stehen häufig von mittags bis in die frühen Morgenstunden offen und sind daher auch beliebtes Ziel für Nachtschwärmer. Eigentlich ein unschuldiges Vergnügen. Einige der Reklametafeln, eher abseits der Universitätsviertel, kamen uns aber doch etwas komisch vor und weckten den Eindruck, dass sich dahinter mehr als nur harmloses Singen verbarg.

Korea mag Hunde

In Korea gibt es viele Hundebesitzer, wobei man ihre Lieblinge in Deutschland vielleicht nicht in diese Kategorie Tier, sondern eher zu den Nagetieren gezählt hätte. Es handelte sich meist um kleine Ausgaben mit einem Schultermaß von etwa 20cm, häufig in weiß mit krausem Fell. Ihre Frisur war wohl drapiert und manchmal trugen sie sogar ein zum Besitzer passendes Outfit. Das erstaunlichste war allerdings, dass ihre gut manikürten Krallen (fast) nie den Boden berührten. (Sehr) kleine Vierbeiner wurden von ihrem Herrchen oder Frauchen in der Handtasche oder unter dem Arm getragen, größeren Exemplaren kam das Privileg eines eigenen Gefährts, ähnlich einem Kinderwagen, zu. Aus diesen schauten sie dann in perfekter Kontenance und Coolness auf all jene, die den dreckigen Boden selber beschreiten mussten. Hin und wieder fanden sich auch durchsichtige Rollkoffer oder Rucksäcke mit lebendem Inhalt. Insgesamt zeugte das Verhalten der Besitzer von einer solchen Hingabe zu ihrem Tier, wie wir sie selten gesehen hatten. Während des bereits erwähnten Gesprächs mit einer jungen Koreanerin kamen wir zu dem gemeinsamen Entschluss, bei miesem Karma gerne als Hund in Südkorea wiedergeboren zu werden.

„Ach der Kleine ist aber süß! Wie alt ist er denn? Stillen Sie noch?“
Zugegebenermaßen mögen auch wir Hunde.

Korea ist bunt und leuchtet

Von den grell leuchtenden Reklametafeln haben wir bereits erzählt. Sie sind allerdings nicht das einzig helle in diesem Land. Eigentlich leuchtet, schimmert und blinkt es überall und am liebsten bunt. Besonders ungewohnt ist dieses Schauspiel in den Großstädten bei Nacht. Vom Seoul Tower, der selber leuchtet wie ein Weihnachtsbaum, erstreckt sich der Blick auf das bis zum Horizont reichende Lichtermeer. In Busan kann man vom berühmten Haeundae Beach die leuchtenden Fassaden der Nobel-Hotels und schicken Hochhäuser bewundern. Wenn man viel Glück hat und gerade in einer dunklen Ecke steht, sieht man sogar ein paar Sterne am Himmel.

Lust auf Tanzen?

Korea ist ehrgeizig

In Korea sind Touristen nichts Besonderes und das nicht etwa, weil es so viele von ihnen gibt (tatsächlich ist das Land touristisch deutlich angesagter als wir dachten, aber bei weitem nicht überlaufen), sondern weil sich der „gemeine Koreaner“ einfach nicht für sie interessiert. Vielleicht fiel uns diese Tatsache nur deshalb so stark auf, weil wir die letzten Monate in Ländern verbracht hatten, in denen Touristen viel (oft unerwünschte) Aufmerksamkeit zu Teil wird. Aber vermutlich wäre uns diese Gleichgültigkeit auch bei einer Ankunft aus Deutschland aufgefallen, denn sie war ziemlich augenscheinlich. Im Normalfall wurden wir mit höflichem Desinteresse oder gar nicht beachtet. Wenn wir uns schwer beladen in die U-Bahn oder den Bus mühten, stand niemand für uns auf oder versuchte, uns etwas mehr Platz zum Ein- oder Aussteigen zu ermöglichen. Die Leute schienen ihrer Umgebung insgesamt wenig Aufmerksamkeit zu schenken oder auf diese Rücksicht zu nehmen. Wie bereits erwähnt, führten wir in Busan ein langes Gespräch mit einer jungen Koreanerin, welches uns viele interessante Einsichten in die Kultur, Mentalität und Lebensweise des Landes gab. Sie beschrieb eine Gesellschaft getrieben von Ehrgeiz und dem unbedingten Streben nach wirtschaftlichem Erfolg und Anerkennung. Wohlhabend zu sein mit einem „guten Job“, am besten bei Samsung, Hyundai oder LG, war für viele das suggerierte Lebensziel. Der Fokus darauf wurde bereits in der Kindheit und Jugend gelegt, wobei auch die Schule eine entscheidende Rolle spielt. Lehrer wie Eltern trichtern den Schülern ein, wie wichtig gute Noten sind, damit sie auf eines der „guten“ Colleges oder eine der renommierten Universitäten gehen können, denn nur dann hätten sie eine Chance auf einen guten Job. Die Jugendlichen stehen früh unter einem unglaublichen Leistungs- und Lerndruck. Es ist außerdem völlig normal, nach der Schule (bis 16 Uhr) noch weitere vier bis fünf Stunden Privatunterricht zu nehmen, jeden Tag, um vor allem in Fächern wie Mathe einen Vorsprung herauszuarbeiten. Die Sinnhaftigkeit dieses Lernverhaltens wird nicht hinterfragt. Ebenso wenig setzen sich die Absolventen mit (eigenen) Berufswünschen auseinander, sondern folgen (auch) hier Empfehlungen von Eltern oder Lehrern, was zu vielen frustrierten Menschen führt. „Uns wurde gesagt, du musst es in ein gutes College schaffen, und dann wird alles besser und dann wirst Du wissen, was du willst“, waren die Worte unserer Gesprächspartnerin. Wie wenig diese Aussage zutraf, sollten sie und einige ihrer Bekannten im Laufe selber herausfinden.

Auch im Privatleben gibt es in der Koreanischen Gesellschaft klare Teilziele zu erreichen. Eintritt ins College bis zum 20. Lebensjahr, Abschluss und guter Job bis zum 25. Lebensjahr, Hochzeit bis zum 30. Lebensjahr, teures Auto, Kinder und Haus bis zum 40. Lebensjahr. Ein straffer Zeitplan also. Wer das Programm nicht durchläuft oder verfolgt, sieht sich ständigen Nachfragen und Kritik von Familie und Freunden ausgesetzt. Ein Lebensstil nach dem Motto „ich mache, worauf ich im Moment Lust habe und was mir gut tut“, stößt auf wenig Verständnis oder Unterstützung. Die junge Frau machte genau dies gerade durch. Nach ihrem Abschluss in „education“ hatte sie sich gegen den Lehrberuf entschieden. Ihr erster Job in Vollzeit machte ihre Eltern stolz und sorgte für Anerkennung bei Freunden. Sie selbst wurde depressiv. Aktuell arbeitet sie immer mal wieder in Teilzeit bei verschiedenen Projekten, hatte mit 30 keinen Partner und kein Auto und träumte von einem Work-and-Travel in Australien nächstes Jahr. Sie wirkte zufrieden, war offen für die Welt, ihre verschiedenen Menschen und Kulturen, und damit – zumindest bei uns – genau richtig. Wir teilten unsere Gedanken zum Glücklichsein und sie bedankte sich für den Austausch. Nach ihrer Aussage wäre dies mit der Mehrheit der Koreaner in ihrem Alter nicht möglich gewesen.

Die Altersarmut in Korea macht diese Rentnerin zu einer Papiersammlerin.

Korea hat uns als Reiseland mehr als begeistert. Sobald man sich mit Schrift und Sprache arrangiert, bietet es dem Touristen alle Annehmlichkeiten eines modernen, digitalen Landes inklusive hervorragend funktionierendem öffentlichen Nah- und Fernverkehr, tollen Sehenswürdigkeiten, viele kostenlose Museen, saubere öffentliche Parkanlagen und Toiletten, moderne Mietwagen in gesittetem Rechtsverkehr, wunderbare Nationalparks und leckeres Essen, insofern man den Geschmack von scharfen, knoblauchlastigen Gemüse und Fleisch mag. Die Zeit verging für uns wie im Fluge und am Ende waren wir selbst erstaunt, wie traurig wir waren, dieses Land wieder verlassen zu müssen. Vermutlich hatte es auch damit zu tun, dass wir uns nach vielen Monaten wieder frei und selbstständig fortbewegen, die Annehmlichkeiten eines Industrielandes genießen und uns abseits von ausgetretenen Touristenpfaden bewegen konnten. Es war die Art von Rückkehr in eine Umgebung mit vertrauten Abläufen, die wir uns gewünscht hatten. Gleichzeitig stellten wir fest, dass in Korea einige Dinge weit fortschrittlicher waren und insbesondere die digitale Entwicklung hier ein rasantes Tempo angenommen hatte. Am Ende fühlten wir uns in unserem nagelneuen KIA Mietwagen mit gefühlt 15 Zoll LCD Display ein bisschen wie Marty und Doc Brown, zurück in die Zukunft.


Bilder aus der Kategorie „Wir versuchen Influencer“, andere sagen auch „Outtakes“
Manchmal machen wir auch verrückte Sachen. Anscheinend handelte es sich um ein Kunstwerk
In einigen Hotels bekommen wir beim Check-in ein kleines Plastiktäschchen ausgehändigt, dessen Inhalt wir neugierig erkunden.

Friede, Freunde, Freediving

Thailand, 13.08. – 03.09.2022

Wäre unsere Reise ein Film, würden wir jetzt folgende Szene einbauen:

In Erinnerung an eine Szene aus dem Film „Weit“, der uns schon lange vor unserer Abreise inspiriert hatte, befinden wir uns nach einer schnellen Abfolge lauter, schriller, lärmender Filmsequenzen (unter anderem mit unzähligen hupenden Rollern und schnell bewegten Bildern) plötzlich bei angenehmer Ruhe in einem buddhistischen Kloster inmitten der thailändischen Berge im Dschungel. Also Cut! Abrupte Stille, Entspannung, Natur und Abgeschiedenheit. Es ist nichts zu sehen, außer den unterschiedlichen Grüntönen der Natur und dem Blau des Himmels. Es ist nichts zu hören, außer den Geräuschen der Natur. Wir nehmen das Glucksen des Wassers, das Rauschen des Windes, das Schreien der Vögel und das Zirpen der Grillen wahr. Wir genießen es in vollen Zügen. Im Film ist die plötzliche Stille selbst für den Zuschauer erlösend, man stelle sich da die Gefühle der beiden Protagonisten vor. Wir können das nun ein wenig nachempfinden.

Cut!

Nachdem wir keinen Film drehen, ist der Schnitt nicht ganz so dramatisch. Dennoch war der Unterschied zwischen Indonesien und Thailand krass. Unser Weg dahin war nicht ganz so einfach wie ein Schnitt im Film. Und das eigentliche Ziel noch weit entfernt.

Der Weg nach Thailand

„Nie wieder nach Koh Tao“. Das waren Antonias Worte im September 2015, nachdem wir den zweiten Sommerurlaub hintereinander zwecks Tauchausbildung auf Koh Tao verbracht hatten. Unser langjähriger Freund Stefan betreibt dort eine Tauchschule (www.rainbowfishdivers.com, wirklich sehr empfehlenswert). Im Vergleich zu Antonia hat Carsten weniger Probleme damit, mehrfach denselben Ort zu besuchen, wenn es ihm dort gefällt. So war er im Jahr 2019 schon wieder auf Koh Tao, um seinen Freund und die Tauchschule zu besuchen und hätte natürlich auch während der Reise gerne bei Stefan vorbei geschaut (wenn man vielleicht in die Nähe kommt). S o stand Carsten seit Ankunft in der gleichen bzw. sehr ähnlichen Zeitzone in regelmäßigem Austausch mit Stefan. Anfängliche Versuche, das Thema bei Antonia zu platzieren, wurden jedoch eher rabiat abgewiesen, so dass nicht wirklich abzusehen war, ob wir es nach Thailand schaffen würden. Also besann sich Carsten der bereits erprobten Inceptionkünste und nutzte in gewissen Momenten die Gunst der Stunde.

Wegen der Verlängerung unserer Visa in Indonesien mussten wir die Daten des coronabedingt bereits gebuchten Flugs nach Singapur ändern. Natürlich wurde uns dabei von der indonesischen Bürokratie die Pistole auf die Brust gesetzt und wir mussten innerhalb von 12 Stunden einen neuen Flug nachweisen. Wir Experten hatten bei der ersten Buchung wohlwissend auf einen flexibel umbuchbaren Flug gesetzt… – …um jetzt festzustellen, dass sich der Flugpreis bei einer Umbuchung mehr als verdoppeln würde… Da Antonia für solche Dinge besonders gerne Geld verbrennt und ihre Laune schon mit der Schaufel in der Hand das Geschoß unter dem Keller suchte, warf Carsten in den Raum, statt der Umbuchung einfach mal zu sehen, was ein neuer Flug – beispielsweise nach Bangkok – kosten würde. Und siehe da, es ergab sich, dass die Flüge nach Bangkok tatsächlich wesentlich günstiger waren als eine Umbuchung. (Für Carsten kam dies weniger überraschend, denn er hatte schon in Indonesien etwaige Flugverbindungen recherchiert.) Da wir zudem übereinkamen, dass die weitere Planung der Reise aus Thailand einfacher als aus Singapur werden würde, wurden kurzerhand – mal wieder – Pläne geändert und Flüge nach Thailand gebucht. Seit diesem Zeitpunkt gibt es in unserer MoneyControl-App, in welcher wir unsere Ausgaben während der Reise erfassen, eine neue Kategorie: ungenutzte Flüge. Bei bloßer Erwähnung dieser Kategorie macht sich Antonias Laune übrigens sofort wieder mit der Schaufel in der Hand auf den Weg.

Zwischenziel 1 war somit erreicht: Familie Ufer würde Fuß auf thailändischen Boden setzen.

Wie sich bei diversen Gesprächen ergeben hatte, waren wir beide der Meinung, dass Indonesien sehr viele Urlaubsgefühle hervorrief, aber trotz der vielen wunderschönen Erfahrungen unsere Reiselust nicht vollständig befriedigen konnte. Wir beide wollten noch mehr Dinge tun, die man in einem Urlaub eher nicht macht, und die wir später auch nicht mehr ohne Weiteres unternehmen würden. Carsten machte den Vorschlag, Zeit in einem buddhistischen Kloster zu verbringen, was gleich auf großes Interesse stieß. Er informierte sich daraufhin näher und fand ein paar aussichtsreiche Angebote, die allesamt überraschenderweise in Thailand lagen. Am Ende überzeugte uns beide vor allem der Auftritt eines Klosters im Norden des Landes und wir wollten dort unser Glück (ver)suchen.

Zwischenziel 2 war somit erreicht: Familie Ufer würde eine gewisse Zeit in Thailand bleiben.

Der Weg ins Kloster

Von Kuta aus ging es zunächst nach Bangkok, um von dort mit dem Nachtzug nach Chiang Mai weiter zu fahren.

Sieht zwar nicht so aus, ist aber in Bangkok

Wir hatten uns in Bangkok ein Hostel herausgesucht, das in der Nähe des Flughafens und der Bahnstation lag, um uns die lange Fahrt in die Stadt und leidige Verhandlungen mit Taxifahrern zu ersparen (unser Schnellkurs BWL für Reisende hatte uns folgende Weisheit vermittelt: Beim Verhandeln ist die Kenntnis des marktüblichen Preises unerlässlich, hahahaha, vielleicht hilft uns das Ganze noch mehr, wenn man es auf einer Folie liest, die mit Geldscheinen und erhobenen Zeigefingern geschmückt ist). Hier freuten wir uns das erste Mal über unser leichtes Reisegepäck, vor allem als wir am nächsten Tag eine Ehrenrunde um die Bahnstation drehten. Was sich dann für den ein oder anderen nach einer Horror-Fahrt anhören mag, war tatsächlich eine erstaunlich angenehme und komfortable Art der Fortbewegung. Das einzige Problem war nur, dass der Schaffner unmittelbar mit dem Aufbau der Betten begann, nachdem wir den Zug bestiegen hatten und seine möglicherweise an uns gerichtete, jedenfalls für uns nicht verständliche Frage mit einem Lächeln samt überzeugend wirkenden indischen Kopfnicken wegignorieren wollten. Da wir nicht in der ersten Klasse reisten, wurden die Sitze zu Betten umgebaut. Wir hatten das jeweils obere Bett, was bedeutete, dass beide Sitzreihen an den Fenstern umgebaut werden mussten. Hätten sich die mitreisenden thailändischen Personen, die jeweils gegenüber von uns saßen, auf den von uns vorgeschlagenen Sitztausch eingelassen, hätten wir trotz des Bettumbaus noch nicht um 19 Uhr ins Bett gehen müssen. Sie blieben aus uns nicht verständlichen Gründen standfest – mussten also auch ins Bett. Nach einem kurzen Blick waren wir allerdings nicht die ersten, die ihre Liegeposition einnahmen und fügten uns unserem Schicksal. Lediglich die Tatsache, dass die Wagenbeleuchtung auch nachts nicht gedimmt wurde, verhinderte dann einen problemlosen Einschlafprozess. So fielen uns beiden erst in den frühen Morgenstunden die Augen zu und wir kamen leicht übermüdet in Chiang Mai an.

Im Altenheim – und im Nachtzug – geht es früh zu Bett – #neuerentner

Vor der endgültigen Abreise ins Kloster mussten noch ein paar organisatorische Fragen geklärt werden, weshalb wir zunächst zwei Tage in Chiang Mai verbrachten. Wir wohnten – wie meist – etwas außerhalb und bekamen daher die Möglichkeit, die Stadt abseits des touristischen Zentrums kennen zu lernen.

Im Unterschied zu Indonesien fielen uns sofort ein paar Dinge ins Auge: Weit weniger Roller, weniger Lärm, weniger Dreck, mehr Ordnung. Wir waren kurz verwirrt, als die Rollerfahrer vor dem Losfahren warteten, bis die Straße frei war und eine Straßenspur tatsächlich nur in eine Richtung genutzt wurde. Im Straßenbild erstaunte uns vor allem die hohe Dichte an Cafés auch außerhalb der touristischen Stadtteile, die mit Berlin Mitte oder Hamburg Eppendorf locker mithalten konnte. Wir entdeckten außerdem einen Markt mit Früchten, Gemüse, Fleisch und Fisch – auch lebenden – aller Art und genossen wieder authentisches Streetfood und ein tolles Abendessen unter Einheimischen beim – von uns so genannten – Korean BBQ.

Am 17.8. war es dann endlich so weit. Nach positiver E-Mail, dass unser Aufenthalt im Kloster stattfinden konnte, machten wir uns auf den Weg.

Wir hatten online zwei Plätze im empfohlenen Kleinbus Richtung Norden gebucht. Nach zehn Minuten Fußweg mit circa 25 kg Gepäck pro Person – getreu unserem Motto „#travellight“ – erreichten wir den doch erstaunlich gut organisierten Busbahnhof. Wie sich herausstellte, transportierten die Kleinbusse nicht nur Personen, sondern auch Post und Pakete in das thailändische Hinterland. Ehe man sich es versah, waren der schmale Kofferraum und Gang des Busses mit Kartons vollgestellt, weitere Pakete türmten sich auf dem Dach und auf einmal schien Carstens Idee vom Vortag, gleich einen Sitzplatz mehr für das Gepäck zu reservieren, gar nicht mehr so lächerlich. Wir näherten uns dem Gefährt und der Fahrer warf erst einen Blick auf unsere Rucksäcke, dann auf den bereits überfüllten Bus, dann aufs Dach. Uns allen war die einzige Lösung schnell klar und so wurde unser Gepäck mit Zuhilfenahme eines rückenschondenen Zugseils (= Carstens Schulter) auf das das Dach gehievt. Über Gepäck und Fracht im Innenraum des Busses kletternd nahmen wir Passagiere unsere Plätze ein und los ging die wilde Fahrt.

Bald wurde es um uns herum (im Gegensatz zu Antonias immer blasser werdendem Gesicht) sehr grün und bergig. Unser schwer beladenes Gefährt mühte sich die steile Straße hinauf, zu deren beider Seiten dichter Regenwald zu sehen war, nur ab und zu unterbrochen von Reisfeldern, soweit die Neigung des Berges es erlaubte. Nach etwa sechs Stunden Fahrt lud der Fahrer unser Gepäck und uns an der Abzweigung zum Kloster aus. Die Sonne brannte vom Himmel, die Luft war schwül und heiß und wir hatten etwa eineinhalb Kilometer Fußmarsch vor uns – wohl wissend, dass uns keinerlei Verpflegung an diesem Tag mehr erwartete.

Mitten im Nirgendwo lässt uns der Busfahrer aussteigen

Nach einer ausgiebigen Rast mühten wir uns schwitzend die Straße entlang und verfluchten – mal wieder – unser „leichtes“ Reisegepäck. Abgekämpft erreichten wir unser Ziel nach einer gefühlten Ewigkeit, sicherlich ein interessanter Anblick für die seligen Klosterbewohner. Aber der Weg hatte sich gelohnt. Das Kloster lag wunderschön im Wald am Fuße mehrerer bewaldeter Felsen und wurde von einem kleinen Fluss durchzogen. Es strahlte schon jetzt ein Gefühl des Friedens und der Ruhe aus.

Nach der Registrierung bekam jeder von uns seine Kuti, eine einfache Holzhütte mit eigenem Bad, zugewiesen.

Vor der Registrierung hat Antonia noch Flausen im Kopf

Dazu gab es weiße Kleidung, eine Matte, zwei Decken und ein Kissen. Die nächsten Tage würden wir getrennt voneinander schlafen, da physischer Kontakt zwischen den Geschlechtern streng untersagt war.

Klosterschüler Ufer in ordnungsgemäßem Klostergewand vor seiner Kuti

Beim Bezug unserer Kuti kam die erste Überraschung. Das Bett stellte sich als schlichtes Holzgestell heraus, auf welches die dünne Matte gelegt wurde. Schon beim Anblick bekamen wir Rückenschmerzen und vier Nächte schienen uns auf einmal sehr mutig – wobei man dazu sagen muss, dass der abgesprochene Plan drei Nächte umfasste, wir uns bei der Anmeldung nur irgendwie verzählt hatten und somit für vier Nächte eingebucht waren. Im Rahmen der Registrierung waren uns nur wenige grundsätzliche Regeln zum Verhalten auf dem Gelände erklärt worden. Den Rest würden wir schon die nächsten Tage allein herausfinden. Wir zogen uns um und traten – jetzt ganz in weiß – auf das Gelände, nicht sicher, was die nächsten Tage passieren würde.

Der Aufenthalt im Kloster

Wir hatten den ursprünglichen Plan, dass jeder seine eigenen Gedanken zum Klosteraufenthalt verfasst und wir diese in separaten Absätzen voneinander veröffentlichen. Wir gingen davon aus, dass es vermutlich sehr schwer werden würde, hier auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Allerdings erlebte Antonia bezüglich dieses Beitragsteils das Schicksal, welches Carsten schon ein Leben lang erleidet (Carsten ist eigentlich ein talentierter Autor, hat nur leider seit Geburt eine Schreibblockade…). Insofern muss der Beitrag von Carsten genügen, um einen Teileinblick in unsere Klostererfahrung zu geben.


Verflixt, dachte ich mir, als ich meine zwei Rucksäcke (#travellight), die Tasche mit den Atemreglern sowie die mir neu in die Hand gedrückten Sachen (weiße Hose, weißes Shirt, zwei Decken, eine Matte und ein Kissen) in meine neue Unterkunft (Kuti) geschleppt hatte und erst einmal vollgeschwitzt da stand. Bei der Anmeldung hatten wir uns doch tatsächlich um einen Tag verzählt, so dass wir nun vier Nächte hier bleiben wollten. Wie oft darf man eigentlich seine Klamotten wechseln? Egal, es blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn gleich war gemeinsames Aufräumen des Klosters angesagt und man wollte ja nicht am ersten Tag negativ auffallen. Was genau zu tun war, war allerdings auch nicht so klar. Es wurde nicht viel erklärt, sondern wir würden schon mitbekommen, wie sich der Ablauf hier gestaltetet. Also, schnell in die bequeme weiße Hose geschmissen, das weiße Shirt angezogen und ab zur Arbeitssuche in die Haupthalle. Erstmal beobachten, was die anderen so machen. Dies war leider keine große Hilfe, es waren nicht viele Personen da und diejenigen die da waren, hatten bereits die wenigen vorhandenen Laubbesen an sich gerissen, um damit im Garten zu fegen. Ein tolles Geräusch, das hilft bestimmt bei der gleichzeitigen Achtsamkeitsübung. Hmmm, also weiter in die Abwaschhalle. Yesssss, ein dreckiger Teller… und sogar mit Besteck. Schön sauber abwaschen, hervorragend. Mist, immer noch 55 Minuten auf der Uhr. In diesem Moment sah ich Antonia aus dem Augenwinkel heimtückisch grinsen. Irgendwo hatte sie einen Besen und einen feuchten Mop aufgetrieben und wischte durch die Abwaschhalle. Das würde bestimmt 20 bis 30 Minuten bringen.

Doch halt, was erblickten meine Augen da neben den Abwaschbecken? Da waren doch Flecken und Essensreste. Hervorragend. Also, Küchenlappen geschnappt und Essensreste beseitigt. Die Frage nach dem richtigen Mülleimer würde ich im Verlauf der restlichen Tage noch klären, nachdem ich in jedem Mülleimer und in den Futternäpfen für die Klosterhunde Essensreste gefunden hatte (kleiner Vorgriff: Wie sich noch herausstellte, sollten die Essensreste direkt in den Abfluss, der unmittelbar in den Teich führte. Die Fische im Teich würden sich dann darum kümmern. Bei dieser Information drängte sich mir sofort unweigerlich die Frage auf, warum auch handelsübliches Spülmittel benutzt wurde. Ich entschied mich aber schweren Herzens, den Beamten in mir heraus zu kramen und fragte einfach mal nicht weiter nach…). Gut, eine halbe Stunde war geschafft. Während Antonia noch fleißig den Boden wischte, erspähte ich einen Besen und machte mich daran, die Innenräume zu fegen. Beim Blick auf die zu allen Seiten offene Halle inmitten der umgebenden Natur kamen mir die Begriffe „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, „Grundausbildung“ und „Sisyphus“ in den Sinn. Sofort ermahnte ich mich wegen meiner unzüchtigen Gedanken, während ich bemerkte, dass sich der Besen ganz langsam und unmerklich in seine Einzelteile zerlegte und hin und wieder durch Verlust einzelner Borsten zur Förderung seiner eigenen Nutzung beitrug. Herrlich, dachte ich, die Arbeitsstunde für morgen ist auf jeden Fall gerettet, ich muss nur diesen Besen irgendwo verstecken… Prompt folgte die nächste innerlich Ermahnung und mein Blick fiel auf einen Mitstreiter. Dieser nutzte einen ähnlichen Besen wie ich und fegte die Stuhlreihen entlang, alles schön an die Mauer der Halle. Die Wette, die ich in diesem Moment mit mir selbst schloss und ob derer ich mich selbstverständlich sofort selbst erneut ermahnte, gewann ich. Bis zum Abschluss der Putzstunde kam der putzende Kollege nämlich nicht auf die Idee, eine Schaufel zu holen, so dass der Wind sein Tageswerk wohl bald zunichtemachen würde. Aber hey, meine letzten fünf Minuten waren gerettet, denn ich konnte am Rand der Mauer zusammen mit den Beigaben meines Besens noch ein wenig Dreck zusammenfegen und die gemeinsame Arbeitsstunde war geschafft.

Jetzt durfte man gemeinsam Kaffee oder heiße Schokolade trinken. Natürlich warf das gesamte Spektakel auch Fragen bei Toni auf und wir beide diskutierten sowohl unseren Rechenfehler bezüglich der hier zu verbringenden Tage als auch die Taktik für die nächsten Nachmittage.

Klosterschüler Ufer nach getaner Arbeit
Kosterschülerin Ufer nach getaner Arbeit

Glücklicherweise hatte ich am Abend des ersten Tages dann doch noch ein überzeugendes Erlebnis: Ich erinnere mich vor allem an die Gänsehaut, die ich bekam als wir in der Dhammahall saßen und eine Glocke läutete. Sie kündigte den Beginn des Abendgesangs an, den ich aus der ersten Reihe mitbekommen würde. Nachdem ich zunächst versucht hatte, mich taktisch auf einen Beobachterplatz in der hinteren Ecke zu setzen, wurde ich höflich, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass Männer in den ersten beiden Reihen sitzen müssen. Da saß ich also, nichtsahnend, was passieren würde und in ständiger Anspannung, nichts falsch zu machen und sich dadurch womöglich respektlos zu verhalten. Nach dem Glockenton verging eine gefühlte Ewigkeit, bis die Mönche die Halle betraten. Ich saß im ungewohnten Schneidersitz und kam trotzdem zur Ruhe. Die Mönche traten ein, vollzogen ihr Platzierungsritual und es ging los. Mit Hilfe des Gesangbuchs folgte ich der Zeremonie ein paar Augenblicke und stimmte dann mit ein. Auf Pali, Thailändisch und Englisch zollte ich Buddha meinen Respekt. Schon nach kurzer Zeit fühlte es sich irgendwie ganz normal an. Der Gesang mündete in eine Meditation und erst hier merkte ich, dass ich meine Sitzposition seit Beginn kaum geändert hatte und sich meine Schmerzen noch im Rahmen hielten. Ab und an öffnete ich die Augen, spürte den Wind der Ventilatoren in meinem Gesicht und sah die Silhouetten der meditierenden Mönche gegen den immer dunkler werdenden Abendhimmel.

Ich war tief berührt und meine Augen wurden – wie inzwischen schon öfter während der Reise – ein klein wenig feucht vor lauter Glückseligkeit. Als die Meditation beendet wurde, richtete einer der in diesem Moment wohl glücklichsten und zufriedensten Menschen in dieser Welt, nämlich der Abbot (= „Chefmönch“) dieses Klosters, ein paar Willkommensworte an uns. Alle Neuankömmlinge des Tages wurden herzlich begrüßt und in seiner unnachahmlich lustigen Art zeigte er noch einmal die wichtigsten geltenden Klosterregeln auf, was vielen Anwesenden unweigerlich ein Lächeln ins Gesicht zauberte: No paaty, only little paaty. Men and women separated. Big paaty outside. Here meditation. Makes us happiiiiii. Tomorrow mooning, good and tasty Thai food. Makes us happiiiiii. But no BBQ.

Unser Guide

Anschließend saßen Toni und ich noch bei einer heißen Schokolade zusammen und ließen die Ereignisse des Tages Revue passieren. Bald mussten wir in unsere Kutis gehen und in getrennten „Betten“ oder besser gesagt auf getrennten Holzfutons schlafen. Dies war ein wirklich seltsames Gefühl. Es gab dann auch keinen Kuss, nicht einmal eine Umarmung, denn wir versuchten, die Regeln während unseres Aufenthalts so weit wie möglich zu respektieren.

Für mich galt das jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich meine Unterkunft betrat. Also etwa drei Minuten. Glücklicherweise wurde uns gesagt, dass wir erst morgen eine Einführung in die Meditation bekommen würden und wir damit so was wie „frei“ haben würden. Morgen könnten wir gegen 5.45 Uhr in der Küche helfen. Ich war müde und trotz unseres späten Mittagessens ein wenig hungrig. Meine abendliche Meditationsübung bestand deshalb darin, mich ins Bett – ähhhhh – auf das Holzbrett zu legen und ein Audiobuch zu hören, um schnellstmöglich einzuschlafen. Allerdings kämpfte ich mit dem harten Untergrund und der Abwesenheit der vertrauten Person neben mir. Mein „Trick“, die zweite Decke zu einer Matratze umzufunktionieren, kam gefühlt aus der Kategorie „kannste schon so machen, bringt aber halt nichts…“ und so lag ich länger wach als mir lieb war.

Da kannst Du drauflegen, was Du willst – es bleibt hart

Den auf 4.45 Uhr gestellten Wecker nahm ich wahr, konterte allerdings sehr schnell, indem ich die morgendliche Meditationsübung zu einer Liegemeditationssession erklärte. Ich kann schließlich nichts dafür, wenn man ungeübt während dessen einfach einschläft. Um 5.40 Uhr beendete ich meine Meditationsübung prompt und machte mich auf den Weg zur Küche. Dort wurde ich mehrfach hin und hergeschickt und durfte am Ende helfen, zu zweit einen Wagen zu schieben, auf dem sich zwei Schüsseln befanden, so dass mir am Ende ähnliche Begrifflichkeiten wie gestern in den Sinn kamen. Naja, morgen würde ich einfach länger in meiner Kuti meditieren.

Tatsächlich brachte mich das nächste tägliche Ritual aber schnell auf andere Gedanken. Wie jeden Morgen um 6.30 Uhr galt es, den Mönchen Reis anzubieten. Alle „Nicht-Mönche“ nahmen sich einen Teller mit Reis und setzten sich in eine Reihe, die Männer zuerst, die Frauen dahinter. Taktisch klug setzte ich mich in die Mitte der Reihe neben den anderen, der sich ebenfalls in die Mitte gesetzt hatte. Ich wurde langsam stutzig, als alle Nachkommenden begannen, links von mir Platz zu nehmen. So viel Platz war doch da gar nicht gewesen. Aber es dauerte nicht lange und der zur Neige gehende Platz zwang die Leute endlich dazu, sich auch rechts von mir niederzulassen. Dem armen Tropf neben mir merkte man deutlich an, dass er genauso wenig Ahnung hatte wie ich. Aber auch er hatte Glück, denn bald saßen neben ihm noch ein paar weitere Personen. Die Glocke läutete und der Raum kam zur Ruhe. Rechts von mir betraten die Mönche die Halle und ich versuchte, die Handlungen der Personen neben mir gut zu beobachten, um durch Nachahmung möglichst keinen Fehler zu begehen. Leider schienen viele ebenfalls wenig Ahnung zu haben, so dass sich die Abläufe von Person zu Person leicht unterschieden. Klar war aber, dass ich den Mönchen, sobald sie vor mich traten, etwas Reis von meinem Teller in ihre große Schüssel geben musste. Ich hatte nicht aufgepasst, wie viele Mönche die Halle betreten hatten, also löffelte ich kleinstmögliche Portionen in die Schalen, in der Hoffnung, nicht respektlos zu erscheinen. Am Ende hatte ich noch jede Menge Reis auf meinem Teller, keiner der Mönche hatte jedoch etwas bemängelt und ich war froh, für den nächsten Morgen gewappnet zu sein. Doch was war das. Nachdem der Abbot seine Morgenansprache beendet hatte und alle zum Frühstücksbuffet gingen, wurden einige handverlesene Klosterbesucher plötzlich mit ein paar Essensschüsseln auf die Reise geschickt, um den Mönchen zu folgen. Puh, Glück gehabt (also ich), denn Toni (hatte wohl weniger Glück) war unter den Auserwählten und konnte mir im Anschluss bestimmt erzählen, was zu tun sei, wenn man ausgewählt wurde.

Das Frühstück war eine Offenbarung, der glückliche Abbot hatte nicht übertrieben. Wir aßen das bisher beste und authentischste „Thaifood“, was wir uns vorstellen konnten. Mich störte es plötzlich überhaupt nicht, dass es zum Frühstück warmen Reis mit Gemüse und Pilzen gab, dazu scharf gewürzt. Es war einfach extrem lecker und ich konnte gar nicht genug bekommen, zumal ich schon daran denken musste, dass es dann nur noch Mittagessen geben würde. Toni und ich besprachen sofort, woran es wohl lag, dass es hier so gut schmecken würde. In Thailand ist es üblich, dass die normale buddhistische Bevölkerung (auch Laienbuddhisten genannt) die Mönche in ihrem alltäglichen Leben unterstützt. Dies tun sie etwa durch tägliche Essensspenden oder durch die freiwillige Mitarbeit in einem Kloster. Auch vor Ort hatten wir zahlreiche Personen gesehen, die zum Teil mit im Kloster wohnten und sich um das tägliche Klosterleben kümmerten. Sie bearbeiteten beispielsweise die Klostergärten, kümmerten sich um die Wäsche, versorgten die Gäste, hielten das Kloster sauber (dabei hatten wir uns ja schon mehr oder weniger erfolgreich einbringen können) und bereiteten auch das Essen zu. Insofern war es kein Wunder, dass wir echte Hausmannskost bekamen und das schmeckten wir auch. Ehrlicherweise war hier der Zeitpunkt erreicht, wo wir gesagt haben, allein wegen des Essens würde sich der Aufenthalt schon lohnen.

Aber es wurde noch besser. Nach dem Essen und der kurzen Freizeit, die entweder für einen Kaffee oder für einen powernap ausreichte, trafen wir uns für die erste Meditationsübung. Nach einer kurzen Einführung durch einen ausländischen und damit sehr gut Englisch sprechenden Mönch, sollte es zunächst eine Gehmeditation geben und wir machten uns auf den Weg durch das Klostergelände. Wir sollten achtsam einen Schritt vor den anderen setzen und uns auf die Bewegung konzentrieren. Es sollte helfen, bei jedem Schritt eine Silbe des Namen des Erleuchteten aufzusagen (z.B. „Bud“ – linker Fuß; „dho“ – rechter Fuß). Klang eigentlich nicht so schwer, aber ich merkte regelmäßig, dass meine Gedanken abdrifteten, wenn ich bei „Bud“ plötzlich den rechten Fuß aufsetzte. Dennoch war es toll, wie ruhig ich werden und nur den Moment wahrnehmen konnte. Ich spürte, wie sich Farbe und Konsistenz des Weges, Geräusche, Wind und Sonne änderten. Leider spürte ich auch, wie mich die Ameisen, die häufig auf dem Weg lauerten, in den Fuß bissen, da die Meditation barfuß durchgeführt wurde. Bud-dho, Bud-dho, Bud-dho… Nach der etwas über eine Stunde dauernden Gehmeditation ging es in die Sitzmeditation über. Glücklicherweise war eine der ersten Anleitungen, dass die Art und Weise, zu sitzen, keinen Unterschied mache. Es gehe nicht darum, sich eine dreiviertel Stunde lang zu quälen, sondern zu beobachten, wie der Körper reagiert und sich dem gegebenenfalls anzupassen. Es war also auch kein Problem, wenn man seine Position während der Meditation änderte und sich auf einen Stuhl setzte.

Im Anschluss an die erste Meditation folgte das religiöse Ritual um das Mittagessen. Die Mönche setzten sich im vorderen Teil der Halle in eine Reihe, vor jedem Mönch wurde ein männlicher Klosterbesucher gesetzt. Die Frauen dagegen setzten sich in eine lange Schlange vor den Abbott und „übergaben“ ihm nach und nach die Speisen. Da es Frauen im thailändischen Buddhismus nicht erlaubt ist, einen Mönch zu berühren, erfolgte die Übergabe mittels eines rechteckigen Tuches. Nachdem das Gefäß auf dem einen Ende des Tuches platziert worden war, zog der Abbott das Tuch zu sich heran und stellte das Gefäß zur Seite. Dabei bedankte er sich ausgiebig bei den Frauen für die Darbringung der Speisen. Nachdem er sich bedient hatte, schob er die Schüssel oder den Topf nach rechts weiter, wo das Gericht von einem der sitzenden, männlichen Klosterbesucher entgegengenommen und dem nächsten Mönch übergeben wurde. Anschließend gab der Mönch Schale oder Teller zurück an den Klosterbesucher, der sie einfach dem nächsten Klosterbesucher nach rechts weitergab, bis sich alle Mönche genommen hatten. Nachdem alle Mönche versorgt waren, ging man selbst zum Buffet und bediente sich. Es war ungefähr 11 Uhr und es würde bis morgen früh gegen 7 Uhr nichts mehr zu essen geben. Also galt für mich, wegzuschlichten, was ging. Das war glücklicherweise nicht so schwer, da es wieder einfach vorzüglich schmeckte.

Nach einer kurzen oder längeren Pause – je nachdem wie schnell man aß oder welche Aufgaben sich nach dem Essen noch ergaben – war es dann Zeit für eine Nachmittagsmeditationsübung, die sich ähnlich wie am Vormittag gestaltete, bevor es wieder an die allgemeine Aufräumstunde ging. Es war also doch recht simpel, denn nach einem Tag hatte ich den Ablauf grob verstanden. Der Tagesablauf war – abgesehen von Kleinigkeiten (mal fegte ich statt der Halle den Rasen, mal half ich mit, eine Klimaanlage in die neu errichtete Dhammahall zu hieven, und einmal setzte ich meine glorreiche Idee um, das Aufräumen der eigenen Kuti in die Nachmittagsstunde zu verlegen) – wirklich jeden Tag derselbe und ich konnte mich voll und ganz auf das Leben im Kloster einlassen. Dies gelang mir ab dem zweiten Tag noch besser, da ich die morgendliche Liegemeditationsübung zwischen 5 und 6 Uhr voll auskostete.

Klosterschüler Ufer spielt Quidditch ähhhhh Fegen

Was machte den Aufenthalt im Kloster für mich zu etwas Besonderem:

Zunächst einmal hatten wir Glück, dass sich nur sehr wenige Besucher im Kloster aufhielten. Obwohl wir gelesen hatten, dass der Aufenthalt in einem Schlafraum mit mehreren Gästen die übliche Unterbringung war, bekamen wir eine eigene Kuti und von den etwa vierzig Kutis waren noch jede Menge frei. So waren wir zu Höchstzeiten etwa 30 Besucher, wo sonst den Bildern im Gesangbuch nach zu urteilen etwa 150 bis 200 Personen normal waren. Das gesamte Kloster strahlte eine Ruhe aus, in der man nicht nur sehr gut reflektieren konnte, sondern unerwarteterweise auch hervorragend untergebracht war. Womöglich vereinfachte die geringe Anzahl an Besuchern den gesamten Tagesablauf.

Ein Blick in den leeren Aufenthaltsraum

Daneben hatten wir Glück, dass wir das Kloster zu einem besonderen Zeitpunkt aufgesucht hatten. Die buddhistischen Mönche in Thailand verbleiben während eines bestimmten Zeitraumes des Jahres an einem bestimmten, selbst gewählten Kloster. So waren während unseres Aufenthaltes nicht nur die sich im Kloster üblicherweise aufhaltenden zwei thailändischen Mönche, sondern mehrere einheimische und daneben aber auch viele ausländische Mönche anwesend. Das vereinfachte für uns das Verständnis der regelmäßigen Dhammatalks (zu vergleichen etwa mit unseren Predigten), Meditationsanleitungen und Geschichten, sofern diese in englischer Muttersprache erfolgten. Ich erinnere mich vor allem an einen längeren, sehr erfrischenden Austausch mit einem australischen Mönch. Derartige Einblicke erweiterten meinen Horizont und halfen mir, den thailändischen Buddhismus besser zu verstehen. Ich sehe dies als Chance, sich in Zukunft mit aktuellen Fragestellungen nicht nur aus der europäischen, sondern auch aus einer buddhistisch angehauchten Perspektive zu befassen. Überhaupt sehe ich mich nun noch einfacher in der Lage, Themen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Außerdem fühle ich mich seit dem Aufenthalt viel gelassener (und wer mich kennt, weiß, was diese Aussage bedeutet…).

Auch wenn ich von der Europa schon gewohnt war, nach einem vorgegebenen Rhythmus zu leben, war es hier noch einmal ein anderer Rhythmus. Der Fokus war komplett darauf gerichtet, unter Anleitung und Unterstützung der Mönche zur Ruhe zu kommen und mit sich selbst im Reinen zu sein. Ähnlich wie auf der Europa war es jedoch eine Freude zu sehen, mit wie wenig Materiellem ich glücklich und zufrieden sein kann, auch wenn ich mich noch nicht auf den spirituellen Weg ins Nirwana begeben möchte.

Der unglaubliche Bezug zum Hier und Jetzt, der einem zu Teil wird, wenn man gefühlt die Hälfte des Tages mit Meditation verbringen kann, auch wenn ich es in der kurzen Zeit vermutlich nicht geschafft habe, eine Stufe auf der Leiter ins Nirwana zu erklimmen.

Ich merkte, wie stark Toni und ich als Paar in den vergangenen Monaten zusammengewachsen waren. Obwohl wir so unglaublich viel Zeit miteinander verbringen durften, fühlte sich das getrennte Einschlafen und die fehlende Möglichkeit, sich in den Arm zu nehmen, auch für diese kurze Zeit einfach nur ungewohnt und falsch an. Und die Einblicke, die wir in diese Art von Buddhismus bekommen hatten, sorgten nicht nur für neue Inspiration zum Nachdenken, sondern bilden seitdem auch oft eine Grundlage für ausführliche Diskussionen.   


Welche Fragen noch offen blieben:

  • Was passiert eigentlich, wenn sich alle Menschen dazu entschließen, als Mönch bzw. Nonne zu leben?
  • Was passiert mit dem zusammengefegten Laub im Kloster?

    Ab dem zweiten Tag hatte ich die Chance ergriffen und für die Aufräumstunde rechtzeitig einen Laubbesen ergattert. Oft blieb das zusammengefegte Laub einfach am Boden liegen. Als einer der wenigen sammelte ich das zusammengefegte Laub in Mülltonnen, die während unseres Aufenthaltes jedoch nicht geleert wurden, so dass es schon am dritten Tag schwierig wurde, zusammengefegtes Laub nicht am Boden liegen zu lassen.
  • Warum benutzen die Mönche Sonnenschirme, wenn es doch nur ein (und nicht ihr) Körper ist, der in der Sonne meditiert?
  • Warum herrscht eigentlich immer noch kein Weltfriede?

    May all beings be well, happy and peaceful, free from enmitty and suffering. Whatever merits we have done, may these merits be shared by all.“ Dabei werden in so einem Kloster wirklich viele „merits“ produziert, wenn es nach den Mönchen und sonstigen Klosterbewohnern geht.

Nach dem Kloster

Obwohl wir nur fünf Tage im Kloster verbrachten, nahmen wir so viel mit. Das bessere Verständnis einer Religion, von der wir nur sehr wenig gewusst hatten, war für uns der Bereich, der hinter dem Tellerrand lag, über den wir für einen kurzen Augenblick sehen konnten. Besonders beeindruckte uns, dass es im thailändischen Buddhismus – im Gegensatz zu anderen Weltreligionen – keinen Gott gab (in anderen buddhistisch beeinflussten Ländern ist das anders). Buddha selbst und seine Lehren gelten nur als Vorbild und Anleitung. Das Ziel des Buddhismus ist die Erlösung von allem Leid. Diese Erlösung kann im Wesentlichen durch Meditation erreicht werden. Auf dem Weg zur Erleuchtung liegen dabei mehrere Stufen, die durchlaufen werden müssen. Die Mönche versuchen, diese Erlösung zu erreichen, helfen aber vor ihrer Erlösung den normalen Menschen, die nicht die Zeit haben, sich vollständig auf die Religion zu konzentrieren. Dafür geben die Mönche ihr normales Leben und ihre normalen Bedürfnisse auf und verdienen sich so den Respekt der normalen Bevölkerung, die sie im Gegenzug unterstützt. Diese Unterstützung ist in Thailand wirklich augenfällig (man stelle sich in Deutschland die Situation vor, in der ein Mönch um 4 Uhr früh an der Tür klingelt und um Almosen bittet…). Die Erlösung wird im Ergebnis also nicht, wie in vielen anderen Religionen, von höherer Macht gewährt, sondern die Gläubigen sind fähig zu ihrer eigenen Erlösung, aber gleichzeitig auch verantwortlich, diese herbeizuführen.

Wir sind sehr dankbar für die Gelegenheit, das Leben in einem buddhistisches Kloster hautnah mit zu erleben
Bei der thailändischen buddhistischen Praxis über die Schulter zu schauen hat uns sehr viel gebracht

Was wir hingegen überhaupt nicht schön fanden, war die Rolle, die der Frau im thailändischen Buddhismus zugedacht wurde. Obwohl der Buddhismus eine völlig wertneutrale und gerechte Religion darstellt – zumindest wurde uns das vom australischen Mönch so bestätigt – hat die thailändische Kultur die Religion so weit beeinflusst, dass die Frauen in die zweite Reihe gedrängt werden. Da dies kulturell bedingt von allen akzeptiert wird, wollen wir das an dieser Stelle gar nicht weiter bewerten oder verurteilen. Bei der Wahl einer Religion für uns wäre dies aber ein entscheidender negativer Faktor.

Aber zurück zum eigentlichen Ziel:

Wir beide fanden im Nachhinein, dass die Klostererfahrung genau das darstellte, was wir auf unserer Reise suchten. Glück für Carsten, denn nun konnte er seinen letzten Trumpf ausspielen. Er schlug vor, sich an eine weitere Grenzerfahrung zu wagen, die für beide völliges Neuland wäre. Das Apnoetauchen. Fasziniert von den Möglichkeiten, die das Apnoetauchen bietet, war Antonia nicht abgeneigt. Und wo konnte man dies zu diesem Zeitpunkt besser und bequemer machen als in Thailand, z.B. auf Koh Tao? Auf diese Frage kam keine relevante Gegenwehr und Antonia war endlich inceptioned.

Das finale Ziel war somit erreicht: Familie Ufer würde – wieder einmal – nach Koh Tao fahren. Auf unserem Weg Richtung Süden verbrachten wir noch zwei Tage in Pai und erwarteten nicht viel, nachdem diese Stadt von vielen jüngeren Menschen um die 20 und noch mehr Aussteigern als „spirituell“ bezeichnet wird.

Nach dem Aufenthalt im Kloster kam uns Pai vor wie ein Abklatsch seines spirituellen Rufs und unsere Erwartungen wurden sogar noch untertroffen. Was wir positiv empfanden, war die Tatsache, dass man fast alle Klosterbesucher in ziviler Umgebung wieder traf und völlig entspannt über die gemeinsame Erfahrung sprechen konnte. Auch die schöne Natur, die man fußläufig erkunden konnte, fanden wir nicht schlecht.

Was ebenfalls in Erinnerung bleiben wird, ist die Tatsache, dass wir eine Unterkunft in der Nähe des Busbahnhofes buchen wollten und dabei nicht beachteten, dass die Brücke über den Fluss seit geraumer Zeit kaputt und noch nicht wieder repariert worden war. Aus der Strecke von 700 Metern wurden also zweieinhalb Kilometer und wir freuten uns bereits zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit über unser leichtes Reisegepäck.

Zuletzt erinnern wir uns gerne an das burmesische Restaurant und das liebevoll eingerichtete Café, die wir auf Anraten eines ebenfalls im Kloster weilenden Pärchens besuchten.

Ansonsten waren wir nicht unglücklich, Pai den Rücken zu kehren, um von dort nach Chiang Mai (Bus) über Bangkok (Nachtzug) und Koh Samui (Flugzeug) weiter nach Koh Tao (Fähre) zu reisen.

Der Wandschmuck unserer Unterkunft in Pai soll unseren Beitrag um die Debatte zur kulturellen Aneignung darstellen

Koh Tao

Eigentlich wollten wir Stefan überraschen, aber nachdem er bereits angefragt hatte, ob wir im Oktober in Australien sein würden, befürchteten wir, dass er Koh Tao auch kurzfristig verlassen könnte und berichteten von unseren kurzfristigem Plan, ihn besuchen zu wollen. Happy zu hören, dass er auf uns warten würde, schleppten wir (mal wieder) unser leichtes Reisegepäck (diesmal fluchte eigentlich nur Antonia) vom Hafen zur Tauchschule, wo wir uns endlich wieder sahen. In alter Manier hatte er uns verheimlicht, dass zur selben Zeit ein weiteres befreundetes Paar zu Besuch war und wir feierten gleich am ersten Abend ausgiebig unser aller Wiedersehen. Wir hatten einen sehr lustigen Abend und für uns war es tatsächlich etwas ganz besonderes, nach so langer Zeit mal wieder völlig bedenkenlos bis spät in die Nacht feiern zu können. Wir genossen die gemeinsame Zeit auch aus einem anderen Grund. In letzter Zeit hatten wir oft darüber geredet, dass eines der wenigen Dinge war, die wir in der Zwischenzeit wirklich vermissten, tiefergehende Gespräche mit Familie und Freunden waren. Dies konnten wir nun endlich einmal nachholen.

Wir treffen Stefan sowie Chrissi und Chris. Wir hoffen, Ihr hattet genauso viel Spaß wie wir und ein Dankeschön noch einmal für die Rücknahme einiger Sachen nach Deutschland (#travellight).

Nach und nach traf Carsten dann in der Tauchschule viele alte Bekannte, die sich mehr oder weniger gut an ihn erinnerten (wir wollen hier keine Namen nennen…) und auch dies musste selbstverständlich gebührend gefeiert werden.

Danke Justus, Elle, Jan und Stefan (von rechts nach links)! Hoffentlich bis bald mal wieder.

Und letztlich verwirklichten wir unseren Plan und besuchten einen freedive-Kurs. Das freediving war für Antonia, was das Surfen in Indonesien für Carsten darstellte. Während Carsten von Beginn an ganz wenig Lust auf Ertrinken verspürte und sehr zurückhaltend (bis panisch) die Luft anhielt, war Antonia begeistert von dieser Sportart und entpuppte sich als wahres Naturtalent. Das gesamte Ambiente um das freediving war ihr wie auf den Leib geschneidert. Sie fühlte sich nicht nur pudelwohl, sondern auch unglaublich frei und bewegte sich so unbeschwert, dass die angepeilten 20 Meter überhaupt kein Problem für sie darstellten. Carsten hingegen war froh, am zweiten Tag nicht mehr nur ans Ertrinken denken zu müssen. Nachdem er die ganze Sache entspannter anging, hatte auch er mehr Spaß dabei. Er merkte am eigenen Leib, wie stark das freediving mental beeinflusst wird. Eine tolle Sportart und vielen Dank an Ash, unsere sehr kompetente Lehrerin bei Blue Chitta (www.bluechitta.com). Zumindest Antonia hofft sehr, ihre eigene Leistungsfähigkeit im freediving noch öfter unter Beweis stellen zu können.

Antonia auf dem Weg zu 20 Metern Tiefe

Wir nahmen uns auf Koh Tao schließlich auch noch etwas Zeit für „tauchenmitstefan“. In alter Tradition wurde Stefan von uns genötigt, mit tauchen zu gehen. Und als er kaum noch einen Grund hatte, uns abzusagen und auch der vormittagliche Regen, der uns fast schon allen die Lust auf Tauchen vermiest hatte, plötzlich vorbei war, gingen wir tatsächlich gemeinsam aufs Nachmittagsboot. Am Vortag hatte es Walhai gegeben und wir erhofften uns nicht zu vernachlässigende Chancen. Wir wechselten von einer Mudda auf die andere und kamen hoffnungsvoll am Tauchplatz an, wo die Kapitäne der anderen Boote schon winkten. Ein fettes Grinsen machte sich breit und Antonia sah ihren ersten Walhai. Was für ein Glück. Wir beschlossen kurzfristig, auch für den zweiten Tauchgang am selben Platz zu bleiben. Alle anderen Boote wechselten den Tauchplatz und hatten nun das Nachsehen, da der Walhai unserer noch nicht überdrüssig geworden war und wir ihn nun für uns alleine. Was für ein Erlebnis. Stefans Walhaiquote für 2022 lag damit bei 100% und wir waren froh, dass er mit uns diesmal kein Pech hatte. Beim nächsten Besuch auf Koh Tao soll es ja wieder mit Stefan ins Wasser gehen 😉. Fraglich bleibt allerdings, wie sich dieser Besuch in Tonis Gehirn einpflanzen lässt.

tauchenmitstefan: Stefan, Fische und anderes Getier
80 Sekunden Walhai
Man sieht deutlich, dass es für Antonia der erste Walhai ihres Lebens war

Wir trauen uns gar nicht zu berichten, dass wir auch bei den beiden folgenden Tauchgängen das große Glück hatten, einen Walhai zu sehen. Unsere Quote lag damit ebenfalls bei 100%. Wir genossen die letzten Tage auf der Insel, feierten noch das ein oder andere Mal mit alten und neuen Freunden und verließen die Insel am Ende – wie fast immer – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ginge es nach Carsten, hätten wir auf jeden Fall „auf Wiedersehen“ gesagt. So oder so, wir hoffen auf ein wie auch immer geartetes Wiedersehen! Die Insel und ihre für Thailand untypischen Bewohner vermitteln uns immer wieder ein Gefühl von Heimat.

Danke, good bye und bis bald!

Abschied auf Raten

Indonesien, Lombok und Gili Trawangan 31.07.-11.08.2022

Nach über einem Monat auf Bali machten wir uns auf Richtung Osten, um noch mehr von Indonesien zu bereisen. Wir waren im Stadium des „Inselhopping“ angekommen, auch wenn wir es auf Grund der wenig verbliebenen Zeit in dieser Disziplin nicht zur Meisterschaft bringen würden. Von Amed aus ging es mit dem Schnellboot an die nordwestliche Küste von Lombok, der nächst größeren Insel neben Bali. Obwohl kleiner als Bali, hat die Insel immer noch eine stattliche Größe und durch die im Landesinneren gelegenen, bergigen Regionen sind überwiegend die Küstengebiete gut erschlossen. Es schien demnach ratsam vorher zu überlegen, wo wir genau hinwollten. Die Insel hat viele Aktivitäten und Attraktionen zu bieten, wie Reisfelder und Wasserfälle (das hatten wir schon mal, oder?), Tauchen (kommt uns auch bekannt vor), weiße Strände, rosa Strand und die obligatorische Sonnenaufgangstour auf den Mt. Soundso (das war das, was wir definitiv nicht noch einmal machen wollten, oder?). Viel Bekanntes also. Carstens Wunsch war es, seiner neu entdeckten Leidenschaft, dem Surfen, nochmal in aller Ruhe nachgehen zu können. Daher entschieden wir uns für den Süden der Insel.

Ein Hotel war im Vorfeld schnell gebucht, zu welchem wir nach unserer Ankunft am Hafen von Lombok auch gerne wollten. Am Pier erwartete uns das typische Gewühle und Gedränge aus Gepäck, Passagieren und lokalen Privatunternehmern aller Art. Ehe wir uns versahen, hatte ein mehr als zuvorkommender Helfer kurzerhand unseren Rucksack geschultert und sich Richtung Ausgang aufgemacht. Wir mussten zusehen, dem Mann mit unserem restlichen Gepäck hinterher zu kommen, und landeten letztendlich – wie so häufig – bei einem Restaurant vor dem Hafen. Wir wurden aufgefordert, uns doch zu setzen und etwas zu trinken. Beides wollten wir nicht. Wie zu erwarten, wollte sich der gute Samariter seine ungefragten Trägerdienste bezahlen lassen. Antonia war den aufdringlichen und ungefragten Dienstleistungen uns Touristen gegenüber mittlerweile mehr als überdrüssig und tat dies auch lautstark kund. Carsten dagegen blieb ruhig, gab dem betrübten Mann ein Trinkgeld und befriedete die Situation inklusive seiner zeternden Ehefrau. Wir nahmen unser Gepäck wieder vollständig an uns. Unter dem Haufen bemerkten wir plötzlich einen herrenlosen schwarzen Rucksack. Der Träger deutete an, dass das doch wohl unser Rucksack sei, vermutlich in der Hoffnung auf weiteres Trinkgeld. Wir verneinten aber guten Gewissens und waren nun ein wenig besser gelaut, da wir zumindest dem Entführer unseres Gepäcks nicht aus den Augen verloren hatten. Der Besitzer des schwarzen Rucksackes schien seinen Weg hingegen nicht in unser Restaurant gefunden zu haben. Vermutlich saß er im Warung drei Häuser weiter, verhandelte irgendeinen Preis und trauerte seinem Gepäck hinterher. Arme Wurst.

Auf dem Weg zum Restaurant hatte sich zeitgleich zur Rucksackjagd ein – ebenfalls unausweichliches – Gespräch zwischen Antonia und einem lokalen Transportunternehmer entsponnen, welches in harte Verhandlungen über den Transport und Preis mündete. Nach viel hin und her, Palaver und „zu versorgenden Familien“ auf beiden Seiten kam es zu einer Einigung und wir saßen endlich im Taxi Richtung Süden. Der Fahrer nahm die Küstenstraße, entlang derer sich zufällig auch mehrere Aussichtspunkte, ein Markt und ein traditionelles Dorf befanden. Seine Angebote, anzuhalten, lehnten wir stoisch ab und er musste weiterfahren. Auf der Fahrt jammerte er ununterbrochen, wie lang der Weg sei. Aber klar, die von ihm gepriesenen und von uns verschmähten Sehenswürdigkeiten lagen irgendwie nicht auf dem direkten Weg zur Unterkunft. Am Ende der Fahrt blieb deshalb sogar Carsten standhaft und verweigerte den recht aufdringlichen Wunsch des Fahrers nach einem Trinkgeld. Auch arme Wurst.

Typisches Straßenbild in der Hauptstadt Lomboks

Der Blick aus dem Fenster zeigte uns seit langem wieder eine andere Landschaft: Hinter dem blauen Meer und weißen Strand erhoben sich zügig mit Palmen und Wald bewachsene Hügel, Felsen und Berge, alles schien wesentlich trockener und nicht mehr ganz so immergrün wie auf Bali. Zudem fehlten die hinduistischen Tempel und Opferstellen. An ihre Stelle waren Moscheen getreten und die Frauen auf den Rollern neben uns trugen wieder ein Kopftuch. Nach etwas über zwei Stunden Fahrt erreichten wir unser Domizil und waren mehr als glücklich. Das kleine Hotel war liebevoll gestaltet und wir fühlten uns auf Anhieb wohl.

Der Surf-Strand war eine weitere positive Überraschung, entpuppte er sich doch als wunderschöne, langgezogene Bucht mit feinem, weißem Sand und blauem Wasser. Bis auf den Anfangsteil, in welchem sich wie üblich kleine Buden, Strandliegen und Surfboard-Verleihe aneinander reihten, lag er einsam da und lud zu ausgedehnten Strandspaziergängen ein. In Kombination mit dem Blick auf die umliegenden Hügel und Buchten würde es dieser Fleck Erde in jede Urlaubsanzeige schaffen. Und vermutlich hatte er das auch, da sich in den Hügeln oberhalb des Strandes mehrere Resorts mit für uns utopisch teuren Luxusvillen nebst ihrer europäischen/amerikanischen/australischen Bewohner fanden.

Und nochmal, weil‘s so schön war

Die nächsten Tage verbrachten wir überwiegend am Strand, Antonia mit Sonnenbaden und Spazierengehen, Carsten auf dem Surfboard bzw. im und unter Wasser. Carsten alias „Tom“ hatte schnell Bekanntschaft mit einer Gruppe junger Einheimischer geschlossen, die einen der Warungs betrieben, und wir waren gern gesehene Gäste. „Tom“ war Carstens neuer Künstlername. Der deutsche Name „Carsten“ stellte für die meisten Indonesier eine erhebliche Herausforderung dar, was Aussprache und Erinnerungsvermögen betraf. Und wer würde nicht gerne mal „Tom“ heißen. Eines Abends wurden wir von eben jenen Männern zu einem Lagerfeuer am Strand eingeladen, dem wir uns gerne anschlossen. Aus einem mobilen Lautsprecher erklangen bald abwechselnd englischsprachige Pop-Hits und typische indonesische Musik, während wir mit einem Bier in der Hand den Sonnenuntergang beobachteten. Es dauerte nicht lange, da wurden die Liegen um das Lagerfeuer bei Seite geschoben und die Tanzfläche im Sand eröffnet. Im Laufe des Abends kam einer der Männer mit einem Mikrofon an und erklärte, ab jetzt würde Karaoke gesungen. Zu unserer Gruppe hatten sich mittlerweile noch einige andere Strandbesucher gesellt und das Mikrofon wurde reihum weitergegeben. Einige richtige und viele schiefe Töne schallten jetzt über den Strand, taten der guten Stimmung aber keinen Abbruch. Auch wir überwanden unsere anfängliche Hemmung und gaben uns die Ehre. Der Dieter wäre sicher stolz auf uns gewesen und wir mindestens im Recall. Sobald das Feuer drohte auszugehen, wurde „Feuerholz“ nachgelegt. Das dabei verwendete Holz hatte wenig mit unserem Feuerholz gemeinsam, sondern schien eher von der Wandverkleidung der Bretterbude hinter uns zu stammen. Wir befürchteten schon, die jungen Männer würden ihren eigenen Warung verfeuern. Zu fortgeschrittener Stunde wurde sogar eine „alte“ Strandliege in die Flammen geschoben, die sich unserer Ansicht nach nicht von den noch am Strand befindlichen unterschied. Aber wir gehen mal davon aus, dass sie wussten, was sie taten. Als wir die Party gegen Mitternacht verließen, stand der Warung zumindest noch und war auch am nächsten Tag unversehrt.

Als wunderbarer Abend mit den Füßen im Sand, den Sternen über uns und der puren Freude am Leben bleibt er uns besonders in Erinnerung.

Bilder gibt es von diesem Abend leider und Videos Gott sei Dank nicht.

Wenn wir nicht gerade wild im Sand zu indonesischer Volksmusik tanzten und dabei deutsche Schlager zum Besten gaben, verbrachten wir die Abende meist in einem Strandrestaurant, welches zu einer der großen Villen-Anlagen gehörte. Bei ein bis drei kleinen „großen Bintängchen“ (600ml Bintang-Bier) genossen wir ein halbes Duzend Sonnenuntergänge und führten lange Gespräche über uns, das Leben und die Reise. Seit knapp einem halben Jahr waren wir unterwegs und hatten in der Zeit so viele Orte, Menschen, Kulturen kennengelernt und so viel erlebt, dass uns manchmal ganz schwindelig wurde. Wir liebten es, auf Reisen zu sein, die Welt zu entdecken, Neues zu sehen und auszuprobieren. Gleichzeitig wurde uns bewusst, was uns zu fehlen begann: unsere Familien und Freunde, ein fest verwurzeltes Sozialleben und das Gefühl von Heimat.

Zeitrafferaufnahmen – Carstens neue Lieblingsdisziplin im Kurs „Instagram für Dinosaurier“

Und noch eines fühlten wir beide gleichermaßen: Den Wunsch nach mehr. Was genau meinten wir damit? Wir waren seit fast 60 Tagen in Indonesien und hatten die meiste Zeit auf Bali verbracht. Die Insel wird nicht umsonst als Urlaubsparadies beschrieben und hat auch wirklich alles zu bieten, was man sich für seinen Traumurlaub wünscht. Wir waren aber nun einmal keine Urlauber, sondern Reisende. Uns ging es nicht um Erholung, dafür hatten wir beide das Innere eines Arbeitszimmers schon zu lange nicht mehr gesehen. Wir wollten erleben, erfahren, eintauchen, erkunden. Die Einheimischen, ihr tägliches Leben, Gedanken und Lebensweise kennen lernen und ein Verständnis für das Land entwickeln. Nach unserer Einschätzung war uns das in Indonesien nicht oder nur sehr selten gelungen. Wir konnten unseren großen Abstand zur vorherrschenden Religion und Kultur nicht wirklich verkleinern und kratzten demnach weitgehend an der Oberfläche. Hierbei spielte sicherlich eine Rolle,

  • dass wir unglaublich viele Leute trafen, die selbst nicht aus Bali stammten und nur zum Broterwerb auf die Insel gekommen waren,
  • dass die bestehende Sprachbarierre oftmals einen tiefergehenden Austausch verhinderte und
  • dass viele Touristen den Eindruck vermittelten, gar nicht tiefer in ein authentisches Bali einsteigen zu wollen.

Wir hatten eine schöne Zeit auf Bali gehabt, aber bei keinem von uns war bislang ein tief gehender Eindruck entstanden. Kurz gesagt – wir wollten mehr. Wir wussten beide noch nicht, wie genauso dieses „Mehr“ aussehen würde, vertrauten aber darauf, dass wir es bei Zeiten schon rausfinden würden. Im Rahmen der Visaverlängerung hatten wir einen Flug nach Bangkok gebucht, da dies einer der günstigsten Flüge gewesen war und Bangkok als Drehzentrum Asiens viele Möglichkeiten bot (hierzu aber mehr im nächsten Beitrag). Wir hatten so zumindest einen Startpunkt für unsere Überlegungen.

Wie um uns eines Besseren zu belehren, hatten wir in den letzten Tagen auf Lombok doch noch eine interessante Bekanntschaft mit einem jungen Indonesier, der in unserem Hotel arbeitete und wohnte. Da er verhältnismäßig sehr gut Englisch sprach, war mit ihm ein wirklicher Austausch möglich. Wir führten ausgiebige und interessante Gespräche über das Leben in Indonesien, den Verkehr, das Essen („if it’s no rice, it’s not a meal, we would call it a snack“), das Müllproblem, Tourismus, COVID, Politik und Umweltschutz. Ein wildes Potpourri aus allem, worauf man so kommen kann. Er hatte eine sehr intelligent-ironische Art, die Eigenheiten seines „Volkes“ zu beschreiben. Zum Beispiel würden die Indonesier einfach schon immer ihren Müll neben das Haus werfen, egal, ob es jetzt Mülltonnen gäbe. Das sei einfach so, sagte er mit einem Kopfschütteln und ironischen Lächeln auf den Lippen („have you seen our trash can? It´s out there next to all the trash“). Von ihm bekamen wir unverhofft ein besseres Verständnis für Land und Leute. Außerdem durften wir dank ihm zwei außergewöhnlich köstliche Desserts probieren, zwei weitere authentische kulinarische Highlights auf unserer Indonesien Reise. Wir sind glücklich, zum Ende hin doch noch erlebt zu haben, wonach wir eigentlich gesucht hatten.

Antonia bei dem Versuch, nach 4 Monaten „Abstinenz“, in der Küche zu helfen. Es gab Pfannkuchen gefüllt mit karamellisiertem Kokosnussfleisch. Fühlte sich nach dem Verzehr an wie eine vollwertige Mahlzeit, war aber lediglich ein Snack.
Crispy fried Banana – ein Genuss!

Langsam neigte sich unsere Zeit aber ihrem unausweichlichen Ende zu. Wir entschieden, unserem Logbuch noch ein paar Tauchgänge hinzuzufügen und zum Abschluss nach Gili Trawangan (Gili = Insel auf Indonesisch) zu hoppen, eine der „drei bekannten Gilis“. Die zwischen Bali und Lombok gelegene Inselgruppe ist ein SEHR beliebtes Ziel für Backpacker, frisch Verheiratete und Familien. Und ein Taucher-Mekka. Wieder ging es mit dem Taxi quer über die Insel, diesmal aber ohne großes Palaver und auf direktem Weg. Am Hafen nahmen wir das öffentliche – also auch von den Einheimischen genutzte – Shuttleboot, was nur einen Bruchteil der Speedboote kostete, uns aber genauso sicher und wegen der geringen Entfernung auch ähnlich schnell ans andere Ufer brachte.

Shuttleboot nach Gili Trawangan – noch günstiger geht es nur mit der öffentlichen Fähre, die allerdings nur zwei Mal am Tag fährt. Wer am Schalter bzw. sogar schon am Parkplatz nicht aufpasste, dem wurde schnell ein Ticket für ein Speedboat angedreht, das zehn Mal teurer und im Ergebnis nicht viel schneller war.

Dort angekommen, war das Erste, was uns auffiel, der fehlende Rollerlärm, da motorisierte Fortbewegung auf der Insel weitgehend verboten ist. Eine sehr willkommene Abwechslung zu dem nervigen Dröhnen, Knattern und Hupen, das uns seit Jakarta begleitete. Dafür gab es hier Pferdekutschen und Fahrräder. Letztere waren nur ob ihrer Lautstärke eine Verbesserung zu den motorisierten Zweirädern. Es wurde schnell klar, dass die meisten Fahrer normalerweise selten bis nie ein solches Gefährt steuerten. Die Fahrkünste wurden bei falscher Sattelhöhe („wie Affe auf Schleifstein“, würde Antonias Mutter dazu sagen), ohne Klingel und im Dunkeln nach übermäßigem Alkoholkonsum oder dem Genuss anderer Rauschmittel (mushrooms waren sehr angesagt) nicht besser. Für den unbedarften Fußgänger wurden sie deshalb durch ihren unberechenbaren Fahrstil ebenso zur Bedrohung wie die ihn sonst heimsuchenden wild gewordenen Rollerfahrer.

Die gelben Pferdekutschen ersetzen hier die sonst typischen TukTuks.

Wir blieben jedenfalls beim Altbewährten und liefen in circa 2 Stunden zu Fuß um die Insel – diesmal ohne Blicke dafür zu kassieren. Wieder wurde augenfällig, welche Spuren die Pandemie hinterlassen hatte.

Die Natur holt sich zurück, was einmal ihr gehörte. Bei dem Versuch, dies festzuhalten, wird Carsten fast von Radfahrern über den Haufen gefahren.
Es gab aber auch Kurioses zu entdecken, wie den Freiluft-Friseur mit Meerblick.

Die Tage auf Gili Trawangan waren gefüllt mit tollen Tauchgängen, am Strand hängen, essen und dem klassischen „Sonnenuntergang-mit-einem-kühlen-Getränk-genießen“. Wie der Leser mittlerweile bemerkt haben muss, gab es für uns sehr viele Sonnenuntergänge. Tatsächlich waren sie auf Gili T. besonders spektakulär und schön. Wir erlebten wirklich jeden einzelnen sehr intensiv, kamen früher und saßen meist länger als alle anderen und führten noch das ein oder andere tiefgründige Gespräch, wenn es schon längst dunkel war. Oft verarbeiteten wir dabei unsere unzähligen bisherigen Erfahrungen, was uns gleichzeitig immer wieder daran erinnerte, wie gut es uns ging und welches Glück wir gerade hatten.

Und nochmal, weil‘s so schön war
Am letzten Abend gibts – klassisch indonesisch – Sushi

Am 11. August schließlich verließen wir die Insel mit dem Boot in Richtung Bali. Die Abfahrtszeit war auf etwa 11:30 Uhr festgelegt. Nach langer Wartezeit bei 30 Grad im Schatten kam die Fähre mit deutlicher Verspätung und verließ erst gegen 12:45 Uhr den Hafen. Die Fahrt dauerte nicht angekündigte eineinhalb sondern drei Stunden und der Wellengang verbannte Antonia bald an die frische Luft aufs Hinterdeck, wo die dort ausharrenden Kreaturen dann und wann von einer Welle getroffen und durchnässt wurden. In nasser Hose und Hemd, grün im Gesicht und an die Reling geklammert, erinnerte sie sich plötzlich an die Geschichte von einer Gruppe Australier, die wir am Vortag im Irish Pub getroffen hatten. Neben der Show, die sie in ihrem nicht ganz nüchternen Zustand geboten hatten, hatten sie unter anderem folgende Story zum Besten gegeben, als es darum ging, wie entspannt doch die Indonsier alles sehen würden: Sie waren ein paar Jahre zuvor auf eben dieser Fähre unterwegs gewesen, als kurz vor der Küste und schon in Sichtweite des Hafens plötzlich die Motoren stoppten. Wie sich herausstellte, war dem Schiff der Treibstoff ausgegangen. Auf die in einer Mischung aus Verblüffung und Ärger gestellte Frage, wie das passiere könne, immerhin bewältige das Boot ja täglich genau diese Strecke, sei mit einem Schulterzucken und den Worten „Tank ist leer“, geantwortet worden. Es habe damals weitere zwei Stunden gedauert, bis über ein kleines Boot 20 Liter Diesel an Bord gebracht worden waren. Zu Antonias Übelkeit kamen jetzt noch Horrorvorstellungen von Motorenausfall oder manövrierunfähigem Boot, gepaart mit Überlegungen zu ihrer Schwimmleistung („Zwei Kilometer sind ja jetzt auch nicht so viel, oder?“). Gott sei Dank erreichte unser Boot ohne „weitere Verzögerung“ oder Zwischenfälle sein Ziel. Auf dem Weg nach Denpasar holten wir noch unser restliches Gepäck aus der Aufbewahrung und erreichten erschöpft gegen sieben Uhr abends unser Hotel. Antonias Jeans war immer noch nass. Arme Wurst.

Am nächsten Tag wurden die Rucksäcke gepackt, ein letzter Gang zum Strand unternommen und jeder von uns durfte nochmal sein indonesisches Lieblingsgericht essen. Antonia bekam Nasi Campur (Reis mit gemischten Beilagen, die sich der Kunde aus einer Auswahl wählen darf), Carsten Pecel Lele (frittierter ganzer Wels). Außerdem legte sich Antonia in einer 4-stündigen Sitzung noch eine neue Frisur zu. Mit dem Gerede über das Ja oder Nein, Für und Wider dieser Frisur hatte sie ihren Mann zwei Monate genervt, das sollte ja nicht umsonst gewesen sein.

„I like that you’re burning it“

Dann hieß es wieder zum Flughafen und Abschied nehmen. Auch wenn es nicht die intensivsten zwei Monate unserer Reise waren, hatten wir die Zeit in Indonesien, die Einfachheit des Reisens, das überwiegend gute Wetter, die vielen Stunden am und im Wasser sowie das fantastische Essen sehr genossen. Nach fast zwei Monaten hatten wir uns schon sehr an das Leben in Indonesien gewöhnt, so dass sich vieles normal anfühlte. Insofern fiel uns der Abschied schwerer als gedacht – zumal uns gerade aufgrund der Ferne zu Deutschland noch bewusster wurde, dass wir dieses Land – wenn überhaupt – nicht mehr so bald zu Gesicht bekommen würden.

Terima kasih, Indonesien. Es war uns eine Ehre (bei diesem Satz gehen besondere Grüße nach Düsseldorf).

#travellight nach Bangkok

Unser Reiseversuch auf einer Urlaubsinsel – Part 2 

Indonesien, Bali 13.07. – 31.07.2022

Die Verlängerung unserer Visa dauerte tatsächlich die veranschlagten zwei Wochen, so dass wir uns weiter im Süden von Bali aufhielten, um kurzfristig unsere Pässe abholen zu können. 

Uluwatu

Zunächst ließen wir Neuprofis der Surfkunst es uns nicht nehmen, das Surfermekka rund um Uluwatu zu begutachten. Wir mieteten uns für ein paar Tage in der Gegend ein und unser geschultes Auge erkannte auf den ersten Blick, dass wir den dortigen Wellen und Gegebenheiten nicht ansatzweise gewachsen wären.

Hervorragende Bedingungen zum Wellenreiten. Allerdings nicht für uns. Im August fand in der Gegend der Rip Curl Cup der World Surf League statt.

Also ließen wir das neue Flair einfach auf uns wirken. Kaum Einheimische, dafür viele Dudes. Viel weniger Warüngchen, dafür Bäckereien, Eisdielen und viele trendige Cafés. Außerdem einsame Strände und schöne (aber definitiv nicht zu unserem Budget passende) Unterkünfte in traumhafter und ruhiger Lage. 

Unsere Highlights waren:

  • Ein selbst zusammengestelltes Abendessen mit Sauerteigbrot, dazu Tomaten, Gurken, Avocado und Hummus sowie indonesischer Rotwein (stilecht aus dem Papppecher)
  • Ein ausgiebiger (leckerer und für indonesische Verhältnisse ziemlich teurer) Brunch zum Hochzeitstag
  • Im Gegensatz zu Kuta konnten wir den Sonnenuntergang fast allein an einem Strand genießen
  • Wir verbrachten einen Nachmittag an einem einsamen Strand
Ein wunderschöner einsamer Strand…
…Perspektivwechsel. Immer noch ein wunderschöner einsamer Strand?
  • Bei dem Besuch eines malerisch gelegenen Tempels konnten wir zusehen, wie richtig gemeine Affen Jagd auf bewegliche Gegenstände der Besucher machten. Nachdem Opfer und Beute ausgeguckt waren, erfolgte der Überfall blitzartig. Die Räuber machten sich aber nicht aus dem Staub, sondern zogen sich lediglich an einen für das weitere Prozedere strategisch klugen Ort zurück. Sobald sich nämlich eine Attacke ereignet hatte, näherte sich ein „freiberuflicher Tempelangestellter“ dem Affen und warf ihm so lange in Plastikbeutel eingepackte Obststücke zu, bis dieser sich zwischen Beute und Essen entscheiden musste. In der Regel ließ er das Beutestück fallen und machte sich mit dem Obst davon. Der Besitzer nahm den Gegenstand wieder in Empfang und überreichte im Gegenzug ein kleines Trinkgeld. Eine klassische win-win-win-Situation, oder nicht?
  • die mit der geringeren Bevölkerungsdichte korrelierende geringere Anzahl an Rollern

Canggu

Trotz der wunderbaren Ruhe und der schönen, naturnahen Gegend in Uluwatu zogen wir noch einmal an einen belebten Strand. Wir wollten einen weiteren Strandabschnitt kennenlernen und noch ein wenig surfen. Canggu war für uns eine Mischung aus Kuta und Uluwatu. Zu dem Lärm und dem belebten (= übervollen) Strand aus Kuta kamen die „westlich“ geprägten Läden und Touristen aus Uluwatu. Die Wellen waren für uns etwas schwieriger als in Kuta und wir haben gut was weggepaddelt. Surfen war jetzt tatsächlich ein richtiger und anstrengender Sport geworden, bei dem der Spaß (zumindest für Carsten) trotzdem nicht zu kurz kam. 

Unsere Highlights waren

  • Eine Strandparty ganz wie früher (also vor COVID). Besonders hat uns das „mobile Tatoostudio“ gefallen, das die alkoholbedingte Entscheidungsfreude des ein oder anderen Gastes hemmungslos ausnutzte;
  • Der Besuch eines wunderbares Cafés, in dem wir gleich zwei Mal frühstücken waren, weil es uns so gut gefallen hat (ja, wir haben uns hier ausnahmsweise den westlichen Einflüssen nicht entzogen – im Gegensatz zum Essen, wo wir fast ausschließlich lokale Angebote wahr nahmen, konnten wir uns während des gesamten Aufenthaltes in Indonesien den ein oder anderen Cappuccino nicht verkneifen);
  • Wir verbrachten einen Abend in einer Bar mit hauseigener craftbeer-Brauerei, die ein wirklich hervorragendes IPA produziert hat (glücklicherweise war das Bier relativ teuer, was einen Kater am nächsten Tag verhinderte)

Ubud

Nach der erfolgreichen Visaverlängerung verließen wir die Hauptstadt Balis Richtung Ubud. Ubud stellte sich als wahrer Touristenmagnet heraus. Von der Authentizität, von der wir im Vorfeld viel gelesen hatten, spürten wir – zumindest im Zentrum der Stadt – relativ wenig. Ähnlich wie Canggu, nur ohne Strand und die westlichen Läden waren noch gedrängter. Wenigstens in unserer liebevoll gestalteten Unterkunft fühlten wir uns indonesisch aufgenommen. Ansonsten machten wir dort das, was alle Touristen machen, diesmal jedoch ohne Sonnenauf- oder -untergang und ohne Guide, sondern auf eigene Faust in eigenem Tempo. Wir legten einen Reisterassentag, einen Wasserfalltag und einen Tempeltag ein und konnten demnach sowohl die sogenannten Sehenswürdigkeiten und „Geheimtips“ vor Ort als auch die dorthin geführten Instagram- und TikTok-Touren beobachten (was wir mindestens genauso spannend fanden).

Der Reisterassentag

So lernten wir, dass es an den Reisterassen unheimlich wichtig ist, sich laut jauchzend auf einer der zahllosen Schaukeln filmen zu lassen, während man ein langes Gewand tragen muss. Ganz entscheidend ist dann die Suche nach einem Spot, der ein Bild ermöglicht, ohne dass andere Menschen darauf zu sehen sind. Je größer das Areal ist, desto einfacher wird diese Suche (siehe dazu weiter unten).

Der Wasserfalltag

An den Wasserfällen muss man sich wiederum unbedingt so ablichten lassen, dass der Eindruck vermittelt wird, man wäre allein dort – bestenfalls ist man dabei möglichst wenig bekleidet. Was man auf den ganzen Fotos im Übrigen nicht sieht, ist die unheimliche Lautstärke, die von einem Wasserfall ausgehen kann. Diese kann nur dadurch getoppt werden, dass ein Café, ein Restaurant oder sonst ein Vergnügungsetablissement mit noch lauterer Musikbeschallung dagegen ankämpft.

Der Tempeltag

Wie auf ganz Bali wimmelt es nur so von hinduistischen Tempeln in Ubud. Auch viele private Häuser mit ihren Gartenanlagen sind von den Bewohnern entsprechend gestaltet und geschmückt, so dass wir als Laien oft zwei Mal hinsehen mussten, um feststellen zu können, ob es sich um einen Tempel oder ein privates Wohnhaus handelt.

Wo ein Tempel ist, ist die Zeremonie nicht weit. In Ubud wurden wir Zeugen einer der zahlreichen hinduistischen Zeremonien auf Bali. Deren Grund, Dauer und Häufigkeit erschloß sich uns meist weder auf den ersten Blick noch aus dem ersten Gespräch mit den Einheimischen. Nicht selten gab es verschiedene Informationen. Uns wurde allerdings erklärt, dass die Zeremonien und die entsprechenden Besuche der Tempel ganz schön teuer werden können 😉

In einem besonderen Tempel in Ubud, dem „Monkey Forrest“, kann man lernen, wie man sich definitiv nicht gegenüber Affen verhalten sollte. Hier arbeiten täglich Menschen mit den Affen und „trainieren“ ihnen einen friedlichen Umgang mit den vielen Besuchern an. Die Affen werden durch das Verhalten der Tempelangestellten quasi abgerichtet (mit diesem Begriff gehen viele Grüße nach Wolnzach), so dass sie sich oft ohne Ärger von den unvorsichtigen Besuchern fotografieren und filmen ließen und sogar für Fotos auf deren Schultern kletterten, während sie von einem Angestellten durch Futtergabe ruhig gestellt wurden. Wer hier in die „Affenschule“ geht, wird leider nicht auf die Realität vorbereitet und mit hoher Wahrscheinlichkeit böse Überraschungen beim Aufeinandertreffen mit „echten“ Affen in freier Wildbahn erleben (nach unseren Erfahrungen in Südafrika und Tansania fühlen wir uns inzwischen ganz gut gewappnet; sobald wir in die Nähe von Affen kommen, werden Lebensmittel und bewegliche Gegenstände, wie z.B. Handy, Mütze, Brille weggepackt sowie – falls verfügbar – Steine und Stöcke gesammelt). 

Während unseres Aufenthalts verhalten sich die Affen den Besuchern gegenüber auffallend friedlich. Dennoch sind wir vorsichtig. Wenigstens wissen wir jetzt, wofür das billige Handy noch gut ist.

Daneben tranken wir den berühmten Kopi Luwak und besuchten eine balinesische Tanzaufführung. 

Traditionelle balinesische Tanzkunst bei Glockengeläut, zumindest für unsere Ohren.

Sobald man sich etwas abseits der Touristenpfade bewegte, wurde es authentischer. Etwa zwei Kilometer nördlich der Reisterassenschaukeln fuhren wir durch typische Dörfer und aßen in einem kleinen Warüngchen am Straßenrand den besten frittierten Wels in ganz Indonesien. Als wir uns anschließend einem bekannten Berg näherten, wurden wir gleich von der örtlichen „Bergführermafia“ bedrängt. Laut in ihre Trillerpfeiffen blasend, versuchten sie, uns auf unserem Roller zu stoppen. Wir fühlten uns plötzlich sehr unwohl, gaben Gas und suchten das Heil in der Flucht. Aufgrund dieser Erfahrung und der anschließenden Googlesuche verzichteten wir darauf, die Gegend um den Berg und den Berg selbst zu erkunden. Die Zeit für Wanderungen würde auf unserer Reise ja noch kommen und das unbeständige balinesische Wetter lud uns ohnehin nicht wirklich zum Wandern ein. An diesem Tag hatten wir wettertechnisch beispielsweise das ganze Programm von Hitze und Schwüle bis hin zu Kälte und Regen. 

Ein Blick in das für den besten frittierten Wels verantwortliche Warüngchen

Als Fazit können wir den Hype vor allem um Reisterassen und Wasserfälle nicht ganz nachvollziehen. In der Regel konnten wir folgendes beobachten: Entweder bezahlt man zu viel Geld für einen Guide bzw. Fahrer, der einen zu den aus seiner Sicht richtigen Reisterassen bringt. Wir haben mit drei Fahrern gesprochen und alle drei wollten uns zu unterschiedlichen Reisterassen bringen, die man unbedingt gesehen haben muss. Für Wasserfälle, bzgl. derer wir uns nach einer google-Suche und der Entscheidung für den absoluten Geheimtip (haha) gar nicht weiter informiert haben, dürfte ähnliches gelten. Fährt man hingegen selbst und nähert sich auch nur der Gegend um derartige Naturschauspiele, wird man allseits bedrängt, den nur hier verfügbaren, einzigen und richtigen, zufälligerweise oft kostenpflichtigen Parkplatz zu nehmen. Schafft man es mit viel Glück zu einem wirklich richtigen Parkplatz, der nahe der Sehenswürdigkeit liegt und auch nichts kostet, besteht die nächste Aufgabe darin, den richtigen Eingang zu finden. Schon vor dem richtigen Eingang erwartet den Besucher ein fast undurchdringlicher Dschungel an Verkaufsständen und man mag sich gar nicht ausmalen, wie es aussieht, wenn man den Fehler begeht und der Richtung folgt, in die ein Einheimischer zeigt, während er den Namen der entsprechenden Sehenswürdigkeit murmelt… Aber hey, der Schal, das T-Shirt und ein Restaurantbesuch sind doch auch ganz schön. Viele „no, thank you“-s (inzwischen auch auf indonesich – „tidak, terima kasih“) später, erreicht man völlig erschöpft den Eingang und darf sich nach Bezahlen des Eintrittsgeldes nicht selten der vielen Personen erwehren, die sich mal mehr, mal weniger ausdauernd als Guide für die Sehenswürdigkeit anbieten („tidak, terima kasih“). Dieses Schicksal trifft den Touristen auch, wenn man einen Fahrer gebucht hat, der einen nur vor dem Eingang aussteigen lässt. Ist das Areal der Sehenswürdigkeit groß genug, empfehlen wir in solchen Fällen, schnell die Flucht nach vorne anzutreten. Dies hat auch folgenden Vorteil: Schon nach wenigen hundert Metern haben 90 Prozent der Besucher keine Lust mehr, auf die von der Evolution zugedachten Fortbewegungsmittel zurückzugreifen, so dass man etwas mehr Ruhe hat. Hinzu kommt, dass man in Bezug auf viele Sehenswürdigkeiten nur noch mit werbewirksamen Bildern überhäuft wird. Drohnenvideos, Shootings unter Ausschluss der Öffentlichkeit und Bildnachbearbeitungen vermitteln Eindrücke, die man in der Realität schlicht nicht bekommen kann. Heerscharen von Touristen 4.0 versammeln sich trotzdem vor Ort, um in aufwendigen Aktionen eben solche unrealistischen Eindrücke festhalten zu können. Nur um dann der eigentlich gar nicht interessierten Welt per social media die Kopie eines falschen Eindrucks vermitteln zu wollen. Selbstverständlich können Reisterassen und Wasserfälle fotogen sein. Man darf aber nicht vergessen, dass die Schweißdrüsen vieler Menschen nach zehn Minuten Fußmarsch in praller Sonne und bei schwüler Hitze anfangen, in Hochtouren zu arbeiten. Dieses Gefühl, was sich auf Bildern (auch per Drohne) nicht wirklich vermitteln lässt, sorgt häufig dafür, dass viele die Umgebung gar nicht genießen können und den ach so schönen Ort schnellst möglich wieder verlassen wollen.

Wir haben nach unseren Reisterassen- und Wasserfalltagen auf einer ziellosen Fahrt von einem Ort zum anderen jedenfalls einfach mal nach links und rechts gesehen und festgestellt, dass Indonesien hier genauso toll aussieht. Und wenn wir eine Drohne dabei gehabt hätten, hätten wir sicherlich auch ein wunderschönes Video davon drehen können 😉

Amed

Wir waren nicht allzu traurig, als wir uns weiter auf den Weg Richung Ostküste nach Amed machten. In Amed landeten wir in einem Homestay-Bungalow in traumhafter Lage. Hoch oben am Hang gelegen bot es einen fantastischen Blick über die Bucht und das Meer.

Das Ganze noch einmal als Video
Natürlich auch während der Dämmerung

Auch in Amed war augenfällig, dass die Pandemie deutliche Spuren hinterlassen hatte. Viele Unterkünfte, Restaurants und Tauchschulen waren noch verlassen und in einem entsprechenden ungepflegten Zustand.

Nichtsdestotrotz suchten wir uns eine Tauchschule und wollten die nächsten Tage endlich die Unterwasserwelt Balis erkunden. Erkältungs- oder COVID-bedingt (wer weiß das heutzutage schon…) musste Carsten allerdings schon nach einem Tag die Segel streichen. Antonia schaffte immerhin zwei Tage, bevor auch sie krankheitsbedingt aufgeben musste. Die wenigen Tauchgänge waren trotzdem sehr beeindruckend mit vielen neuen Pflanzen und Tieren.

Wir lieben Kofferfische

Leicht bis mittelstark angeschlagen verbrachten wir wieder einmal viel Zeit im Bett und mussten uns mit der Erkundung der Netflix- und Überwasserwelt zufrieden geben. Die Überwasserwelt vermochte uns zu überzeugen.

Extrem positiv vermerken wir auch, dass wir noch nie so gute Mangos gegessen haben wie hier.

Nach einer Woche verließen wir dieses schöne Fleckchen Erde und brachten das Abenteuer Bali zu einem Abschluss. Wir waren etwas traurig, da wir gerne häufiger tauchen gegangen wären, freuten uns aber auch auf das, was noch bevorstand.

Während wir einen Kaffee (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Cappuccino) trinken, wird eine religöse Handlung praktiziert. Leider finden wir keinen Zugang zum Hinduismus – auch nicht als Antonia sich herrlich christlich fluchend den Knöchel an einem im Strand steckenden, gut versteckten Räucherstäbchen verbrannte.

Unser Reiseversuch auf einer Urlaubsinsel – Part 1

Indonesien, Bali 26.6. – 13.7.2022

Auf einmal waren wir angekommen. Wir hielten uns in einer balinesischen Wohngegend auf und hatten in einer engen Gasse Platz genommen, die das europäische Auge nicht als solche erkannt hätte. Um uns herum nahmen wir Kombinationen aus verschiedenen Baumaterialien wahr, die einzelne, voneinander abgetrennte Wohneinheiten ergaben. Das, was wir bei uns wohl als Küche bezeichnen würden, war meist vor den Einheiten platziert – in Form von zwei elektrischen oder gasbetriebenen Herdplatten. Wir saßen provisorisch auf Schemeln, die an Kinderstühle erinnerten. In dazu passender Größe stand vor uns eine Holzbank, auf der wir Plastikteller und die Töpfe platzierten, die uns von unseren Gastgebern nach und nach gereicht wurden. In diesen wurden philippinische und javanesische Suppe, fangfrischer Fisch sowie Meeresfrüchte (gegrillt, gekocht und gebraten) selbstverständlich nebst einer ordentlichen Portion Reis serviert. Um uns herum herrschte reges Treiben. Gleich neben uns hatte sich eine größere Ansammlung von Menschen getroffen, um eine religiöse Zeremonie abzuhalten, wie uns der Gastgeber erklärte. Die Nachbarschaft hielt sich ebenfalls weitgehend vor den Türen auf. Regelmäßig quetschte sich jemand an unserer Sitzgelegenheit, der ebenfalls außen liegenden Wasserstelle und den einzelnen Kochstellen vorbei. Aus den umgebenden Wohnungen drangen Geräusche von Fernsehern, Mobiltelefonen und Kindern. Alle paar Minuten konnten wir das Dröhnen eines Flugzeugs über uns hören und spüren. Es roch vorzüglich und schmeckte noch viel besser. Wir hatten versucht, uns bei der Zubereitung der Speisen irgendwie einzubringen, doch außer dem Schneiden einer Chilischote, dem Schälen von drei Knoblauchknollen (ja, Knollen und keine Zehen) und dem Waschen von zwei Tellern und einer Schüssel durften wir keine Hand anlegen. Immer, wenn wir aufgestanden waren, um zu helfen, wurden wir ruhiggestellt, indem uns etwas zu essen angeboten wurde. 

Das war einer der Momente, die wir uns erhofft hatten. Uns wurde ein kurzer Einblick in das alltägliche Leben einer „normalen“ indonesischen Familie gewährt, die auf Bali wohnte und arbeitete. Wir fühlten uns fremd, aber herzlich willkommen. Wir genossen diesen Abend sehr.

Was war geschehen und wie waren wir überhaupt dort hin gekommen?

Fangen wir von vorne an. Unsere Ankunft auf Bali gestaltete sich als kleines Abenteuer. Wir hatten etwa eine Woche vor der beabsichtigten Ankunft im Internet unser Ticket für eine Bus- und Fährfahrt erworben. Natürlich machten wir uns schon ein paar Gedanken, als wir dieses Ticket an einer Supermarktkasse bezahlten. Die meisten Supermärkte, die wir in Indonesien besucht haben, verfügen übrigens über ein reichhaltiges Angebot an (ausschließlich) ungesunden „Lebensmitteln“, wie z.B. Chips, Kekse und Schokolade, ein paar Drogerieartikel und Bleistifte in der Stärke 2B (Antonia suchte verzweifelt einen HB Bleistift). Einige bieten darüber hinaus eine Toilette, einen Geldautomaten oder eben die Möglichkeit, diverse Sachen, die man online bestellt hat, an der Kasse zu bezahlen. Insofern vertrauten wir darauf, dass schon alles irgendwie funktionieren würde, und kamen am Morgen des 26.6. am Hafen von Banyuwangi an. Unter Einbindung unseres Fahrers, eines Sicherheitsmitarbeiters der Hafengesellschaft, eines Mitarbeiters des örtlichen „Tourismusbüros“ und des Bruders des Sicherheitsmitarbeiters der Hafengesellschaft fanden wir schließlich irgendwann heraus, dass der von uns gebuchte Bus uns nicht mitnehmen konnte, wir aber die Möglichkeit hätten, den nächsten Bus zu nehmen, der drei Stunden später als der originär gebuchte Bus fahren sollte. Alternativ könnten wir gerne die Tickets stornieren und würden selbstverständlich (ja, klar, haha) das Geld erstattet bekommen. Der Mitarbeiter des örtlichen „Tourismusbüros“ bot uns für diesen Fall an, eine Fahrt nach Denpasar zu organisieren, die auch gleich mit der nächsten Fähre starten könne – das war etwa vier Stunden vor der ursprünglich geplanten Busfahrt. Da wir ziemlich übermüdet waren und Antonia an der Kasse der Fähre glücklicherweise noch ein deutsches Paar angesprochen hatte, die ebenfalls nach Bali übersetzen wollten und noch keinen Transport organisiert hatten, wägten wir den Vorteil einer hoffentlich sicheren und sogar früheren Ankunft gegenüber dem verloren gegangenen Vertrauen in das Busunternehmen ab. Nach nur sehr kurzer Überlegung verständigten wir uns mit dem soeben kennengelernten Paar darauf, die Transportkosten zu teilen und die Fahrt zusammen anzutreten. Für Carsten war in diesem Moment klar, dass die Kosten für das ursprüngliche Ticket schon abgeschrieben werden konnten. Antonia vertraute noch darauf, dass wir irgendwie an die telefonisch sehr freundlich versprochene Rückerstattung kommen würden. Tatsächlich gab sich auch der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes noch vor Ort alle Mühe, für uns an das Geld zu kommen, blieb aber leider erfolglos. Und überraschenderweise erhielten wir zwei Tage später auch noch eine Mitteilung über whatsapp, dass uns das Geld im Hostel vorbeigebracht werden würde. Unerklärlicherweise – jedoch nicht völlig überraschend – tauchte der angekündigte Geldbote jedoch nie auf.

Aber zurück zum Anfang. Wir bezahlten also den Mitarbeiter des örtlichen „Tourismusbüros“ für den Transport. Daraufhin stellte sich der stets anwesende, sich jedoch im Hintergrund haltende Bruder des Sicherheitsmitarbeiters prompt als unser Fahrer vor. Am Ende kamen wir nach gut drei Stunden „Verhandeln“ mit dem Busunternehmen und etwa sechs Stunden Fahrt tatsächlich in Denpasar an. Die für dieses Ereignis gestartete Instagram-Umfrage, die ein Ergebnis von 95% für das Ankommen ergab, hatte also glücklicherweise Recht behalten.

Neue Insel, neues Bier

Denpasar 

In Denpasar, wo wir für die ersten Nächte eine Unterkunft gebucht hatten, stießen wir auf eine neue Welt. Wir hatten schon gehört und gelesen, dass die einzelnen Inseln Indonesiens zum Teil sehr unterschiedlich sein sollen und jede – insbesondere Bali – ihre individuellen Besonderheiten aufweist. Wir hofften, auf Bali endlich in der Masse anderer Touristen untertauchen zu können, um nicht weiter hervorzustechen. Wir waren deshalb schon ein wenig verwundert, dass wir anfangs weiterhin die Ausnahme darstellten. Zwar waren die Kopftücher um uns verschwunden und es war kein Beten der Muezzins mehr wahrnehmbar. Aber nun dominierte um uns herum bei Männern und Frauen der hinduistische Kleidungsstil und überall fanden sich kleine Opferschalen aus Bambus. Wir stellten dementsprechend fest, dass europäische, amerikanische und australische Touristen trotz des Wegfalls der Coronabeschränkungen offensichtlich noch nicht in Scharen bis ins Zentrum von Denpasar vorgedrungen waren.

Unter den interessierten Blicken der Einheimischen genießen wir einen Abend bei Livemusik und Kniffel

Wir stellten allerdings ebenfalls fest, dass es hier ein besonders gutes Gado-Gado gab, auch wenn die Umgebung, in der wir gegessen haben, ziemlich übel roch (für uns im Ergebnis das beste Gado-Gado, das wir während unseres Aufenthalts probieren durften; bei mehreren späteren Versuchen konnte keines mehr dem hier verzehrten Gado-Gado das Wasser reichen). 

Eine Beschreibung der aktuellen Umgebung
Das Gado-Gado hat uns dann aber wirklich hervorragend geschmeckt, auch wenn es aussieht wie…

Auf der Suche nach uns optisch ähnelnden Touristen versuchten wir unser „Glück“ als nächstes an einem östlichen Strand. Auch hier wurden wir diesbezüglich eher „enttäuscht“. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal merkten wir bei dem Besuch deutlich, wie stark die Insel unter den pandemiebedingten Einschränkungen gelitten hatte. Der Strand war alles andere als sauber und überall erblickten wir die heruntergekommenen Überreste von Gebäuden und Infrastrukturen, die alle eine bessere Vergangenheit gesehen hatten.

Die Umgebung am Strand wirkt eher etwas trostlos

Allerdings lernten wir hier sehr authentisch kennen, welche besondere Bedeutung das Steigenlassen eines Drachens für die Bewohner von Bali hat. Einmal augenfällig geworden, wurden diese zu einem prägenden Bestandteil des balinesischen Himmels und waren – selbst in der Nacht – nicht mehr hinfort zu denken. 

Beim Blick in den Himmel von Bali sieht man fast immer Drachen. Meist kann man diese auch hören.

Da wir wegen der Verlängerung unserer Visa längere Zeit in der Gegend südlich von Denpasar bleiben mussten, wollten wir nicht auf eine flexible Fortbewegungsmöglichkeit verzichten. Zwar ist das Taxifahren im Vergleich zu Deutschland sehr günstig und noch günstiger wird es, wenn man auf die zahllosen Motorrollermitfahrgelegenheiten ausweicht. Allerdings wollten wir – gerade auch mit Gepäck – nicht immer auf andere angewiesen sein und nicht für jede Strecke überlegen, planen und im Zweifel den Preis verhandeln müssen, so dass wir uns jeder einen Roller mieteten. Natürlich ließen wir es uns weiterhin nicht nehmen, die ein oder andere Strecke zu Fuß zurückzulegen, wofür wir häufiger die schon aus Ägypten bekannten verwunderten Blicke kassierten und noch häufiger wegen eines potentiellen Geschäfts eines Transports angehupt oder angesprochen wurden. Gekonnt ignorierten wir die Hupen, neu war aber das verbale Angebot („transport, transport”). Da einem irgendwie jeder etwas verkaufen wollte, war es nicht unüblich, dass wir lächelnd und kopfschüttelnd durch die Gegend liefen und eigentlich jedem, der uns ansprach, bzw. von dem wir Meinung waren, dass er uns ansprach, ein freundliches „no, thank you“ entgegneten. Dies führte zu skurrilen, dennoch im Ergebnis passenden Konversationen, wie: „Hallo, wo kommt ihr her? – no, thank you…“

Antonias erster Versuch. Carsten ist genauso stolz wie besorgt. Am Ende gab es glücklicherweise nur ein kleines und v.a. lediglich temporäres Bali-Tatoo.

Denpasar – Kerobokan

Der Roller ermöglichte es uns, weiterhin in Gegenden zu wohnen, die abseits der touristischen Einfallschneiße gelegen waren. Demnach unterbrachen wir zunächst unsere Suche nach optischen Leidensgenossen. Zudem lernten wir das städtische Bali kennen, das weniger touristisch geprägt ist, d.h. in dem man z.B. unproblematisch an jeder Ecke ein „kleines Warüngchen“ (der von uns genutzte Begriff leitet sich von dem indonesischem Wort „Warung“ ab, dessen Bedeutung im Artikel über Java bereits erläutert wurde) mit indonesischen Spezialitäten finden kann. 

Beim Restaurantbesuch

Mit unseren Rollern konnten wir trotz Aufenthalts in der touristischen Einöde einen von Carsten langgehegten Traum verwirklichen, nämlich einmal in seinem Leben versucht zu haben, auf einem Sufboard zu stehen. Wir buchten einen fünftägigen Kurs und vor allem Carsten hatte eine Riesenfreude. Ihm machte es trotz eines vermutlichen Rippenbruchs und den damit verbundenen höllischen Schmerzen sichtlich Spaß, auf Anfängerniveau mit seinem Riesensoftboard gegen Wasser und Wellen zu kämpfen. Selbst jede Niederlage (und davon gab es wahrlich genug), die zu Aufenthalten in der sogenannten Waschmaschine, weiteren Verletzungen, wie Schnitten und Schrammen und zu erhöhtem Salzwasserkonsum führte, zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. Carsten „surfte“ nach einem Motto, was er gelesen hatte und was ihm besonders gefiel: Der beste Surfer ist derjenige, der den meisten Spaß hat. 

Es klappt sogar ohne Lehrer

Der Spaß und die Freude wurden leider kurzfristig getrübt. Die Fortbewegung mit dem Roller warf schon vor der ersten Fahrt Fragen nach der Navigation auf. Leider hatte der Roller wie fast alle Roller, die wir sahen, keine Halterung für ein Handy. Wir überlegten uns, eine Halterung zu kaufen, befürchteten aber, keine stabile bekommen zu können, die nicht einfach abgerissen werden konnte. Statt dessen machten wir es wie viele andere Menschen auch. Soweit es möglich war, fuhren wir zu zweit auf einem Roller, wobei der Mitfahrer mit seinem Handy navigierte. Dies sollte sich als Fehler herausstellen. Denn eines Abends wurde Carsten auf dem Weg vom Strand zurück zur Unterkunft sein Handy von einem vorbeifahrenden Roller aus der Hand gerissen. Wir waren uns einer solchen Situation durchaus bewusst und hielten das Handy z.B. an Ampeln fest und eng am Körper oder steckten es in die Tasche. Aber irgendwie waren wir in diesem Moment zu überrascht. Das Handy nur fest umklammert zu halten, reichte nicht. Der Schock saß tief und nach kurzem Kampf war das Handy weg. Das zu diesem Zeitpunkt Schlimmste daran war, dass es etwa 4000 Bilder und Videos (vor allem alle Bilder und Videos des Segeltörns) noch nicht in die cloud geschafft hatten. Ein Transfer auf einen Speicherstick war leider ebenfalls gescheitert, so dass diese Bilder nun für immer verloren waren. Die Stimmung war dementsprechend für die nächsten Tage getrübt und vor allem Carsten fühlte sich ganz und gar nicht gut. Zwar wurden zeitnah Ersatztelefone besorgt, aber die Motivation, für weitere Bilder in der Öffentlichkeit jedes Mal das Telefon in die Hand zu nehmen, ist seitdem merklich geschwunden. Auch das Vertrauen in die nette Bevölkerung Indonesiens war angeknackst. Wir sind gespannt, was uns das Schicksal, Gott oder eine sonstige höhere Macht hier mitteilen und lernen lassen wollte. Die Navigationsmethode änderten wir, indem wir auf Bluetoothkopfhörer umstiegen und damit eben lieber das ein oder andere Mal einen Umweg fuhren, als noch einmal in eine ähnliche Situation zu kommen. Zusätzlich erwarb Carsten eine Art Brusttasche, in die seitdem alle wichtigen Habseligkeiten verstaut werden, wenn wir unterwegs sind. Das Wichtigste war aber letztlich, dass wir an diesem Abend keinen schlimmen Unfall hatten, denn wir waren nicht besonders langsam unterwegs, als die beiden netten Menschen uns beraubten. Möge Karma hier seinen Dienst tun. Und möge irgendwann der Punkt erreicht werden, dass es solche Menschen nicht mehr notwendig haben, aus welchen Gründen auch immer, die Arbeitsgeräte anderer Menschen an sich zu reißen. 

Kuta 

Nach unserem Anfängersurfkurs wechselten wir wieder die Unterkunft und zogen nach Kuta, in die Nähe des Strandes. Wir hatten im Vorfeld gelesen, dass Kuta den „Ballermann der Australier“ darstelle und die wieder aufgenommene Suche nach uns optisch ähnelnden Touristen fand ein erfolgreiches Ende. Wir hatten sie ja eigentlich schon während unseres Surfkurses und bei dem ein oder anderen Strandspaziergang erspäht und nun weilten wir unter ihnen. Gefühlt bei Weitem noch nicht auf dem Niveau von vor 2020, aber immerhin. Erstaunlicherweise kam es dennoch vor, dass wir immer noch um das ein oder andere Foto gebeten wurden.

Die Strandpromenade Kutas mit typischen indonesischen Restaurants…

In Kuta landeten wir in einer Unterkunft, die zum Teil auch längerfristig von Einheimischen genutzt wurde, die ihrer Arbeit – z.B. als Surflehrer – nachgingen. Da wir – anders als übliche Touristen – länger als zwei Tage in der Unterkunft verbrachten, kam man schnell ins Gespräch mit den anderen Bewohnern. So ergab es sich, dass wir uns öfter mit Yoshi unterhielten, der von den Philippinen stammte und hier vorübergehend geschäftlich unterwegs war. Wir hatten mit Yoshi mehrere interessante Unterhaltungen und als eines Tages ein hier lebender Freund von ihm zu Besuch war, kam das gemeinsame Gespräch auf das Thema Essen in Indonesien. Ehe wir uns versahen, war ein Grillabend mit allen locals und Yoshi verabredet. Nun muss man wissen, dass unsere Verabredung indonesischer Art nicht unbedingt einer Verabredung deutscher Art entspricht. Je mehr über den Grillabend, der am nächsten Tag stattfinden sollte, geredet wurde, umso weniger ernst wurde die Planung umgesetzt. Und wir hatten wirklich viel gesprochen. Zuverlässig war zumindest Yoshis Freund, der am frühen Nachmittag von uns mit Geld bedacht wurde und damit zum Hafen fuhr, um frischen Fisch zu besorgen. Wir begleiteten ihn dabei lieber nicht. Es stand zu befürchten, dass der Preis für Fisch und Meeresfrüchte extrem in die Höhe klettern würde, sobald man uns mit dem Käufer in Verbindung brachte. Wie verabredet, wurde alles auch gegen 16 Uhr geliefert, wo die gemeinsamen Vorbereitungen beginnen sollten. Hier zeigte sich dann die Stärke der Planung des Vortags. Carsten saß mit einer Tüte Meeresgetier in einer Menge, um eine Fußballmannschaft zu verpflegen, vor der Unterkunft. Anwesende weitere Personen: null, Zutaten für die Zubereitung: null, Utensilien für die Zubereitung: nicht vorhanden, Grill: fraglich, ob und in welcher Größe vorhanden oder organisierbar. Nachdem eine gute halbe Stunde vergangen war und die Ameisen schon begannen, ihre Zuneigung für frischen Fisch zu zeigen, meldete sich Yoshi, um zu sagen, dass er erst später dazu stoßen könne (man wollte ja schließlich gemütlich am Strand grillen, nachdem man alles in der Unterkunft vorbereitet hatte). Carsten teilte Yoshi daraufhin den aktuellen Stand der Planungsumsetzung mit und Yoshi verstand sehr zügig, dass man sich hier projektmäßig auf dem Niveau eines Berliner Flughafens, einer zweiten Münchner Stammstrecke oder eines Hamburger Konzerthauses befand. Er erklärte sich unverzüglich bereit, mit seinem Freund vorbei zu kommen. Als beide da waren, wurden kurzerhand alle Pläne über Bord geworfen. Yoshis Freund bot völlig überraschend an, das Essen bei sich zuzubereiten und machte sich gleich auf den Weg. Es wäre auch überhaupt kein Problem, wenn wir mitkommen würden, um bei ihm zu essen. Dieses Angebot nahmen wir dankend an. Wohl wissend, dass man nicht ansatzweise eine Chance haben würde, einem Indonesier auf seinem Roller zu folgen, bat Carsten lieber um die Übersendung der Adresse. Mit etwas Verzögerung machten wir uns auf den Weg und mussten nach unserer Ankunft feststellen, dass Yoshis Freund bereits seine Familie eingebunden und fast alle Vorbereitungen getroffen hatte. Yoshi selbst machte sich an die Zubereitung einer Suppe und für uns war nichts weiter zu tun als uns sehr herzlich – wie in den ersten Absätzen beschrieben – empfangen zu lassen. Ein Traum. Wir waren überwältigt von dieser Gastfreundschaft, von der wir bereits so viel gelesen hatten. Und das Essen schmeckte einfach so hervorragend, dass wir uns noch lange und gerne an diesen Abend erinnern werden. 

Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen am Abend. Wie man sieht, waren wir nicht allein.

Eine Insel mit zwei Bergen

Indonesien, Java 15.06. – 26.06.2022

Nach knapp zwei Monaten in Afrika wollten wir den nächsten Kontinent in Angriff nehmen und nach Südostasien reisen. Ursprüngliches Reiseziel waren die Philippinen gewesen. Nachdem wir unsere Flüge aber krankheitsbedingt verfallen lassen mussten und zudem – nach kurzer Recherche – feststellten, dass auf den Philippinen zu diesem Zeitpunkt Regenzeit und Taifun-Saison angesagt waren, änderten wir kurzentschlossen das Reiseziel. Indonesien und vor allem Bali waren seit Beginn der Reise ein vages Ziel gewesen und so fiel uns die Auswahl nicht schwer. Indonesien sollte es werden. Eine – ebenfalls – kurze Recherche machte klar, dass „Indonesien“ zu bereisen anders werden würde als die bisherigen Länder. Als viert bevölkerungsreichstes Land der Erde besteht der Staat Indonesien insgesamt aus über 17.000 einzelnen Inseln mit jeweils eigener Sprache und Religion. Angesichts der Möglichkeiten waren wir zugegebenermaßen etwas überfordert, die Lektüre verschiedener Reiseblogs gab uns aber einen Impuls für den Start. Wir würden zunächst nach Jakarta fliegen und mit dem Zug die Insel Java von West nach Ost durchqueren, um dann mit der Fähre nach Bali überzusetzen. Was danach kommen sollte… Keine Ahnung…

Neues Land, neues Bier – Willkommen in Jakarta

Deutsche Bahn 2.0

Zugegebenermaßen waren wir etwas skeptisch, was das Bahnfahren in asiatischen Ländern betraf. Die Erfahrungsberichte aus Indonesien waren zwar durchweg positiv, dennoch hatten wir Horror-Geschichten mit überfüllten, stickigen Zügen ohne funktionierende Toilette und Menschen mit Hühnerkäfigen auf dem Schoß vor Augen. Unsere erste Fahrt von Jakarta nach Yogyakarta sollte sechs Stunden dauern, ein Zeitraum, der bei den oben befürchteten Zuständen durchaus eine Herausforderung werden könnte. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf machten wir uns an die Organisation. Die online Ticketbuchung war erstaunlich einfach und unkompliziert. Man konnte zwischen drei verschiedenen „Klassen“ wählen. Für unsere erste Reiseverbindung stand nur noch die teuerste Klasse zur Verfügung, was uns die Auswahl einfach machte. Wobei teuer nach mitteleuropäischen Maßstäben relativ zu sehen war, zahlten wir für eine Zugfahrt von sechs Stunden gerade einmal 25 Euro pro Person. Die billigsten Tickets lagen bei 6-10 Euro. Mit der Bestätigungsmail im Postfach waren wir gerüstet.

In Jakarta selbst wollten wir keine Zeit verbringen. Wir hatten wenig Positives über die Stadt gelesen und bei unserer Ankunft und Fahrt zum Hostel sahen wir uns in unserer Entscheidung bestätigt. Es war grau und regnerisch, was die feuchte Hitze noch verschlimmerte. Die Straßen waren mit Autos und Rollern verstopft. Positiv auffällig war lediglich, dass am Flughafen erstaunlich viele E-Taxis warteten. Das Hostel lag günstig zur Bahnstation, das war aber auch das einzig Gute. Uns erwartete ein dunkles, eher dreckiges, nach Feuchtigkeit, Muff und altem Zigarettenrauch riechendes Zimmer mit fleckigen Bettlaken und durchgelegener Matratze. Von der anstrengenden Reise erschöpft nahmen wir die Zustände zunächst so hin. Nachdem beim Duschen allerdings plötzlich Wasser von der Decke tropfte, war es für Antonia genug und sie verlangte ein anderes Zimmer. Das „Upgrade“ war etwas besser, Antonia aber dennoch sehr froh, die Stadt und Unterkunft früh am nächsten Morgen verlassen zu können. Schwer bepackt kamen wir am Bahnhof an und waren erst einmal etwas überfordert, wobei es durchaus sehr geregelt zuging. Mit dem QR-Code aus der E-Mail mussten an einem Service-Terminal die Zugtickets ausgedruckt werden. Anschließend ging es mit den Tickets durch die Passkontrolle, wo auch ein Impfnachweis verlangt wurde. Dann konnte man den ausgewiesenen Bahnsteig betreten. Zu unserer Überraschung klappte alles reibungslos und zügig, das Personal war sehr freundlich und hilfsbereit. Der Zug war auf die Minute pünktlich, Wagen- und Platznummer deutlich ausgezeichnet. Die Sitze waren sehr komfortabel mit mehr Beinfreiheit, als wir sie je in einer Bahn erlebt hatten. Der Zug war sauber und ruhig, regelmäßig wurde der Müll eingesammelt und Kaffee/Snacks angeboten. Wir fühlten uns wie die Könige. Nur die Klimaanlage, wie asiatisch-üblich auf Gefrierfach-Temperatur eingestellt, ließ uns schnell lange Hosen und Pullis anziehen. Aber hey, besser als heiß und tropisch.

So saßen wir entspannt und gemütlich in unseren Sitzen, während der Zug langsam die Stadt in Richtung Osten verließ. Je weiter wir Jakarta hinter uns ließen, desto mehr wichen Dreck und Müll am Schienenrand und es ergab sich ein Blick auf die grüne Landschaft. Reisplantagen und Felder, grüne Wälder und kleinere Ortschaften zogen am Fenster vorbei, ab und zu war auch einer der Vulkane am Horizont zu sehen, für die Indonesien so berühmt ist. Die Stunden flogen schnell vorbei und wir erreichten unser Ziel völlig entspannt und ohne Verspätung. Insgesamt waren wir von der Qualität des Services und des Transportes mehr als positiv überrascht, waren wir doch selbst aus Deutschland regelmäßige Verspätungen oder andere Reisehindernisse gewohnt.

Reisfelder soweit das Auge reicht
Der Mann hat es eilig

Zwei Tempel der Götter

In Yogyakarta angekommen erwartete uns eine sehr positive Überraschung. Unser Hostel war unglaublich gemütlich und authentisch, sauber und ordentlich. Der Empfang war sehr nett und wir fühlten uns gleich wohl. Insbesondere Antonia hatte nach der ersten Erfahrung in Jakarta doch Befürchtungen indonesischen Hostels gegenüber gehegt. Wie wir am nächsten Tag herausfanden, waren wir im Studententeil der Stadt zwischen vielen netten Restaurants, Cafés und kleinen Geschäften gelandet. Es war wunderbar, mal wieder durch eine Stadt zu laufen und sie zu Fuß erkunden zu können.

Auf unserem Stadtspaziergang stolpern wir am Palast vorbei und landen bei den Wayang-Puppenspielern. Antonia zeigt wenig Talent.

In Yogyakarta entdeckten wir auch sofort die Warungs für uns. Warung ist die Bezeichnung für eine typische indonesische Garküche. Die Ausstattung reicht vom „echten“ Restaurant mit Dach, Tischen und Stühlen, über einfachere Stände mit Sitzgelegenheiten bis zum mobilen Küchenwagen am Straßenrand. Man findet solche Warungs wirklich so gut wie überall und wir tasteten uns zunächst langsam in eben der genannten Reihenfolge heran, hatten bald aber überhaupt keine Vorbehalte mehr. Fast jede Insel in Indonesien hat ihre eigenen Spezialitäten und wir probierten einen Großteil davon in eben diesen Warungs. Bis auf extrem seltene Ausnahmen vermieden wir größere Restaurants und ausländisches Essen. Die indonesische Küche war eine Offenbarung an Geschmack für uns und sobald der Hunger kam, hielten wir nach dem nächsten „kleinen Warüngchen“ (so nannten wir die kleinen Restos bald liebevoll) Ausschau. Uns konnte es gar nicht „einheimisch“ genug sein, auch wenn das manchmal hieß, sich mit Hand und Fuß zu verständigen oder nicht so genau zu wissen, was wir eigentlich bestellt hatten.

Erste Erfahrung im Warüngchen

Die Stadt Yogyakarta ist ein beliebtes Ziel vieler Touristen auf Java, da sich in ihrer unmittelbaren Umgebung zwei der wichtigsten Tempelanlagen der Insel befinden, der buddhistische Borobudur und der hinduistische Prambanan. Beide Tempelanlagen zeugen von der wechselhaften Geschichte auf Java, welches heute zu über 90 Prozent muslimisch geprägt ist. Natürlich wollten auch wir das Kultur-Pflichtprogramm erfüllen und die beiden Sehenswürdigkeiten besuchen. Wir buchten dafür die obligatorische „Sunrise“-Tour. Um 4 Uhr morgens wurden wir von einem Kleinbus abgeholt und zusammen mit drei anderen jungen Touristen zum Sunrise-Point gebracht. Die Sonne ging auf, doch leider lag über der Tempelanlage des Borobudur eine dicke Nebel-Wolkenschicht, so dass uns nur die Aussicht auf die dahinterliegenden Vulkane blieb. Besser als nichts. Um 9 Uhr öffneten sich die Tore des Tempels und wir gingen mit Guide los. Covid-bedingt konnte das Bauwerk nur von außen besichtigt werden, die nach oben führenden Treppen waren gesperrt. Eine Ausnahme war wenige Tage zuvor nur zu Ehren des deutschen Bundespräsidenten gemacht worden, der während seines Aufenthaltes in Indonesien die Tempelanlage besucht hatte. Das wurde uns gleich zu Beginn der Führung stolz erzählt. Vermutlich haben Bundespräsidenten kein Risiko für Covid. Selbst von außen war die Anlage wunderschön und einen Besuch wert. Für die überwiegende Anzahl der Besucher (vor allem waren viele indonesische Schulklassen hier) schienen aber wir die Hauptattraktion gewesen zu sein. Wir konnten uns kaum retten vor Fotoanfragen und waren froh, dass wir unserem Guide hinterherlaufen mussten, sonst würden wir wahrscheinlich heute noch dort stehen.

Anschließend ging es zum Prambanan Tempel, ebenfalls ein fantastisches Beispiel früherer Baukunst und in großen Teilen noch sehr gut erhalten. Wir waren sehr erstaunt festzustellen, dass sich auf dem Areal des hinduistischen Tempels auch buddhistische Tempelbauten befanden. Im Rahmen der Besichtigung des Borobudur war uns zudem erzählt worden, dass vor allem die in der Gegend lebende muslimische Bevölkerung geholfen hatte, den Tempel auch vor seiner Ernennung zum Weltkulturerbe zu erhalten und aufwendig zu restaurieren. Die Religionen schienen hier, zumindest heutzutage, friedlich zusammen zu leben und einander zu respektieren. Dieser Eindruck sollte sich im Laufe unserer Indonesien-Reise noch bestätigen und vertiefen. Obwohl selber stark an ihre Tradition und Religion gebunden, lebten die Menschen doch eine Offenheit und Toleranz anderen gegenüber in dem Bestreben eines friedlichen Miteinander, welche uns beeindruckte und unser Bild des Landes und der Leute prägte. Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Geschehnisse war diese Erfahrung umso kostbarer.

Ayam Puti

Nach drei Tagen in Yogyakarta ging es weiter mit dem Zug nach Surabaya, eine Großstadt an der Nordküste von Java. Antonia hatte eine Internetseite mit vielen Tipps von Einheimischen für die Stadt und ihre Umgebung gefunden, die wir mit dem Roller erkunden wollten. Problem war nur, dass wir vor Ort leider keinen Roller bekamen. Offensichtlich war Surabaya selber kein touristischer Ort, die Anzahl der Rollervermietungen begrenzt und die angefragten alle ausverkauft. Nach einem Nachmittag schlechter Laune beschlossen wir, das Beste daraus zu machen und die Stadt dann eben zu Fuß zu erkunden. Zu Fuß hieß 45 Minuten bis zur Stadtmitte durch Hitze und Schwüle, entlang von vielbefahrenen Straßen mit knatternden Scootern und Motorrändern ohne Gehweg, aber gut. Seitens der Einheimischen wurden wir mit großen Augen angeschaut, aber doch freundlich mit „Hello“ begrüßt, Kinder liefen uns aufgeregt hinterher und lachten (uns aus?). Offensichtlich kamen hier nicht oft westliche Touristen vorbei, erst recht nicht zu Fuß. Ein Kind zeigte mit dem Finger auf uns und rief halblaut „ayam puti“, was wir anhand unserer bisherigen Esskenntnisse und mit Hilfe des Google-Translator sofort übersetzen konnten („weißes Hühnchen“). Wir mussten lachen und der Begriff wurde fester Bestandteil unseres Indonesischrepertoires.

Zu Fuß durch Surabaya

Zwei Abende verschlug es uns auf einen Nachtmarkt in der Stadt, der, entgegen unserer Befürchtung und vorangegangener Erfahrungen, überhaupt nicht touristisch war. Wie bei Volksfesten zu Hause fanden sich lange Reihen von – für uns exotischen – Essensständen, Kleidung, Schmuck, Parfüm und Elektronikverkäufer sowie eine Ecke mit kleinen Fahrgeschäften und Attraktionen für Kinder. Wir genossen die fremden Gerüche der Stände, probierten verschiedenen Köstlichkeiten und ließen die ganze Stimmung auf uns wirken. In Kombinationen mit unseren Spaziergängen bekamen wir einen ersten Eindruck vom Leben der normalen Leute abseits der großen Touristenattraktionen und fühlten uns unter ihnen sehr wohl.

Uns erwarteten nicht nur neue Gerichte, sondern auch neue Arten der Zubereitung: Flammenwerfer-Squid. Was die bayerische Brandschutzbehörde wohl dazu sagen würde?
Die Kinder freuen sich über neue Haustiere – Attraktion auf dem Nachtmarkt

Da wir die Umgebung der Stadt dann aber doch noch erkunden wollten, mieteten wir uns nach dem Scooter-Fiasko einen Fahrer für 8 Stunden. Wir fuhren Richtung Norden und besuchten zwei Kalksteinbrüche (Fotos siehe unten). Die Anzahl der leerstehenden und halb verfallenen Verkaufsstände ließ vermuten, dass beide Orte vor der Pandemie beliebte Touristen-Attraktionen gewesen waren. Vor allem der zweite Ort hatte sich im Vergleich zu den Bildern der Google-Suche aber deutlich verändert. Das ehemals blaue Wasser war aktuell grün und veralgt, die kleinen mit Blumen geschmückten Bambus-Boote lagen traurig im Wasser oder waren ans Ufer gezogen worden. Dem Anschein nach ließen die großen Besucherströme auch weiterhin auf sich warten, zumindest waren außer uns kaum andere Leute da. Es war daher nicht verwunderlich, dass sich dort gleich zwei junge Männer auf uns stürzten und als Guides anboten. Die ganze Szene kam uns so traurig und sie so hoffnungsvoll vor, dass wir nicht einmal versuchten, sie abzuwimmeln, sondern uns unserem Schicksal ergaben und über das Gelände führen ließen. Zum Steinbruch selber erzählten die Experten nur wenig, dafür bekamen wir von ihnen eine sehr ausführliche Einführung darüber, wo und wie die besten Fotos für Instagram aufgenommen werden konnten. Alle paar Meter wurden wir als Paar oder Einzelpersonen arrangiert, unsere Posen korrigiert und alles mit einem fröhlichen Geplauder begleitet, dann wurden mit allen vorhandenen Handys mehrere Bilder gemacht (wir sind uns fast sicher, dass wir es in diesem Moment auch gleich mehrfach auf tiktok geschafft haben). Die Aufnahme des „perfekten Fotos“ war für den üblichen Besucher offensichtlich das Hauptziel. Wir gaben unser Bestes, die in uns gesetzten Erwartungen nicht zu enttäuschen und warfen uns in Pose. Etwa 100 Fotos später war die Tour vorbei und wir auf dem Weg zurück in die Stadt. Inwieweit die Ergebnisse wirklich „instagramable“ sind, liegt im Auge des Betrachters. Viel wichtiger für uns war, dass wir durch die beiden Guides eine essbare Frucht kennenlernten (Salak), die wir im weiteren Verlauf der Reise dann das ein oder andere Mal am Straßenrand erwerben konnten.

Zweimal Sonnenaufgang, dann reichts aber auch

Zum Pflichtprogramm eines jeden Java-Touristen gehört anscheinend ein Besuch des Mount Bromo zum Sonnenaufgang, zumindest wenn man Tripadvisor und anderen einschlägigen Reiseseiten glauben darf. Um auch diesbezüglich unsere Pflicht zu erfüllen und FOMO (fear of missing out) zu vermeiden, buchten wir eine 3-Tagestour, welche uns von Surabaya zunächst zum Mount Bromo, dann zum Ijen-Crater und schließlich zum Fährhafen Richtung Bali bringen würde. Das straffe Programm beinhaltete zweimal früh aufstehen, um den Sonnenaufgang jeweils oben am Berg zu erleben. Der Weg zum ersten Hotel, Ausgangspunkt für die Sonnenaufgangstour zum Mount Bromo, führte eine steile, gewundene Bergstraße hinauf und machte selbst einer Alpenpassstraße alle Ehre. Nach einer kurzen Nacht bestiegen wir um 3 Uhr einen kleinen Jeep, der uns zur Aussichtsplattform bringen sollte. Das Auto ruckelte los und bald schon fanden wir uns in einer schier unendlichen Schlange identischer Gefährte auf dem Weg den Berg hinauf, die es in vier Farbvarianten gab. Das Scheinwerferlicht der Autos sah aus wie eine Ameisenstraße, die zum Gipfel hinaufkroch. Unser Fahrer schien es aus irgendeinem Grund eilig zu haben und wollte sich offensichtlich nicht in sein Schicksal ergeben, welches ihm einen Rang vermutlich irgendwo zwischen dem 100sten-200sten Platz zugedacht hatte. Auf der sehr schmalen und kurvigen zweispurigen (bzw. eher eineinhalbspurigen) Straße fing er daher bei gefühlter 45 Grad Steigung plötzlich an, den vor ihm fahrenden Kontrahenten zu überholen. Ein Manöver, bei dem uns als Mitfahrer der Angstschweiß auf die Stirn trat. Wir klammerten uns an das Gestänge des Jeeps, den Blick starr auf das Spektakel vor uns gerichtet. Die Anstrengungen unseres tapferen Fahrers waren natürlich völlig umsonst und er hatte irgendwann ein Einsehen. Je näher wir dem Gipfel kamen, desto langsamer ging es voran, bis die ganze Wagenkolonne zum Stehen kam. Wir lösten unsere verkrampften Finger von woran auch immer wir uns festgeklammert hatten und verließen das Fahrzeug. Rechts und links der Straße standen Hunderte der identischen Autos, aus denen ebenfalls Insassen ausstiegen. Unser Fahrer deutete die Straße hinauf, was so viel hieß wie „von hier an geht’s allein und zu Fuß weiter“. Zunächst machten wir ein Foto des Kennzeichens unseres Jeeps, was unsere einzige Hoffnung darstellte, auf dem Rückweg den richtigen Fahrer wieder zu finden. Denn weißer Jeep ohne Kennzeichen hätte die Auswahl nur auf wenige Hundert reduziert. Ohne richtigen Plan folgten dann wir den Massen weiter bergauf entlang unzähliger Stände, an denen Frühstück oder heiße Getränke gereicht wurden. Es war 3:30 Uhr.

Bald schon wurden wir von Motorradfahrern belagert, die uns irgendwo hinfahren wollten. Wir hielten uns an die anderen Fußgänger und landeten schließlich auf einer Hügelkuppe, die offensichtlich als Aussichtspunkt diente. In Ermangelung weiterer Kenntnisse oder Alternativen blieben wir wie der Rest an dieser Stelle stehen, suchten uns einen Punkt, von dem aus der Sonnenaufgang hoffentlich gut zu sehen sein würde und bauten das Kamera-Stativ auf. Mittlerweile war es 4 Uhr und kalt. Der Sonnenaufgang würde gegen 5 Uhr beginnen. An eine Decke oder ähnliches hatten wir nicht gedacht und der feuchte Boden lud nicht gerade zum Hinsetzen ein, weshalb wir wohl oder übel stehen blieben. Die Situation entwickelte auf Grund der Kälte, langen Wartezeit und unbequemen Position großes Potenzial für schlechte Laune, insbesondere auf weiblicher Seite. Diese befand sich auch schon im Anflug, als hinter uns, wo eine Gruppe (einheimischer?) Frauen saß, plötzlich ein Choral-ähnlicher Gesang anhob. Helle, klare Stimmen sagen eine wunderschöne Melodie und es entstand eine mystische, fast magische Stimmung.  Als die Musik abebbte, zeigte sich die erste Morgenröte am Horizont und die Zeit war wie im Flug vergangen. Es folgte ein tolles Licht- und Farbenspiel, während die Sonne langsam aufging und es Gott (welcher auch immer) sei Dank auch wärmer wurde. Nach gut 100 Fotos und Videos mit verschiedenen elektronischen Geräten verließen wir als eine der letzten Gruppen den Aussichtspunkt.

Die Sonne geht auf

Nächster Stopp war der Krater des Mount Bromo, aus dem man schon aus der Ferne Rauch aufsteigen sah. Unser Jeep hatte, wie alle anderen auch, in der Zwischenzeit umgedreht und auf der anderen Straßenseite geparkt (sicherlich ein ähnlich sehenswertes Spektakel wie der Sonnenaufgang) und die ganze bunte Schlange bewegte sich jetzt in unendlich langsamen Tempo den Berg hinab und in Richtung der Ebene, von welcher aus man zum Kraterkegel laufen musste. Auf dem Parkplatz wurden wir rausgelassen und der Fahrer wies Richtung Krater. Wir wussten ja bereits, was das hieß. Auf Grund des nicht abreißenden Menschenstroms aus den identischen Autos war dieser auch kaum zu verfehlen. Wir versuchten uns, den exakten Standort unseres Fahrers zu merken und machten uns auf den Weg. Nach einem circa 25-minütigen Fußmarsch (weniger laufbegeisterte Menschen konnten sich von einem Pferd transportieren lassen) und einer massiven Treppe (die weniger laufbegeistere Menschen an ihre Grenzen brachte) erreichten wir den Kraterrand. Tief unten im Inneren rauchte und qualmte es begleitet von einem konstanten lauten Rumpeln und Zischen.

Spektakel im Inneren des aktiven Vulkans

Nach einem kurzen Frühstück kam die lange Fahrt zum nächsten Hotel, Berg und Sonnenaufgang. Diesmal ging es noch früher in der Nacht, um 2 Uhr, zum Ausgangspunkt für den Ijen Krater. Diesmal wurde uns allerdings ein Führer zur Seite gestellt und so ging es um 3 Uhr bei konstantem Nieselregen den Berg hinauf. Wir waren für alle Witterungsverhältnisse gut ausgerüstet und mit unseren Wanderschuhen hatten wir auch auf dem steilen, matschigen Sandweg guten Halt. Damit stellten wir eher die Ausnahme da. Um uns herum waren haufenweise andere Besucher ohne Taschen- oder Stirnlampen, in Jogginghose und Sweatshirt, ohne Regenjacke oder nur mit einem dünnen Ragencape und in Flip-Flops oder Adiletten unterwegs. Weder an das Laufen, noch an die Steigung des Weges gewöhnt und mit mangelnder Ausrüstung sah sich der ein oder andere seinem Endgegner gegenüber. Nach dem Motto „zwei vor, einer zurück“, kämpften sie sich den rutschigen Pfad entlang, eine Hand an den genauso unglücklichen Beimann geklammert. Bald schon zeugten Matsch und Dreck auf der Kleidung der „Wanderer“ von unliebsamen Kontakten mit dem Boden. Die ganze Szene erinnerte uns sehr an die Fernseh-Show Takeshi´s Castle und wir mussten – gemeinerweise – lachen. Um diesem unglücklichen Schicksal zu entgehen, verzichtete manche*r ganz auf das Laufen und ließ sich für umgerechnet etwa 20 Euro von drei Männern in einem zweirädrigen Karren den Berg hinauf ziehen.

Interessantes Schuhwerk
Mit dem Lift hoch hinauf

Wir erreichten auf zwei Beinen und vor den meisten anderen den Rand des Kraters und machten uns auf den Abstieg in den Kraterkegel zu der Hauptattraktion: den blauen Flammen. Im Krater selber befindet sich eine Schwefelquelle, in welcher bis heute von Hand Schwefel abgebaut wird. Da es tagsüber zu heiß wird, wird nachts gearbeitet und wir sahen einige der Arbeiter mit einem Tragesystem aus zwei vollgepackten Körben an einer Querstange, wie sie sich den steilen Pfad hinaufmühten.

Der Profi macht es vor
Der Amateur scheitert beim Nachmachen

An einer Stelle entstehen in einem chemischen Prozess, von dem wir beide nicht den leisesten Schimmer haben, blaue Flammen, die allerdings nur bei Dunkelheit zu sehen sind. Da die aufsteigenden Schwefeldämpfe gesundheitsschändlich sind, wurden uns Atemmasken mitgegeben. Auf dem Weg hinab nahmen wir erst nur einen leicht schwefligen Geruch war, der sich aber bald intensivierte und als uns die erste „richtige“ Rauchwolke traft, brannte er uns trotz der Masken in Lunge und Augen. Die Flamme war deutlich kleiner, als wir sie erwartet hatten, eigentlich nur ein kleiner blauer Fleck. Trotzdem konnten wir die Faszination nachvollziehen und schauten dem Flackern gerne eine Zeitlang zu, bis uns eine ungünstige Windböe gefühlt minutenlang in den beißenden Rauch einhüllte und wir mit leichter Panik reagierten. Hustend und mit tränenden Augen machten wir uns auf den Aufstieg. Wir waren erleichtert, die gesundheitsschädliche Zone hinter uns zu lassen. Außerdem wartete ja noch der nächste Sonnenaufgang. Auf dem Weg hinauf kam uns eine lange Schlange Absteigender entgegen. Dem Profil der Schuhe/Sandalen/Flip-Flops der Meisten hatten Matsch und Schlamm den Rest gegeben und ihre unglücklichen Besitzer bewegten sich mehr rutschend als gehend den steilen Pfad hinab.

Blaue Flammen am Ijen Crater
Rauchende Schwefelquelle mit beißendem Dampf

Oben angekommen navigierte uns der Führer bis zur besten Stelle, um den Beginn des Tages zu betrachten. Die Sonne ging auf, wie bereits am Vortag, und blieb erstmal oben. Hurra.

Spektakulärer als dieses, sich doch wirklich fast jeden Tag wiederholende, Ereignis des Sonnenaufgangs, war für uns der Blick in den Vulkankrater mit seinem türkisgrünen See und den Rauchschwaden bei Tageslicht. Dem Beispiel seiner Kollegen am Steinbruch folgend und wahrscheinlich sehr zur Freude vieler anderer Kunden, lotse uns der Guide zuverlässig zu den besten Instagram-Fotopunkten und beeindruckte uns mit seinen Kenntnissen über verschiedene Formattypen und Aufnahmemodi. Er bewies außerdem eine erstaunliche Ausdauer – im Gegensatz zu uns. Nach 6 verschiedenen Punkten und wahrscheinlich über 50 Aufnahmen reichte es vor allem Antonia und sie erklärte das Fotoshooting für beendet. Offensichtlich gehören dieser – aus unserer Sicht – Fotowahnsinn und Kenntnisse über die besten Instagram-Spots heute zum Geschäft des Fremdenführers und machen die Touristen glücklich. Die Beobachtung vieler anwesender Touristen bestätigte diesen Eindruck. Uns würde man dagegen vermutlich in die Kategorie „Dinosaurier-Tourist“ stecken und wie folgt beschreiben:

Tourist, der

  1. sich tatsächlich für das Besichtigte interessiert, dieses in Ruhe betrachten und nicht ständig in die Kamera lächeln möchte
  2. Hintergrund- und weiterführende Informationen erwartet
  3. mit 2-3 Fotos zufrieden ist, auch wenn entweder jemand die Augen zu hat oder nicht lächelt
  4. nicht anhand des Kalenders recherchieren muss, welchen Ort der Bildhintergrund zeigen könnte
  5. kein Foto von sich während der Besichtigung auf Instagram postet auf die Gefahr hin, dann nie da gewesen zu sein

Um auf dem Abstieg nicht Gefahr zu laufen, auf dem schlammigen Boden auszurutschen, bedienten wir uns der Lauf-Bergab Methode und joggten, wodurch wir nach etwa 40 Minuten wieder am Parkplatz angekommen waren. Dort genossen wir einen heißen Tee, denn durch den Regen, die Höhe und frühe Uhrzeit war es auch hier empfindlich kalt gewesen. Über dem heiß dampfenden Getränk machten wir uns Gedanken über die letzten zwei Tage. Das Erlebnis, die blauen Flammen zu betrachten und dabei den gefährlichen Dämpfen ausgesetzt zu sein, war schon etwas Besonderes und Aufregendes. Auch waren es schöne Naturschauspiele gewesen, doch konnten wir insgesamt den Hype nicht bestätigen, vor allem das Theater um den Sonnenaufgang. Auffällig war zudem, dass sich die wenigsten Besucher wirklich Zeit zur Betrachtung nahmen oder die Natur erkunden wollten. Viele beschäftigten sich viel mit ihrem Handy, womit etwa die aufgenommenen Bilder und Videos gleich verschickt und gepostet, aber auch Telefonate geführt oder einfach nur Spiele gespielt wurden. Wir gewannten den Eindruck, dass für viele derartige Aktivitäten häufig nur Punkte waren, die von einer imaginären Liste abgehackt werden mussten, wie die 10 beliebtesten Tripadvisor-Aktivitäten oder 15 besten ToDo-Empfehlungen auf Instagram. Wir beschlossen, dass für uns zwei Sonnenaufgänge reichen mussten und machten von da an um „Sunrise“-Touren, die zuhauf in den verschiedensten Ausführungen angeboten wurden, einen großen Bogen.

Abtransport der Lauffaulen und Fußkranken

Unser Fahrer brachte uns noch zum Fährhafen nach Banyuwangi, von wo aus wir nach Bali übersetzen wollten. Nach den zwei kalten und kurzen Nächten freuten wir uns sehr auf den Strand und die Sonne. Eigentlich war alles organisiert und wir brauchten nur auf den Transport zu warten. Eigentlich. Denn es sollte doch anders kommen als geplant. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Regenzeit sollte auf Java eigentich schon vorbei sein. Das hatte der Wettergott (welcher auch immer) dort aber vermutlich nicht mitbekommen oder vielleicht das Memo verlegt. Unser Regenschutz erhielt im Verlauf noch ein Upgrade.
Vögel sind als Haustiere in Indonesien sehr beliebt. Vielleicht legen wir uns auch noch welche zu.

Out of Africa

Tanzania 23.05. – 14.06.2022


„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong Berge.“

Manch ein Leser wird dieses Zitat als ersten Satz aus dem oscarprämierten Film Jenseits von Afrika mit Meryl Streep und Robert Redford wiederkennen, einem der Lieblingsfilme von Antonias Mutter (dem aufmerksamen Leser bereits bekannt aus unserem Beitrag „Back to the Roots“). Ihre Begeisterung für die Geschichte und die tollen Filmaufnahmen haben sicherlich dazu beigetragen, dass die gesamte Familie Thiel vor rund 20 Jahren nach Kenia flog. Natur und Tiere, sowie die Lebensfreude der Menschen trotz der Wellblechhäuser und brennenden Gummireifen am Straßenrand haben Antonia damals tief beeindruckt und früh eine Faszination für diesen Kontinent geweckt. Auch Carstens Interesse war durch den Aufenthalt in Namibia geweckt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass wir nach Ägypten gerne noch mehr vom „richtigen“ Afrika erleben wollten. Irgendwie fühlten wir uns noch nicht bereit, diesen Kontinent zu verlassen.

Mit der Titelmelodie des oben genannten Films in Antonias Ohr (Spotify/YouTube) ging unser kleines Flugzeug am 23.5. in den Landeanflug auf den Kilimajaro International Airport in Tanzania. Seinen Namensgeber (und gleichzeitig unser erstes Reiseziel) konnten wir bereits aus dem Flugzeug bewundern. Wie es zu der Idee kam, den höchsten Berg Afrikas zu besteigen, wissen wir beide nicht mehr so genau. Es war weder ein langgehegter Lebenstraum noch ein unbedingtes Muss auf einer unserer bucket-Listen. Wahrscheinlich haben wir uns in der Hitze Ägyptens gedacht, wenn man schon mal „in der Nähe“ ist, warum nicht? Nach der ganzen All-inclusive-Völlerei kann so eine sportliche Betätigung sicher nicht verkehrt sein. So waren schnell eine Route – natürlich die Whisky Route – und Flüge rausgesucht und wir in Tanzania. Der kleine Ort Moshi, Startpunkt für die meisten Besteigungen, liegt im Regenwald umgeben von Kaffeeplantagen, Bananenbäumen und Maisfeldern am Fuße des Kilimanjaro. Im Hostel angekommen lernten wir noch am gleichen Tag unseren Guide, Tuliza, kennen und unser Equipment wurde für gut befunden. Fehlende Ausrüstungsgegenstände konnten wir noch mieten.

Von unserem Hostel können wir direkt auf unser nächtes Etappenziel blicken

Spannung und auch etwas Nervosität stiegen deutlich an und nach einer letzten Nacht mit unruhigem Schlaf standen wir am 25.6. um 9:30 Uhr vor dem Hostel, wo ein kleiner Reisebus schon eifrig mit Rucksäcken, Zelten, Proviant etc. (vor allem auch vielen Menschen – wir beide wurden begleitet von: zwei Guides, einem Koch und fünf Trägern, die wir nach und nach alle kennenlernten) beladen wurde. Bei fröhlicher afrikanischer Pop-Musik ging es eine gute Stunde durch den Regenwald bis zum Eingangstor der Machame Route (auf 1800hM). Dort warteten wir eine weitere Stunde, in welcher wir ein frühes Mittagessen bekamen, die Registrierung für den Nationalpark und die Verteilung des Gepäcks erfolgte. Außerdem wollten wir noch eine Gipfelflagge erwerben. Nachdem die Straßenhändler die von uns auserkorene Neuseelandflagge für 70 Dollar verkaufen wollten, entschieden wir uns für die Bayernflagge, die im Park – wie eigentlich alles – wesentlich günstiger war (und die wir am Gipfel letztlich vergaßen, dazu aber später mehr). Dann ging es endlich richtig los.

Die Besteigung des Kilimanjaro auf Swahili

Pole Pole

„Langsam langsam“, das war unser Motto für den gesamten Aufstieg mit Ausnahme der ersten Etappe. In deutlich langsameren Tempo als wir sonst in den Bergen unterwegs sind, ging es die meiste Zeit unseren Guides hinterher, Schritt für Schritt den steinigen Weg hinauf. Überholten wir auf den ersten Etappen noch den ein oder anderen Träger, so änderte sich das bald. Mit 20 kg Gepäck beladen und meist – für europäische Verhältnisse – unzureichender Ausrüstung waren sie insbesondere in der Höhe trotzdem schneller als wir mit unserem leichten Tagesgepäck und zogen mit einem freundlichen „Mambo“ oder „Jambo“ an uns vorbei. Anfangs führte der Weg noch durch den Regenwald und Geruch sowie Geräusche erinnerten uns sehr an das Tropenhaus im Tierpark. Die Landschaft änderte sich bald, die Bäume und Büsche wurden kürzer mit viel mehr Moos, als wir pole pole in die Moorlandschaft kamen. Ab dem dritten Tag auf etwa 4000 Metern (natürlich pole pole) umgaben uns dann nur noch Steine in groß und klein, dafür eröffnete sich immer häufiger der Blick auf unser schnee-und eisbedecktes Ziel, den Uhuru Peak auf 5895hM.

Im strahlenden Sonnenschein sieht der Gipfel schon ganz nah aus
Klassisch, links blinken und rechts vorbei ziehen…

Dada und Kaka

Vom ersten Tag an wurden wir in die Abläufe und Umgangsformen im Camp eingeführt. Wir bekamen neue Namen, Dada (Schwester) und Kaka (Bruder), ein eigenes Zelt mit zwei Campingstühlen und einem Tisch sowie einen Kellner, Bariki, der uns zu den Essenszeiten mit den Köstlichkeiten des Kochs, Tony, bediente. Das Leben unserer Crew spielte sich dagegen in einem einzelnen großen Zelt ab, in dem gekocht und geschlafen wurde, und aus dem durchgehend ein fröhliches Gerede und Lachen zu hören war. Für uns war es eine sehr seltsame Situation, weder das Gepäck und die Ausrüstung selber zu tragen, noch uns um das leibliche Wohl kümmern zu müssen. Manchmal kamen wir uns mehr wie Statisten in einem Film vor, die außer den 3-5 Stunden Laufen am Tag (pole pole) eigentlich keinen Auftrag hatten und von den Vorgängen im Camp auf Grund der Sprachbarriere ausgeschlossen waren. Immerhin hatten wir unsere Würfel dabei.

Camp auf 4700 Meter. Im blauen Zelt können sich ähnlich viele Menschen aufhalten wie in einem durch Kairo fahrenden Kleinwagen.
Unser Kellner Bariki auf dem Weg hinauf

Hakuna Matata

„Kein Problem!“ Diesen Ausspruch bekamen wir immer häufiger zu hören, je höher es ging. Mit zunehmenden Höhenmetern wurde die Luft sprichwörtlich dünner und die Bedenken bezüglich einer möglichen Höhenkrankheit nahmen zu. Verspürten wir ab 3500 Metern nur ab und zu leichte Kopfschmerzen, machte uns und vor allem Carsten die Höhe ab 4000 Metern deutlich zu schaffen. Nach einem Akklimatisations-Aufenthalt auf 4600 Metern lag er mit stärksten Kopfschmerzen und Übelkeit, bei der an Essen nicht mehr zu denken war, wie ein Häufchen Elend im Zelt. Eine Kombination verschiedener Schmerzmittel besserte die Symptome nur bis zu einem gewissen Grad. Hakuna matata, die Symptome würden sich schon bessern und er solle einfach viel trinken (siehe zu dieser Thematik im nächsten Absatz), das waren die sicherlich gut gemeinten Ratschläge unserer Guides. Wir selber machten uns allerdings etwas mehr Sorgen, insbesondere hinsichtlich der Gipfeletappe, zählten die verbleibende Anzahl von Ibuprofen, Paracetamol und Vomex Tabletten und entwarfen einen Medikamenten-Schlachtplan. Bis zum Gipfel ging dieser auch halbwegs auf, während des Abstiegs nahmen die Symptome – typischerweise mit Verzögerung – dann aber doch deutlich zu und es wurde vor allem für Carsten eine Tortur. Er beschloss schließlich, dass ein kleiner Schneehaufen am Wegesrand auch etwas von seinem erstaunlicherweise noch nicht vollständig verdauten Frühstück verdient hatte, schaffte es aber dann ohne größere Probleme ins Basislager. Nach einer zweistündigen Ruhepause dort waren wir sehr froh, den Abstieg fortsetzen zu können. Denn mit jedem abgestiegenem Meter ging es uns (also Carsten) besser und beim Abendessen fühlten wir uns (also insbesondere Carsten) glücklicherweise selber wieder hakuna matata.

Usiku mwema

Eine „gute Nacht“ hätten wir uns selber gerne gewünscht. Die ungestörte Nachtruhe wurde allerdings von zwei entscheidenden Faktoren verhindert: Flüssigkeit und Kälte. Zur Vorbeugung der Höhenkrankheit waren wir angehalten, viel zu trinken. Da wir normalerweise schon „gute Trinker“ 😉 sind, fiel es uns nicht schwer, die empfohlenen drei Liter einzuhalten, wir machten eher vier bis fünf Liter daraus. Das ganze Wasser ging seinen natürlichen Weg und wir häufig aufs Häusl, auch in der Nacht, wo erschwerend Faktor zwei hinzukam, die Kälte. Bereits vorgewarnt hatten wir die Kälte erwartet, waren aber doch überrascht, WIE kalt es wurde. Wenn man sich mitten in der Nacht aus dem gerade lauwarm gewordenen Schlafsack (der auf einer eher suboptimal isolierenden Stoffmatte lag) quälen musste, waren das Zelt und der Boden gefroren, alles glitzerte im Schein der Stirnlampe und der eigene Atem verdampfte sofort. Fehlende Wolken intensivierten die Kälte noch, gaben allerdings auch den Blick auf einen grandiosen Sternenhimmel frei. Auf Fotos mag dies alles noch faszinierend und romantisch aussehen, aber die gefühlte Realität entlockte uns doch das ein oder andere Schimpfwort. Schimpfend, zitternd und frierend tat man notgedrungen sein Geschäft, genoß mit einem Fluch auf den Lippen kurz den Blick in den Nachthimmel und kehrte (natürlich schimpfend, zitternd und frierend) anschließend ins Zelt zurück. Fünf Schichten und eine Mütze tragend, den Schlafsack fest um den Hals zugezogen, jedes bisschen Wärme konservierend, versuchte man wieder einzuschlafen, die sich bereits füllende Blase ließ einem jedoch bereits in diesem Moment schon wieder Böses ahnen. Gute Nacht – zumindest bis einen die volle Blase wieder weckte (was selbstverständlich meist der Fall war, wenn es gerade halbwegs aushaltbar geworden war).

Wie warm ist es? Kalt.
Henkersmahlzeit vor der Gipfeletappe, aber immerhin glitzert alles…

Pole Pole und hakuna matata zum mkutano wa kilele Uhuru Peak 5895hM

Für die Gipfeletappe wurden wir bereits um 23 Uhr geweckt, nach einem kurzen Snack aus Popcorn und Keksen ging es um 0.00 Uhr los. Mit drei Lagen Kleidung an den Beinen, fünf bis sechs Lagen Kleidung am Oberkörper, dicken Handschuhen und Mütze ging es im Schein der Stirnlampen und unter dem Sternenhimmel besonders langsam – Pole Pole – bergauf. Angepeilt waren sechs bis sieben Stunden bis zum Gipfel. Schnell fanden wir im Wechsel aus Schritt und Stockeinsatz einen fast meditativen Rhythmus, in dem die Stunden und Höhenmeter dahin zogen. Antonia lauschte zudem dem Hörbuch „Moby Dick“, zugegebenermaßen eine etwas ungewöhnliche Wahl für eine Bergbesteigung. Regelmäßig machten wir Pause, um Wasser, Tee und Tabletten zu uns zu nehmen oder noch eine Lage Kleidung zu ergänzen. Es wurde immer kälter, aber wenigstens kam bald auch noch ein eisiger Wind hinzu. Den ersten Checkpoint „Stella Point“ erreichten wir nach fünf Stunden, von da aus war es noch etwa eine Stunde zum Gipfel. Zu diesem Zeitpunkt waren Antonias Hände und Zehen schon eisig und nicht mehr zu spüren – hakuna matata. Tapfer kämpften wir uns weiter und erreichten schließlich um 6 Uhr morgens, gerade zum Sonnenaufgang, den Gipfel. Am Himmel begann ein fantastisches Farbenspiel und im Licht der aufgehenden Sonne konnten wir auch endlich die uns umgebende Landschaft betrachten. Bizarre Gletscherformationen und Schneefelder, umliegende Gipfel und Wolken waren ein lohnender Ausblick für die Mühe. Leider wurde das Gipfelerlebnis von Antonia etwas „abgekürzt“. Am ganzen Körper zitternd, mit taub gefrorenen Fingern und Zehen war ihr einziger Wunsch, wieder von dem Berg runterzukommen und zwar überhaupt nicht pole pole. Diesen gab sie auch lautstark und mit Nachdruck bekannt. So kam es, dass wir lediglich ein paar verwackelte Gipfelfotos schossen und die Bayernflagge gleich ganz im Rucksack vergaßen. Mit der aufgehenden Sonne und jedem abgestiegenen Höhenmeter wurde es wärmer, Finger und Zehen tauten wieder auf und am Ende erreichten wir gegen 8.30 Uhr das Basislager bei Sonnenschein und im Longsleeve. Antonia blieben zwei taube Fingerspitzen und drei taube Zehen, die sich hoffentlich mit der Zeit erholen werden, Carsten hatte lediglich Kopfschmerzen und keinen Hunger (siehe oben), hakuna matata!

Der Abend davor
Pole Pole gehts im Schein der Stirnlampe durch die Nacht. Unser Guide (vorne) trug keine Handschuhe und hat offensichtlich ein kleines Loch in seiner Jacke…
Spektakuläres Farbenspiel während des Sonnenaufgangs
Während Carsten noch die tolle Landschaft genießt, macht sich Antonia schon an den Abstieg

Obwohl es definitiv eine tolle Erfahrung war, sind wir beide irgendwie nicht dem Gipfelrausch verfallen. Für uns bleibt eine Hüttentour in den Alpen mit langen Etappen, wärmeren Temperaturen, schnellerem Tempo und ordentlich Gepäck auf dem Rücken sowie gemütlichen Hüttenabenden das Wander- und Bergerlebnis der Wahl. An dieser Stelle möchten wir uns noch ganz herzlich bei all den Merinoschafen bedanken, die uns diese Tour olfaktorisch extrem erleichterten. Wir fragen uns seitdem schon manchmal, wie oft man am Mount Everest auf Toilette geht, ob man am Mount Everest überhaupt auf Toilette geht, wie die Körperhygiene am Mount Everest aussieht und wie es in dem ein oder anderen Zelt riecht (wir werden diesbezüglich wohl einfach mal auf unseren Freund James zugehen müssen, die bislang gesehenes Dokumentationen haben uns hierzu keine Kenntnis verschafft). Auch hier haben wir wieder einmal feststellen müssen, dass ledglich bildlich wiedergegebene Erfahrungen das reelle Erlebnis vor Ort nicht vollständig vermitteln können. Ab sofort wird bei uns in derartigen Dokumentationen vermutlich immer einen leicht schimpfender Untertitel mit eingeblendet. Apropos bildlich: Eine kurze bildliche Zusammenfassung unserer Tour ist auch auf Carstens Instagramprofil zu finden (hier geht es zum Video).

Leider war für uns nach dem Gipfel zunächst Schluss mit Lustig. Wir hatten uns vermutlich bei einem der Guides mit einer unserem Immunsystem unbekannten Art Grippe infiziert – COVID- Schnelltest negativ – und verbrachten die nächsten sieben Tage mit Fieber, Husten, Schnupfen und Halsschmerzen weitgehend im Bett. Die Reisepläne mussten, soweit möglich, geändert werden und wir erst einmal gesunden.

Krankheitsbedingt blieb Kniffel eine der wenigen Beschäftigungen am Tag. Hier ein Paradebeispiel für schlecht gespielte Gleichgültigkeit nach mehreren vernichtenden Niederlagen

Safari

Bereits gebuchte Flüge verfielen, eine bezahlte fünftägige Safari konnten wir jedoch glücklicherweise gegen einen „geringen“ Aufpreis eine Woche später nachholen. Der Besitzer unseres Hostels hatte uns zwar einen groben Plan gegeben, so richtig wussten wir aber nicht, was uns erwarten würde. Wir vertrauten einfach auf das inzwischen bekannte afrikanische Organisationstalent und schraubten unsere Erwartungen etwas herunter. Noch leicht angeschlagen bestiegen wir am 9. Juni um 6 Uhr morgens einen Jeep, der uns zunächst nach Arusha brache, von wo aus es mit einer anderen Reisegruppe weitergehen sollte. Tatsächlich erwartete uns am Wechselort ein Geländewagen und ein Fahrer, Waldon, der unser Guide für die nächsten Tage sein würde.

Waldons Schuhe – im Stil der Massai, unkaputtbar und immer wieder ein Blickfang

Ein nettes Pärchen aus Slowenien vervollständigte die Reisegruppe für diesen Tag und es ging schon bald weiter. In den nächsten Tagen sollten auch noch ein Amerikaner und ein deutsches Pärchen hinzu kommen, so dass in unserem Auto am Ende alle 8 Plätze besetzt waren. Es wurde eine sehr lustige, fröhliche und trinkfreudige Gesellschaft. Auf das Stichwort „it’s time“ wurde zu Ehren besonderer Tiere oder Momente mit dem „Spirit of Tanzania Konyagi“ oder einem ähnlich hervorragenden Äquivalent angestoßen. Und besondere Tiere und Momente gab es wahrlich genug. Für das Trinken von Schnaps sprachen im Übrigen auch andere gute Gründe: 1. Im Gegensatz zum Kilimanjaro waren wir aus Sicherheitsaspekten angehalten, wenig zu trinken, da es in den Nationalparks nur an ausgewählten Stellen möglich ist, das Auto für einen Toilettengang zu verlassen. Gleich zu Beginn warnte Waldon mehrfach vor den gefährlichen Schlangen, vor denen er sich mehr fürchtete als vor den großen Wildtieren (tatsächlich waren dann aber ausreichend Toilettenpausen möglich). 2. Bekanntermaßen ist frisches Trinkwasser in den Nationalparks Mangelware, so dass wir nach dem Motto „save water, drink alcohol“ unseren wertvollen Vorrat für etwaige Notfälle schonten. 3. Selbstverständlich hielten wir uns an die lokalen Coronavorschriften, welche eine regelmäßige Desinfektion vorsahen. Waldon war sichtlich begeistert von unserer guten Stimmung und ließ uns gleich wissen, dass ihn seit seiner Erfahrung mit russischen Gästen nichts mehr überraschen könne.

Wir waren aus Namibia ja schon Wildtiere und tolle Landschaften gewohnt, unsere Safari in Tanzania war jedoch anders und aus unserer Sicht noch einmal ein Stück beeindruckender. Wir besuchten mehrere Nationalparks (Lake Manyara, Tarangire, Serengeti und Ngorongoro) und erkundeten deren abwechslungsreiche und wunderschöne Landschaften. Vor unseren Augen tummelte sich Afrikas Artenreichtum „hautnah“, wie wir es noch nicht erlebt hatten. Zwei Nächte zelteten wir außerdem mitten in den Parks und bekamen abends und nachts Besuch von Flusspferden, Elefanten, Büffeln, Hyänen und anderen Tieren, die unser Camp erkundeten. Manch einer wurde von den fremden Geräusche wachgehalten in der Hoffnung, die Tiere mögen nicht auch noch den Inhalt der Zelte begutachten wollen. Es war eine großartige Erfahrung und wir waren sehr froh, sie doch noch gemacht zu haben. Im Nachhinein hatten wir wirklich Glück, denn Waldon war ein hervorragender Guide, der sich nicht nur mit der Natur, den Tieren und den Örtlichkeiten auskannte, sondern uns auch viel vom alltäglichen Leben und der Kultur Tansanias erzählte, immer ein offenes Ohr hatte und jederzeit gut gelaunt war.

Nächtlicher Besuch im Safaricamp


Vor allem die Serengeti machte ihrem Namen alle Ehre. Dieser stammt aus der Massai-Sprache und bedeutet so viel wie endlose Ebene. Wir waren fasziniert und stellten das erste Mal seit dem Segeltörn einen Vergleich zum Atlantik an. Letztlich entschieden wir uns dafür, dass der Atlantik ein Apfel und die Serengeti eine Birne ist (für die Translator benutzenden Leser: In Deutschland gibt es ein Sprichwort, nach dem man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann).

Die großen Fünf…

…und andere Tiere

Carsten kam trotz oder vielleicht gerade wegen der Schön- und gefühlten Unberührtheit der Serengeti ins Grübeln. Seiner Meinung nach können Mensch und Natur nicht mehr koexistieren. Auf dem Weg in die Serengeti war klar erkennbar, wo die moderne Zivilisation endet. Danach dürfen nur noch die Massai einen gewissen Teil des Landes „bewohnen“. Nach ihrer Argumentation mischen sie sich mit ihrem nomadischen und asketischen Lebensstil nur unwesentlich in den Lauf der Natur ein. Dennoch ist klar, dass Nutz- und Wildtiere nicht konfliktfrei miteinander auskommen. Nicht umsonst werden die Herden der Massai von Kriegern begleitet, die unter anderem die Aufgabe haben, die Nutztiere vor Angriffen von Wildtieren zu schützen. Auffällig war, dass wir keinen Wildtieren mehr begegneten, sobald der Einfluss des Menschen deutlich sichtbar wurde.

Ein für uns sehr seltener Anblick: Im von den Massai bewohnten Grenzgebiet treffen Wildtiere auf Nutztiere.
Besuch eines Massai-Dorfes mit tradioneller Begrüßung

Zudem berichtete uns Waldon, dass die Tierwanderungen, die ja ausschließlich vom Wetter abhängen, in letzter Zeit überhaupt nicht mehr vorhersehbar waren. Der Klimawandel, ein Thema, das unsere Guides schon in der Antarktis regelmäßig ansprachen, hat hier bereits so weitreichende Konsequenzen, dass es bei den Safaris thematisiert werden muss.

Außerdem kamen wir nicht umhin, ein auffälliges Missverhältnis zwischen Lebenshaltungskosten (selbst für Mzungus wie uns) und Preisen für touristische Aktivitäten festzustellen. Wir fragten uns – insbesondere aufgrund der Ausrüstung der Crew am Kilimanjaro – des Öfteren, wie das Geld am Ende verteilt wurde.

Das Straßenbild, das wir kennengelernt haben

Sehr schade fanden wir letztlich, dass wir häufiger explizit gewarnt wurden, auf unsere Sachen aufzupassen. Selbst auf dem Kilimanjaro wurde uns am ersten und am letzten Tag empfohlen, unsere Schuhe während der Nacht mit ins Zelt zu nehmen. Wir fühlten uns zwar zu keinem Zeitpunkt unsicher, aber unterbewusst hatten diese Warnungen sicherlich Auswirkungen.

Mit beeindruckenden Bildern und Abenteuern in Kopf und Herz verließen wir nach der Safari schließlich nach über zwei Monaten den afrikanischen Kontinent Richtung Osten. Bei einem kurzen Zwischenaufenthalt auf Sansibar stimmten wir uns schon einmal auf zukünftige Ziele ein.

Mittagspause in Sansibar

Insbesondere Tanzania hatte Höhen und Tiefen, wird uns aber mit den vielen tollen Tieren und Landschaften und seinen freundlichen, lebensfrohen Menschen trotzdem in guter Erinnerung bleiben. Asante sana, Tanzania.


Antonias Lernkurve im Umgang mit Affen: f(x)=0

Für alle mit Mathegrundkurs hier eine kleine Hilfe oder einfach das Video anschauen ;).

Der Affe war Antonia bereits vorher ins Gesicht gesprungen und hatte sich den ersten Teil des Sandwichs angeeignet. Auf den Gedanken, das Brot einfach im Auto zu essen, war sie trotz der vorherigen Affenerfahrung (zu sehen im Beitrag Back to the Roots) nicht gekommen.
„We going home“ – Zum Abschluss noch einmal Elefanten. Bilder von Babyelefanten gehen eigentlich immer.

„Welcome to Egypt“

02.-22.05.2022

„Money can be counted up, but time can only ever be counted down.“ – James Ogilvie, Europa Crew Mitglied, Besteiger der Seven Summits und überhaupt toller Typ

Zeit ist ein kostbares Gut und neben Gesundheit das Kostbarste, was wir haben. Ein Jahr gemeinsam Zeit zu haben, um einen Teil der Welt zu entdecken, war ein Traum, den wir uns erfüllen konnten, aber auch ein Geschenk, das andere Menschen möglich gemacht hatten. Diese Erkenntnis kam Antonia in der namibianischen Savanne mit dem Sonnenuntergang auf der einen, dem Mondaufgang auf der anderen Seite und der Milchstraße über ihr – kein schlechter Ort also für eine Erleuchtung.

Unsere Gedanken beschäftigten sich zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit wilden Tieren, Zelten und der Frage nach genügend Wasservorräten. Gleichzeitig drängte uns die Zeit zur weiteren Planung der Reise, da uns die südafrikanischen Behörden bei unserer Rückkehr vermutlich nur ein Visum für sieben Tage geben würden. Gleichzeitig begannen die Strapazen der Reise, Planung und Organisation, sowie die vielen unverarbeiteten Eindrücke langsam an uns zu zehren. Und irgendwie fühlten wir uns beide noch nicht bereit, diesen faszinierenden Kontinent zu verlassen. Aus dem Gemisch der Gefühle mit Dankbarkeit für diese unglaubliche Zeit und beginnender Erschöpfung formte sich langsam ein Gedanke und aus diesem Gedanke ein Plan. Carsten wurde eingeweiht und nach einer Nacht „drüber schlafen“ wurde am nächsten Tag wurde: nach Ägypten sollte es als Nächstes gehen, als Überräschungsgäste ans Rote Meer zu Eugens (Carstens Papa) 70. Geburtstag, den der restliche Ufer-Clan dort in einem Hotel feiern wollte. Da Toni noch nie vor den Pyramiden stand, planten wir gleich ein paar Tage Kairo mit ein.

Flüge und Hotel wurden gebucht und am 30.04. machten wir uns auf die 36 stündige Reise nach Kairo, mit einem 24 Stunden Transit-Aufenthalt in Adis Ababa, der Hauptstadt von Äthiopien (was den Flug etwa 200 Euro verbilligte).

Ziemlich müde und übernächtigt bestiegen wir am 2.5. morgens um 3 Uhr in Kairo unser Taxi und fuhren in die Stadt. Erst verspätet wurde uns bewusst, dass außer uns auch der Rest der Stadt noch auf den Beinen war. In den Straßen wimmelte es von Menschen, alte und junge, große und kleine. Wir erfuhren von unserem Taxifahrer, dass just diese Nacht der Ramadan zu Ende gegangen war und es die nächsten Tage zu weiteren Feiertagen und Feierlichkeiten kommen würde. Uns so war es auch.

Als wir später am Tag gegen 12 Uhr das Hotel verließen, waren die meisten Geschäfte geschlossen, kaum Verkehr auf den Straßen, dafür Horden von umherziehenden (fast ausschließlich männlichen) Jungendlichen unterwegs. Es dauerte nicht lange, da wurden wir bemerkt und mit „Hello“ oder „Welcome to Egypt“ begrüßt. Die ganz Mutigen fragten sogar nach einem Foto – vorwiegend mit Toni (Männer…). Wir liefen etwas ziellos durch die Stadt, zunächst zum Nil und dann ins moderne Viertel „Zamata“. Auf dem Spaziergang gewannen wir eine ersten Eindruck von der Stadt: heiß, laut, dreckig, stinkend, lärmend. Wie oben bereits erwähnt, war es Antonias erste Reise nach Kairo, Carsten hat die Stadt zuletzt vor 17 Jahren bei einer Rundreise erlebt. Wie sich noch zeigen sollte, hatte sich einiges verändert. Bei Kaffee und Kuchen planten wir die nächsten Tage: ägyptisches Museum, Pyramiden von Gizeh, koptisches Viertel mit hängender Kirche, arabisches Viertel und Basar. Um nicht in Gefahr zu geraten, die Leser mit einem eintönigen Bericht der einzelnen Sehenswürdigkeiten zu langweilen, möchten wir nur einige Erlebnisse hier teilen.

Pyramiden und Sphinx

Niemand läuft außer uns

Eine neue Stadt lernen wir beide typischerweise zu Fuß kennen. Diese Eigenart ändern wir auch bei 30 Grad im Schatten nicht. Wird man in Mitteleuropa als Spaziergänger mit Rucksack schon mancherorts schief beäugt, dann stelle man sich den verwunderten Blick der Einheimischen in einer Stadt wie Kairo vor, wo tagsüber überhaupt niemand irgendwohin zu laufen scheint – außer uns. Wir haben den Gehweg – oder das was man dafür halten kann – meist für uns (man läuft aber trotzdem auf der Seite der Straße – außer Toni, denn sie tendiert dazu, immer einen Meter in die Straße hinein zu laufen, was Carsten ausschließlich aus Sicherheitsaspekten zum Wahnsinn treibt) und treffen abseits der Touristenattraktionen auch keine anderen ausländischen Besucher. Unser „magic carpet“ – wie wir den verdutzten, ständig opfersuchend hupenden Taxifahrern erklären – trägt uns zuverlässig, wohin wir wollen oder eben geraten. Nach den modernen Einkaufsstraßen kommen wir in runtergekommene Wohnviertel mit Ziegen und Kühen im „Vorgarten“, an breite Straßenzüge voller Eisenwarenläden, auf einheimische Märkte – kurz ins Gewimmel und Getummel der Stadt. Wir erhaschen einen kurzen Einblick in das richtige Leben – mit allem Dreck, Gestank und allen nicht an mitteleuropäischen Maßstäben zu messenden Umständen, die dazu gehören.

Auf dem Weg durch die Stadt
Der entspannte Verkehr an den Feiertagen erleichterte das Überqueren der Straße ungemein
Aufzug mit geringfügigen Abweichungen vom mitteleuropäischen Standards

Wie Wiesn, nur ohne Alkohol

Wie schon berichtet, erreichten wir Kairo zum Ende des Ramadan und die ganze Stadt war auf den Beinen. Das änderte sich auch die nächste Tage nicht. Waren tagsüber vor allem Gruppe von männlichen Jugendlichen unterwegs, gesellten sich spätestens am Nachmittag Vertreter aller Altersgruppen und – wenn auch in wesentlich geringerer Anzahl – des weiblichen Geschlechts dazu und bald herrschte auf den Straßen sowie in den Restaurants, Shisha-Bars und Streetfood-Ständen dichtes Gedränge. Überall lief Musik, manch übermütiger Jugendlicher tanzte sogar, auf kleinen Seitenstraßen wurde Fahrradfahren und Inline-Skaten geübt. Als es uns an einem Abend auf den größten arabischen Basar in Kairo verschlug, kamen bei dem unheimlichen Menschenandrang und Gequetsche, lauter Musik, Gejohle und Gebrüll, sowie unangebrachter Grabscherei fast heimatliche Gefühle auf. Nur das Bier fehlte – also doch keine Wiesn.

Arabischer Basar

Arme oder Haare?

Als weiße Frau in fremden Ländern angeschaut zu werden, war Antonia schon von vorherigen Reisen gewohnt. Um dem entgegenzuwirken, wurden immer lange Hosen und T-Shirts getragen. Auf Berührungen in der Öffentlichkeit und auf den Austausch von Intimitäten verzichteten wir komplett. Trotzdem wurde Antonia in den ersten Tagen häufig angestarrt und um ein Foto gebeten. Ein Blick auf andere Frauen legte die Vermutung nahe, dass unbedeckte Haare – obwohl durchaus vorkommend – doch eine Ausnahme waren. Um der ungewünschten Aufmerksamkeit zu entgehen, wurden schnell zwei Kopftücher gekauft. Obwohl es danach besser wurde, blieb das Gefühl der verfolgenden Blicke und wir bemerkten, dass das Haar zwar bedeckt, die Oberarme im Gegensatz zu den anderen Frauen aber immer noch frei lagen. Also was war es nun, Arme oder Haare? Da auf Grund der hohen Temperaturen immer nur lediglich eines der beiden in Frage kommenden Körperteile bedeckt wurde, blieb die Frage bis zum Ende ungeklärt.

„Welcome to Egypt“

In den 17 Jahren seit Carstens letztem Besuch hatte sich Kairo doch sehr verändert. Es war bis über die Pyramiden hinaus gewachsen, hatte sich seiner Heerscharen von Schuhputzern entledigt und seine aggressiven Händler mit heimtückischen Tricks – kleine Kinder nahmen Touristen an die Hand und zogen sie einfach in ein Lokal – zu „zurückhaltenden“ Geschäftsmännern gemacht. Alte, extrem zerbeulte Autos waren durch neuere zerbeulte ersetzt worden, der moderne Taxi-Service Uber setzte der alten Taxifahrer-Garde mir ihrer undurchschaubaren Preispolitik schwer zu und im Herbst sollte sogar das „Great Egyptian Museum“, Nachfolger des berühmten ägyptischen Museums, nach etwa 20 Jahren Bauzeit eröffnet werden. Der Einsatz von Licht bei Nacht ist hingegen weiterhin verpönt, außer um den Vordermann durch Betätigen der Lichthupe von der Straße befördern zu wollen, weil alleiniges Dauerhupen keinen ausreichenden Erfolg verspricht. Gleich geblieben zu sein scheint das freundliche „Welcome to Egypt“, was uns auf unserem Weg durch die Stadt von überall her zugerufen wurde und uns das Gefühl gab, tatsächlich willkommen zu sein in diesem Land.

Wenn dich deine eigenen Eltern nicht mehr erkennen

Nach vier Tagen in der stickigen, stinkenden, heißen Stadt machten wir uns auf nach Marsa Alam ans Rote Meer, um dort den Rest der Familie Ufer am 8.5. in Empfang zu nehmen. Nach einer 11-stündigen Busfahrt durch die Nacht, wobei der Busfahrer während der Fahrt oft am Handy oder essend verbrachte, kamen wir am 7.5. endlich am Meer an.

Es blieb ein Tag im Hotel, um das Spektakel vorzubereiten. Ein geeigneter Nebenraum der Hotellobby wurde ausgespäht, der Lockvogel an der Rezeption wurde eingeweiht und verschiedene Pläne wurden diskutiert. Am 8.5. gegen 16 Uhr war es endlich soweit. Die völlig ahnungslosen Ufers betraten die Hotellobby, wurden vom freundlichen Rezeptionisten eingecheckt und anschließend auf einen Begrüßungsdrink in den Nebenraum eingeladen. Das hatte es zwar in der Historie von ägyptischen Hotels noch nie gegeben, aber was soll’s. Die erschöpfte Reisegesellschaft ergab sich (Carsten hatte hier mit mehr Gegenwehr gerechnet), betrat den Raum und setzte sich. Gegenüber saß eine Frau mit Kopftuch und Maske, offensichtlich lesend. Schon kam der Kellner herein mit fünf (!?) Sektgläsern, gefolgt von einem dünnen Weißen mit kurzen Hosen, T-shirt und Maske, die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen. Der offensichtlich nicht ägyptische Angestellte erregte zwar durchaus Aufmerksamkeit, entkorkte die gebrachte Sektflasche aber fachmännisch und schenkte ein. Anschließend zog er sich zurück. Sein Auftritt wurde mit den Worten: „Der war aber verkniffen“ und „Der gehört aber nicht hierher“ kommentiert, sonst aber klaglos hingenommen.

Lesende Frau mit Kopftuch und Maske

Als eben jener verkniffene Angestellte nur wenige Augenblicke später an den Tisch zurück kehrte, erneut zur Sektflasche griff, sich selber ein Gläschen einschenkte und der Reisegesellschaft zuprostete, wurde dieses Verhalten mit einem verwunderten „Prost“ quittiert. An dieser Stelle endete die Scharade, Baseballkappe und Maske wurden abgesetzt und das überraschte Gelächter hielt die nächsten fünf Minuten an. Die vermummte Frau entpuppte sich als die Schwiegertochter und die Familie war vereint. Das aus tiefstem Herzen kommende Freudengelächter wird sicherlich eine der liebsten Erinnerungen unserer Reise werden.

Verstehen Sie Spass? für die Ufers

Wir verbrachten eine wunderbare Woche wieder im Kreise der Familie mit gutem Essen, ausreichend Getränken, Sonne, Strand und Meer, mit weiterem Gelächter und manchem ersten Moment. Eugens 70. Geburtstag feierten wir dem Jubilar gebührend. Aber sieben Tage gehen schnell vorbei und ehe wir uns versahen, winkten wir ein weiteres Mal unseren Lieben hinterher, unsicher, wann wir sie das nächste Mal wiedersehen würden.

Der Ausflug war ein voller Erfolg!
Festschmaus zum 70. Geburtstag
Ein weiterer Abschied

Wir selber fanden in der bekannten Umgebung zur Ruhe, erholten uns von den zwei anstrengenden Monaten die hinter uns lagen, sortierten Fotos und aktualisierten unseren Reiseblog – das war ja längst überfällig geworden. Gleichzeitig planten wir weiter, buchten Flüge und Hotels und bereiteten uns auch körperlich auf den nächsten Teil vor.

Unser erster gemeinsamer Nachttauchgang
Wie zu erwarten, eher dunkel
Immerhin sahen wir unseren ersten Oktopus
Carsten konnte Toni auch zum Schnorcheln überreden
Dabei gab es gleich eine Muräne zu sehen

Am 22.5. verabschiedeten wir uns vom Roten Meer und Ägypten voller Erwartung und Freude auf das nächste Abenteuer.

In diesem Sinne bedienen wir uns nochmal der Worte unseres Crew-Mitglieds und Freundes James:

„Money can be counted up, but time can only ever be counted down. So carpe diem and be not afraid that your life will end: be afraid that it will never really begin.“


Und für alle, die tapfer bis zum Ende gelesen haben: hier noch der Link zum Lieblingswitz von Antonias Papa passend zum Reiseland.

Back to the Roots (Kapstadt)

24.04. – 30.04.2022

Bei der Planung unserer Weltreise wurde uns ziemlich schnell klar, dass wir nach der Atlantiküberquerung ein Problem mit unserem Gepäck bekommen würden. Zwei insgesamt 250 Liter fassende Seesäcke mit Offshore-Kleidung, Merino-Unterwäsche ausreichend für eine gesamte Fußballmannschaft, Arctic Gummistiefeln mit ca. 3 kg Kampfgewicht und ausschließlich langen Hosen stellten als 52 Kilo wiegendes Gesamtpaket vermutlich nicht das beste und handlichste Reisegepäck für Tauchsafaris auf tropischen Inseln oder Kraxelei im Hochgebirge dar. Auch wollten wir nicht bei jedem Flug einen nicht unerheblichen Teil in Übergepäck investieren. Es musste also dringend auf die ein oder andere Weise ein Gepäckaustausch erfolgen.

In bester „Inception“-Manier pflanzten wir frühzeitig den Gedanken eines Wiedersehens mit unseren Eltern in Kapstadt. Man könnte doch zusammen die Stadt und Südafrika bereisen – und ganz nebenbei vielleicht zwei Rucksäcke aus Deutschland mitbringen und zwei Seesäcke aus Südafrika zurücknehmen. Leonardo DiCaprio wäre ob unserer Fähigkeiten stolz gewesen und unsere Hoffnung in die elterliche Sehnsucht nach dem abwesenden Nachwuchs wurde nicht enttäuscht, auch wenn aus verschiedenen Gründen am Ende nur Antonias Eltern sich auf den Weg in den Süden machten. Wir planten eine gemeinsame Woche im toll eingerichteten Haus unserer lieben Freundin Anett in Somerset West (übrigens buchbar über Airbnb), um von dort aus Kapstadt und die nähere Umgebung zu erkunden.

Im Laufe der Reise würden wir auch noch Carstens Eltern treffen, aber dazu werden wir später in einem eigenem Artikel berichten.

Am 24.4. flogen wir somit nach Kapstadt zurück. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen war groß. Mit klopfendem Herzen passierten wir die Passkontrolle, schwitzig zittrige Hände zogen den Seesack vom Gepäckband, weiche Knie trugen uns quer durch den Ankunftsbereich Richtung Ausgang, der Blick unruhig über die umherschwirrenden Menschen gleitend, bis endlich zwei heftig winkende Paar Arme mit dazugehörigen Eltern ins Auge fielen. Zwei lange Umarmungen und viele aufgeregte Freudenworte später machten wir uns auf den Weg nach Somerset West, wo wir den Sonnenuntergang in unserem neuen „Stammlokal“ (wie es Antonias Vater nach zwei voherigen Besuchen liebevoll bezeichnete) mit Austern am Strand genossen. Anschließend ließen wir den Abend bei Papas Spaghetti Bolognese inklusive zwei Flaschen Rotwein ausklingen und berichteten bis spät in die Nacht von unseren bisherigen Erfahrungen.

Begrüßungskomitee am Flughafen
Die sehnlich vermissten Ankömmlinge

Für den nächsten Tag war der Besuch des Tafelbergs geplant. Nach einem – frühen 😉 – Frühstück machten wir uns auf in die Stadt. Nachdem Antonias Mama mit den Fahrkünsten ihres Gatten in der jüngsten Vergangenheit – sieben Tage Garden-Route – nicht immer einverstanden war, wurde die Tochter zur neuen Fahrerin auserkoren. Im chaotischen, rasanten Linksverkehr der südafrikanischen Straßen, zwischen kleinen weißen Stadtbussen mit suizidalem Fahrstil, Autos ohne Licht, Lastwagen ohne Blinkereinsatz und die Autobahn überquerenden Fußgängern suchte die arme Chauffeuse meistens das Heil in der Flucht auf die rechte Spur. Dies verkomplizierte allerdings das Nehmen der richtigen Ausfahrt. Die Wahrscheinlichkeit einer sicheren Ankunft am gewünschten Zielort wurde zusätzlich durch die ausbaufähige Navigationstätigkeit des Beifahrers erschwert, da weder ausbleibende noch zu späte Anweisungen zielführend waren und der regelmäßige Verzicht auf google maps auch nicht immer weiter half. Vor diesem Hintergrund war es zwar letztlich nicht verwunderlich, dass jeder geglückte Spurwechsel, Park- oder Autofahrvorgang oder ganz allgemein die unversehrte Fahrt zum richtigen Ankunftsort mütterlicherseits mit einem „prima Püppi“ gelobt wurde. Dies führte allerdings auf Seiten der Fahrerin eher zu einem Negativausschlag des Stimmungsbarometers. Aber zurück zum Tafelberg.

Entlang des Seitenstreifes der Straße zur Gondelbahn parkte bereits eine beunruhigende Anzahl von Autos und die böse Vorahnung wurde von der langen Schlange vor dem Ticketschalter und am Eingang der Talstation bestätigte. Wir stellten uns brav in die Schlangen an. Etwa eineinhalb Stunden später befanden wir uns auch schon in der Gondel auf dem Weg nach oben. Auf die verschiedenen Gemütszustände von 50% der Reisegruppe in diesen 90 Minuten gehen wir hier nicht näher ein, man kann sie sich vermutlich vorstellen. Oben angekommen wurden wir allerdings für Fahrt und Warterei belohnt: die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und wir hatten einen fantastischen Blick auf die umliegenden Berge, Buchten, Stadt und Meer.

Den Nachmittag verbrachten wir bei einem späten Lunch am Strand von Camps Bay, einem Luxusviertel von Kapstadt.

Der nächste Tag hielt für uns alle eine Überraschung bereit. Geplant war eine vier stündige Führung durch Kapstadt mit Dieter, einem Guide, der uns von vorherigen Hausgästen empfohlen wurde. Die Details der Führung wurden im Vorhinein nicht spezifiziert – warum auch immer. Um 10 Uhr ging es los und wir folgten unserem berenteten Führer flotten Schrittes durch die Stadt. Gestoppt wurde an verschiedene Punkten wie teuren Hotels mit Rooftop-Bars, Souvenir- und Gewürzläden, Biltong-Verkäufern, lokalen Künstlern, Restaurants, einem Café in einer Kirche, Märkten, einer Goldschmiede inklusive Diamantenverkauf und mehr. Wir hatten schnell den Verdacht, dass dies keine Stadtführung werden würde, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Nach vier Stunden, mehreren Bitten um einen Kaffee und deutlich sinkender Laune auf Grund aufkommenden Hungers (25% der Gäste halten normalerweise eine strenge Essenzeit um 12:30 Uhr ein) hatte unser Führer ein Einsehen und wir bekamen eine Lunchpause. Körperlich gestärkt konnten wir wieder unserem rüstigen Guide folgen, der mit ca 6-7 km/h vorne weg durch die Stadt pacte. Überall erkannte man Dieter, begrüßte ihn herzlich und beglückwünschte uns zum besten Stadtführer – und wahrlich kannte er sich hervorragend in der Stadt aus und zeigte uns viele eher unbekannte Orte und Highlights. Nach sechs Stunden und 22.000 Schritten kapitulierten wir allerdings erschöpft und baten um die Rückführung zum Auto, obwohl unser dynamischer Guide gut und gerne noch zwei Stunden weiter gegangen wäre. Dieter selbst empfiehlt übrigens, seine Führung am Beginn eines Aufenthalts zu machen. Dies können wir nur bestätigen, denn er liefert in kurzer Zeit so viele Inspirationen für Kapstadt und Umgebung, die man in den nächsten Tagen (oder besser Wochen) eines Aufenthalts abarbeiten kann.

Nach dem anstrengenden Stadtführungsmarathon brauchten wir Erholung, also unternahmen wir am Mittwoch eine Tour nach Stellenbosch und zu den Weingütern. Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir das kleine Städtchen in sehr europäischem Stil mit vielen netten Cafés, Restaurants, kleinen Läden und Galerien, sowie der berühmten Universität. Ein kurzer Stadtbummel überzeugte Antonia davon, dass es sich hier leben ließe, vielleicht in einem anderen Sabbatical – ein LLM zu Weiterbildungszwecken ist ja schnell gemacht. Hunger (s.o.) und vor allem Durst trieb uns weiter zum Weingut Boschendahl, einem der ältesten in dieser Region. Wir ergatterten den letzten der begehrten Picknickkörbe und genossen das wunderbare Essen im tollen Park bei bestem Wetter, Live-Musik und einer Flasche Wein.

Für den Rückweg wählten wir eine Route mit grandiosen Ausblicken auf die Landschaft und einem spektakulären Sonnenuntergang am Meer zum Abschluss.

Für den „richtigen“ Abschluss der Cape2Cape-Tour fehlte Antonia und Carsten noch das afrikanische Kap, dessen Besuch am Donnerstag anstand. Früh morgens ging es mit dem Auto entlang der wunderschönen Küste zum Kap der guten Hoffnung. Auf dem Weg dorthin machten wir Halt bei „alten Bekannten“, den Fellrobben in Kalk-Bay und den Pinguinen in Jamestown. Von der Familie offensichtlich zu Pinguin-Experten erklärt, wurden uns viele Fragen zu den kleinen Kerlen gestellt, die wir zumeist nicht beantworten konnten. So viel zum Expertentum. Im Nationalpark angekommen ging es zunächst zum Leuchtturm an Cape Point mit spektakulärem Blick über die Klippen und das Meer. Nach dem harten Aufstieg hatten wir uns eine Tasse Kaffee und Süßigkeiten verdient – zumindest war das unsere Sicht der Dinge. Einer der umherziehenden Paviane, vor denen überall ausdrücklich mit Schildern gewarnt wird, sah das offensichtlich anders und entschied, die Süßigkeiten ständen doch eher ihm zu. In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit – zwei Leute daddelten am Handy und eine brachte den Müll weg – machte er seinen Standpunkt klar und beanspruchte Süßigkeiten und Obst für sich. Es gehört schon einiges an Selbstvertrauen dazu, die Beute anschließend noch vor den Augen der Eigentümer zu verschlingen. Wir waren sicher nicht seine ersten oder letzten Opfer.

Nach diesem schockierenden Erlebnis, welches uns zudem den Zorn von Antonias Mama über die verlorenen Lieblings-Süßigkeiten einbrachte, machten wir uns auf, endlich das Kap der guten Hoffnung zu erreichen. Nach einem kurzen Spaziergang in wunderschöner Szenerie und einem kleinen Ausflug in eine tolle Bucht (Achtung wieder Paviane!) erreichten wir (wie hunderte Bus-Touristen auch) das Holzschild „CAPE OF GOOD HOPE“ und damit das Ende unserer Segeltour zu Fuß. Dass dieser Punkt lediglich der südwestlichste und nicht der südlichste Punkt Afrikas ist, mag wohl den ein oder anderen Touristen enttäuscht haben, uns kam er nach der Antarktis doch eher nördlich vor.

Endlich am Kap angekommen

Für den letzten ganzen Tag in Kapstadt hatten wir uns ein besonders Schmankerl aufgehoben: Gepäck umpacken. Die verschiedenen Zustände der Unordnung des Hauses und der Gefühle der Reisenden können hier nur schlecht dargestellt werden. „Bombenexplosion“ und „Wechselbad der Gefühle“ sind wohl die treffendsten Beschreibungen. Wer Carstens Liebe fürs Packen kennt, kann sich seine Stimmung sicherlich ausmalen. Glücklicherweise hat ja doch alles – außer der Wurst bekanntermaßen – ein Ende und so standen nach etwa drei bis vier Stunden jeweils zwei halbwegs gepackte See- und Rucksäcke im Wohnzimmer. Erschöpft von dieser Aufgabe verbrachten wie einen letzten Nachmittag in der Stadt, kauften eine dritte Kamera – GoPro nicht mitgerechnet – füllten am Gewürzmarkt den verlorenen Vorrat an Süßigkeiten auf und genossen einen letzten Blick auf „unsere Europa“, bevor sie und wir Kapstadt verlassen würden.

Carsten bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen.

Am 30.4. um sechs Uhr in der Früh hieß es für uns erneut Abschied nehmen von Antonias Eltern, diesmal ohne Aussicht auf baldiges Wiedersehen. Mit Tränen in den Augen drückten wir uns fest, die Abfahrt des Taxis wurde von heftigem Winken begleitet. Wenige Stunden später machten wir uns selbst erneut auf zum Flughafen, das Herz noch etwas traurig vom Abschied, aber doch voller Vorfreude auf den nächsten Teil unserer Reise.