Namibia (oder auch: warum wir ab jetzt überlegen, immer einen Reservekanister dabei zu haben)

Auf einmal waren wir in Windhoek. Nur noch zu zweit. Ohne Plan. Ohne Routine. Und ohne Ziel. Klar war nur, dass wir genau zwei Wochen hatten, um dieses Land kennen zu lernen. Und eigentlich brauchten wir noch Zeit, um richtig anzukommen. Es war der 10. April.

Reiseplanung für Fortgeschrittene

Eine erste Überraschung erwartete uns bei der Ausreise aus Kapstadt. Der zuständige Beamte fragte nach unserem Reiseziel. Als er fragte, wo es nach Namibia hingehen sollte und mit der Antwort „world“ nicht vollständig zufriedengestellt war, erläuterten wir unsere nächsten Reisepläne, die beinhalteten einen unbestimmten Zeitraum in Südafrika zu verbringen. Daraufhin erklärte uns der Beamte, dass wir bei einer Wiedereinreise nach Südafrika nur ein Visum über sieben Tage bekommen würden. Diese Information nahmen wir also mit nach Windhoek und kontaktierten gleich die beiden Pärchen, die mit uns auf der Bark Europa gewesen waren und ebenfalls planten, nach Südafrika zurückzukommen. In der Folge informierten sich alle bei Botschaften und Konsulaten in der Heimat und kamen aufgrund inkonsistenter Datenlage zu dem Ergebnis, dass die Dauer des Visums für Südafrika nach der Wiedereinreise eine Art Glücksspiel werden würde. Auf dieses Spiel wollten wir uns nicht einlassen, weshalb wir unsere Südafrikapläne kurzerhand (Achtung: schiffsbezogenes Wortspiel) über Bord warfen und nun zwei Wochen Zeit hatten, neue Pläne zu schmieden. Obwohl wir uns eigentlich jedes Mal intensiv mit den Einreisebegebenheiten auseinandersetzen (was sich in Zeiten von Corona als gar nicht mal so einfach herausgestellt hat), kam diese Hürde aus dem Nichts und ließ uns beim Bereisen des ersten Landes schon ein wenig zweifeln, ob spontan Reisen wirklich reibungslos funktionierende würde.

Wie schön kann eigentlich die Sonne untergehen?

Am Flughafen Windhoek angekommen, die nächste Überraschung. Relativ unbegleitet liefen wir über das Flugfeld zum Terminal. Obwohl wir auf hoher See den ein oder anderen wunderschönen Sonnenuntergang erleben durften und sich in den zwei Tagen in Südafrika schon angedeutet hatte, welches Spektakel sich allabendlich abspielen kann, wurden wir vom bisher schönsten Sonnenuntergang begrüßt (dies galt zumindest für Carsten; Toni erinnerte sich an frühere Familienurlaube in Kenia). Wir waren sprachlos ob des Farbenspiels, welches den Himmel über eine gefühlte Ewigkeit in immer wieder unterschiedliche Töne malte. Der Gesamteindruck lässt sich durch Bilder leider nicht annähernd vermitteln. Wir freuen uns für jeden, der die Chance hat, eine solche Erfahrung selbst gemacht zu haben oder zu machen. Für uns werden diese Farben und dieses Gefühl von nun an untrennbar mit Afrika verbunden bleiben. Allein der Gedanke daran sorgt zukünftig sicherlich für das ein oder andere feuchte Auge. (Wir wissen nicht, wo man in Namibia die Region Afrika begrenzt. Als wir die Frage, ob wir schon einmal in Afrika gewesen wären, mit „Ja, in Ägypten“ beantworteten, bekamen wir zumindest die Reaktion, dass das ja nicht Afrika sei).

Windhoek

Die Taxifahrt vom Flughafen zu unserer Unterkunft dauerte ungefähr eine Stunde und wir genossen weiterhin den Sonnenuntergang. Sobald wir angekommen waren, begannen die Reiseplanungen. Toni hatte schon kurz recherchiert und herausgefunden, dass man dieses Land wohl relativ unproblematisch auf eigene Faust erkunden konnte. Also entschlossen wir uns, ein paar Tage in Windhoek zu bleiben, um von dort weitere Einzelheiten zu klären. Daneben wollten wir noch Sachen erwerben, die beim Packen für die Antarktis keine Berücksichtigung gefunden hatten, wie z.B. kurze Hosen, leichte Sommerschuhe und normale Alltagskleidung, damit man nicht immer gleich als deutscher Tourist erkannt wurde (in Afrika, haha). Erstaunlicherweise gestaltete es sich zumindest für Toni als unmöglich, eine kurze Hose zu erwerben, wofür es mehrere Gründe gegeben haben mochte. Der Hauptgrund lag sicherlich darin, dass der Wintereinbruch kurz bevor stand und die Regale eher mit Daunenmänteln als mit kurzen Hosen gefüllt waren. Glücklicherweise fand sie dann doch einen adäquaten Ersatz für eine kurze Hose in Form eines Kleids. Fast genauso unmöglich war es, einen fahrbaren Untersatz zu mieten, mit dem wir uns auf Erkundung begeben konnten. Nach 17 erfolglosen Telefonaten mit Mietwagenunternehmen, die alle bereits ausgebucht waren, konnte Toni beim 18. Telefonat wenigstens einen Teilerfolg erzielen, da ihr ein Wagen für eine Woche angeboten wurde. Wir nahmen also den Spatz auf dem Dach, buchten den Wagen und planten eine kleinere Tour als erhofft. Zudem schlenderten wir ein wenig durch das herbstlich heiße Windhoek und ließen die Eindrücke einfach auf uns wirken.

Nach 52 Tagen genießt Antonia auch die süßen Vorzüge der Zivilisation, jummy!

Wir freuten uns auch über ein Wiedersehen mit Kabine 10, da Eva und Bas ebenfalls für eine Rundtour nach Namibia geflogen waren. Die kurioseste Begegnung waren aber vermutlich die „DDR-Kinder“, die uns wiederholt über den Weg liefen und jedes Mal um „Spenden“ für eine große Veranstaltung baten, die schon bald stattfinden sollte. Bei der Recherche zu den „DDR-Kindern“ gewannen wir die ersten Einblicke in die Geschichte Namibias und unser Interesse war mehr als geweckt. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, welche Entwicklung dieses Land in den letzten 150 Jahren durchmachen musste, welche Konflikte es ertragen, welchen Einflüssen es sich erwehren und welchen Zwängen es entwachsen musste und wie viel davon sich noch heute auf die Gegenwart auswirkt. Wir hatten den Wunsch, das Land ganzheitlich zu erfahren.

Von der Hochebene zur Küste (Walvis Bay)

Nach drei Tagen in Windhoek tauschten wir vier Wände gegen vier Räder,
Bett gegen Matratze, Bettwäsche gegen Schlafsack, Herd gegen Gaskocher und Stadt gegen Land. O.k. wir hatten noch zwei Reserveräder, jedoch keinen Reservekanister, dabei. Es sollte ja nur eine kleine Tour auf (unserer Einschätzung nach) weitgehend touristisch erschlossenen Gebieten werden.

Nach einer kurzen Einweisung fuhren wir los in Richtung Walvis Bay. Bei der Routenplanung mussten wir berücksichtigen, dass wir nach Sonnenuntergang nicht mehr unterwegs sein durften, die Distanzen aber doch meist ordentlich waren. Nach einem Tankstop, einem kurzen Einkauf und mehreren Panikattacken der Beifahrerin hatten wir uns schnell an Auto und Linksverkehr gewöhnt und kamen gerade so rechtzeitig an unser erstes Etappenziel.

Erste Fahrversuche im Linksverkehr…
Die richtige Musik ist auch mit dabei!

Neue Erfahrung: Tanken. Wir hatten im Vorfeld gelesen, wie es funktioniert, fragten uns dann aber doch z.B. – insbesondere weil wir gerade aus Südafrika kamen – ob man aussteigt, ob man die Tür verriegelt oder ob man mit Kreditkarte zahlen sollte. Letztere Frage erledigte sich wegen der Menge von 135 Litern, die wir tankten, glücklicherweise von selbst (bei ca. 1,25 Euro pro Liter), so dass wir schnell mehr Vertrauen fassten.

Im Vergleich zu Windhoek war es abends schnell sehr frisch und schon beim Aufbauen des Zeltes fröstelten wir ein bisschen.

Durch die Wüste die Küste entlang nach Swakopmund

Am nächsten Morgen schliefen wir aus und gingen nach einem ausgiebigen Frühstück am leeren Strand von Walvis Bay spazieren. Am Vormittag war es tatsächlich herbstlich kühl.

Neue Erfahrung: Parkwächter. Auch hier hatten wir natürlich gelesen, wie es funktioniert, aber es war dennoch spannend, über Sinn dieser Institution zu diskutieren – wie es vermutlich jeder Tourist macht, der das das erste Mal sieht. Sofort stellten wir uns die Frage, wie man reagiert hätte, wenn man nicht die Chance hat, sich vorab zu informieren (wie ist man eigentlich in Zeiten vor dem Internet auf eigene Faust gereist???).

Wir genossen die durch die Feiertage bedingte Einsamkeit und trafen auf Flamingos in freier Wildbahn.

Die nächste neue Erfahrung: Eine Gruppe junger Männer wollte Fotos und Selfies mit uns. Sofort schrillten sämtliche Warnglocken und wir zierten uns etwas, ließen uns aber schließlich doch darauf ein. Die Gruppe junger Männer war sichtlich glücklich über den Gefallen und wir alle lachten viel. Sie erzählten uns, dass sie aus Zimbabwe zum Urlaub hier wären. Wir fühlten uns wegen unserer ersten negativen Gedanken nicht wirklich gut und fragen uns immer noch, ob wir vorurteilsbehaftet oder einfach nur vorsichtig waren. Oder ob es hier gar keinen Unterschied gibt, weil unser Verhalten ja nur auf das im Vorfeld Gelesene zurückzuführen war.

Da wir es aufgrund der Autoknappheit der Vermietungsfirmen nicht weiter in den Süden schaffen würden, unser nächstes Ziel (Swakopmund) ohnehin nicht allzu weit entfernt war und wir somit noch ausreichend erlaubte Autozeit zur Verfügung hatten, machten wir anschließend einen Abstecher zu einer der Sanddünen, für die Namibia weltbekannt ist. Wir wissen nicht, ob es an den Osterfeiertagen lag, aber als wir ankamen, fanden wir ein sehr angenehmes Setting vor. Alle Freizeitaktivitätsanbieter, wie z.B. von Sandsurfen, hatten geschlossen und anstelle von Touristenmassen schienen viele der Leute, die dort waren, aus der näheren Umgebung für einen Feiertagsausflug gekommen zu sein. Vor den Autos wurde entspannt gegrillt, Kinder spielten ausgelassen und überall lief laute Musik. Natürlich erkletterten wir die Düne und genossen den Ausblick. Sollten wir jemals wieder nach Namibia kommen, werden wir auf jeden Fall versuchen, einen Sonnenaufgang in den südlicheren Dünen zu erleben.

Zu Ostern gabs einen speziellen Service der Ehefrau…

Der weitere Weg nach Swakopmund führte entlang der Küstenstraße und wir kamen entspannt an, um wieder mal einen Sonnenuntergang am Meer verfolgen zu können. Unbezahlbar.

Ein echter Sundowner in Swakopmund

Into the wild (Spitzkoppe)

Unsere nächste Etappe führte uns in die Wildnis. Nachdem wir uns nun ausreichend in die Campingabläufe eingegroovt hatten, war es an der Zeit, etwas abseits von den größeren Siedlungsgebieten zu übernachten.
Zuvor erkundeten wir noch ein wenig Swakopmund, wo uns vor allem das historische Museum sehr gefiel, mal wieder zum Nachdenken anregte und genug Stoff für angeregte Unterhaltungen lieferte. Aufgrund der vergangenen kühlen Nächte erwarben wir noch eine Decke, die wir jedoch nicht mehr brauchen würden.

Neue Erfahrung: gravel road, die die Mehrheit des Straßenbelags in Namibia ausmacht. Tip: Bei häufigen Wechseln des Straßenuntergrundes ist ein vernünftiger Kompressor sehr hilfreich.


Spät Abends (die Fahrverbotsampel hätte irgendwas zwischen gelb und rot angezeigt) erreichten wir Spitzkoppe und durften/mussten irgendwo im Nirgendwo campen („we are booked out but just look for a place where you want to stay…“). Die Kulisse war traumhaft und wir hatten Glück, dass wir dank des hell leuchtenden Vollmondes nicht im Dunkeln aufbauen mussten.

Safari

Trotz einer längeren Fahrtstrecke vor uns ließen wir es uns am nächsten Tag nicht nehmen, das abgeschieden gelegene Wander- und Klettergebiet im Naturschutzpark Spitzkoppe zu erkunden. Ein Guide der San begleitete uns zu tausend Jahre alten Höhlenmalereien und erklärte anhand dieser einführend die Geschichte und Kultur seines Volkes. Es entspann sich eine interessante Diskussion um gesellschaftliche Werte, Interessen und Generationenkonflikte und schnell war klar, dass das Leben im Busch schon lange nicht mehr vollständig unbeeinflusst von den Auswirkungen der modernen Zivilisation stattfinden kann.

Beeindruckt von der Kultur der San, wobei uns deren nach den Erzählungen friedliche Koexistenz untereinander im Einklang mit der Natur besonders gut gefiel („not like Ukraine and Russia“), machten wir uns auf den Weg in den Nationalpark Etosha, wo wir zwei aufregende Tage verbrachten.

Unsere fachmännischen Gedanken zum Thema Gravelroad und Mietwagen…

Windhoek

Unser Safariabenteuer war viel zu schnell beendet und wir mussten uns nach der einen Woche von unserem neuen Zuhause trennen. Wie viele Trennungen verlief das Ganze nicht reibungslos. Auf der Rückfahrt reagierte plötzlich das Gaspedal nicht mehr, wir blieben stehen und hatten noch Glück, dass wir auf einem 30 Meter langen „Standstreifen“ ausrollen lassen konnten. Der Standstreifen selbst war in jede Richtung 75 Kilometer von einer Stadt entfernt. Alle von uns überprüfbaren Parameter (Öl, Hydraulik, Kühler, Batterie) waren im grünen Bereich und der Tank war laut Anzeige noch zu knapp einem Viertel gefüllt. Der von uns angerufene Service vermutete einen Lufteinschluss und aufgrund dessen einen leeren Tank. Da er in der Nähe keinen Mechaniker erreichen konnte, bat er uns, ca. 2 Stunden zu warten, bis Hilfe ankommen würde, denn er müsse erst einen Mechaniker in Windhoek auftreiben.

Das Stimmungsbarometer sinkt….

Zugegebenermaßen gibt es schlechtere Orte für eine solche „Panne“ und der Luftzug konnte die ausgefallene Klimaanlage halbwegs ersetzen. Dennoch vertrauten wir nicht so ganz auf afrikanische zwei Stunden und nahmen unser Schicksal selbst in die Hand. Zufälligerweise befand sich genau gegenüber unserem Standstreifen das Gate zu einer Jagd-&Gästefarm, auf der wir zurecht einen Kanister Diesel vermuten durften. Nach kurzer Internetrecherche kontaktierten auf gut Glück den Besitzer der Farm. Anscheinend hatten wir genug Karmapunkte gesammelt, denn der Besitzer hatte noch Diesel vorrätig und schickte uns Detlef vorbei, einen gut gelaunten Rentner aus Deutschland, der jedes Jahr ein paar Wochen Urlaub auf der Farm verbrachte. Detlef half uns beim Befüllen des Tanks und sah uns zu, wie wir uns bemühten, die Dieselleitungen gemäß den telefonischen Anweisungen des Mechanikers zu entlüften und den Wagen zu starten. Als dies nach mehrfachen Versuchen endlich klappte, war Detlef fast genauso happy wie wir. Wir verabschiedeten uns mit einem Lächeln und konnten unsere Fahrt getränkt von Schweiß und Diesel fortsetzen. Froh, auch dieses Abenteuer schadlos überstanden zu haben und unheimlich dankbar, in dieser fremden Gegend auf solch nette Menschen getroffen zu sein.

Die Welt ist wieder in Ordnung – zumindest für uns!

We have basically just returned from Swakopmund so you can imagine our surprise when we received this lovely letter which we have passed onto Detlef (our much liked and trustworthy guest of many years).  Detlef has a way of making a horrible situation  into something to smile about.  We are thrilled that Outeniqua could be of help and that your next trip to Namibia will be with an open heart and not dread.

Do take care and I do hope Namibia sees you again in the future.


Auszug aus der Antwort nachdem wir uns noch einmal per E-Mail für die Unterstützung der Outeniqua Jagd- und Gästefarm bedankt haben

Die Stadt, in der ich nicht leben möchte

In Windhoek nahmen wir an einer empfehlenswerten Stadtführung teil. Unser guide Petrus erklärte ausführlich die historischen Zusammenhänge, die die Stadt und das Land zu dem gemacht haben, was es heute ist. Unheimlich spannend. Und insbesondere vor dem aktuellen weltpolitischen Geschehen unglaublich traurig, wie Menschen trotz des angeblich hohen Zivilisationsgrades immer wieder Gewalt anwenden und damit über Generationen ein friedliches Zusammenleben unmöglich machen.

Dank Petrus lernten wir auch Kattutura kennen, das township von Windhoek. Trotz des Namens, der aus der Zeit der Zwangsumsiedelungen herrührt und so viel bedeutet wie „die Stadt, in der ich nicht leben möchte“, fühlen sich laut Aussage von Petrus unheimlich viele der Bewohner hier inzwischen sehr wohl und möchten gar nicht mehr wegziehen, selbst wenn die finanziellen Mittel für einen Umzug vorhanden wären.

He is in Africa now … spicy!
Typisches Mittagessen in Kattutura: gebratenes Rindfleisch mit Kapana Gewürz
Gruppenfoto mit unserem sehr empfehlenswerten Guide Petrus und dem Handzeichen für Namibia

Happy Birthday (oder auch: warum wir ab jetzt überlegen, in fremden Ländern unser GPS auch auf vorgegebenen Wanderwegen zu nutzen)

Tonis Geburtstag verbrachten wir zunächst im Namibian Craft Center, in dem wir glücklicherweise endlich fündig wurden, was die entsprechenden Geschenke betrifft (der favorisierte Edelstein im Kristallmuseum von Swakopmund überstieg leider das Reisebudget).

Toni präsentiert einen Teil ihrer Geburtstagsgeschenke

Anschließend fuhren wir auf eine Farm in der Nähe von Windhoek, wo wir – im Gegensatz zum Etosha-Nationalpark – in freier Wildbahn wandern konnten. Wir machten eine kleine Wanderung und ließen uns aufgrund der guten Erfahrung am nächsten Tag gleich auf die große Wanderung ein, welche sich zu einem ungeplanten Abenteuer entwickelte. Wir gehen davon aus, irgendwann einmal vom nicht mehr erkennbaren Weg falsch abgebogen zu sein und sagen wir es mal kurz zusammengefasst so: Auch hier sind wir froh, schadlos und zeitnah an unserem Ausgangspunkt angekommen zu sein 😜. Den Abend ließen wir bei einem klassischen Marathon-Hühnchen auf namibianische Weise ausklingen und machten uns am nächsten Tag (24.04.) wohlbehalten, wohlgenährt und endlich mal wieder etwas ausgepowert in Richtung Südafrika auf.

Wir wären sehr gerne länger in Namibia geblieben, insbesondere um uns noch die Wüste im Südwesten anzusehen. Auch wären wir gerne noch weiter in den Norden gefahren, um vielleicht die Grenze zu Botswana zu passieren. Aber unser zeitlicher Plan ließ das nicht zu. Wir können für dieses wunderschöne und freundliche Land jedenfalls eine uneingeschränkte Reiseempfehlung aussprechen. Besonders hat uns gefallen, dass es unkompliziert möglich ist, auf eigene Faust im eigenen Rhythmus zu reisen.

Die Überquerung des Atlantiks

Als wir am Abend des 13. März Südgeorgien verließen und als Teil der wachhabenden blue watch gut damit beschäftigt waren, zahlreiche Segel zu setzen, wussten wir noch nicht, was uns bevorstand. 25 Tage auf hoher See ließen uns zu Matrosen werden, ob wir wollten oder nicht. Den einen standen fast vier Wochen herrlicher Segelerfahrung bevor, den anderen der Alptraum von weiteren vier Wochen des Seekrankheit-Martyriums. Wie auch immer die Stimmungslage war, uns allen gab das nun ohne Landungsunterbrechungen fortlaufende Wachsystem einen festen Tages- und Lebensrhythmus. Ein Beispiel für unseren Wach- und Zeitplan findet sich am Ende der Seite, das meiste davon wurde auch schon in unserem Video-Beitrag „A typical day of sailing“, verarbeitet.

Um nicht in die Verlegenheit zu kommen, uns in erneuten Beschreibungen von Wind, Wellen, Schräglage des Schiffes etc. zu wiederholen, möchten wir eher Gedanken teilen, die wir uns während dieser Zeit gemacht haben. Denn Zeit zum Nachdenken hatten wir wahrlich genug. Um diese schwere Kost aufzulockern, zeigen wir zwischendrin aus unserer Sicht eindrucksvolle – und manchmal auch sehr lustige – Impressionen der Atlantiküberquerung (Wir hoffen, dass trotz der (leider notwendigen) Kompression noch etwas zu erkennen ist).

12 Fragen ins Blaue hinein:

I. Spielball der Elemente oder wie weit kann der Ozean sein?

Als outdoor-aktive Menschen hatten wir beide schon vor der Reise hin und wieder die Macht der Natur kennen gelernt und Carsten hatte während seiner Segeltörns durch die Ostsee vor ein paar Jahren bereits den ein oder anderen welligen Segeltag erlebt. Was der Begriff „Naturgewalt“ wirklich bedeutet, haben wir beide aber wohl erst in diesen Segelwochen wirklich verstanden. Bei 40-50 Knoten Wind und 6-7 Meter hohen Wellen wir das Schiff zur Nussschale, zum Spielball der Elemente, denen es schutzlos ausgeliefert ist. Das Wort Wellenberg ist nicht umsonst gewählt, türmten sich die Wassermassen doch noch weit über unsere auf dem Deck befindlichen Köpfe auf, bevor sie das tapfere Schiff in das nächste Wellental warfen. Vom Mast des Schiffes sah diese Abfolge von Berg und Tal tatsächlich aus wie ein Gebirge, durch welches sich die Europa kämpfte. Dazu kam noch der Wind, heulend und schreiend in unseren Ohren, der einen Wortwechsel zu einem wilden Gebrüll werden ließ, dessen Kraft gegen den eigenen Körper drückte, an ihm zerrte und ihn mit sich wehen wollte. Den Elementen derart ausgesetzt lernten wir Demut vor der Natur und ihren Gewalten und wurden uns unserer Rolle als in solchen Situationen weitgehend machtlose Menschen wieder bewusst.

Die Europa als Spielball der Wellen

II. Wir als Matrosen?

Wir wollten das Matrosenleben kennenlernen, hatten jedoch warme Duschen, unsere Bettwäsche und Handtücher wurden gewechselt und unsere Wäsche wurde gewaschen. Nicht nur unsere Kabinen wurden von der permanent crew gereinigt, diese kümmerte sich regelmäßig sogar um das komplette Schiff, ohne dass wir mit anpacken mussten/durften – sondern vielmehr aufpassen mussten, dass wir nicht im Weg standen. Auch in der Küche war – abgesehen vom Kartoffelschälen – keinerlei Mithilfemöglichkeit angedacht. Wir fanden deshalb schnell den Begriff „Segelkreuzfahrt“ sehr passend für unser aktuelles Abenteuer und versuchten uns so zumindest bestmöglich als Teilzeitmatrosen.

Am Anfang waren wir völlig ahnungslos, was die Bedienung der Segel angeht. Dies blieb zunächst auch so, da nicht alle Mitglieder der voyage crew volles Interesse für das Segeln zeigten und viele Segelunterrichtseinheiten den schwierigen Segelbedingungen zum Opfer fielen. Die Europa fungiert zudem auch für die permanent crew zum Teil als Ausbildungsschiff, so dass es oftmals an einer klaren Kommandostruktur fehlte. Dies führte zu einigen – zumeist lustigen – Missverständnissen, aber am Ende haben wir doch immer alles irgendwie hinbekommen. Nach und nach entwickelten wir ein gutes Verständnis für die Situation und mit ein wenig Eigeninitiative eigneten wir uns doch genug Wissen an, um zumindest zu verstehen, was man zu tun hatte, wenn eine gewisse Ansage getätigt wurde. Wir hätten uns noch nicht zugetraut, eigene Entscheidungen zu treffen, konnten aber zielgerichtet mit der permanent crew überall an Deck und auf allen Masten zusammenarbeiten, so dass wir bei der Wache gerne tatkräftig unterstützten und uns nicht mehr nutzlos fühlten. Bei anderen Tätigkeiten, die sonst so anfallen, wie z.B. Reparieren von Segeln und Tauen, ließen es die Bedingungen nicht zu, dass wir uns mehr einbringen konnten. Nur bereits erfahrende Seebären konnten hier mithelfen, wir gewannen hingegen einen Einblick in alles, was während so einer Reise erledigt werden muss. Mit Ausdauer und Geduld würden wir das bestimmt auch beizeiten hinbekommen. Irgendwann verinnerlichten wir den Rhythmus auf dem Schiff und es entstand eine neue routinierte Normalität. Der Weg war das Ziel. Wir als Mannschaft taten fast jederzeit alles, um den Kurs an die äußeren Bedingungen bestmöglich anzupassen. Daneben genossen wir trotz des teils tosenden Wetters um uns herum eine angehnehme und friedliche Ruhe. Zu diesem Zeitpunkt waren wir vollständig auf dem Ozean angekommen und fühlten uns gut aufgehoben und genau richtig – zumindest für den Moment. Dauerhaft auf einem solchen, oder auf überhaupt einem Schiff zu leben wie viele der permanent crew oder insbesondere unser Guide Jordi seit 20 Jahren, ist für uns aber doch keine Lebensweise. Eingebunden in den strikten Wachrhythmus ohne richtige Privatsphäre oder eigenen Rückzugsort und letztlich in der Mobilität beschränkt auf die Schiffsmaße fehlte uns sowohl Raum für Intimität als auch ein adäquater Bewegungsradius (z.B. zur Entfaltung der persönlichen Hobbies wie Bergwandern, Radfahren, Reisen oder für regelmäßige bzw. spontane Treffen mit Familie und Freunden).

Ein kurzer Rundumblick bei Wind und Wellen

III. Wer lebt am Ende der Welt?

Ein weiterer Höhepunkt dieser Reise sollte die Landung auf Tristan da Cunha, einer Insel mittel im südlichen Atlantik und der – so sagt man – abgelegenste Wohnort der Welt, werden. Als uns kurz vor der Ankunft per Mail mitgeteilt wurde, dass immer noch keine Besucher auf der Insel erlaubt waren, wog bei einigen die Enttäuschung sehr schwer und wurde auch nicht gebessert durch Erzählungen eines anderen Crew-Mitglieds, der bei der gleichen Reise vor ein paar Jahren auf der Insel gelandet war. Um den Verzweifelten zumindest etwas Linderung zu verschaffen, segelten wir bei strahlendem Sonnenschein und wenig Wind sehr, sehr langsam an der Vulkaninsel vorbei und bekamen Gelegenheit, die einzige menschliche Ortschaft – Edinburgh of the Seven Seas – und ihre berühmten Kartoffelfelder aus der Ferne zu betrachten. Gegen 9 Uhr ließen wir unser ohrenbetäubendes Schiffshorn zum Gruße ertönen. Die Neugier auf diesen Ort, seine Geschichte und die Menschen, die dort leben war allseits sehr groß. In einem Vortrag des Schiffsarztes bekamen wir einen Einblick in die historischen Begebenheiten und Traditionen auf der Insel. Aber was waren das für Menschen, die freiwillig und gerne an diesem Ende der Welt lebten? Es entspannen sich wilde Spekulationen über an einen Kreis erinnernde Familienstammbäume und Diskussionen über das Leben an abgelegenen Orten im Allgemeinen. Der ein oder andere erwog vermutlich auch, ob nicht ein ungeliebtes Crew-Mitglied auf der Insel abgesetzt werden könnte… Doch zu bald zog die Insel und diese Chance an uns vorbei und so blieben alle an Bord, freiwillig wäre wohl von uns auch niemand auf der Insel geblieben.

Carsten genießt das Segeln

IV. Wo endet der Himmel?

Wenn man mitten in der Nacht irgendwo im südlichen Atlantik Wache schiebt und alles dunkel und ruhig um das Schiff ist, bleibt einem auf dem Ausguck nicht viel mehr zu tun, also nach vorne oder nach oben zu starren. Meist versprach der Blick nach oben einen besseren Ausblick. In wolken- und mondlosen Nächten war die von Lichtverschmutzung unbehelligte Pracht des südlichen Sternenhimmels mit der Milchstraße als hell schimmerndes Band zu sehen. Hatte man die Mitternachtswache und Glück, konnte man gegen Morgen sogar die Planeten Venus, Jupiter, Mars und Saturn am Horizont aufgehen sehen. Viele Stunden waren wir in diesen unglaublichen, wunderschönen Anblick versunken, konnten uns nicht satt sehen an der Pracht des Lichterspiels und entdeckten immer neue Sternenkonstellationen. Insbesondere unser Freund John stellte sich als wahrer Kenner heraus, da er in seiner Freizeit häufig kosmologische Phänomene wie Mondfinsternis oder Meteoritenschauer beobachtete. Der Blick in diese unendliche Weite ließ das eh schon auf ein gesundes Maß gestutzte Bild der eigenen Bedeutung für die Welt auf subatomare Ebene zusammenschrumpfen. Wir kamen uns alle ziemlich klein und unserer Sorgen und Nöte unbedeutend vor. Natürlicherweise kam auch bei uns die Frage auf, ob irgendwo in den unendlichen Weiten noch anderes Leben entstanden war oder ob vielleicht doch ein Gott da draußen auf uns wartete. Antworten fanden wir nicht, aber von diesen und weiteren Fragen inspiriert, las Antonia anschließend zwei der populärwissenschaftlichen Bücher von Stephen Hawking, um zu verstehen, welche Antworten die Physik bereit hält. Kurz gesagt: sie wissen auch nicht mehr als wir.

Die Wellen rufen zum Teil durchaus Begeisterung hervor

V. Wie lange kann man das aushalten?

Keinen Tag-/Nachtrhythmus, keine Familie, keine (alten) Freunde, kein vernünftiges Bier, kein Internet, kein Sport, keine flexiblen Essenszeiten und keine 1,80mx2,00m-Matratze. Dazu der ganze Stress. Viele von uns stellten sich die Frage, wie lange das man wohl aushalten kann. Getoppt wurde die Frage, ob man sich selbst ein Leben als Mitglied einer permanent crew vorstellen konnte. Die Antworten lauteten anfangs unisono wie folgt:

Antwort auf die erste Frage: „Jedenfalls bis zum 8. April.“

Antwort auf die zweite Frage: „Auf gar keinen Fall!!!“

Mit zunehmender Zeit wurden die Antworten hingegen verschwommener. Klare Schwarz-Weiß-Konturen wurden grau. Man lernte die Vorzüge des Lebens auf hoher See kennen und schätzen und konnte gar nicht mehr so genau sagen, wo man seine eigenen Grenzen ziehen würde. Die Abwägung wurde immer schwerer und wir können nicht sagen, wie viele von uns jemals wieder auf einem Großsegler unterwegs sein werden. Wir selbst verabschiedeten uns am 8. April mit einem lachenden und einem weinenden Auge (ehrlicherweise waren es bei der eigentlichen Verabschiedung zwei weinende Augen…). Wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir so bald keine Langzeitmatrosen werden würden und waren deshalb nur insoweit traurig, als dass die Ankunft in Kapstadt die Beendigung einer wunderschönen Zeit bedeutete. Gleichzeitig waren wir aber schon aufgeregt, was die Zukunft für uns bereit halten würde.

Begeisterung sogar bei mehreren Crewmitgliedern

VI. Wann geht einer über Bord (Seminar zur gewaltfreien Kommunikation)?

Unsere Bord-Psychologin Ilona beschrieb die Reise schon sehr früh als „interessanten psychologisches Projekt“. Im Nachhinein wird ihr da wohl auch niemand widersprechen. Sie selber zählte sich als Frau vom Fach und überhaupt immer freundliche, empathische, fröhliche, höfliche und ausgeglichene Person vermutlich selber nicht zu den Teilnehmern der Studie. Wir anderen hatten da weniger Glück. Wir waren teil des Big-Brother-Hauses und mussten lernen, mit allen aufkommenden Gefühlslagen selten alleine, sondern meist in der Gruppe exponiert umzugehen. Die Grupp setzte sich mit dem gleichen Prozentsatz aus netten, blöden, nervigen, witzigen, tollpatschigen, rücksichtsvollen und rücksichtslosen Menschen zusammen wie die Durchschnittsbevölkerung. Wie auch im normalen Leben blieben Spannungen und Konfliktpotential nicht aus. In den ersten vier Wochen war es durch die relativ kurzen Segeletappen und die Landgänge möglich, unliebsamen Crew-Mitgliedern aus dem Weg zu gehen und ganz allgemein Konflikte zu vermeiden. Das änderte sich nach Südgeorgien. Auf dem Schiff „eingesperrt“ ohne die Möglichkeit, vom anderen mehr als sagen wir 40 Meter weg zu kommen, bedurfte es immer größerer Nachsicht und Selbstbeherrschung, dem ein oder anderen nicht seine Meinung ins Gesicht zu sagen oder Konflikte offen auszutragen. In kritischen Situationen wurde der Ton schon mal schärfer, die hinter dem Rücken geschnittenen Grimassen oder Kopfschütteln häufiger und der Wunsch nach sozialem Abstand immer größer. Wurde es dem ein oder anderen dann doch zu viel, konnte schon mal ein „Oh fuck off!“ erschallen, dem eine gespannte Stille folgte, ob sich jetzt tatsächlich ein handfester Streit entwickeln würde. Gott sei Dank blieb es bei diesen verbalen Unmutsäußerungen und es kam nie ernstlich zu einer Auseinandersetzung. Unsere Psychologin Ilona würde dies bestimmt positiv in ihrem Abschlussbericht vermerken 😉.

Engineer Dejan zeigt, wie man trocken bleibt…

VII. Wie lange bleiben Äpfel grün?

Eine der ersten Dinge, die im Laufe der Reise zu neige gingen, waren, naturgemäß und wie zu erwarten, frisches Obst und Gemüse. Gab es anfangs noch Salat, Zucchinisuppe oder Melone zum Dessert, waren es bald hauptsächlich Reis, Nudeln, Kartoffeln und Obst und Gemüse aus Dosen. Bananen hielten sich erstaunlich lange zum Frühstück und den Letzten wurde mit einer gewissen Wehmut hinterhergeschaut, als sie in den hungrigen Mündern verschwanden. Eine erstaunliche Resilienz zeigten dagegen Pfirsiche, Orangen, Trauben und rote sowie grüne Äpfel. Anfangs wurden diese Köstlichkeiten in unregelmäßigen Abstand nachmittags unter Deck in der Lounge in einer Fruchtschale der Allgemeinheit zum Verzehr dargeboten. Ruhte man sich gerade in der Kabine aus oder hatte man das Pech, an Deck beschäftigt zu sein, konnte dieses Highlight schon mal an einem vorbei gehen, was nicht selten für einige lange Gesichter sorgte. Mit zunehmender Anzahl der Seemeilen hatte die Küche dann womöglich Sorge um eine adäquate Versorgung der Crew mit Vitaminen und erhöhte die Schlagzahl der Obstspeisung auf alle zwei Tage. Diese Tatsache blieb nicht unbemerkt und es entwickelte sich ein regelrechter „Run“ auf die süßen Kostbarkeiten. Kaum war irgendwo auf dem Schiff ein Crew-Mitglied mit einem leuchtend grünen Apfel gesichtet worden, stürzten mindestens fünf andere unter Deck in die Lounge mit dem Auftrag, allen anderen auch noch was mitzubringen. Stolz wie Oskar kehrten sie anschließend zu ihrer Truppe zurück und verteilten die Beute. Nachdem Antonia einmal leer ausgegangen war, änderte sie – heimlich – ihre Taktik. Ihr war aufgefallen, dass die Schale meist gegen 14 Uhr – nach dem Lunch – platziert wurde und so kam es, dass sie wie zufällig immer gegen diese Uhrzeit gerade an der Lounge vorbeiging und sich ihren Anteil und den ihrer Kameraden sicherte. Hätten die Äpfel gewusst, welche Mischung aus Freude und Frustration sie bei den Crew-Mitgliedern hervorriefen und zu welchen Mitteln gegriffen wurde, um in ihren süßen Genuss zu kommen, sie hätten womöglich fassungslos mit den Köpfen geschüttelt. Als wir im Hafen von Kapstadt ankamen, waren tatsächlich immer noch grüne Äpfel übrig, also was sollte die ganze Aufregung? Die grünen Äpfel waren übrigens deshalb heiß begehrt, weil Carsten gleich zu Beginn feststellte, dass die roten Äpfel, die er eigentlich bevorzugt, eher mehlig trocken und auf keinen Fall süß schmeckten und innen zum großen Teil bereits braun waren. Glücklicherweise stellte Carsten im Lauf der Reise fest, dass die roten Äpfel an Qualität gewonnen hatten oder anfangs nur die schlechten Chargen verteilt wurden. Diese wertvolle Information wurde allerdings nur mit ausgewählten Crew Mitgliedern geteilt, so dass es beim run auf die grünen Äpfel blieb.

…andere haben hingegen keine Wahl

VIII. Was ist wenn…?

Eine der Lieblingsbeschäftigungen von Antonias Kollegen vor der Reise waren „Was ist wenn…?“-Fragen. Dabei tat sich vor allem ein Kollege hervor, der es nicht verpasste, sich in jeder gemeinsamen Mittagspause die schlimmsten, aber doch theoretisch möglichen, Szenarien von Unfällen, Verletzungen oder Erkrankungen auszumalen. „Was machst´n du dann? Kannst ja nichts machen!“, war meistens die Erkenntnis danach. Bei seinen Schilderungen von dem, was womöglich passieren konnte, wurde Antonia schon sehr mulmig zumute. Eine Notaufnahme im Haus der Maximalversorgung mit Hubschrauberlandeplatz vor der Tür war sie gewohnt, womöglich – fast – auf sich allein gestellt zu sein auf offener See, war eine ganz andere Nummer. Zumindest letztere Befürchtung war umsonst, waren doch am Ende inklusive des Schiffsarztes sechs Ärzte an Bord, darunter auch eine erfahrene Intensivmedizinerin. Diese Erkenntnis wog auch den Rest der Crew in einer gewissen Sicherheit und das war auch gut so, konnte Antonia selber dieses Vertrauen in die medizinische Versorgung nicht teilen. Doktor Daan, der Schiffsarzt, lud seine Kollegen zu Beginn der Reise zur Durchsicht des medizinischen Equipments ein und allen wurde relativ schnell klar: sollte „wirklich“ etwas passieren, waren die Rettungsmittel – sagen wir mal – eher überschaubar. Mit tausenden Seemeilen von Festland und vermutlich hunderten Seemeilen vom nächsten Schiff entfernt wäre schnelle oder rechtzeitige Hilfe, je nach Zustand des Patienten, völlig aussichtslos. Wir waren schon vor der Segelreise zu dieser Erkenntnis gekommen, hatten uns mit Medikamenten, Verbandszeug, Nahtmaterial etc. ausgestattet. Allerdings waren wir doch der Ansicht, unser „junges“ Alter mache uns nicht zu Hochrisikopatienten. Andere Crew Mitglieder in deutlich fortgeschrittenem Alter waren anscheinend zu einer anderen Erkenntnis gekommen und wohl der Meinung gewesen, im Notfall würde schon Hilfe kommen. Gott sei Dank blieb das medizinische Personal bis auf einen eitrigen Finger mit chirurgischer Wundrevision in Lokalanästhesie und anschließender Wundbehandlung in Kombination mit intravenöser Antibiotikatherapie ohne größeren Einsatz. Allerdings musste bereits für diesen kleinen Eingriff die Fahrt des Schiffes unterbrochen werde, um ein möglichst stabiles Arbeiten zu ermöglichen. Bei hohem Wellengang wäre das kaum möglich gewesen.

Auch First Mate Dan geht – allerdings sehr lässig und im Nachhinein klaglos – baden

IX. Was ist Freiheit?

Im Bewegungsradius und den sozialen Kontakten begrenzt, aber trotzdem unheimlich frei. Wie kann das sein? Ein wichtiges Element dieser Erfahrung war sicherlich der digitale Detox, den wir uns selbst verschrieben hatten. Daneben spielte auch die materielle Begrenzung auf das absolut Notwendige (was zugegebenermaßen für die Antarktis etwas mehr als für einen warmen Törn in den Tropen beinhaltete) eine Rolle. Ohne ständige Ablenkung fokussierten wir uns automatisch auf das Hier und Jetzt. Die Bande nach Hause, zur Arbeitsroutine und dem alltäglichen Leben lockerten sich mit jeder zurückgelegten Seemeile weiter, die sonst oft in Furchen gelegte Stirn glättete sich (sehr zum Vorteil der beginnenden Faltenbilddung) und der so starre und manchmal eingeengte Blick weitete sich für das spektakuläre Blickfeld, was einem vor Ort geboten wurde. Aufgrund der vorgegebenen Routine und der Rund-um-Verpflegung hatte man keine Alltagssorgen, sondern konnte seine Gedanken völlig frei schweifen lassen. Auch in unserem Sichtfeld gab es bald nichts mehr, was dem Betrachter ein Gefühl von Enge vermittelt haben könnte, ganz im Gegenteil. Die schiere Unendlichkeit des Wassers um uns herum und die buchstäblich unendliche Weite des Himmels über uns verstärkten unser Gefühl der Freiheit noch mehr. Wichtige Themen, mit denen man sich beschäftigte, waren zunehmend aktuelle Erfahrungen und Beobachtungen. Und hier genossen wir sogar den Luxus, dass uns bestimmte Aspekte, wie z.B. Flora und Fauna der Umgebung, Wetter- und Klimabedingungen, maritimes Leben, in regelmäßig stattfindenden Fortbildungsveranstaltungen von Experten, die nicht nur Fach-, sondern auch enormes Praxiswissen hatten, vermittelt wurden. Dies förderte den Gedankenaustausch, der auf einer soliden Basis stattfinden konnte. Über hier und da aufkommendes „Heim“weh konnten wir uns hinwegtrösten, da wir wussten, dass der Zustand ja irgendwann (und zwar spätestens am 8. April) vorbei sein würde. Auf dem Schiff festgesetzt, doch in Gedanken und Geist gelöst, fühlten wir uns frei wie die Albatrosse, die unser Schiff begleiteten. Für uns beide war dieses Gefühl von Freiheit eine kostbare Erfahrung und wir wünschen uns, einen Teil dieses Gefühls mit nach Hause bringen zu können.

Darauf haben eigentlich alle gehofft, wenn sie gefilmt haben 😉 (unserem Crewmitglied Ron ist dieses herrliche Video gelungen)

X. Was sind eigentlich die wirklich wichtigen Themen?

Hier einige Beispiele, die die Diskussions- und Gesprächsliste regelmäßig anführten:

  • Welche Suppe gibt es wohl zum Mittagessen?
  • Es ist viel zu warm auf dem Schiff.
  • Es ist viel zu kalt auf dem Schiff.
  • Wie hast Du geschlafen?
  • Wann ist dieses Rollen endlich vorbei?
  • Können wir die Schräglage nicht mal zur anderen Seite haben?
  • Wie war Eure Wache?
  • Welche Segel habt Ihr gesetzt?
  • Sieht man heute Sterne?
  • Wann ist der nächste Geburtstag (damit es wieder Kuchen gibt)?
  • Regnet es?

XI. `Wo sind die Wale?´ oder `Warum ist hier eigentlich keiner?`

Dies stellt eine kleine Auswahl der – sagen wir mal außergewöhnlichen – Fragen dar, die der Kapitänin im abendlichen Meeting an Bord gestellt wurden.

XII. Wie ändere ich mein Leben, war das erst der Anfang oder gibt es einen Weg zurück?

Durch die heterogene Mannschaftszusammensetzung prallten die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und -pläne aufeinander. Vielen war dies eine Inspiration. Manch einer, der noch mitten im Berufsleben stand, hatte nur eine Auszeit genommen, manch einer bereits vor der Reise gekündigt. Ein Teil hatte das aktive Arbeitsleben auch bereits hinter sich gelassen. Angeregt von den Geschichten und Erlebnissen der anderen und abseits von der täglichen Informationsflut begann jedenfalls fast jedes erwerbsfähige Mitglied der voyage crew, seinen bisherigen Alltag und seine bisherigen Lebenspläne zu hinterfragen. Gab es irgendeine Möglichkeit, das berufliche Hamsterrad und die neu gewonnene Lebensqualität auf hoher See in Einklang zu bringen? Was kann man tun, um etwas vom Hier und Jetzt in einen neuen Alltag zu retten? Für viele schien plötzlich das Leben in „vor“ und „nach“ der Europa und dieser außergewöhnlichen Reise geteilt zu sein. Der Weg zurück schien kaum möglich oder wenig erstrebenswert. Wir selber begannen auch Fragen an unserer individuelles und unser gemeinsames Leben zu stellen. Bis Kapstadt gab es allerdings noch keine abschließenden Antworten, aber Gott sei Dank ging unsere große Reise ja weiter. Wir sind sehr gespannt, von welchen Veränderungen andere berichten werden, wenn wir sie in Zukunft treffen und wie wir uns selbst verändert haben. Ein Fazit können wir jedenfalls jetzt schon ziehen. Auf die Frage an ein älteres Crewmitglied, was er seinem jüngeren Ich raten würde, kam die Empfehlung: „do it, while you can“. Auch wenn es uns hin und wieder schwer fällt, werden wir versuchen, diese Empfehlung vor allem auf unserer weiteren Reise das ein oder andere Mal zu berücksichtigen.

And again – I got it on camera (Danke an Bas für diesen gelungenen Schnappschuss)

Für alle, die es doch nochmal ganz genau wissen wollen, eine kurze Erklärung der Wache:

Die Wache beinhaltete das Steuern des Schiffes (jeweils zu zweit, Einführung wie folgt: Dreht ihr so rum, bewegt sich das Schiff nach links. Dreht ihr so rum, bewegt sich das Schiff nach rechts. Viel Spaß!), den lookout (jeweils zu zweit, Einführung wie folgt: Der lookout ist wirklich sehr wichtig und soll vor allen möglichen Gefahren warnen. Bitte schlaft dabei also nicht ein!) und das Bereitstehen für etwaige Arbeiten an Deck (jeweils alle, die nicht am Steuer oder lookout beschäftigt sind). Die Verteilung konnte die Wachmannschaft selbst regeln. Es gab drei Wachmannschaften (red, white, blue). Zwei Wachmannschaften zählten zehn, die dritte elf Mitglieder. Wir als blue watch einigten uns sehr schnell auf halbstündige Dienste mit regelmäßig wechselnden Partnern (z.B. eine halbe Stunde lookout, dann eine halbe Stunde Aufwärmen im Deckhouse oder Mithelfen bei Segelmaßnahmen und dann eine halbe Stunde ans Steuer). Unser Wachrhythmus war ab South Georgia wie folgt:

13.03.2022:       20.00 Uhr bis 0.00 Uhr

14.03.2022:       08.00 Uhr bis 12.00 Uhr

                           16.00 Uhr bis 20.00 Uhr

15.03.2022:       04.00 Uhr bis 08.00 Uhr

                           14.00 Uhr bis 16.00 Uhr

16.03.2022:       0.00 Uhr bis 04.00 Uhr               

                           12.00 Uhr bis 14.00 Uhr

                           20.00 Uhr bis 0.00 Uhr

(usw.)

Wichtige zeitliche Konstanten waren:

Breakfast:          7.00 Uhr bis 9.00 Uhr

Coffeetime:       10.00 Uhr

Lunchtime:        13.00 Uhr

Coffeetime:       16.00 Uhr

Dinnertime:       19.00 Uhr

Um 20.00 Uhr gab es ein Treffen der gesamten voyage crew, wo unsere Kapitänin Janke die wichtigsten Informationen, z.B. über Kurs, zurückgelegte Strecke, zu erwartende Windbedingungen, vermittelte.

Mit den regelmäßigen unrhythmischen Wachzyklen mussten alle sonstigen Bedürfnisse, hauptsächlich Schlafen, Essen, Körperhygiene und sozialer Austausch in Einklang gebracht werden. Und das zumeist unter erschwerten Bedingungen auf hoher See. Doch irgendwie klappte es und genau diese Zeit ließ uns zu der Gemeinschaft werden, die wir hier versucht haben, näher zu beschreiben. Jeder brachte sich mehr oder weniger ein, jeder fand seinen oder zumindest einen Platz und am Ende lebten wir einen harmonischen Rhythmus im Einklang mit dem Ozean.


Lebenszeichen vom Atlantik

Ein interessanter Aspekt der Schiffsreise war die Tatsache, dass wir 52 Tage ohne Telefon- oder Internetverbindung sein würden. Für Notfälle bestand natürlich ein Kontakt zum Schiff via Satelliten-Telefon und die Europa bot auch die Möglichkeit der elektronischen Kommunikation per E-Mail über den Schiffscomputer (abgerechnet wurde nach Datenmenge, weswegen man sich auf reinen Text beschränken sollte; ein Crewmitglied zahlte für eine Mail mit neumodischem Impressum etwa 100 Euro – in diesem Zusammenhang vielleicht ein kleiner Denkanreiz in Bezug auf die ökologischen Auswirkungen unserer zivilisierten modernen Kommunikation). Wir haben uns im Vorfeld allerdings bewusst dafür entschieden, diese Möglichkeit nicht in Anspruch zu nehmen und bereiteten daher unsere Familien und Freunde auf eine 52-tägige Funkstille vor. Den Eltern versprachen wir, uns nach etwa der Hälfte der Zeit zu melden. Mit dieser restriktiven Informationspolitik waren wir eher eine Ausnahme auf dem Schiff. Neben einigen SMS-fähigen GPS-Geräten schaffte es auch ein privates Satelliten-Telefon an Bord und das E-Mail Postfach des Schiffscomputers verzeichnete stets regen Verkehr. Dennoch konnte man sich dem Abgeschiedensein nicht ganz entziehen. Auf Grund fehlender Internetverbindung fiel bei fast allen Crew-Mitgliedern zeitnah das Spotify-Musikangebot aus, obwohl im Voraus großzügig für den offline Gebrauch heruntergeladen worden war. Diese aus Konsumentesicht krasse Fehlfunktion des Anbieters verschlechterte die Stimmung schnell, konnte aber – zumindest kurzfristig – durch das Zurücksetzen des Telefon-Datums behoben werden. Ein Moment des puren Glücks für einige der Crewmitglieder („Schau mal, Wale … jaja, mein Spotify geht wieder, ich bin so glücklich„). Trotzdem fielen früher oder später fast alle Spotify-Playlists aus und heruntergeladene Netflix-Serien verloren ihre Gültigkeit oder waren schon durchgeschaut worden. Immer mehr Handys blieben in den Kabinen bzw. wurden nur als Fotoapparat genutzt, Bücher oder E-Reader wurden rausgeholt und Tagebücher vollgeschrieben.

Symbolisch: Analoges Schreibgerät zum Verewigen des Besuchs auf Grytviken, South Georgia

Es ist erstaunlich, wie schnell in einer solchen Umgebung und unter diesen besonderen Umständen ständige Erreichbarkeit, Informationskanäle und social Media ihren Reiz verlieren. Kein Post auf Instagram, Facebook oder Twitter kann mit dem Gefühl von Wind und Wellen und dem Anblick grandioser Natur, eines sternenklaren Nachthimmels oder machmal auch einfach nur der unglaublichen Weite des Ozeans mithalten. Keine Sendung, kein Film, kein Bild kann einem das Gefühl vermitteln, das man individuell empfindet, wenn man etwa einer Babyrobbe in die Augen schaut (dank Jordi in den meisten Fällen wohl wissend: „it´s not gonna make it„). Und keine WhatsApp-Nachricht ersetzt die persönliche Kommunikation. Man vergißt heutzutage viel zu schnell, welchen Wert ein ehrliches Lachen Gesprächspartners haben kann.

Eingeschlossen in unserer Blase verloren wir bei all den unglaublichen Eindrücken schnell das Interesse an der Außenwelt – Familie und engste Freunde ausgenommen. Covid war nach Einstellung aller Maßnahmen bald vergessen, Sportergebnisse völlig egal (Carsten gewann seine Bundesliga-Tipprunde trotzdem, weil er – im Gegebsatz zu) und selbst der Kriegsbeginn war eine beiläufige Information, zu der wir keinen Zugang fanden. Es fühlte sich daher fast merkwürdig an, nach einem Monat die versprochenende E-Mail an die Familie zu schreiben. Gleichzeitig waren wir begierig, von unseren Eindrücke und Erfahrungen zu berichten.

Wir möchten deshalb die Original-E-Mail an die Familie nach ca. 4 Wochen an Bord mit Euch teilen:

Ihr Lieben,

wir senden Euch allen ganz liebe Grüße von der Europa, die langsam zu unserem zweiten zu Hause wird. Uns geht es wunderbar, Tonis Seekrankheit war Gott sei Dank nicht von langer Dauer und seit ein paar Wochen schon können wir dieses grandiose Abenteuer beide an Deck und gesund erleben. Nach der kalten Antarktis mit unglaublichen Bildern von Eisbergen, Gletscherfronten, Pinguinen, Seerobben, Seeelefanten und vielem mehr ging es zunächst weiter nach Nordwesten bis nach Südgeorgien, einer der vemutlich letzten, von menschlichem Einfluss verschonten Inseln dieser Erde. Wir tuen uns beide sehr schwer, die dort gesammelten Eindrücke mit Worten zu beschreiben. Bislang haben wir nur unglaublich, unbeschreiblich und wahnsinnig schön als passend erachtet. Wir wurden von neugierigen Babyrobben über den Strand gejagt, sind mit zehntausenden Pinguinen im Einklang über den Strand gewackelt und haben Seeelefanten bestaunt, die mehr an einen Felsen aus Fett erinnern, denn an Tiere. 4 Tonnen können diese Kreaturen zu besten Zeit wiegen. Also besser Abstand halten und aus der Ferne bewundern. Carstens 41. Geburtstag durften wir mit einem Geschenk aus Sonnenschein und einem Besuch des Walfangmuseums in Grytviken, dem einzigen von Menschen bewohnten Ort in Südgeorgien feiern. An diesem Tag gewinnen wir auch endlich einen Eindruck von der Landschaft der Insel, die zuvor meist im Regen oder Nebel verborgen lag (Südgeorgien hat im Schnitt 300 Regentage im Jahr). Es ist eine unglaubliche Landschaft mit weiten Stränden voller Pinguine auf der einen, rauen Klippen auf der anderen Seite, schnee und eisbedeckte Berge im Hintergrund und immer wieder Gletscher dazwischen. Bei jedem Landgang erwarten wir fast, einen Dinosaurier in dieser ursprünglichen Landschaft zu sehen. Am 13.3. haben wir uns dann mit einer letzten Wanderung zu den Maccaroni-Pinguinen aus Südgeorgien verabschiedet und die Segel Richtung Tristan da Cunha und Kapstadt gesetzt.

Das Leben an Bord ist sehr unterschiedlich, je nachdem ob wir gerade im Landgang-Modus oder im Segel-Modus sind. Während der Landungen spielen wir abends zusammen Karten, hören Musik, singen Seemannslieder und lassen uns dazu das ein oder andere Bier oder Glas Wein schmecken. Im Segelmodus ändert sich der Rhythmus des Schiffes und der Hauptfokus liegt auf einer ausreichenden Menge Schlaf und darauf, sich immer überall ordentlich festzuhalten, wenn das Schiff mal wieder deutliche Schräglage hat. Bei 40 Knoten Wind lerne viele Dinge in der Kabine – manchmal auch Menschen – das Fliegen, nur landen können sie meistens nicht unfallfrei. Bislang sind wir aber Gott sei Dank von schweren Unfällen verschont geblieben. So ungemütlich die Schräglage des Schiffes unter Deck auch ist, auf dem Deck, am Steuerrad oder auf dem Aussichtsposten ist es ein irres Gefühl, mit diesem tollen Schiff durch die Wellen zu pflügen auf einem Ozean, auf dem wir alleine zu sein scheinen. Langsam haben wir eine gute Balance entwickelt und jede Bewegung des Schiffes setzt sich wie natürlich in unsere Füsse und Beine fort und lässt das Seglerherz höher schlagen. Meistens begleiten Seevögel unser Schiff und gleiten mit einer unheimlichen Anmut über die Kronen der Wellen, ab uns zu sehen wir auch Wale in der Nähe oder Ferne auftauchen. Und wenn wir viel Glück haben, zieht die Wolkendecke nachts fuer einen kurzen Moment auf und gewährt uns einen Blick auf den gigantischen Sternenhimmel, aus dem die Milchstrasse wir ein weiss-schimmerndes Band leuchtet. Die Profis unter uns haben eine App, mit der sie alle Sternenbilder und Planeten benennen können. Offensichtlich schwirren gerade auch Venus, Mars und Jupiter irgendwo über uns rum.
Von der Aussenwelt erfahren wir nur Bruchstücke aus den einzelnen Emails der anderen Gäste. Das wenige was wir hören reicht uns aus um unsere Abgeschiedenheit noch mehr wertzuschätzen. Wir geniessen unserer Blase aus Sorgenlosigkeit, in der wir die frische Seeluft atmen, den Sonnenschein auf der Haut geniessen und uns frei fühlen dürfen. Wir sind beide sehr glücklich und dankbar, dieses einmalige Erlebnis zusammen geniessen zu dürfen. Ab und zu schwenken die Gedanken nach Hause und wir hoffen sehr, dass es Euch allen gut geht.
Liebe Mama ich wuerde dich bitten, die Email an Eugen und Gitte, sowie unsere Familiengruppe weiterzuleiten. Wir senden Euch allen ganz liebe Grüße in die Heimat und freuen uns, euch bald wieder zu hören und euch von mehr erzählen zu können.

Alles Liebe, Toni&Carsten

Es war interessant, dass auch der Wiedereintritt in die Welt der digitalen Kommunikation und Informationsbereitstellung einer gewissen Gewöhnung bedurfte. Als wir nach 52 Tagen „endlich“ unser Handy und die WLAN-Verbindung wieder anschalteten, erreichten uns viele fröhliche sowie einige traurige Nachrichten, wichtige, aber auch absolut unnötige E-Mails und jede Menge sonstige Informationen. Tatsächlich waren wir überfordert und noch nicht bereit, wieder mit unserer Außenwelt in Kontakt zu treten. Wir gönnten uns daher einen letzten Abend mit unseren Lieblings-Crewmitgliedern. Menschen, die unsere Eindrücke und Erfahrungen geteilt hatten und denen wir nicht erklären mussten „wie es auf der Europa denn gewesen war“. So genossen wir einen fröhlichen Abend in Unwissenheit und Sorgenfreiheit über die jüngsten weltpolitischen und privaten Dramen.

Aber keine Sorge, wie alle anderen modernen Menschen fanden auch wir unseren Weg zurück in die digitale Welt der ständigen Erreichbarkeit, die Hand nie mehr als 30 Minuten weg vom Handy, auf dem aktuellen Stand, was die neuesten Instagram-Posts unserer Freunde und neuesten Katzenvideos auf Youtube betrifft. Ein nicht angenommener WhatsApp-Call oder eine länger als zwei Tage ausstehende Nachricht wird wieder mit der gleichen Ungeduld und Unverständis aufgenommen wie vorher.

Und doch sehnen wir uns häufig zurück in die Zeit ohne Handy, in denen das echte Leben als Eindruck genügte. Jedes Mal, wenn wir an John denken, hören wir sein herzhaftes Lachen.

Symbolisch: Gerät zum Verschicken von analogen Nachrichten in Grytviken, South Georgia

Jurassic World (South Georgia)

Man stelle sich ein Schiff mit 48 Besatzungsmitgliedern vor, das nach langen drei Wochen auf See und dem eisigen weißen Kontinent, nach Stürmen und Flauten in der Scotia Sea nun endlich die Aussicht auf „richtiges“ Land hat. Nachdem wir alle schon so viel von diesem abgelegenen Ort und seinen tierischen Bewohnern gehört hatten, waren wir begierig darauf, Südgeorgien nun endlich zu sehen.

Am Morgen des 8. März hüllte sich ein Großteil der Insel in grauen Nebel, was wir aber erkennen konnten, waren mit grünem Gras bewachsene steile Klippen, Felsen und Steine, Buchten und einen schmalen Streifen Strand. Diese unwirtliche Landschaft wurde begleitet von einem stetigen Konzert verschiedener – tierischer – Geräusche: jaulen, piepsen, fiepen, schnattern, gackern, gurren, schnarren – kurz: Eine für menschliche Ohren unverständliche Kakofonie von Lauten. Wir bekamen einen ersten Eindruck davon, wie laut es bei den Landungen hier werden würde.

Unter stetigem Regen betraten wir an diesem Tag zum ersten Mal südgeorgischen Boden, ein Moment, den viele von uns sicher nie mehr vergessen werden: Sobald man aus dem Boot gestiegen war und den Strand betrat, sah man sich von etwa einem Dutzend kleiner Pelzrobben-Heuler umgeben, die den menschlichen Neuankömmling aus ihren großen schwarzen Kulleraugen treuherzig anschauten, den kleinen Kopf schief gelegt und noch nicht entschieden hatten, ob denn die Neugier oder die Angst siegen sollte. Im ersten Fall kamen sie – wenn man sich ruhig verhielt – immer näher, beschnupperten die ganze Person und stupsten mit der Nase so manche GoPro Linse an, vermutlich in der Hoffnung, Essbares zu erhalten. Obsiegte die Angst, nahmen sie mit Geheule reiß aus, nur um vor dem nächsten Besucher fasziniert für das selbe Procedere stehen zu bleiben oder als schwarzer Leib im Wasser zu verschwinden. Solche Szenen wiederholten sich an diesem und auch den anderen Stränden hunderte Male, doch wir wurden nie müde, diese kleinen, zugegebenermaßen unglaublichen süßen Geschöpfe zu betrachten. Sah einer der kleinen gar so einsam und verlassen aus, spielten wir bereits mit dem Gedanken, eine der leeren Kabinen zu einer Heuler-Auffangstation umzubauen.

Unser Begrüßungskomitee am Strand
Die Neugierigen
Manchen Heuler wurden wir fast nicht mehr los.
Kuscheln mit Heulern

Auch andere Strandbewohner wie die majestätischen Königspinguine zeigten reges Interesse an den Besuchern und gingen sogar soweit, den Menschen ähnlich in einer Reihe den Hügel zu erklimmen wie um zu sehen, was wir da oben entdeckt haben konnten. Oben angekommen müssen sie wohl doch etwas enttäuscht gewesen sein, dass es für sie nicht mehr zu sehen gab, als sie ohnehin schon kannten. Uns dagegen eröffnete sich der Blick auf dieses Tierparadies von oben, auf Strände und Buchten voller Robbenbabys gemischt mit Pinguinen und vereinzelten Seeelefanten, umkreist von Seevögeln, die im hohen Gras auf den steil zum Meer abfallenden Hängen nisteten.

Wir waren – gelinde gesagt – einmal mehr überwältigt. In dem uns umgebenden Spektakel waren wir lediglich stumme Betrachter, die Augen auf die sich stets ändernde Szenerie gerichtet, auf die kleinen und großen tierischen Dramen, die sich vor uns abspielten. Die überwältigende Präsenz der Tiere in Anzahl, Erscheinung, Geräusch und Geruch ließ keinen Zweifel aufkommen, dass wir Menschen an diesem Ort nur als Besucher geduldet wurden.

Dieses Gefühl hielt an und hatte seinen Höhepunkt sicherlich bei dem Besuch der beiden großen Königspinguin Kolonien, eine davon die zweitgrößte Kolonie der südlichen Hemisphäre mit etwa 100.000 Pinguin-Paaren. Die Schönheit und Eleganz des einzelnen Tiers verblasst hier vor der schieren Anzahl. Mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund und umgeben von saftigem grünen Gras und grauen Steinstrand bereitete sich ein Meer aus schwarz-weiß-orangenen Körpern dicht gedrängt vor uns aus, hin und her wogend, und sich den Hang hinauf ergießend. Wir möchten auch an dieser Stelle einfach wieder unsere Eindrücke in Bildern mit den Lesern teilen:

Wir haben nie rausgefunden, worum es ging…

Obwohl wir heute nur stille Beobachter und Bewahrer sind, lässt sich der (ehemalige) menschliche Einfluss auf der Insel noch an verschiedenden Stellen in Form von alten Robben-und Walfangstationen sehen, und natürlich in Grytviken, der – abgesehen von kleinen Forschungsstationen – einzigen menschlichen Behausung in Südgeorgien. Diesen phantastischen Ort besuchten wir an Carstens 25. Geburtstag bei strahlendem Sonnenschein – überhaupt die erste Sonne seit fast vier Wochen – und einer tollen Sicht auf die umliegenden Berge und die Insel selbst. Bis dahin waren wir größtenteils im strömenden Regen oder im Nebel über die Insel gezogen. Irgendwie hatte Jordi vergessen, uns mitzuteilen, dass es hier an ungefähr 300 Tagen im Jahr regnet.

Grytviken war bis ca. 1965 aktive Walfangstation und die Überreste werden heute noch als Teil des Museums in Stand gehalten. Zusätzlich gibt es ein kleines Museumsgebäude mit einer liebevoll gestalteten Ausstellung über das Leben und Wirken der Walfänger. Etwas abseits findet sich der Friedhof, auf welchem unter anderem der berühmte Sir Ernest Shackleton begraben liegt. Sein legendäres, gesunkenes Schiff, die „Endurance“, wurde zeitgleich mit unserem Besuch der Antarktis von einem Forschungsschiff (der „Agulhas“) nach über 100 Jahren „endlich“ gefunden. Was für ein Zufall, dass die Agulhas am 11. März ebenfalls in Grytviken landete und dort über Wasser einen schönen (und ganz intakten) Dreimaster bewundern konnte.

An diesem abgelegenen Ort der Erde sahen wir zum ersten Mal nach Verlassen des Hafens von Ushuaia wieder „andere“ Menschen, darunter zwei Mitarbeiter des Museums sowie den Postbeamten (der im Übrigen auch der biosecurity-Officer war, der uns und unser Schiff vor der Landung kontrolliert hatte). Der Anblick von nuen Menschen löste bei manchen Crew-Mitgliedern geradezu Euphorie aus. Viele von uns nutzten die Gelegenheit, um von diesem abgelegenen Ort Souvenirs zu erwerben und Postkarten nach Hause zu schreiben, die wie überall im Britischen Hoheitsgebiet in einen roten Briefkasten eingeworfen wurden (oder direkt bei dem Postbeamten abgegeben werden konnten, der gut gelaunt auch jede Frage beantwortete, die nichts mit Post zu tun hatte und wahrscheinlich ebenso froh war, mal wieder andere Menschen zu treffen).

Diesem Tag folgten noch weitere Landungen, Pinguine, Robben, Vögel, Seelefanten und mehr.

Nach sieben Tagen verließen wir Südgeorgien, die Speicherkarten und Herzen voll von diesem magischen Ort, dem man erlaubt hatte, in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu finden als Monument dafür, wie Schönheit und Artenreichtum der Natur abseits der menschlichen Einflüsse aussehen können. Wir sind dankbar, diesen Ort einmal in unserem Leben besucht haben zu dürfen. So saubere Luft werden wir so bald wohl nicht mehr atmen.

Am Abend des 13. März setzten wir erneut – fast alle – Segel in unserer Wache und begannen unseren letzten Abschnitt der Reise, die Überquerung des Südatlantiks bis nach Kapstadt.

Nach dem spektakulären Sonnenuntergang setzen wir Segel Richtung Südafrika

Expedition in die Antarktis – Teil 3 – Antarktika in Bildern

Wie im vorangegangenen Beitrag bereits geschrieben ist es schwer, all die Eindrücke und Bilder in Worten zu beschreiben. Um mit Euch zu teilen, was wir sehen durften, möchten wir Euch auf eine Reise durch unsere Fotos der einzelnen Landungspunkte mitnehmen und die Bilder für sich sprechen lassen. ACHTUNG dieser Beitrag ist NUR geeignet für Menschen, die gerne Urlaubsbilder von Familie und Freunden anschauen ;).


Deception Island – Telefon Bay


Deception Island – Whalers Bay


Madder Cliff – Joinville Island


Brown Bluff – Antarktika Peninsula

Das Geräusch von Meer und Eis…
…und der Geschmack

Devil Island


Fals Island Point


Paulet Island


Elephant Island & Point Wilde


Und auf der Strecke zwischen den Landungspunkten

Immer wieder gern gesehene Gäste

Expedition in die Antarktis – Teil 2 – Unser erster Landgang in der Antarktis

Natürlich hatten wir schon Pinguine und Robben im Zoo gesehen. Und sicherlich gibt es Orte, die einfacher zu erreichen sind, um diese Tiere in freier Wildbahn zu beobachten. Aber wie wir ja schon geschrieben hatten, ging es um mehr und außerdem wollten wir die außergewöhnliche Erfahrung.

Also stiegen wir von einem großen Segelboot in ein kleines Zodiac und …

Schlauchboot Blacky verlässt in Mannschaftsstärke die Europa

…wurden erst einmal richtig nass. Schon beim Einsteigen füllten die Wellen das Zodiac fast randvoll mit Wasser, so dass man – abhängig von der Körpergröße – etwa knietief im Wasser stand. Zwar hatte uns Jordi schon von den berüchtigten nassen Landungen erzählt, diese sollten aber erst in South Georgia stattfinden und retrospektiv war unsere erste Landung auch die heftigste. Männlicherseits sorgte man sich um die Wasserdichtigkeit von Kleidung (Skiklamotten, die zuvor noch keinem Duschtest unterzogen worden sind) und Rucksack (extra neu gekauft) und angeblich (bis dato) vollständig wasserdicht. Beides hielt erstaunlich gut, obwohl auf der Hinfahrt der gesamte Körper von Welle um Welle umspült wurde. An diesem Punkt hätten sogar Skibrillen (die wir während der gesamten Tour lediglich einmal als Teambildungsmaßnahme zum Einsatz kamen, dazu später jedoch mehr) ihren Nutzen gehabt. Natalie, die Fahrerin des Zodiacs und ebenfalls völlig durchnässt, gestand auf der wesentlich ruhigeren Rückfahrt übrigens mit einem verschmitzten Lächeln, dass sie sich nach der coronabedingten Pause auch erst einmal wieder ans Zodiacfahren gewöhnen musste.

Beispiel für eine nasse Zodiacfahrt in South Georgia. Unsere erste Fahrt haben wir leider nicht gefilmt.

Als die Mannschaft in kleineren Gruppen in die Schlauchboote verfrachtet wurde, hatte man im Übrigen den Eindruck, dass kaum einer den tags zuvor getätigten Ausführungen von Maria zugehört hatte. Viele schienen auch noch nie von einem sich bewegenden Objekt auf ein anderes sich bewegendes Objekt gestiegen zu sein.

Bei der Landung in der Bucht sprang man noch einmal ins Wasser, was aber trotz Wellen weniger hoch war als im Zodiac. Auf Drängen der guides begab man sich so schnell wie möglich an Land, legte die Rettungsweste ab, um dann zu realisieren, dass man sich schon jetzt zwischen Robben und Pinguinen befand. Irgendwie surreal und überwältigend. Jordi hatte noch keine Maske aufgesetzt und wir freuten uns, ihn über das gesamte Gesicht grinsen zu sehen: „Welcome to Antarctia. It‘s beautiful, isn‘t it?“ sagte er und schien zu wissen, dass wir wahnsinnig berührt waren. Zugegebenermaßen konnte man(n) sich die ein oder andere Träne tatsächlich nicht verkneifen.

Der Rundgang war wie so vieles in den letzten Tagen unvergesslich. Die Bilder sollten für sich sprechen. Antarktis – und wir mittendrin.

Nach ungefähr zwei Stunden mussten wir zurück auf die Europa. Wir wunderten uns wieder, dass beim Aussteigen aus dem Zodiac keiner ins Wasser fiel.

Es begann das große Stiefelreinigen (Stichwort: biosecurity). Die bisher sehr tauglichen Stiefel offenbarten hier leider große Nachteile. Die Sohle, die laut Herstelleraussage auf allen Untergründen festen Stand versprach und dieses Versprechen bis auf wenige Ausnahmen hielt (selbst Toni hat Carstens Abflug über das halbe Deck gesehen), war ebenfalls ziemlich gut darin, alle Arten von Dreck und Steinen anzusammeln. Selbst unter Anwendung von Schraubenziehern und nach mehrfachen Bürsten war unseren hohen Reinigungsansprüchen noch nicht Genüge getan. Und um auf das geplante Chaos zurückzukommen: Mit regelmäßiger Zufuhr von frischem Wasser wäre der Reinigungsaufwand auch unsere Dreckmagneten sicher niedriger gewesen und womöglich würde man so vermeiden, dass man sich die eigentlich sauber gebliebenen Klamotten dreckig bürstet… Egal, es war der Hammer!

Carstens neue Leidenschaft

Am Nachmittag gab es dann noch eine Lektion über Pinguine von Jordi, so dass wir zumindest in dieser Hinsicht besser einordnen konnten, was wir alles gesehen hatten.

Wir hätten gerne noch geschrieben, dass wir uns wie große Entdecker oder Pioniere fühlten bzw. fühlen. Die Bark Europa und ihre Crew boten aber jederzeit Sicherheit und Luxus, was sich Shackleton und Co. noch nicht einmal im Ansatz erträumen konnten.

Expedition in die Antarktis – Teil 1 – Die Drakepassage (von Ushuaia bis zu den South Shetland Inseln)

Am 16.02. war es also so weit. Mit der Freude über die negativen Testergebnisse und den letzten, sehr teuren Neuerwerbungen im Gepäck (wir hatten zwar genug – und wie sich später herausstellen sollte – viel zu viel Gepäck dabei, jedoch fehlten aus unserer Sicht entscheidende Teile) trafen wir die Crew in Ushuaia. Wir wurden herzlich von unserem Expeditionsteam begrüßt. Jordi, Maria und Adrian stellten sich vor und gaben einen ersten Vorgeschmack auf das, was wir von Ihnen erwarten würden. Alle drei sind in Spanien geboren und weisen außergewöhnliche Lebensläufe auf. Ihre südeuropäische Einstellung („let´s see que pasa“) stieß auf unsere deutsche Organisiertheit. Dies würde zwar anfangs noch zu einigen Missverständnissen führen, letztlich aber schnell eine extrem nette, freundschaftliche, lustige, spontane und ungezwungene Atmosphäre schaffen, in der sich alle sehr wohl fühlten – außer es ging um etwas Organisatorisches 😉 Unser Expeditionsleiter Jordi ließ keine Zweifel aufkommen, dass wir in seinen Händen gut aufgehoben waren. Er hatte bereits an unzähligen Antarktis- und Arktisexpeditionen sowie Atlantiküberquerungen teilgenommen, ein halbes Forscherleben mit Flora und Fauna der sub(ant)arktischen und (ant)arktischen Regionen verbracht und lebte spätestens seit Beginn der Coronapandemie durchgehend auf der Bark Europa („it´s my home, so don´t mess with it“). Nachdem er auf einer früheren Expedition zwei Zähne verloren und keine Zeit gefunden hatte, diese auf Festland ersetzen zu lassen, war für uns schnell klar, dass er ein Pirat sein muss. Unser Papagei bekam nun endlich einen Namen.

Expeditionscrewmitglied Adrian
Expeditionscrewmitglied Maria
Expeditionsleiter Jordi

Coronabedingt wurden wir mit dem Bus die 500 Meter zum Hafen gebracht, wo uns der Rest der Crew auf der Europa bei Kaffee und Kuchen willkommen hieß. Das große Kennenlernen von Schiff und Mannschaft begann und wir verbrachten die erste Nacht an Bord im Hafen.

Der Moment unmittelbar vor dem Betreten der Europa
Blick auf Ushuaia in der ersten Nacht auf der Europa

Auszug aus dem Tagebuch:

Der erste Tag auf „See“

Wir beide waren eher aufgeregt und mussten uns erst an die neue Situation gewöhnen. Sprich: Es war warm und eher beengt. Außerdem fehlte die Person neben Dir.)

Kennenlernen – Einführung in das Manöver zum Verlassen des Schiffs

Am nächsten Tag machten wir dann alle Leinen los und verabschiedeten uns durch Betätigen des ohrenbetäubenden Schiffshorns von Ushuaia. Auf unserem Handy lief der Soundtrack zu „Fluch der Karibik“ und es stellte sich ein unglaubliches Gefühl der Zufriedenheit ein. Die Reise, die jahrelang ein mehr oder weniger weit entfernter Traum gewesen war, wurde zur Wirklichkeit. Diesen Moment genossen wir in vollen Zügen noch völlig ohne wind- oder wetterbedingte Hindernisse. Ganz im Gegenteil, das Wetter im Beagle Kanal war herrlich und schon nach kurzer Zeit hatten wir die ersten Begegnungen mit Robben, Pinguinen und Delfinen.

Einholen des catwalk
Es geht los. Für uns absolutes Gänsehautgefühl.
Kennenlernen – Erste Anleitungen zur Segelarbeit
Fahrt durch den ruhigen und sonnigen Beagle Kanal

Eines der ersten schiffsintern ausgiebig diskutierten Themen (Stichwort: Was wirklich wichtig ist) ließ vermuten, dass sich einige durch den sonnigen und ruhigen Start womöglich ermutigt fühlten, auf Medikamente gegen Seekrankheit zu verzichten. Wer auch immer eine solche Entscheidung getroffen hatte, musste sich jedenfalls wohl oder ÜBEL bald eines besseren belehren lassen. Der für den Beagle Kanal obligatorische Pilot verließ uns, wir setzten die ersten Segel und mit Erreichen der Einflüsse des offenen Meeres stellte sich endlich das von Carsten lang ersehnte Segelgefühl ein.

Der Pilot überlässt uns unserem Schicksal
Das Segeln beginnt, das Wetter bleibt gut.

Wir befuhren die berüchtigte Drake-Passage und obwohl diese aus Carstens Sicht viel zu ruhig (fast schon langweilig ruhig) war und er befürchtete, wie einst im ebenfalls berüchtigten Skagerrak vor sich hin zu dümpeln, überkam einen Großteil der voyage crew langsam aber sicher ein mulmiges Gefühl. Neue beliebte Orte auf dem Schiff: Koje, Bank im Deckhouse, Boden der Toilette und Reeling. Neue beliebte Accessoires: Kleine, gelbe Eimer. Neue beliebte Gesichtsfarbe: weiß. Gute Laune: Fehlanzeige.

Beliebter Ort in der Anfangsphase
Segelfreude

Trotzdem wurden die Wachen – zur Not in Minimalbesetzung mit 3/10 – durchgezogen und das Matrosenleben begann.

Auszüge aus dem Tagebuch:

First Watch

Die erste Wache polarisierte eher. Männlicherseits bestand fast ein wenig Enttäuschung, dass die angekündigten Stürme der Drakepassage ausblieben. Weiblicherseits realisierten sich quasi alle Befürchtungen einer gewissen Seeunverträglichkeit. Nichtsdestotrotz wurde alles versucht. Hut ab vor dieser Leistung.

Am Ende der Wache hatten wir drei Ausfälle. Schon während der Wache wurde schnell klar, dass auch mindestens drei Mitglieder der nächsten Wache ausfallen würden…

Es bleibt spannend, wie – und vor allem wie schnell – sich die Ausfallquote entwickelt.


Ein großer Teil der Crew stellte sich sehr schnell auf die neuen Umstände ein. Einige wenige litten jedoch sehr schlimm und sehr lange. Für ganz wenige endete das segelbedingte Leiden eigentlich erst wieder so richtig in Kapstadt. In der ersten Woche sah man jedenfalls jeden Tag neue Gesichter (soweit man sie wegen der noch zu tragenden Masken erkennen konnte), deren dazugehörige Körper nach und nach in unterschiedlichen Zuständen aus ihren Kabinen krabbelten. Zwei Crewmitglieder entschieden sich hingegen dazu, das Deckhouse gar nicht mehr zu verlassen, so dass man zumindest wusste, dass sie zwar vor sich hin vegetierten, aber immerhin noch an Bord waren.

Das nächste schiffsintern ausgiebig diskutierte Thema (Stichwort: Was wirklich wichtig ist) widmete sich dem positiven PCR-Testergebnis, was es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen an Bord gegeben hatte.

Auszug aus dem Tagebuch:

Wir waren auf Bark Europa und hatten Corona an Board. Ahoi, Kameraden, ahoi ahoi…

Weiblicherseits traten erste Gewöhnungserscheinungen auf. Die – zugegebenermaßen – eher anstrengende und schweißtreibende Wache von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr wurde tapfer durchgestanden und das Essen – soweit ersichtlich – nicht an die Meeresbewohner übergeben. Soweit die guten Nachrichten.

Die Nachricht, dass jemand aus der ständigen Crew positiv getestet wurde, machte per Flurfunk schnell die Runde und fast alle rätselten, wen es wohl getroffen hatte. Da die gesamte Kabine nun zur Quarantänezone erklärt wurde, wird sich die Zahl der möglichen Virusopfer verringern, da schnell klar werden wird, wen man die nächsten Tage nicht zu Gesicht bekommt. Zumindest sind alle noch hoffnungsvoll, sich selbst nicht angesteckt zu haben.


Da die Drakepassage (leider) weiter mit für diese Region relativ ruhigem Wetter überraschte, durchquerten wir sie unter Segeln zwar nicht unanstrengend, aber sehr zügig und sahen bald das erste Mal antarktisches „Land“ (wir bezeichnen bzw. definieren für diesen Text die South Shetland Inseln jetzt der Einfachheit halber mal als antarktisches Land. Uns war der Unterschied zwischen den Inseln und der antarktischen Halbinsel natürlich bestens bekannt). Der Moment war magisch…und kalt…und windig… Am besten können wohl die Auszüge unseres Tagebuchs das Ende der ersten Segelwoche vermitteln:

Land in Sicht

Nach einer mal wieder mäßig erholsamen Nacht (Wache von 0.00 Uhr bis 4.00 Uhr), die es aus Laiensicht auch arbeitstechnisch in sich hatte (viel Arbeit an den Segeln und Tauen, wobei das Deck auch zum Teil komplett unter Wasser stand, Zusammenfalten eines ins Wasser gefallenen staysails auf dem „Tisch“ – am Ende der Reise wissen wir bestimmt den genauen Ausdruck für dieses Segel, schließlich existieren hier ganz schön viele solcher Teile, die das Schiff voran bringen sollen) wurde männlicherseits um 8.30 Uhr gefrühstückt, um dann gegen 9 Uhr noch einmal eine halbe Stunde Powernap zu versuchen. Um 11.15 Uhr trat man(n) außerplanmäßig zum Helfen auf Deck an, was damit belohnt wurde, dass man am Hauptmast hochsteigen durfte, um die Segel am yard zu befestigen („to furl“, der deutsche Fachausdruck hierfür ist natürlich nicht bekannt). Einfach nur atemberaubend. Zwar blieb noch nicht viel Zeit für den wahnsinnig tollen Ausblick, da man viel mit sich selbst und der – zugegebenermaßen – nicht sehr anspruchsvollen Arbeit beschäftigt war (wie geht noch einmal dieser eine Knoten?), aber trotzdem werden selbst die kurzen Blicke auf Höhe des yards unvergesslich bleiben.

Während der Wache erfuhr man am lookout, was windig (möglicherweise) in der Antarktis bedeutet (wir werden sehen) und am Steuer konnte man auch schon erste kleine „Eisklumpen“, liebevoll als Eisberge bezeichnet, am Boot vorbeiziehen sehen. Unser erster Offizier äußerte sich wie folgt dazu: „please dodge the ice“.

Aktuell sind alle Segel weitgehend unten und wir halten mit Motorunterstützung Kurs auf unsere erste Landungsmöglichkeit.

Was auf jeden Fall hängen bleibt: Der Blick auf diesen weitgehend unberührten Fleck der Erde mit dem Gefühl von Wind und Wasser im Gesicht und die Anstrengung, die notwendig war, hierher zu kommen und standfest zu bleiben.

Die Stimmung steigt

Mehrere gute Nachrichten sorgten dafür, dass die Stimmung auf einen neuen Höhepunkt steigt. Man merkt deutlich, dass die grassierende Seekrankheit wesentlich milder wird. Auch die Tatsache, dass wir die Drakepassage glimpflich überstanden haben und hoffentlich bald die ersten Antarktisgänge anstehen, sorgt für ausgelassene Stimmung. Nicht zuletzt erfahren wir, dass der zunächst positive PCR-Test zweimal durch einen negativen Test widerlegt wurde, so dass wir wahrscheinlich die unwahrscheinliche (ca. 4/1000) Möglichkeit eines falschpositiven Tests in Betracht ziehen können. Darüber sind alle mehr als happy. Zuletzt erfahren wir auch, dass ab 20.00 Uhr keine Wachen mehr stattfinden müssen, da wir so gut wie am Ziel sind und keine Manöver mehr stattfinden werden. Wir nutzen die Möglichkeit, den ersten Eindruck der Antarktis zu intensivieren, indem wir uns frei von segelbezogenen Verpflichtungen an Bord bewegen und die nahe Eislandschaft auf uns wirken lassen.

Der Tag klingt entspannt im Deckhouse aus

(bedeutet: wir genossen Bier, Wein, Unterhaltung und Kartenspiele mit anderen Crewmitgliedern, da am nächsten Tag keine Wache für uns anstand).

Der Blick auf antarktisches Land
Wir lassen den Tag im Deckhouse ausklingen, da keine Wachpflicht mehr besteht.
Ein Traum wird wahr. Wir haben die Antarktis erreicht. Trotz der Kälte, des Windes und der hinter uns liegenden Anstrengungen sind wir unglaublich dankbar und glücklich.

Familie Europa

Vor Reisebeginn wurde an uns häufiger die Frage herangetragen, warum wir uns als Etappe für den Segeltörn mit der Bark Europa entschieden haben.

Ein wichtiger Teilaspekt dieser Frage betraf unsere Mitreisenden. Auch wir selbst überlegten im Vorfeld immer wieder, wer diese Menschen sein würden, mit denen wir unseren Traum vom Besuch der Antarktis und der anschließenden Atlantiküberquerung teilen und erleben dürfen. Ab dem 16. Februar bekamen wir schließlich nach und nach Antworten.

Das erste Aufeinandertreffen der voyage crew untereinander und dem Expeditionsteam in Ushuaia

Wir treffen 48 Männer und Frauen aus insgesamt 16 Nationen, zwischen Anfang 20 bis Ende 60, darunter alte und junge Seebären, Süßwasser – und Leichtmatrosen, aber auch einige Landratten. Stille Wasser und Alleinunterhalter. Es gibt junge Pärchen wie uns (ja, wir BEIDE sind noch jung…) auf der Suche nach einem Abenteuer und Rentner, die sich im Ruhestand einen ihrer Lebensträume (teilweise sogar zum zweiten Mal) erfüllen. Aufgeteilt waren wir in eine 17-köpfige permanent crew, die uns als 31 Personen zählende Gastmannschaft (voyage crew) „beaufsichtigte“, verpflegte und rundum umsorgte.

Sehr schnell lernen wir vor allem Eva und Bas aus den Niederlanden kennen, da sie die Kabine mit uns teilen. Mit unseren Zimmergenossen aus Kabine 10 verbringen wir eine wunderbare Zeit. Wir teilen zu warme, zu kalte und auch ganz normal temperierte Nächte, schnarchen nicht, hören Musik, tanzen, feiern, trinken Wein und Bier, spielen „Mensch ärgere dich nicht“ (sorry, not sorry) und führen unzählige seriöse und unseriöse Konversationen. Wir haben sie sehr in unser Herz geschlossen und freuen uns jetzt schon auf jedes Wiedersehen.

In insgesamt über 80 Wachen – zu jeder Tages und Nachtzeit – und bei allen erdenklichen Witterungsverhältnissen lernen wir dann die Mitglieder unserer Blue-Watch besser kennen und schätzen, sprechen über Träume und Wünsche, Familie und Freunde, Beziehungen und Lebensentscheidungen und stellen uns im Südatlantik beim Anblick der leuchtenden Milchstraße die Frage, warum Sterne eigentlich romantisch sind.

Von John aus unserer Wachgruppe (Blue-Watch) lernen wir, dass man in der Fremde zunächst mal auf seine eigenen Vorurteile, Klischees und persönlichen Grenzen trifft. Er beweist uns, dass ein Texaner Demokrat sein und über Trump nur den Kopf schütteln kann, Günther Grass und Tolstoi liest, Gedichte schreibt und mehr über europäische Geschichte weiß als viele Europäer. Er erklärt uns die Sterne und überrascht uns auch sonst immer wieder mit allerlei Kenntnissen, die er mit seiner gewinnenden und humorvollen Art vermitteln kann. Vor allem sein ansteckendes Lachen wird uns allen in liebevoller Erinnerung bleiben.

Je länger die Reise dauert, desto intensiver kommen wir auch mit den Crewmitgliedern der restlichen Wachen und der permanent Crew in den Austausch. Die permanent crew vermittelt uns neben Segelkenntnissen vor allem das Lebensgefühl auf hoher See. Wir verstehen, warum man sich für diesen Lebensweg entscheidet, auch wenn wir sicher sind, dass dies für uns keine Option (mehr) darstellt. Wir bewundern die Leichtigkeit mit der sich die permanent crew auf der Europa bewegen kann und die Geduld, Offenheit und Ausgeglichenheit, mit der sie uns begegnet. Auch die Lebensgeschichten aus der voyage crew ziehen uns immer wieder in den Bann (z.B. Besteigung des Mount Everest, Kajaking in Alaska und Madagaskar, Weltumsegelungen, Familienleben an Bord eines Segelbootes, Motorradreisen durch Asien in vorchristlichen (also internet- und handyfreien) Zeiten, und noch so viele mehr).

Als zusammenwachsende Crew essen und trinken wir, segeln und trotzen Wetter, Wind und Wellen, klettern auf Masten, ziehen und zerren gemeinsam an Tauen bei Neigungswinkeln des Schiffs von 0-40 Grad.

Wir feiern 12 Geburtstage und einen St. Patricks Day.

Carstens Geburtstag am 11.3. feiern wir in Grytviken, South Georgia – auch alle anderen bekommen Kuchen!

Wir liegen zusammen in der Sonne an Deck und bekommen Sonnenbrand. Manch einer packt sogar die Badehose aus.

Die ersten Tage mit Sonne an Deck
Unser italienisches Crew-Mitglied „El Mustachio“ eröffnet die Badesaison auf der Europa

Wir spielen Kartenspiele aus allen Teilen der Welt und singen gemeinsam eine Version von ‚Help‘ der Beatles für unseren Expeditionsleiter Jordi. Wir fotografieren alle die gleichen Tiere und Landschaften, manche allerdings etwas besser, denn es gewinnen immer die gleichen den Fotowettbewerb.

Der härteste Trading-Markt in Antarktika

Wir mögen uns, können uns nicht leiden, diskutieren, lachen, weinen und verlieben uns an Bord.

Zum Abschluss stehen wir nachts im Hafen von Kapstadt an Deck im Kreis Arm in Arm und singen gemeinsam.

Abschiedsfeier im Hafen von Kapstadt

Als wir am 8.4. von Bord gehen, haben fast alle Tränen in den Augen. Uns wird bewusst, dass es in dieser Reise nicht nur um Segeln, den Besuch der Antarktis, Pinguine, Robben, Wale oder Seeelefanten geht. Es geht auch nicht nur darum, die tollsten Fotos zu schießen und die spektakulärsten Videos zu drehen.

Es geht ganz besonders um die einzigartige Erfahrung der Gemeinschaft auf diesem besonderen Schiff, der Erfahrung von Freundschaft und Kameradschaft, die Dich in einer überschaubaren Zeit zusammenschweißt und die sich kaum in Bildern und Filmen festhalten lässt. Wir sehen uns in die Augen und müssen nicht das unbeschreibliche Gefühl erklären, das wir alle spüren. Es geht um die Freude und Hingabe, mit der die Menschen auf diesem Schiff leben und arbeiten und welche sie unvoreingenommen mit uns teilen. Es geht um Rücksicht und Respekt, von denen wir befürchten, dass sie uns in der Zivilisation mehr und mehr abhanden kommen. Wir sind mit einem besonderen Gefühl der Dankbarkeit erfüllt, einmal Teil der Europa Familie gewesen zu sein und hoffen, einen Teil dieses Gefühls in unseren zukünftigen Alltag integrieren zu können.

Smile and wave, boys, smile and wave!

Die Europa unter – fast – vollen Segeln

A typical day of sailing

Endlich kommen wir zu unserem ersten Segelbeitrag. Wir haben versucht, unseren regelmäßigen Alltag auf der Europa in mehr oder weniger seriösen kurzen Clips zusammenzufassen. Da es das Schicksal nicht zulässt, dass wir ein vernünftiges vollständiges Video veröffentlichen, zeigen wir eine neoklassische Trilogie in fünf Teilen. Es ist nicht wirklich einfach, die Tage auf der Europa in einem Video zusammenzufassen und hoffentlich folgt bald auch noch das ein oder andere spezielle Highlight. Aber wir hoffen, einen kurzen Einblick in unseren Tagesablauf zwischen Ushuaia und Kapstadt geben zu können.

Episode 1: Das Erwachen zur Wacht

Episode 2: Die dunkle Belohnung (oder auch: was passiert am Vormittag)

Epsiode 3: Das Meer schlägt zurück

Episode 4: Eine neue Hoffnung

Episode 5: Die Rückkehr der Partyritter

Angekommen ohne anzukommen

Seit dem 08.04. weilen wir wieder in der „Zivilisation“.

Ankunft in Kapstadt nach 52 Tagen auf der Bark Europa. Die Segelohren (Achtung: intelligentes Wortspiel) sind der mangelnden Erfahrung im Umgang mit Masken geschuldet, nachdem wir nach den ersten zehn Tagen covidfrei – also wie in den guten alten Zeiten (vielleicht erinnert sich ja jemand daran) – unterwegs waren.

Aufgrund der Erfahrungen der letzten Wochen sind wir ob unserer diesbezüglichen Gefühle allerdings sehr zwiegespalten.

Auf der einen Seite mussten wir schmerzlich erfahren, dass unsere letzten Wünsche nicht so recht erhört wurden, denn weder wurde die Welt gesund noch blieb sie friedlich. Auf der anderen Seite sind wir nun wieder in der Lage, Familie und Freunde zu kontaktieren und können diverse Vorzüge des Lebens auf festem Boden genießen.

Beispiel eines Vorzuges des Lebens auf festem Boden.

Da wir alle Erfahrungen selbst noch nicht so richtig verarbeitet haben und die aktuelle Situation damit nicht wirklich einordnen können, bleibt uns derzeit nichts weiter übrig als auf einen hoffentlich in der Zukunft entstehenden Beitrag zu verweisen, um die ganze Thematik ausführlich beschreiben zu können.

Zwischenzeitlich wurde jedoch einer unserer Träume wahr. Wir haben an Bord eines Segelschiffes die Antarktis besucht und den Atlantik überquert. UNBESCHREIBLICH! Eigentlich wollten wir zumindest schon ein paar erste Eindrücke vermitteln. Dieser Plan wurde aber von unzulänglichen Qualitäten sowohl der Software als auch der 9. layer durchkreuzt, so dass auch hier erst einmal weiter Geduld gefragt ist. Ganz und gar nicht hilfreich ist die Tatsache, dass wir gerade schon wieder unterwegs sind und unglaublich viele neue und tolle Erfahrungen machen.

Vorschau einer neuen tollen Erfahrung nach unserer Segelreise

Dennoch wollen wir ein kurzes Lebenszeichen hinterlassen und zumindest eine kleine Erinnerung mit Euch teilen: