Friede, Freunde, Freediving

Thailand, 13.08. – 03.09.2022

Wäre unsere Reise ein Film, würden wir jetzt folgende Szene einbauen:

In Erinnerung an eine Szene aus dem Film „Weit“, der uns schon lange vor unserer Abreise inspiriert hatte, befinden wir uns nach einer schnellen Abfolge lauter, schriller, lärmender Filmsequenzen (unter anderem mit unzähligen hupenden Rollern und schnell bewegten Bildern) plötzlich bei angenehmer Ruhe in einem buddhistischen Kloster inmitten der thailändischen Berge im Dschungel. Also Cut! Abrupte Stille, Entspannung, Natur und Abgeschiedenheit. Es ist nichts zu sehen, außer den unterschiedlichen Grüntönen der Natur und dem Blau des Himmels. Es ist nichts zu hören, außer den Geräuschen der Natur. Wir nehmen das Glucksen des Wassers, das Rauschen des Windes, das Schreien der Vögel und das Zirpen der Grillen wahr. Wir genießen es in vollen Zügen. Im Film ist die plötzliche Stille selbst für den Zuschauer erlösend, man stelle sich da die Gefühle der beiden Protagonisten vor. Wir können das nun ein wenig nachempfinden.

Cut!

Nachdem wir keinen Film drehen, ist der Schnitt nicht ganz so dramatisch. Dennoch war der Unterschied zwischen Indonesien und Thailand krass. Unser Weg dahin war nicht ganz so einfach wie ein Schnitt im Film. Und das eigentliche Ziel noch weit entfernt.

Der Weg nach Thailand

„Nie wieder nach Koh Tao“. Das waren Antonias Worte im September 2015, nachdem wir den zweiten Sommerurlaub hintereinander zwecks Tauchausbildung auf Koh Tao verbracht hatten. Unser langjähriger Freund Stefan betreibt dort eine Tauchschule (www.rainbowfishdivers.com, wirklich sehr empfehlenswert). Im Vergleich zu Antonia hat Carsten weniger Probleme damit, mehrfach denselben Ort zu besuchen, wenn es ihm dort gefällt. So war er im Jahr 2019 schon wieder auf Koh Tao, um seinen Freund und die Tauchschule zu besuchen und hätte natürlich auch während der Reise gerne bei Stefan vorbei geschaut (wenn man vielleicht in die Nähe kommt). S o stand Carsten seit Ankunft in der gleichen bzw. sehr ähnlichen Zeitzone in regelmäßigem Austausch mit Stefan. Anfängliche Versuche, das Thema bei Antonia zu platzieren, wurden jedoch eher rabiat abgewiesen, so dass nicht wirklich abzusehen war, ob wir es nach Thailand schaffen würden. Also besann sich Carsten der bereits erprobten Inceptionkünste und nutzte in gewissen Momenten die Gunst der Stunde.

Wegen der Verlängerung unserer Visa in Indonesien mussten wir die Daten des coronabedingt bereits gebuchten Flugs nach Singapur ändern. Natürlich wurde uns dabei von der indonesischen Bürokratie die Pistole auf die Brust gesetzt und wir mussten innerhalb von 12 Stunden einen neuen Flug nachweisen. Wir Experten hatten bei der ersten Buchung wohlwissend auf einen flexibel umbuchbaren Flug gesetzt… – …um jetzt festzustellen, dass sich der Flugpreis bei einer Umbuchung mehr als verdoppeln würde… Da Antonia für solche Dinge besonders gerne Geld verbrennt und ihre Laune schon mit der Schaufel in der Hand das Geschoß unter dem Keller suchte, warf Carsten in den Raum, statt der Umbuchung einfach mal zu sehen, was ein neuer Flug – beispielsweise nach Bangkok – kosten würde. Und siehe da, es ergab sich, dass die Flüge nach Bangkok tatsächlich wesentlich günstiger waren als eine Umbuchung. (Für Carsten kam dies weniger überraschend, denn er hatte schon in Indonesien etwaige Flugverbindungen recherchiert.) Da wir zudem übereinkamen, dass die weitere Planung der Reise aus Thailand einfacher als aus Singapur werden würde, wurden kurzerhand – mal wieder – Pläne geändert und Flüge nach Thailand gebucht. Seit diesem Zeitpunkt gibt es in unserer MoneyControl-App, in welcher wir unsere Ausgaben während der Reise erfassen, eine neue Kategorie: ungenutzte Flüge. Bei bloßer Erwähnung dieser Kategorie macht sich Antonias Laune übrigens sofort wieder mit der Schaufel in der Hand auf den Weg.

Zwischenziel 1 war somit erreicht: Familie Ufer würde Fuß auf thailändischen Boden setzen.

Wie sich bei diversen Gesprächen ergeben hatte, waren wir beide der Meinung, dass Indonesien sehr viele Urlaubsgefühle hervorrief, aber trotz der vielen wunderschönen Erfahrungen unsere Reiselust nicht vollständig befriedigen konnte. Wir beide wollten noch mehr Dinge tun, die man in einem Urlaub eher nicht macht, und die wir später auch nicht mehr ohne Weiteres unternehmen würden. Carsten machte den Vorschlag, Zeit in einem buddhistischen Kloster zu verbringen, was gleich auf großes Interesse stieß. Er informierte sich daraufhin näher und fand ein paar aussichtsreiche Angebote, die allesamt überraschenderweise in Thailand lagen. Am Ende überzeugte uns beide vor allem der Auftritt eines Klosters im Norden des Landes und wir wollten dort unser Glück (ver)suchen.

Zwischenziel 2 war somit erreicht: Familie Ufer würde eine gewisse Zeit in Thailand bleiben.

Der Weg ins Kloster

Von Kuta aus ging es zunächst nach Bangkok, um von dort mit dem Nachtzug nach Chiang Mai weiter zu fahren.

Sieht zwar nicht so aus, ist aber in Bangkok

Wir hatten uns in Bangkok ein Hostel herausgesucht, das in der Nähe des Flughafens und der Bahnstation lag, um uns die lange Fahrt in die Stadt und leidige Verhandlungen mit Taxifahrern zu ersparen (unser Schnellkurs BWL für Reisende hatte uns folgende Weisheit vermittelt: Beim Verhandeln ist die Kenntnis des marktüblichen Preises unerlässlich, hahahaha, vielleicht hilft uns das Ganze noch mehr, wenn man es auf einer Folie liest, die mit Geldscheinen und erhobenen Zeigefingern geschmückt ist). Hier freuten wir uns das erste Mal über unser leichtes Reisegepäck, vor allem als wir am nächsten Tag eine Ehrenrunde um die Bahnstation drehten. Was sich dann für den ein oder anderen nach einer Horror-Fahrt anhören mag, war tatsächlich eine erstaunlich angenehme und komfortable Art der Fortbewegung. Das einzige Problem war nur, dass der Schaffner unmittelbar mit dem Aufbau der Betten begann, nachdem wir den Zug bestiegen hatten und seine möglicherweise an uns gerichtete, jedenfalls für uns nicht verständliche Frage mit einem Lächeln samt überzeugend wirkenden indischen Kopfnicken wegignorieren wollten. Da wir nicht in der ersten Klasse reisten, wurden die Sitze zu Betten umgebaut. Wir hatten das jeweils obere Bett, was bedeutete, dass beide Sitzreihen an den Fenstern umgebaut werden mussten. Hätten sich die mitreisenden thailändischen Personen, die jeweils gegenüber von uns saßen, auf den von uns vorgeschlagenen Sitztausch eingelassen, hätten wir trotz des Bettumbaus noch nicht um 19 Uhr ins Bett gehen müssen. Sie blieben aus uns nicht verständlichen Gründen standfest – mussten also auch ins Bett. Nach einem kurzen Blick waren wir allerdings nicht die ersten, die ihre Liegeposition einnahmen und fügten uns unserem Schicksal. Lediglich die Tatsache, dass die Wagenbeleuchtung auch nachts nicht gedimmt wurde, verhinderte dann einen problemlosen Einschlafprozess. So fielen uns beiden erst in den frühen Morgenstunden die Augen zu und wir kamen leicht übermüdet in Chiang Mai an.

Im Altenheim – und im Nachtzug – geht es früh zu Bett – #neuerentner

Vor der endgültigen Abreise ins Kloster mussten noch ein paar organisatorische Fragen geklärt werden, weshalb wir zunächst zwei Tage in Chiang Mai verbrachten. Wir wohnten – wie meist – etwas außerhalb und bekamen daher die Möglichkeit, die Stadt abseits des touristischen Zentrums kennen zu lernen.

Im Unterschied zu Indonesien fielen uns sofort ein paar Dinge ins Auge: Weit weniger Roller, weniger Lärm, weniger Dreck, mehr Ordnung. Wir waren kurz verwirrt, als die Rollerfahrer vor dem Losfahren warteten, bis die Straße frei war und eine Straßenspur tatsächlich nur in eine Richtung genutzt wurde. Im Straßenbild erstaunte uns vor allem die hohe Dichte an Cafés auch außerhalb der touristischen Stadtteile, die mit Berlin Mitte oder Hamburg Eppendorf locker mithalten konnte. Wir entdeckten außerdem einen Markt mit Früchten, Gemüse, Fleisch und Fisch – auch lebenden – aller Art und genossen wieder authentisches Streetfood und ein tolles Abendessen unter Einheimischen beim – von uns so genannten – Korean BBQ.

Am 17.8. war es dann endlich so weit. Nach positiver E-Mail, dass unser Aufenthalt im Kloster stattfinden konnte, machten wir uns auf den Weg.

Wir hatten online zwei Plätze im empfohlenen Kleinbus Richtung Norden gebucht. Nach zehn Minuten Fußweg mit circa 25 kg Gepäck pro Person – getreu unserem Motto „#travellight“ – erreichten wir den doch erstaunlich gut organisierten Busbahnhof. Wie sich herausstellte, transportierten die Kleinbusse nicht nur Personen, sondern auch Post und Pakete in das thailändische Hinterland. Ehe man sich es versah, waren der schmale Kofferraum und Gang des Busses mit Kartons vollgestellt, weitere Pakete türmten sich auf dem Dach und auf einmal schien Carstens Idee vom Vortag, gleich einen Sitzplatz mehr für das Gepäck zu reservieren, gar nicht mehr so lächerlich. Wir näherten uns dem Gefährt und der Fahrer warf erst einen Blick auf unsere Rucksäcke, dann auf den bereits überfüllten Bus, dann aufs Dach. Uns allen war die einzige Lösung schnell klar und so wurde unser Gepäck mit Zuhilfenahme eines rückenschondenen Zugseils (= Carstens Schulter) auf das das Dach gehievt. Über Gepäck und Fracht im Innenraum des Busses kletternd nahmen wir Passagiere unsere Plätze ein und los ging die wilde Fahrt.

Bald wurde es um uns herum (im Gegensatz zu Antonias immer blasser werdendem Gesicht) sehr grün und bergig. Unser schwer beladenes Gefährt mühte sich die steile Straße hinauf, zu deren beider Seiten dichter Regenwald zu sehen war, nur ab und zu unterbrochen von Reisfeldern, soweit die Neigung des Berges es erlaubte. Nach etwa sechs Stunden Fahrt lud der Fahrer unser Gepäck und uns an der Abzweigung zum Kloster aus. Die Sonne brannte vom Himmel, die Luft war schwül und heiß und wir hatten etwa eineinhalb Kilometer Fußmarsch vor uns – wohl wissend, dass uns keinerlei Verpflegung an diesem Tag mehr erwartete.

Mitten im Nirgendwo lässt uns der Busfahrer aussteigen

Nach einer ausgiebigen Rast mühten wir uns schwitzend die Straße entlang und verfluchten – mal wieder – unser „leichtes“ Reisegepäck. Abgekämpft erreichten wir unser Ziel nach einer gefühlten Ewigkeit, sicherlich ein interessanter Anblick für die seligen Klosterbewohner. Aber der Weg hatte sich gelohnt. Das Kloster lag wunderschön im Wald am Fuße mehrerer bewaldeter Felsen und wurde von einem kleinen Fluss durchzogen. Es strahlte schon jetzt ein Gefühl des Friedens und der Ruhe aus.

Nach der Registrierung bekam jeder von uns seine Kuti, eine einfache Holzhütte mit eigenem Bad, zugewiesen.

Vor der Registrierung hat Antonia noch Flausen im Kopf

Dazu gab es weiße Kleidung, eine Matte, zwei Decken und ein Kissen. Die nächsten Tage würden wir getrennt voneinander schlafen, da physischer Kontakt zwischen den Geschlechtern streng untersagt war.

Klosterschüler Ufer in ordnungsgemäßem Klostergewand vor seiner Kuti

Beim Bezug unserer Kuti kam die erste Überraschung. Das Bett stellte sich als schlichtes Holzgestell heraus, auf welches die dünne Matte gelegt wurde. Schon beim Anblick bekamen wir Rückenschmerzen und vier Nächte schienen uns auf einmal sehr mutig – wobei man dazu sagen muss, dass der abgesprochene Plan drei Nächte umfasste, wir uns bei der Anmeldung nur irgendwie verzählt hatten und somit für vier Nächte eingebucht waren. Im Rahmen der Registrierung waren uns nur wenige grundsätzliche Regeln zum Verhalten auf dem Gelände erklärt worden. Den Rest würden wir schon die nächsten Tage allein herausfinden. Wir zogen uns um und traten – jetzt ganz in weiß – auf das Gelände, nicht sicher, was die nächsten Tage passieren würde.

Der Aufenthalt im Kloster

Wir hatten den ursprünglichen Plan, dass jeder seine eigenen Gedanken zum Klosteraufenthalt verfasst und wir diese in separaten Absätzen voneinander veröffentlichen. Wir gingen davon aus, dass es vermutlich sehr schwer werden würde, hier auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Allerdings erlebte Antonia bezüglich dieses Beitragsteils das Schicksal, welches Carsten schon ein Leben lang erleidet (Carsten ist eigentlich ein talentierter Autor, hat nur leider seit Geburt eine Schreibblockade…). Insofern muss der Beitrag von Carsten genügen, um einen Teileinblick in unsere Klostererfahrung zu geben.


Verflixt, dachte ich mir, als ich meine zwei Rucksäcke (#travellight), die Tasche mit den Atemreglern sowie die mir neu in die Hand gedrückten Sachen (weiße Hose, weißes Shirt, zwei Decken, eine Matte und ein Kissen) in meine neue Unterkunft (Kuti) geschleppt hatte und erst einmal vollgeschwitzt da stand. Bei der Anmeldung hatten wir uns doch tatsächlich um einen Tag verzählt, so dass wir nun vier Nächte hier bleiben wollten. Wie oft darf man eigentlich seine Klamotten wechseln? Egal, es blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn gleich war gemeinsames Aufräumen des Klosters angesagt und man wollte ja nicht am ersten Tag negativ auffallen. Was genau zu tun war, war allerdings auch nicht so klar. Es wurde nicht viel erklärt, sondern wir würden schon mitbekommen, wie sich der Ablauf hier gestaltetet. Also, schnell in die bequeme weiße Hose geschmissen, das weiße Shirt angezogen und ab zur Arbeitssuche in die Haupthalle. Erstmal beobachten, was die anderen so machen. Dies war leider keine große Hilfe, es waren nicht viele Personen da und diejenigen die da waren, hatten bereits die wenigen vorhandenen Laubbesen an sich gerissen, um damit im Garten zu fegen. Ein tolles Geräusch, das hilft bestimmt bei der gleichzeitigen Achtsamkeitsübung. Hmmm, also weiter in die Abwaschhalle. Yesssss, ein dreckiger Teller… und sogar mit Besteck. Schön sauber abwaschen, hervorragend. Mist, immer noch 55 Minuten auf der Uhr. In diesem Moment sah ich Antonia aus dem Augenwinkel heimtückisch grinsen. Irgendwo hatte sie einen Besen und einen feuchten Mop aufgetrieben und wischte durch die Abwaschhalle. Das würde bestimmt 20 bis 30 Minuten bringen.

Doch halt, was erblickten meine Augen da neben den Abwaschbecken? Da waren doch Flecken und Essensreste. Hervorragend. Also, Küchenlappen geschnappt und Essensreste beseitigt. Die Frage nach dem richtigen Mülleimer würde ich im Verlauf der restlichen Tage noch klären, nachdem ich in jedem Mülleimer und in den Futternäpfen für die Klosterhunde Essensreste gefunden hatte (kleiner Vorgriff: Wie sich noch herausstellte, sollten die Essensreste direkt in den Abfluss, der unmittelbar in den Teich führte. Die Fische im Teich würden sich dann darum kümmern. Bei dieser Information drängte sich mir sofort unweigerlich die Frage auf, warum auch handelsübliches Spülmittel benutzt wurde. Ich entschied mich aber schweren Herzens, den Beamten in mir heraus zu kramen und fragte einfach mal nicht weiter nach…). Gut, eine halbe Stunde war geschafft. Während Antonia noch fleißig den Boden wischte, erspähte ich einen Besen und machte mich daran, die Innenräume zu fegen. Beim Blick auf die zu allen Seiten offene Halle inmitten der umgebenden Natur kamen mir die Begriffe „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, „Grundausbildung“ und „Sisyphus“ in den Sinn. Sofort ermahnte ich mich wegen meiner unzüchtigen Gedanken, während ich bemerkte, dass sich der Besen ganz langsam und unmerklich in seine Einzelteile zerlegte und hin und wieder durch Verlust einzelner Borsten zur Förderung seiner eigenen Nutzung beitrug. Herrlich, dachte ich, die Arbeitsstunde für morgen ist auf jeden Fall gerettet, ich muss nur diesen Besen irgendwo verstecken… Prompt folgte die nächste innerlich Ermahnung und mein Blick fiel auf einen Mitstreiter. Dieser nutzte einen ähnlichen Besen wie ich und fegte die Stuhlreihen entlang, alles schön an die Mauer der Halle. Die Wette, die ich in diesem Moment mit mir selbst schloss und ob derer ich mich selbstverständlich sofort selbst erneut ermahnte, gewann ich. Bis zum Abschluss der Putzstunde kam der putzende Kollege nämlich nicht auf die Idee, eine Schaufel zu holen, so dass der Wind sein Tageswerk wohl bald zunichtemachen würde. Aber hey, meine letzten fünf Minuten waren gerettet, denn ich konnte am Rand der Mauer zusammen mit den Beigaben meines Besens noch ein wenig Dreck zusammenfegen und die gemeinsame Arbeitsstunde war geschafft.

Jetzt durfte man gemeinsam Kaffee oder heiße Schokolade trinken. Natürlich warf das gesamte Spektakel auch Fragen bei Toni auf und wir beide diskutierten sowohl unseren Rechenfehler bezüglich der hier zu verbringenden Tage als auch die Taktik für die nächsten Nachmittage.

Klosterschüler Ufer nach getaner Arbeit
Kosterschülerin Ufer nach getaner Arbeit

Glücklicherweise hatte ich am Abend des ersten Tages dann doch noch ein überzeugendes Erlebnis: Ich erinnere mich vor allem an die Gänsehaut, die ich bekam als wir in der Dhammahall saßen und eine Glocke läutete. Sie kündigte den Beginn des Abendgesangs an, den ich aus der ersten Reihe mitbekommen würde. Nachdem ich zunächst versucht hatte, mich taktisch auf einen Beobachterplatz in der hinteren Ecke zu setzen, wurde ich höflich, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass Männer in den ersten beiden Reihen sitzen müssen. Da saß ich also, nichtsahnend, was passieren würde und in ständiger Anspannung, nichts falsch zu machen und sich dadurch womöglich respektlos zu verhalten. Nach dem Glockenton verging eine gefühlte Ewigkeit, bis die Mönche die Halle betraten. Ich saß im ungewohnten Schneidersitz und kam trotzdem zur Ruhe. Die Mönche traten ein, vollzogen ihr Platzierungsritual und es ging los. Mit Hilfe des Gesangbuchs folgte ich der Zeremonie ein paar Augenblicke und stimmte dann mit ein. Auf Pali, Thailändisch und Englisch zollte ich Buddha meinen Respekt. Schon nach kurzer Zeit fühlte es sich irgendwie ganz normal an. Der Gesang mündete in eine Meditation und erst hier merkte ich, dass ich meine Sitzposition seit Beginn kaum geändert hatte und sich meine Schmerzen noch im Rahmen hielten. Ab und an öffnete ich die Augen, spürte den Wind der Ventilatoren in meinem Gesicht und sah die Silhouetten der meditierenden Mönche gegen den immer dunkler werdenden Abendhimmel.

Ich war tief berührt und meine Augen wurden – wie inzwischen schon öfter während der Reise – ein klein wenig feucht vor lauter Glückseligkeit. Als die Meditation beendet wurde, richtete einer der in diesem Moment wohl glücklichsten und zufriedensten Menschen in dieser Welt, nämlich der Abbot (= „Chefmönch“) dieses Klosters, ein paar Willkommensworte an uns. Alle Neuankömmlinge des Tages wurden herzlich begrüßt und in seiner unnachahmlich lustigen Art zeigte er noch einmal die wichtigsten geltenden Klosterregeln auf, was vielen Anwesenden unweigerlich ein Lächeln ins Gesicht zauberte: No paaty, only little paaty. Men and women separated. Big paaty outside. Here meditation. Makes us happiiiiii. Tomorrow mooning, good and tasty Thai food. Makes us happiiiiii. But no BBQ.

Unser Guide

Anschließend saßen Toni und ich noch bei einer heißen Schokolade zusammen und ließen die Ereignisse des Tages Revue passieren. Bald mussten wir in unsere Kutis gehen und in getrennten „Betten“ oder besser gesagt auf getrennten Holzfutons schlafen. Dies war ein wirklich seltsames Gefühl. Es gab dann auch keinen Kuss, nicht einmal eine Umarmung, denn wir versuchten, die Regeln während unseres Aufenthalts so weit wie möglich zu respektieren.

Für mich galt das jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich meine Unterkunft betrat. Also etwa drei Minuten. Glücklicherweise wurde uns gesagt, dass wir erst morgen eine Einführung in die Meditation bekommen würden und wir damit so was wie „frei“ haben würden. Morgen könnten wir gegen 5.45 Uhr in der Küche helfen. Ich war müde und trotz unseres späten Mittagessens ein wenig hungrig. Meine abendliche Meditationsübung bestand deshalb darin, mich ins Bett – ähhhhh – auf das Holzbrett zu legen und ein Audiobuch zu hören, um schnellstmöglich einzuschlafen. Allerdings kämpfte ich mit dem harten Untergrund und der Abwesenheit der vertrauten Person neben mir. Mein „Trick“, die zweite Decke zu einer Matratze umzufunktionieren, kam gefühlt aus der Kategorie „kannste schon so machen, bringt aber halt nichts…“ und so lag ich länger wach als mir lieb war.

Da kannst Du drauflegen, was Du willst – es bleibt hart

Den auf 4.45 Uhr gestellten Wecker nahm ich wahr, konterte allerdings sehr schnell, indem ich die morgendliche Meditationsübung zu einer Liegemeditationssession erklärte. Ich kann schließlich nichts dafür, wenn man ungeübt während dessen einfach einschläft. Um 5.40 Uhr beendete ich meine Meditationsübung prompt und machte mich auf den Weg zur Küche. Dort wurde ich mehrfach hin und hergeschickt und durfte am Ende helfen, zu zweit einen Wagen zu schieben, auf dem sich zwei Schüsseln befanden, so dass mir am Ende ähnliche Begrifflichkeiten wie gestern in den Sinn kamen. Naja, morgen würde ich einfach länger in meiner Kuti meditieren.

Tatsächlich brachte mich das nächste tägliche Ritual aber schnell auf andere Gedanken. Wie jeden Morgen um 6.30 Uhr galt es, den Mönchen Reis anzubieten. Alle „Nicht-Mönche“ nahmen sich einen Teller mit Reis und setzten sich in eine Reihe, die Männer zuerst, die Frauen dahinter. Taktisch klug setzte ich mich in die Mitte der Reihe neben den anderen, der sich ebenfalls in die Mitte gesetzt hatte. Ich wurde langsam stutzig, als alle Nachkommenden begannen, links von mir Platz zu nehmen. So viel Platz war doch da gar nicht gewesen. Aber es dauerte nicht lange und der zur Neige gehende Platz zwang die Leute endlich dazu, sich auch rechts von mir niederzulassen. Dem armen Tropf neben mir merkte man deutlich an, dass er genauso wenig Ahnung hatte wie ich. Aber auch er hatte Glück, denn bald saßen neben ihm noch ein paar weitere Personen. Die Glocke läutete und der Raum kam zur Ruhe. Rechts von mir betraten die Mönche die Halle und ich versuchte, die Handlungen der Personen neben mir gut zu beobachten, um durch Nachahmung möglichst keinen Fehler zu begehen. Leider schienen viele ebenfalls wenig Ahnung zu haben, so dass sich die Abläufe von Person zu Person leicht unterschieden. Klar war aber, dass ich den Mönchen, sobald sie vor mich traten, etwas Reis von meinem Teller in ihre große Schüssel geben musste. Ich hatte nicht aufgepasst, wie viele Mönche die Halle betreten hatten, also löffelte ich kleinstmögliche Portionen in die Schalen, in der Hoffnung, nicht respektlos zu erscheinen. Am Ende hatte ich noch jede Menge Reis auf meinem Teller, keiner der Mönche hatte jedoch etwas bemängelt und ich war froh, für den nächsten Morgen gewappnet zu sein. Doch was war das. Nachdem der Abbot seine Morgenansprache beendet hatte und alle zum Frühstücksbuffet gingen, wurden einige handverlesene Klosterbesucher plötzlich mit ein paar Essensschüsseln auf die Reise geschickt, um den Mönchen zu folgen. Puh, Glück gehabt (also ich), denn Toni (hatte wohl weniger Glück) war unter den Auserwählten und konnte mir im Anschluss bestimmt erzählen, was zu tun sei, wenn man ausgewählt wurde.

Das Frühstück war eine Offenbarung, der glückliche Abbot hatte nicht übertrieben. Wir aßen das bisher beste und authentischste „Thaifood“, was wir uns vorstellen konnten. Mich störte es plötzlich überhaupt nicht, dass es zum Frühstück warmen Reis mit Gemüse und Pilzen gab, dazu scharf gewürzt. Es war einfach extrem lecker und ich konnte gar nicht genug bekommen, zumal ich schon daran denken musste, dass es dann nur noch Mittagessen geben würde. Toni und ich besprachen sofort, woran es wohl lag, dass es hier so gut schmecken würde. In Thailand ist es üblich, dass die normale buddhistische Bevölkerung (auch Laienbuddhisten genannt) die Mönche in ihrem alltäglichen Leben unterstützt. Dies tun sie etwa durch tägliche Essensspenden oder durch die freiwillige Mitarbeit in einem Kloster. Auch vor Ort hatten wir zahlreiche Personen gesehen, die zum Teil mit im Kloster wohnten und sich um das tägliche Klosterleben kümmerten. Sie bearbeiteten beispielsweise die Klostergärten, kümmerten sich um die Wäsche, versorgten die Gäste, hielten das Kloster sauber (dabei hatten wir uns ja schon mehr oder weniger erfolgreich einbringen können) und bereiteten auch das Essen zu. Insofern war es kein Wunder, dass wir echte Hausmannskost bekamen und das schmeckten wir auch. Ehrlicherweise war hier der Zeitpunkt erreicht, wo wir gesagt haben, allein wegen des Essens würde sich der Aufenthalt schon lohnen.

Aber es wurde noch besser. Nach dem Essen und der kurzen Freizeit, die entweder für einen Kaffee oder für einen powernap ausreichte, trafen wir uns für die erste Meditationsübung. Nach einer kurzen Einführung durch einen ausländischen und damit sehr gut Englisch sprechenden Mönch, sollte es zunächst eine Gehmeditation geben und wir machten uns auf den Weg durch das Klostergelände. Wir sollten achtsam einen Schritt vor den anderen setzen und uns auf die Bewegung konzentrieren. Es sollte helfen, bei jedem Schritt eine Silbe des Namen des Erleuchteten aufzusagen (z.B. „Bud“ – linker Fuß; „dho“ – rechter Fuß). Klang eigentlich nicht so schwer, aber ich merkte regelmäßig, dass meine Gedanken abdrifteten, wenn ich bei „Bud“ plötzlich den rechten Fuß aufsetzte. Dennoch war es toll, wie ruhig ich werden und nur den Moment wahrnehmen konnte. Ich spürte, wie sich Farbe und Konsistenz des Weges, Geräusche, Wind und Sonne änderten. Leider spürte ich auch, wie mich die Ameisen, die häufig auf dem Weg lauerten, in den Fuß bissen, da die Meditation barfuß durchgeführt wurde. Bud-dho, Bud-dho, Bud-dho… Nach der etwas über eine Stunde dauernden Gehmeditation ging es in die Sitzmeditation über. Glücklicherweise war eine der ersten Anleitungen, dass die Art und Weise, zu sitzen, keinen Unterschied mache. Es gehe nicht darum, sich eine dreiviertel Stunde lang zu quälen, sondern zu beobachten, wie der Körper reagiert und sich dem gegebenenfalls anzupassen. Es war also auch kein Problem, wenn man seine Position während der Meditation änderte und sich auf einen Stuhl setzte.

Im Anschluss an die erste Meditation folgte das religiöse Ritual um das Mittagessen. Die Mönche setzten sich im vorderen Teil der Halle in eine Reihe, vor jedem Mönch wurde ein männlicher Klosterbesucher gesetzt. Die Frauen dagegen setzten sich in eine lange Schlange vor den Abbott und „übergaben“ ihm nach und nach die Speisen. Da es Frauen im thailändischen Buddhismus nicht erlaubt ist, einen Mönch zu berühren, erfolgte die Übergabe mittels eines rechteckigen Tuches. Nachdem das Gefäß auf dem einen Ende des Tuches platziert worden war, zog der Abbott das Tuch zu sich heran und stellte das Gefäß zur Seite. Dabei bedankte er sich ausgiebig bei den Frauen für die Darbringung der Speisen. Nachdem er sich bedient hatte, schob er die Schüssel oder den Topf nach rechts weiter, wo das Gericht von einem der sitzenden, männlichen Klosterbesucher entgegengenommen und dem nächsten Mönch übergeben wurde. Anschließend gab der Mönch Schale oder Teller zurück an den Klosterbesucher, der sie einfach dem nächsten Klosterbesucher nach rechts weitergab, bis sich alle Mönche genommen hatten. Nachdem alle Mönche versorgt waren, ging man selbst zum Buffet und bediente sich. Es war ungefähr 11 Uhr und es würde bis morgen früh gegen 7 Uhr nichts mehr zu essen geben. Also galt für mich, wegzuschlichten, was ging. Das war glücklicherweise nicht so schwer, da es wieder einfach vorzüglich schmeckte.

Nach einer kurzen oder längeren Pause – je nachdem wie schnell man aß oder welche Aufgaben sich nach dem Essen noch ergaben – war es dann Zeit für eine Nachmittagsmeditationsübung, die sich ähnlich wie am Vormittag gestaltete, bevor es wieder an die allgemeine Aufräumstunde ging. Es war also doch recht simpel, denn nach einem Tag hatte ich den Ablauf grob verstanden. Der Tagesablauf war – abgesehen von Kleinigkeiten (mal fegte ich statt der Halle den Rasen, mal half ich mit, eine Klimaanlage in die neu errichtete Dhammahall zu hieven, und einmal setzte ich meine glorreiche Idee um, das Aufräumen der eigenen Kuti in die Nachmittagsstunde zu verlegen) – wirklich jeden Tag derselbe und ich konnte mich voll und ganz auf das Leben im Kloster einlassen. Dies gelang mir ab dem zweiten Tag noch besser, da ich die morgendliche Liegemeditationsübung zwischen 5 und 6 Uhr voll auskostete.

Klosterschüler Ufer spielt Quidditch ähhhhh Fegen

Was machte den Aufenthalt im Kloster für mich zu etwas Besonderem:

Zunächst einmal hatten wir Glück, dass sich nur sehr wenige Besucher im Kloster aufhielten. Obwohl wir gelesen hatten, dass der Aufenthalt in einem Schlafraum mit mehreren Gästen die übliche Unterbringung war, bekamen wir eine eigene Kuti und von den etwa vierzig Kutis waren noch jede Menge frei. So waren wir zu Höchstzeiten etwa 30 Besucher, wo sonst den Bildern im Gesangbuch nach zu urteilen etwa 150 bis 200 Personen normal waren. Das gesamte Kloster strahlte eine Ruhe aus, in der man nicht nur sehr gut reflektieren konnte, sondern unerwarteterweise auch hervorragend untergebracht war. Womöglich vereinfachte die geringe Anzahl an Besuchern den gesamten Tagesablauf.

Ein Blick in den leeren Aufenthaltsraum

Daneben hatten wir Glück, dass wir das Kloster zu einem besonderen Zeitpunkt aufgesucht hatten. Die buddhistischen Mönche in Thailand verbleiben während eines bestimmten Zeitraumes des Jahres an einem bestimmten, selbst gewählten Kloster. So waren während unseres Aufenthaltes nicht nur die sich im Kloster üblicherweise aufhaltenden zwei thailändischen Mönche, sondern mehrere einheimische und daneben aber auch viele ausländische Mönche anwesend. Das vereinfachte für uns das Verständnis der regelmäßigen Dhammatalks (zu vergleichen etwa mit unseren Predigten), Meditationsanleitungen und Geschichten, sofern diese in englischer Muttersprache erfolgten. Ich erinnere mich vor allem an einen längeren, sehr erfrischenden Austausch mit einem australischen Mönch. Derartige Einblicke erweiterten meinen Horizont und halfen mir, den thailändischen Buddhismus besser zu verstehen. Ich sehe dies als Chance, sich in Zukunft mit aktuellen Fragestellungen nicht nur aus der europäischen, sondern auch aus einer buddhistisch angehauchten Perspektive zu befassen. Überhaupt sehe ich mich nun noch einfacher in der Lage, Themen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Außerdem fühle ich mich seit dem Aufenthalt viel gelassener (und wer mich kennt, weiß, was diese Aussage bedeutet…).

Auch wenn ich von der Europa schon gewohnt war, nach einem vorgegebenen Rhythmus zu leben, war es hier noch einmal ein anderer Rhythmus. Der Fokus war komplett darauf gerichtet, unter Anleitung und Unterstützung der Mönche zur Ruhe zu kommen und mit sich selbst im Reinen zu sein. Ähnlich wie auf der Europa war es jedoch eine Freude zu sehen, mit wie wenig Materiellem ich glücklich und zufrieden sein kann, auch wenn ich mich noch nicht auf den spirituellen Weg ins Nirwana begeben möchte.

Der unglaubliche Bezug zum Hier und Jetzt, der einem zu Teil wird, wenn man gefühlt die Hälfte des Tages mit Meditation verbringen kann, auch wenn ich es in der kurzen Zeit vermutlich nicht geschafft habe, eine Stufe auf der Leiter ins Nirwana zu erklimmen.

Ich merkte, wie stark Toni und ich als Paar in den vergangenen Monaten zusammengewachsen waren. Obwohl wir so unglaublich viel Zeit miteinander verbringen durften, fühlte sich das getrennte Einschlafen und die fehlende Möglichkeit, sich in den Arm zu nehmen, auch für diese kurze Zeit einfach nur ungewohnt und falsch an. Und die Einblicke, die wir in diese Art von Buddhismus bekommen hatten, sorgten nicht nur für neue Inspiration zum Nachdenken, sondern bilden seitdem auch oft eine Grundlage für ausführliche Diskussionen.   


Welche Fragen noch offen blieben:

  • Was passiert eigentlich, wenn sich alle Menschen dazu entschließen, als Mönch bzw. Nonne zu leben?
  • Was passiert mit dem zusammengefegten Laub im Kloster?

    Ab dem zweiten Tag hatte ich die Chance ergriffen und für die Aufräumstunde rechtzeitig einen Laubbesen ergattert. Oft blieb das zusammengefegte Laub einfach am Boden liegen. Als einer der wenigen sammelte ich das zusammengefegte Laub in Mülltonnen, die während unseres Aufenthaltes jedoch nicht geleert wurden, so dass es schon am dritten Tag schwierig wurde, zusammengefegtes Laub nicht am Boden liegen zu lassen.
  • Warum benutzen die Mönche Sonnenschirme, wenn es doch nur ein (und nicht ihr) Körper ist, der in der Sonne meditiert?
  • Warum herrscht eigentlich immer noch kein Weltfriede?

    May all beings be well, happy and peaceful, free from enmitty and suffering. Whatever merits we have done, may these merits be shared by all.“ Dabei werden in so einem Kloster wirklich viele „merits“ produziert, wenn es nach den Mönchen und sonstigen Klosterbewohnern geht.

Nach dem Kloster

Obwohl wir nur fünf Tage im Kloster verbrachten, nahmen wir so viel mit. Das bessere Verständnis einer Religion, von der wir nur sehr wenig gewusst hatten, war für uns der Bereich, der hinter dem Tellerrand lag, über den wir für einen kurzen Augenblick sehen konnten. Besonders beeindruckte uns, dass es im thailändischen Buddhismus – im Gegensatz zu anderen Weltreligionen – keinen Gott gab (in anderen buddhistisch beeinflussten Ländern ist das anders). Buddha selbst und seine Lehren gelten nur als Vorbild und Anleitung. Das Ziel des Buddhismus ist die Erlösung von allem Leid. Diese Erlösung kann im Wesentlichen durch Meditation erreicht werden. Auf dem Weg zur Erleuchtung liegen dabei mehrere Stufen, die durchlaufen werden müssen. Die Mönche versuchen, diese Erlösung zu erreichen, helfen aber vor ihrer Erlösung den normalen Menschen, die nicht die Zeit haben, sich vollständig auf die Religion zu konzentrieren. Dafür geben die Mönche ihr normales Leben und ihre normalen Bedürfnisse auf und verdienen sich so den Respekt der normalen Bevölkerung, die sie im Gegenzug unterstützt. Diese Unterstützung ist in Thailand wirklich augenfällig (man stelle sich in Deutschland die Situation vor, in der ein Mönch um 4 Uhr früh an der Tür klingelt und um Almosen bittet…). Die Erlösung wird im Ergebnis also nicht, wie in vielen anderen Religionen, von höherer Macht gewährt, sondern die Gläubigen sind fähig zu ihrer eigenen Erlösung, aber gleichzeitig auch verantwortlich, diese herbeizuführen.

Wir sind sehr dankbar für die Gelegenheit, das Leben in einem buddhistisches Kloster hautnah mit zu erleben
Bei der thailändischen buddhistischen Praxis über die Schulter zu schauen hat uns sehr viel gebracht

Was wir hingegen überhaupt nicht schön fanden, war die Rolle, die der Frau im thailändischen Buddhismus zugedacht wurde. Obwohl der Buddhismus eine völlig wertneutrale und gerechte Religion darstellt – zumindest wurde uns das vom australischen Mönch so bestätigt – hat die thailändische Kultur die Religion so weit beeinflusst, dass die Frauen in die zweite Reihe gedrängt werden. Da dies kulturell bedingt von allen akzeptiert wird, wollen wir das an dieser Stelle gar nicht weiter bewerten oder verurteilen. Bei der Wahl einer Religion für uns wäre dies aber ein entscheidender negativer Faktor.

Aber zurück zum eigentlichen Ziel:

Wir beide fanden im Nachhinein, dass die Klostererfahrung genau das darstellte, was wir auf unserer Reise suchten. Glück für Carsten, denn nun konnte er seinen letzten Trumpf ausspielen. Er schlug vor, sich an eine weitere Grenzerfahrung zu wagen, die für beide völliges Neuland wäre. Das Apnoetauchen. Fasziniert von den Möglichkeiten, die das Apnoetauchen bietet, war Antonia nicht abgeneigt. Und wo konnte man dies zu diesem Zeitpunkt besser und bequemer machen als in Thailand, z.B. auf Koh Tao? Auf diese Frage kam keine relevante Gegenwehr und Antonia war endlich inceptioned.

Das finale Ziel war somit erreicht: Familie Ufer würde – wieder einmal – nach Koh Tao fahren. Auf unserem Weg Richtung Süden verbrachten wir noch zwei Tage in Pai und erwarteten nicht viel, nachdem diese Stadt von vielen jüngeren Menschen um die 20 und noch mehr Aussteigern als „spirituell“ bezeichnet wird.

Nach dem Aufenthalt im Kloster kam uns Pai vor wie ein Abklatsch seines spirituellen Rufs und unsere Erwartungen wurden sogar noch untertroffen. Was wir positiv empfanden, war die Tatsache, dass man fast alle Klosterbesucher in ziviler Umgebung wieder traf und völlig entspannt über die gemeinsame Erfahrung sprechen konnte. Auch die schöne Natur, die man fußläufig erkunden konnte, fanden wir nicht schlecht.

Was ebenfalls in Erinnerung bleiben wird, ist die Tatsache, dass wir eine Unterkunft in der Nähe des Busbahnhofes buchen wollten und dabei nicht beachteten, dass die Brücke über den Fluss seit geraumer Zeit kaputt und noch nicht wieder repariert worden war. Aus der Strecke von 700 Metern wurden also zweieinhalb Kilometer und wir freuten uns bereits zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit über unser leichtes Reisegepäck.

Zuletzt erinnern wir uns gerne an das burmesische Restaurant und das liebevoll eingerichtete Café, die wir auf Anraten eines ebenfalls im Kloster weilenden Pärchens besuchten.

Ansonsten waren wir nicht unglücklich, Pai den Rücken zu kehren, um von dort nach Chiang Mai (Bus) über Bangkok (Nachtzug) und Koh Samui (Flugzeug) weiter nach Koh Tao (Fähre) zu reisen.

Der Wandschmuck unserer Unterkunft in Pai soll unseren Beitrag um die Debatte zur kulturellen Aneignung darstellen

Koh Tao

Eigentlich wollten wir Stefan überraschen, aber nachdem er bereits angefragt hatte, ob wir im Oktober in Australien sein würden, befürchteten wir, dass er Koh Tao auch kurzfristig verlassen könnte und berichteten von unseren kurzfristigem Plan, ihn besuchen zu wollen. Happy zu hören, dass er auf uns warten würde, schleppten wir (mal wieder) unser leichtes Reisegepäck (diesmal fluchte eigentlich nur Antonia) vom Hafen zur Tauchschule, wo wir uns endlich wieder sahen. In alter Manier hatte er uns verheimlicht, dass zur selben Zeit ein weiteres befreundetes Paar zu Besuch war und wir feierten gleich am ersten Abend ausgiebig unser aller Wiedersehen. Wir hatten einen sehr lustigen Abend und für uns war es tatsächlich etwas ganz besonderes, nach so langer Zeit mal wieder völlig bedenkenlos bis spät in die Nacht feiern zu können. Wir genossen die gemeinsame Zeit auch aus einem anderen Grund. In letzter Zeit hatten wir oft darüber geredet, dass eines der wenigen Dinge war, die wir in der Zwischenzeit wirklich vermissten, tiefergehende Gespräche mit Familie und Freunden waren. Dies konnten wir nun endlich einmal nachholen.

Wir treffen Stefan sowie Chrissi und Chris. Wir hoffen, Ihr hattet genauso viel Spaß wie wir und ein Dankeschön noch einmal für die Rücknahme einiger Sachen nach Deutschland (#travellight).

Nach und nach traf Carsten dann in der Tauchschule viele alte Bekannte, die sich mehr oder weniger gut an ihn erinnerten (wir wollen hier keine Namen nennen…) und auch dies musste selbstverständlich gebührend gefeiert werden.

Danke Justus, Elle, Jan und Stefan (von rechts nach links)! Hoffentlich bis bald mal wieder.

Und letztlich verwirklichten wir unseren Plan und besuchten einen freedive-Kurs. Das freediving war für Antonia, was das Surfen in Indonesien für Carsten darstellte. Während Carsten von Beginn an ganz wenig Lust auf Ertrinken verspürte und sehr zurückhaltend (bis panisch) die Luft anhielt, war Antonia begeistert von dieser Sportart und entpuppte sich als wahres Naturtalent. Das gesamte Ambiente um das freediving war ihr wie auf den Leib geschneidert. Sie fühlte sich nicht nur pudelwohl, sondern auch unglaublich frei und bewegte sich so unbeschwert, dass die angepeilten 20 Meter überhaupt kein Problem für sie darstellten. Carsten hingegen war froh, am zweiten Tag nicht mehr nur ans Ertrinken denken zu müssen. Nachdem er die ganze Sache entspannter anging, hatte auch er mehr Spaß dabei. Er merkte am eigenen Leib, wie stark das freediving mental beeinflusst wird. Eine tolle Sportart und vielen Dank an Ash, unsere sehr kompetente Lehrerin bei Blue Chitta (www.bluechitta.com). Zumindest Antonia hofft sehr, ihre eigene Leistungsfähigkeit im freediving noch öfter unter Beweis stellen zu können.

Antonia auf dem Weg zu 20 Metern Tiefe

Wir nahmen uns auf Koh Tao schließlich auch noch etwas Zeit für „tauchenmitstefan“. In alter Tradition wurde Stefan von uns genötigt, mit tauchen zu gehen. Und als er kaum noch einen Grund hatte, uns abzusagen und auch der vormittagliche Regen, der uns fast schon allen die Lust auf Tauchen vermiest hatte, plötzlich vorbei war, gingen wir tatsächlich gemeinsam aufs Nachmittagsboot. Am Vortag hatte es Walhai gegeben und wir erhofften uns nicht zu vernachlässigende Chancen. Wir wechselten von einer Mudda auf die andere und kamen hoffnungsvoll am Tauchplatz an, wo die Kapitäne der anderen Boote schon winkten. Ein fettes Grinsen machte sich breit und Antonia sah ihren ersten Walhai. Was für ein Glück. Wir beschlossen kurzfristig, auch für den zweiten Tauchgang am selben Platz zu bleiben. Alle anderen Boote wechselten den Tauchplatz und hatten nun das Nachsehen, da der Walhai unserer noch nicht überdrüssig geworden war und wir ihn nun für uns alleine. Was für ein Erlebnis. Stefans Walhaiquote für 2022 lag damit bei 100% und wir waren froh, dass er mit uns diesmal kein Pech hatte. Beim nächsten Besuch auf Koh Tao soll es ja wieder mit Stefan ins Wasser gehen 😉. Fraglich bleibt allerdings, wie sich dieser Besuch in Tonis Gehirn einpflanzen lässt.

tauchenmitstefan: Stefan, Fische und anderes Getier
80 Sekunden Walhai
Man sieht deutlich, dass es für Antonia der erste Walhai ihres Lebens war

Wir trauen uns gar nicht zu berichten, dass wir auch bei den beiden folgenden Tauchgängen das große Glück hatten, einen Walhai zu sehen. Unsere Quote lag damit ebenfalls bei 100%. Wir genossen die letzten Tage auf der Insel, feierten noch das ein oder andere Mal mit alten und neuen Freunden und verließen die Insel am Ende – wie fast immer – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ginge es nach Carsten, hätten wir auf jeden Fall „auf Wiedersehen“ gesagt. So oder so, wir hoffen auf ein wie auch immer geartetes Wiedersehen! Die Insel und ihre für Thailand untypischen Bewohner vermitteln uns immer wieder ein Gefühl von Heimat.

Danke, good bye und bis bald!

6 Kommentare zu „Friede, Freunde, Freediving

  1. Unser Frühstück wurde heute ausgiebig literarisch von diesem gelungenen Uferstück begleitet (zu Lasten der “Performance” Theorie, die eigentlich Inhalt des Vormittages bei Daniel werden sollte und aus einem Nutellabrot wurden bei Sarah drei) – aber wir möchten kurze Rückmeldung geben:

    1.) wir sind nicht überrascht, dass Toni sich wie pudelwohl, oder besser: wie ein Fisch im Wasser beim Apnoetauchen gefühlt hat… ABER 20m!? Mehr als beeindruckte Gesichter über Nutella!

    2.) Toni, die Haare machen sich ausgesprochen gut im Wasser, hat uns prima gefallen! Noch mehr allerdings die I’m still standing-Einlage an Board, wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen: man merkt euch die Klosterzeit an, die abgeschüttet wurde 😉

    3.) Carsten sollte öfter seine Schreibblockade überwinden, die Erfahrung und Gedanken zu Besenbeschaffungsübungen hat uns zum Lachen gebracht, vielen Dank dafür 🙂

    Wir vermissen euch und zählen schon die Tage.
    S&D

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  2. Samstag früh. Ein leckerer Kaffee, zwei sich selbst beschäftigende Kinder, der Kater ist abgerichtet, eure Reiseerlebnisse lesen und beim Scrollen immer hoffen, dass es noch nicht vorbei ist. Danke fürs Dabeisein und Fernwehen! Liebe Grüße!

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    1. Besten Dank. Solche Kommentare motivieren uns immer. Wir sollten uns gegenseitig auf ein Getränk einladen, auch wenn es keine offiziellen Schriftsätze sind 😉 Liebe Grüße zurück.

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      1. Yeah, das machen wir. Wobei ich mir schon einen Satz für den nächsten Schriftsatz zurecht gelegt habe. Ich mache ein Foto, wenn ich mich getraut haben sollte 🙂

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