Zurück in die Zukunft

Südkorea, 04.09. – 24.09.2022

Zugegebenermaßen, ursprünglich wollten wir gar nicht nach Korea, sondern nach Japan. Über die Natur und Kultur des Landes hatte wir schon so viel Positives gehört, dass unsere Neugier geweckt war. Leider waren die japanischen Visa- und Einreisebestimmungen im August 2022 noch sehr streng und machten einen Besuch unmöglich. Kurzerhand wurde die Weltkarte konsultiert und festgestellt, dass Südkorea quasi daneben lag. Würde man in Schubladen denken, könnte man auf die Idee kommen, dass es vielleicht ähnlich zu Japan wäre (hier erlaubt sich dann auch definitiv ein erstes „wie bitte?“). Aber möglicherweise erwartete uns hier tatsächlich das exotischere Erlebnis, da Südkorea nach unserer Meinung nicht ganz so touristisch erschlossen schien (ganz ohne „wie bitte?“). Von Land und Leuten hatten wir zumindest überhaupt keine Vorstellung, die über Stichworte wie Mangas, Samsung, Hyundai, die WM 2002 mit der verheerenden Finalniederlage gegen Brasilien nach einem folgenschweren Torwartfehler vom „Titan Oliver Kahn“, die Netflix-Serie „Squid-Game“ (die wir erst vor Kurzem gesehen hatten und vielleicht deshalb unbewusst beeinflusst waren) sowie den Hit „Gangnam-Style“ hinaus gingen. Unsere beschränkten Kenntnisse minderten die Euphorie aber nicht im Geringsten und stellten unserer Meinung nach eine solide Grundlage für die Auswahl dieses Reiselandes dar. Hier erlaubt sich ein zweites „wie bitte?“, was dazu führte, dass wir doch noch etwas recherchierten. Viele positive Reiseberichte und Sehenswertes ließen aber keine Zweifel aufkommen und unsere Vorfreude stieg. Südkorea sollte es also sein.

Wie waren wir auf diesen Teil Asiens gekommen? Für die meisten Backpacker wären nach Thailand nun Kambodscha, Laos, Vietnam oder vielleicht Malaysia auf dem Programm gestanden. Auch wir hatten über diese – nicht nur geografisch – naheliegenden Optionen nachgedacht, uns letztendlich aber dagegen entschieden. Wir erwarteten in diesen Ländern keinen großen Kontrast zu dem, was wir in Indonesien und Thailand bereits gesehen und erfahren hatten, sondern eher Variationen des Bekannten. Wer diese Länder tatsächlich bereist hat, wird vermutlich widersprechen und ein drittes – verdientes – „wie bitte?“, verlauten lassen. Da wir es aber nicht besser wussten, folgten wir unserem Wunsch, noch einen gänzlich anderen Teil Asiens kennen zu lernen und völlig neue, durchaus konträre Erfahrungen zu machen. Dazu kam die Tatsache, dass wir der Art und Weise, in Südostasien zu reisen, langsam müde wurden. Nach fast einem halben Jahr in Ländern mit viel Privatunternehmertum, überteuerten Touristen„attraktionen“, dreckigen Toiletten, feucht-muffig-schimmelig riechenden Hostelzimmern und der-ethnischen-Zugehörigkeit-variabel-anpassbaren Preisen, sehnten wir uns nach etwas Normalität, geordneten Verhältnissen, funktionierendem Nahverkehr, Toilettenspülungen sowie sauberem Trinkwasser und Restaurants mit Preisen auf der Karte. Es war unser Wunsch, uns zur Abwechslung mal wieder mit Altvertrautem und Ähnlichem zu umgeben, um nicht nur von neuen Eindrücken erschlagen zu werden. Aber entscheidet am Ende des Beitrags selbst, ob uns dies gelungen ist.

Koreas Hauptstadt

Erstes Ziel war die Hauptstadt des Landes. Nach etwa 24 Stunden Reisezeit von Koh Tao über Bangkok nach Südkorea waren wir zugegebenermaßen ziemlich erledigt, mussten aber trotzdem unsere „Flughafen-Routine“ von Immigration, Bargeldabhebung, lokalem SIM-Karten-Erwerb und in diesem Fall einen verpflichtenden COVID-PCR Test hinter uns bringen. Nach weiteren zwei Stunden standen wir endlich an der Bahnstation, entschieden uns für die Express-Bahn ins Stadtzentrum und saßen wenig später in selbiger. Seoul verfügt über ein hervorragendes Bahn-und Busnetz, mit dem sich auf Grund des absurden Verkehrs und der langen Staus ein Großteil der Menschen fortbewegt. Wir hatten uns im Voraus verschiedene U-Bahn-Apps runtergeladen, wobei sich keine davon als intuitiv und hilfreich herausstellte. Als Konsequenz liefen wir alten Dinosauriertouristen – fast schon steinzeitlich – mit einem richtigen Stadtplan auf Papier inklusive des abgebildeten U-Bahn-Netzes durch die Stadt (dies hatte zudem den Vorteil, dass meist auch die richtigen der 8 bis 18 Ausgänge angezeigt wurden).

Unser Hostel lag mitten im geschäftigen Banken-und Einkaufsviertel. Schon der erste Eindruck überwältigte. Wir waren überfordert mit all den blinkenden Reklametafeln, Geschäften, herumhetzenden Menschen, der fremden Sprache und daher sehr froh, als wir endlich unsere Unterkunft erreichten. Das Zimmer war winzig, vielleicht 7-8 Quadratmeter, mit einem Stockbett und einer separaten Toiletten-Dusch-Kombination. Aber wir waren endlich angekommen. Obwohl ziemlich erschöpft, siegte der Hunger über das Ruhebedürfnis. In unserer aktuellen Verfassung waren wir nicht bereit für kulinarische Abenteuer und steuerten deshalb bekanntes Territorium an, ein Café.

Korea und Kaffee

Wie sich herausstellen sollte, übertraf die Café-Dichte in Korea die thailändische noch bei weitem und ist damit für uns bis jetzt unangefochtener Spitzenreiter. Neben vielen kleinerer Ketten und Läden finden sich vor allem drei Frachises im Übermaß und (fast) immer in direkter Nachbarschaft zueinander: A Twosome Place, Starbucks, The Coffee Bean & Tea Leaf – die koreanische Dreifaltigkeit. Dieses Phänomen war uns am ersten Tag in Seoul noch unbekannt und wir landeten daher eher zufällig im Coffee Bean. An unsere Cappuccinos geklammert, beobachteten wir eine fremde Welt durch die Fensterscheibe. Im Gegensatz zu uns tranken die meisten Koreaner ihren Kaffee, oder die jeweilige Variation desselbigen, kalt und mit Eiswürfeln. Auf der Karte fand sich eine schier unendliche Anzahl von „iced sowieso“, die in durchsichtigen Plastikbechern mit Deckel und Strohhalm verkauft wurden. Die auf der Straße vor unserem Fenster flanierenden Personen hielten mit hoher Wahrscheinlichkeit einen solchen Becher in der Hand. Wie die Menschen bei einem solchen Konsum süßer Getränke, denn die meisten enthielten der Beschreibung nach enorm viel Zucker, noch so schlank sein konnten, war uns ein Rätsel. Die Koreaner aber liebten ihre eiskalte Abkühlung. Ihre Zuneigung ging sogar so weit, dass sich im Eingangsbereich eines jeden Geschäfts, das etwas auf sich hielt, eine Depot-Box für ebenjene Becher befand. Das hatten wir tatsächlich noch nirgendwo gesehen.

Koreas Sprache und Schrift

Uns war von Anfang an klar, dass Sprache und vor allem Schrift eine Herausforderung werden würde. Wie immer taten wir unser Bestes, um schnell die gängigen Floskeln wie „Guten Tag“, „Danke“ und „Auf Wiedersehen“ zu lernen. Tatsächlich bekamen wir dafür meist einen freundlichen, manchmal aber auch einen irritierten Blick. Vielleicht hatten wir in letzterem Fall die Worte doch nicht ganz korrekt ausgesprochen und wer weiß schon, was sie dann bedeuteten. Aus „Danke“ kann ja auch schnell mal „Schranke“ oder „Tanke“ werden. Trotzdem hielten wir uns an unsere kümmerlichen Koreanisch-Kenntnisse, denn mit Englisch, das hatten wir ziemlich schnell bemerkt, kam man hier nicht weit. Englischkenntnisse waren meist nicht oder nur rudimentär vorhanden. Dieser Eindruck sollte sich im Laufe der Reise überall bestätigen. Besonders verheerend war diese Sprachbarriere, wenn es etwa um eine Bezahlung im Supermarkt ging. Es war daher von größter Bedeutung, sich in einem zur Anzeigetafel der Kasse geeigneten Winkel zu positionieren. Gelang dies nicht, musste man darauf hoffen, dass die Kasse über einen drehbaren Bildschirm oder der Verkäufer über einen Taschenrechner mit Zahlenanzeige verfügte. Ansonsten war man verloren.

Um der Sprachbarriere auch von unserer Seite zu begegnen, hatten wir gleich zu Beginn die Google-Translate und andere Apps heruntergeladen, die uns hoffentlich das Leben erleichtern würden und mit denen wir uns etwas weniger orientierungslos fühlten. Aus der „Hand und Fuß“- wurde jetzt „Handy und Foto“-Kommunikation, die meistens gut funktionierte, auch wenn unser Gegenüber häufig nach der Lektüre unserer Übersetzung in Landessprache antwortete und wir die Antwort selbstverständlich nicht verstanden. Back to square one. Aber selbst, wenn wir etwas in bekannter Schrift lesen konnten, ergaben die Wörter oft keinen Sinn, blieben nicht hängen oder unser Gehirn tat sich schwer, einen Unterschied festzustellen, was die Ortssuche nicht erleichterte (z.B. Geunjeonmun, Geunjeonjeon, Gyeongbokgung, Cheonggyecheon)

Die Geschichte von der Postkarte

Seit Beginn der Reise hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig Postkarten um den Globus zu verschicken. Diese Tradition wollten wir auch in Korea gerne weiterführen und kauften daher – relativ früh – Karten an einem Souvenirgeschäft in Seoul. Briefmarken bekamen wir leider nicht dazu, wurden aber an eine große Poststelle in der Nähe verwiesen. Ein paar Tage später ließ unser straffer (Frei-)Zeitplan einen Besuch dort zu. Die von Google angesteuerte Poststelle schien – bereits von außen ersichtlich – geschlossen zu sein. Von einem netten Pförtner bekamen wir die Info, es sei Feiertag und daher alle Filialen geschlossen. Wir zogen wieder ab, verließen Seoul, fuhren nach Sokcho an die Küste und dachten erst drei Tage später wieder an die Briefmarken, als wir dort an einer Poststelle vorbeikamen.
Kurzerhand betraten wir sie. In unserer Übersetzungsapp hatten wir den Satz „Wir brauchen 6 Briefmarken für unsere Postkarten nach Deutschland“ eingegeben, traten an den Schalter heran, hinter dem uns eine junge Frau etwas unsicher anlächelte, und hielten ihr unser Handy-Display entgegen. Nach der Lektüre dachte sie kurz nach, stand dann auf und ging zu ihrer Kollegin. Nach einem kurzen Wortwechsel verschwanden die beiden Frauen im hinteren Bereich der Poststelle. Wir sahen uns an, nicht sicher, was an unserem Anliegen die beiden Frauen dazu veranlasst haben könnte, ihren Arbeitsplatz, von dem aus sie doch sicherlich viele Briefmarken verkauften, zu verlassen. Nach geraumer Zeit kamen die beiden mit einem Ordner in der Hand zurück, in welchem sie hektisch herumblätterten. Das gewünschte schien sich nicht in dem Ordner zu befinden, zumindest wurde er weggelegt, eine dritte Angestellte dazu gebeten und sich beratschlagt. Wieder verschwanden jetzt drei Personen im Hinterzimmer und kamen mit einem neuen Ordner zurück. Offensichtlich fündig geworden entnahm ihm „unsere“ Angestellte etwas und kam zu uns zurück.
Ganz stolz hielt sie uns nun sechs DIN-A6 große Papiere und 18 Briefmarken hin und sah uns erwartungsvoll an. Eher verwirrt sahen wir zurück. Die DIN-A6 großen Papiere entpuppten sich als Blankopostkarten, die ein vorgedrucktes Porto enthielten. Zudem erklärte uns die Postmitarbeiterin, dass wir zusätzlich je zwei Briefmarken auf eine Karte kleben mussten. Wir wechselten einen unsicheren Blick, brachten es aber nach all der Arbeit nicht übers Herz, die – vermutlich schon museumsreifen – Blankopostkarten zurückgehen zu lassen.
Anstatt der gewünschten sechs Briefmarken hatten wir jetzt sechs champagnerfarbene Postkarten im Vintagestyle, zusätzlich achtzehn Briefmarken und – immer noch – sechs bedruckte Postkarten ohne Briefmarken. Damit hatte sich innerhalb kürzester Zeit die Anzahl der zu schreibenden Postkarten verdoppelt – immerhin über das Porto waren wir uns nun im Klaren. Im Nachhinein gehen wir einfach stark davon aus, dass unser übersetzter Satz wohl Schwächen aufgewiesen haben und in seiner Bedeutung offensichtlich nicht 100%ig eindeutig gewesen sein musste.

Es dauerte zwei weitere Poststellen und einen Mitarbeiter mit rudimentären Englischkenntnissen, um die noch fehlenden Briefmarken zu erwerben. Mit Briefmarken meinen wir damit jedoch selbstklebende Barcodes auf Plastikstreifen, die laut von uns verstandener Auskunft des Mitarbeiters – warum auch immer – noch am selben Tag in den Briefkasten eingeworfen werden mussten. Vor der letzten Leerung des Briefkastens verbrachten wir dann weitere zwei Stunden damit, die champagnerfarbenen Blankopostkarten mit Stickern, Stempeln und bunten Textmarkern nach bester Vorschulmanier zu gestalten und insgesamt 12 Textfelder mit Sinnvollem zu füllen. Halleluja.

Sechs bedruckte Postkarten (links), achtzehn 10er-Briefmarken (Mitte) und sechs Blankopostkarten mit aufgedruckten 400er-Briefmarken (rechts).

Koreas Klima

Bei der Ankunft in Korea erwartete uns schlechtes Wetter und Dauerregen. Eine ungewohnte Abwechslung nach drei Monaten Tropenwetter (wo es zwar auch ab und an stärkeren Regen, allerdings in Form von maximal halbtägigen Schauern gegeben hatte). Wir wussten zwar, dass Taifun-Saison war, hatten allerdings keine Ahnung, was das bedeuten würde. Offensichtlich zog gerade ein Taifun über den südlichen Teil des Landes und brachte einen Haufen Nässe mit sich. Nicht lange, nachdem wir unsere SIM-Karten am Handy aktiviert hatten, kam auch schon die erste Benachrichtigung den Taifun betreffend. Anfangs verstanden wir nicht ganz, worum es sich bei dem andauernden Alarm handelte. Der erste Einsatz unserer Google-Translator-App brachte schnell Klarheit. Offensichtlich wurden die Bürger auf diesem Wege über Straßen- und Tunnelschließungen informiert und daran erinnert, nicht vor die Türe zu gehen und ungesicherte Gegenstände von Balkonen oder Terrassen zu entfernen. Wie freuten uns fast, endlich mal wieder lange Hosen und einen Pulli tragen zu können und ließen uns sonst nicht weiter beunruhigen. Dem zweitägigen Dauerregen folgte wunderschönes, heißes spätsommer-/frühherbstliches Wetter, das stabil über mehrere Tage anhielt. Für uns kam dieser Wetterwechsel doch etwas unerwartet und die T-Shirts wurden wieder herausgekramt. Überhaupt mussten wir unsere „Wettergewohnheiten“ umstellen. Anstatt auf den täglichen Wetterbericht schauten wir jetzt auf die Taifunkarte oder lasen die auf unserem Handy aufblinkenden Warntexte, ob sich der nächste Taifun näherte. Und die Saison enttäuschte nicht. Gegen Mitte des Aufenthalts kündigte sich schon der nächste Taifun an. Korea scheint klimatisch ohnehin eine Herausforderung zu sein. Mit schwülen, heißen Sommern und bitterkalten Wintern bietet es Extreme, die wir weder von den europäischen Inselstaaten, dem Golfstrom sei Dank, noch vom Festland gewohnt sind.

Gefährliches Land, gefährliches Wetter – unsere gesammelten Werke nach gerade einmal einer Woche Südkorea.

Korea zwischen Tradition und Moderne

Auf unseren teilweise sehr ausgedehnten Stadtspaziergängen in Seoul, Gyeongju und Busan besuchten wir Museen zur Geschichte des Landes, über die wir bis dahin kaum etwas gewusst hatten, einige der bemerkenswerten Palast- und Tempelanlagen, antike Hügelgräber, den Jongmyo Schrein, das Gamcheon Culture Village und vieles mehr. Die Bauweise der Tempel und Paläste war für uns exotisch und faszinierend, ihre farbliche Gestaltung wunderschön und die mit ihnen verbundene Geschichte spannend. Für die Großstädte waren sie häufig Ausgangspunkt der Besiedlungen gewesen und finden sich heute meist inmitten dieser Millionenstädte. Insbesondere in Seoul und Busan war das Nebeneinander von Tradition und Moderne nicht zu übersehen, grenzten die weitläufigen Parkanlagen doch unmittelbar an das moderne Seouler Finanzdistrikt mit seiner gläsernen Fassade.

Eindrücke aus Busan:

Eindrücke aus Sokcho:

Und noch in einem anderen Punkt zeigte sich diese Dualität. Neben den sehenswerten Prachtbauten und Grünanlagen, waren an den kulturellen Stätten vor allem die hohe Anzahl an „historisch“ gekleideten jungen Frauen, aber auch Männern, augenfällig, die sich vor den Gebäuden oder in den Parkanlagen fotografieren ließen. Von diesem Trend hatten wir bereits gelesen, seine Popularität aber unterschätzt. Es wurde dabei eine derartige Vielzahl an Kleidern, Frisuren, Kopfbedeckungen und sonstigem Zierrat präsentiert, dass wir nicht sicher waren, ob es sich wirklich um die historische Bandbreite oder die Vorliebe der Trägerin/des Trägers handelte. Wir verzichteten auf eine Kostümierung und blieben bei Outdoor-Hose und T-Shirt. Ohnehin luden uns die großzügigen Palast-und Parkanlagen eher zum Spazieren als zum Posieren (Ausnahme: Fotospot) ein.

Korea ist digital

Auf unseren über-und unterirdischen Wegen durch die Stadt begegnete uns viel Neues, wenig Vertrautes, einiges Kurioses und hauptsächlich Modernes. Insbesondere in Sachen Digitalisierung war Korea dem uns bekannten, deutschen Standard weit voraus. Das Smartphone war hier, gefühlt mehr noch als zu Hause, permanenter Begleiter und Multifunktionstool für Kommunikation, Unterhaltung, Bezahlung etc. Wenn man nicht direkt mit dem Smartphone bezahlte, gab es eine ebenso multifunktionale Karte, mit der man überall kontaktlos bezahlen konnte, egal ob im kleinen 7-Eleven oder dem öffentlichen Nahverkehr. Sie konnte mit einer beliebigen Summe aufgeladen und verwendet werden, manche Bankinstitute hatten sie auch in „herkömmliche“ Bank-oder Kreditkarten integriert. Insbesondere die jüngere Generation sagte damit dem Bargeld den Krieg an und wir alten Dinosauriertouristen waren vermutlich die letzte Hoffnung für die labbrigen Scheine. Für unser Empfinden hatte insbesondere die Verwendung des Smartphones hier absurde Züge angenommen. Vielleicht war es in Deutschland mittlerweile ähnlich, das konnten wir nicht mehr gut beurteilen, aber in Korea zumindest galt das Motto „Kopf runter“. Extrem augenfällig war dieses Verhalten in der U-Bahn. Unsere These, wonach lediglich schlafende oder ältere Personen über 70 die Einzigen waren, die nicht auf ihr Handy schauten, konnten wir mir genügend Beobachtungen statistisch belegen. Die Datenerhebung wurde allerdings manchmal erschwert, wenn sogar Schlafende ein Handy in der Hand hielten. Selbst Gruppen von zwei oder mehr Personen, die offensichtlich zusammen den Wagon betraten, wanden sie wie einem Zwang folgend sofort ihrem Handy zu, sobald sich die Wagentüren geschlossen hatten. Wir beobachteten das ganze wie Außenstehende, verspürten plötzlich keinerlei Drang mehr, unser eigenes Handy aus der Hosentasche zu ziehen und fragten uns, wie die Menschen in zehn Jahren überhaupt nach miteinander sprechen würden.

Die Geschichte von der Karte

Wie bereits beschrieben nutzen die meisten Koreaner zum Bezahlen kein Bargeld mehr, sondern entweder ihr Handy, eine Bankkarte oder die – berüchtigte – T-Karte. Letztere funktioniert im Wesentlichen wie eine Prepaidkarte und kann an Automaten oder im Convenience Store aufgeladen werden. Mit ihr kann man so ziemlich überall, vor allem aber im öffentlichen Nahverkehr, bezahlen. Ähnlich wie in den Metro-Systemen in London oder Paris befinden sich an den Ein- bzw. Ausgängen der U-Bahn-Stationen in Korea Drehkreuze, die sich mit einem gültigen Einzelfahrschein oder eben einer T-Karte öffnen lassen. Je nach Strecke oder Dauer wird der fällige Betrag beim Verlassen der Zielstation automatisch von der T-Karte abgebucht und mühsames sowie vor allem zeitraubendes Tarifrätseln ist damit nicht mehr nötig.

Auch wir wollten gerne solche Wunderkarten erwerben und hatten zunächst zum Teil Glück, da zumindest Antonia ihre gleich im Paket mit der Sim-Karte am Flughafen erhielt. Für Carsten wollten wir eine an der U-Bahn-Station kaufen. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt steuerten wir gleich den ersten Automaten an, der in etwa wie ein Süßigkeitenautomat aussah, nur dass er statt verschiedener Süßigkeiten etwa 20 Reihen á 10 Karten enthielt, wovon allerdings die meisten schon leer waren. Etwas verwirrt standen wir deshalb zunächst davor und es dauerte eine Weile, bis wir alle Textanweisungen übersetzt und den Vorgang verstanden hatten. Wie ein Süßigkeitenautomat – wird schon nicht so schwer sein. Die Karte sollte 4.000 Won kosten. Wir drückten also die entsprechende Nummer, wo noch ein Vorrat von Karten vorhanden war, schoben zunächst einen 1.000 Won Schein in den Schlitz und es passierte nichts. Der Schein kam zügig wieder raus und wir bekamen eine Information auf Koreanisch. Nach mehrfachem Wiederholen des Vorganges konnten wir die Information dann dahingehend übersetzen, dass der Automat keine 1.000 Won Scheine akzeptierte. Nun gut, kein Problem, wir wiederholten Vorgang 2 einfach mit einem 10.000 Won Schein und warteten.
Es passierte zunächst nichts und wir kontrollierten, ob die Karte im Drehdraht hängen geblieben war (ein Klassiker, der aus Film und Fernsehen bekannt ist). Dies war nicht der Fall und nach kurzer Zeit wurde uns auch dieser Schein mit einer Information wieder entgegen gespuckt. Dieses Mal vorbereitet, brauchte es weniger Versuche, um die Information zu übersetzen. Der Automat könne kein Wechselgeld zurückgeben, weshalb man die Summe passend zahlen sollte. Erstaunt rätselten wir noch eine Weile, wie das funktionieren soll (es gibt nur 1.000, 5.000 und 10.000 Won Scheine) und zogen schließlich unverrichteter Dinge ab. Beim Ausstieg an unserem Zielbahnhof steuerten wir gleich den nächsten Automaten an, der aber leider im Moment außer Betrieb war. So ging es uns noch beim selben und bei zwei weiteren Automaten im Laufe des nächsten Tages bis wir endlich – wieder – auf ein funktionierendes Exemplar trafen. Hier schien der Erwerb und das Aufladen der Karte gleichzeitig möglich zu sein, zumindest wenn wir die Textanzeige richtig übersetzten.
Wir wählten eine Karte mit entsprechender Aufladung und schoben, da wir nichts anderes griffbereit hatten, einen 50.000 Won Schein ein. Der Schein kam – nach längerer Wartezeit – wieder raus. Auf dem Bildschirm erschien die – diesmal von uns gleich beim ersten Versuch übersetzte – Information, der Automat würde nur 10.000 und 20.000 Won Scheine annehmen. In unseren Köpfen lief das Video vom Passierschein A38 und wir machten uns auf die Suche nach Schalter eins, ähhh nach „Kleingeld“. Gegenüber dem Automaten befand sich ein U-Bahn-Café, wo wir darum baten, unser Geld wechseln zu dürfen. Nach einem Blick auf unseren 50.000 Won Schein schüttelte die Verkäuferin bedauernd lächelnd den Kopf und schob ihre Kasse wieder zu („Haben Sie das blaue Formular?“). Leicht entnervt blickten wir uns nach einem ATM um und wurden tatsächlich wenige Meter entfernt fündig. Der Reklame-Aufdruck versprach horrende Abhebungsgebühren. Karte einschieben – Geheimzahl – Credit – Umrechnungskurs zustimmen – Betrag 100.000 WON auswählen – ach ne, Mist – nicht, dass wir wieder zwei 50.000 Won Scheine bekommen – ABBRUCH ABBRUCH ABBRUCH… ABBRUCH Gott sei Dank erfolgreich, also von vorne. Karte einschieben – Geheimzahl – Credit – Umrechnungskurs zustimmen – 90.000 Won auswählen (da müssten dann zumindest 10.000 und 20.000 Won Scheine dabei sein) – Danke, Ciao.
Am langsamsten ATM, dem wir je begegnet waren, dauerte dieser Vorgang etwa 10 Minuten. Zurück am Fahrkartenautomaten wählten wir wieder eine Karte, diesmal mit 20.000 Won Aufladung, schoben den Schein ein und warteten. Auf dem Bildschirm tat sich geraume Zeit nichts und es regte sich leise Hoffnung in uns, die jäh von einem plötzlich schwarzen Bildschirm mit beunruhigend rot leuchtendem Schriftzug zunichte gemacht wurde. Den „außer Betrieb“-Sperrbildschirm eines defekten Fahrkartenautomaten würde man wohl überall auf der Welt als solchen erkennen. Ungläubig standen wir vor dem Automaten („Eintragung einer Galeere? Oh, da sind Sie hier falsch. Wenden Sie sich an die Hafenkommandantur unten im Hafen. Ein Hafen ist immer da, wo Wasser ist“).
Dass wir tatsächlich versuchten, über den Notfallknopf und die eingebaute Gegensprechanlage, den Oberkörper um 90 Grad dem Lautsprecher entgegengebeugt, unser Problem einem Mitarbeiter (womöglich der Koordinationsabteilung des Zukunftsarchivs) auf Englisch zu erklären, kann hier nur als Zeichen des unbedingten Willens im Kampf gegen die Digitalisierung gesehen werden, war letztlich aber – natürlich – völlig vergebens („Ohne rosa Formular kein Passierschein A 38. Schalter 12, Stiege B, Korridor J.). Kopfschüttelnd verließen wir den Bahnhof und Antonia überlegte sich kurz, ob sich eine Kategorie „In-Automaten-verlorene-Geldscheine“ in ihrer Buchhaltungs-App lohnen würde. Am Ende gelang uns der Erwerb der schlüpfrigen Karte doch noch in einem winzigen Kiosk, dessen Besitzer wir mit Händen und Füßen unser Anliegen soweit verständlich machen konnten, dass er eine grüne Karte unter seinem Tresen hervorzog und wir glücklich von Dannen zogen („Hier ist er doch. Und nun verschwinden Sie! Wir haben hier schließlich Wichtigeres zu tun“).

Korea mag Kosmetik

Beim Gang durch die Städte fiel uns schnell die große Anzahl an Beauty-Läden auf, in denen Gesichtsmasken und -cremes, sowie andere Schönheitsartikel verkauft wurden. Außerdem viele Läden mit Kontaktlinsen, in denen man sich seine Wunsch-Augenfarbe aussuchen konnte. Im Internet lasen wir nach, dass Korea berühmt für seine teure Kosmetik und Schönheitschirurgie war. Für ein ästhetischeres Erscheinungsbild legen sich hier viele Koreaner unters Messer oder geben ein Vermögen für Kosmetika aus in der Hoffnung, damit bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Partnersuche zu haben oder schlicht dem Schönheitsideal ein Stück näher zu kommen. Mittlerweile hatte sich in dem Land auch ein regelrechter Medizin-Tourismus entwickelt und es kamen viele Ausländer, um sich hier zu verhältnismäßig günstigen Preisen verschönern zu lassen. In Busan führten wir ein langes Gespräch mit einer jungen Koreanerin und kamen auch auf diese Thematik zu sprechen. Sie erzählte uns von Erfahrungen in ihrem persönlichen Umfeld. Ihre Freundin hatte sich im Alter von 20 Jahren, nachdem sie wohl häufig von Männern auf Grund ihres Aussehens zurückgewiesen worden war, zu Schönheitsoperationen entschieden. Innerhalb der nächsten drei Jahre hatte sie sich insgesamt sechs Operationen unterzogen. Von ihrem Chirurgen sprach sie als ihrem „zweiten Vater“. Man erkenne sie heute zwar nicht mehr wieder, aber sie sei jetzt glücklich, einen Partner und ein neues Aussehen zu haben. Zugegebenermaßen schockierte uns diese Geschichte, aber nicht so sehr wie das, was sie uns anschließend erzählte. Offensichtlich gab es mittlerweile einen Trend bei Teenagern, das äußere Erscheinungsbild vor dem ersten „richtigen“ Abschlussbild in der Schulakte, d.h. vor dem 16. Lebensjahr, den Wünschen nach verändern zu lassen, damit „von Anfang an“ das „richtige“ Gesicht zu sehen sei und es keine Abweichungen zu späteren Aufnahmen gebe. Ihrer Aussage nach zögerten dabei weder Eltern noch Ärzte, dem Wunsch der Minderjährigen zu entsprechen. Den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage konnten wir natürlich nicht prüfen. Während unseres sehr langen Gespräches entsprachen ihren Aussagen über ihre Heimat allerdings genau dem, was wir bereits aus anderen – journalistischen – Quellen über das Land erfahren hatten und sich im Internet nachlesen lässt.

Korea ist kurios

In Korea entdeckten wir auch viel kurioses, unter anderem das Poop Café und das Love Museum in Seoul. Über ersteres hatte Antonia in einem Reiseblog gelesen. Es handelte sich um ein Café in einem der geschäftigen Viertel Seouls, das ganz im Zeichen des Poop Emojis stand. Ein Großteil der Dekoration des In-und Exterieurs war diesem kleinen Haufen gewidmet, mit viel Liebe zum Detail. Antonias Drang nach Kaffee folgend besuchten wir dieses Kleinod und sie gönnte sich die braune Brühe, wenn auch nicht aus der Toilettenschüssel. Das Café befand sich auf dem Dach eines kleinen Karrees mit vielen witzigen Geschäften, in denen Klamotten, Schmuck, Taschen und anderer Schnickschnack verkauft wurden. Eine ausgiebige Streiftour ließen wir uns natürlich nicht nehmen.

Das Love Museum, welches wir auf Tripadvisor gefunden hatten, lag im Studentenviertel von Seoul, mitten in einer belebten Einkaufsstraße. Es war weniger ein Museum im klassischen Sinne als eine Ausstellung verschiedener „Themenräume“, in denen wir uns in komprimierenden Positionen mit Skulpturen oder Wandgemälden fotografieren konnten. Es war definitiv nicht jugendfrei, sehr kurios und sehr lustig. Für den wahrscheinlichen Fall, dass einer von uns beiden Bürgermeister*in oder Bundeskanzler*in (man weiß ja nie) werden sollte, veröffentlichen wir hier nur FSK 0 Fotos. Im Rahmen eines privaten Treffens mit ausreichend Alkohol (natürlich nicht für uns, s.o.) ist eine Demonstration der übrigen Fotos nicht ausgeschlossen.

In der Einkaufsmeile fanden wir unser nächstes Highlight: Selfie-Läden mit Foto-Automaten, in denen man sich für etwa drei Euro mit einer Auswahl verrückter Accessoires fotografieren lassen konnte. Wir brauchten zugegebenermaßen eine Weile um zu verstehen, worum es sich überhaupt handelte. Leider konnte Antonia ihren Mann nicht zu einem Versuch überreden, dafür entwickelte er eine Leidenschaft, diese Läden zu entdecken und zu fotografieren.

Wir sahen noch einiges mehr, was uns neugierig machte, erstaunte und zum Lachen brachte.

Hier werden wohl, mitten auf der Straße, die neuen K-POP Stars geboren. Da wir von den Ansagen leider nichts kapiert haben, bleibt es für uns kurios.

Korea ist geteilt

Einen Tag wendeten wir uns einem ernsteren Thema zu und besichtigten die „DMZ“ (demilitarised zone) zwischen Nord und Südkorea, die nur etwa eine Stunde Autofahrt nördlich von Seoul liegt. Sie wurde 1953 im Rahmen der UN-Friedensverhandlungen zwischen den beiden Ländern, eigentlich nur als Zwischenlösung, etabliert und umgibt bis heute auf beiden Seiten die Grenze. Früh morgens um 7 Uhr ging es los, da offensichtlich nur fünf Reisebusse selber in das Grenzgebiet fahren dürfen – die nachkommenden Touristen werden auf die angebotenen Shuttlebusse aufgeteilt. Jeden Morgen gibt es ein heißes Rennen um die wenigen Plätze und unsere Reiseleiterin tat ihr Bestes, den aktuellen Stand vorauszusagen. Bereits auf der Fahrt erklärte sie uns viel zum geschichtlichen Hintergrund, dem Aufbau der DMZ und der aktuellen politischen Lage. Grundsätzlich bestand ein Wunsch und Bestreben nach der Wiedervereinigung in der südkoreanischen Gesellschaft, die politische Umsetzung hängt allerdings immer von der gerade amtierenden Regierungspartei und deren Position ab. Und natürlich auch vom Regime in Pyongyang. Gleichzeitig fürchtet ein Teil der Koreaner wirtschaftliche Konsequenzen bei einer Vereinigung mit dem unterentwickelten Norden und die hohen Kosten, die damit einhergehen würden.

Der erste Stopp war ein Besucherzentrum noch vor dem eigentlichen Militärgebiet. Hier bekamen wir auch die frohe Nachricht, dass wir tatsächlich als fünfter Bus angekommen waren und selber weiterfahren konnten. Unsere Reiseleiterin hüpfte euphorisch auf und ab und wir taten unser Bestes, ihre Freude zu teilen. Bis zum Besucherzentrum konnte man unbehelligt mit dem eigenen PKW fahren und es war offensichtlich zu einem beliebten Ausflugsziel geworden. An die wenigen historischen Sehenswürdigkeiten hatten sich ein großer Food-Court, eine Seilbahn über den angrenzenden Fluss sowie ein kleiner Freizeitpark angeschlossen. Wir bekamen Zeit, uns das Gelände selbstständig anzuschauen oder zu frühstücken. Die meistens taten Letzteres, dann ging es weiter. Nach einer Militär-und Passkontrolle erreichten wir unseren nächsten Halt, den „Dritten Tunnel“. Über die Jahre sind insgesamt vier Tunnel entdeckt worden, die sich unterhalb der DMZ befinden und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen von Nord nach Süd, also von Nordkorea ausgehend, gegraben wurden. Hochrechnungen zu Folge gibt es noch deutlich mehr Tunnel, die nur bis dahin noch nicht entdeckt wurden. Mache der entdeckten Tunnel sind breit genug, um 30.000 Soldaten mit militärischem Equipment innerhalb einer Stunde von einer zur anderen Seite zu bringen. Das zumindest wurde uns erzählt. Ein Teil des „dritten Tunnels“ ist für die Touristen zugänglich, leider dürfen dort aus Sicherheitsgründen keine Fotos gemacht werden. Der Schacht erinnert an ein Bergwerk mit niedriger Decke und etwa 1,5 Meter Breite. Am Ende befindet sich eine Tür mit Sichtfenster, durch welches man 170 Meter von der Grenze zu Nordkorea entfernt auf weitere Türen und Blockaden schaut. Die ganze Szene ruft bei uns ein bedrückendes Gefühl hervor, weiß man doch nie genau, was hinter den Türen auf der anderen Seite vor sich geht.

Carsten vor dem falschen 3. Tunnel.

Nachdem wir den militärischen Bergbau verlassen hatten, ging es zum letzten Stopp, dem Aussichtspunkt. Unsere Reiseleiterin war ganz begeistert über das gute Wetter und die klare Sicht, bei der wir vielleicht „echte Nordkoreaner“ auf den Feldern durch das Fernglas sehen konnten. Wir fühlten uns an den Zoo oder unsere Safaris erinnert. Vielleicht vergleichen Besucher hier am Ende auch ihre „Nordkoreaner-Fotos“ nach dem Motto „Hey, schau mal, wen ich hab!“. Sie machte uns auch noch auf andere interessant Dinge aufmerksam, wie einen großen Schriftzug, zerstörte Fabrikgebäude und die nordkoreanische Flagge (die höher hängt als die südkoreanische Flagge) neben einem verlassenen Propaganda-Dorf. Auf dem Aussichtsdeck angekommen, suchten wir mit dem Fernglas wie im Wimmelbild die entsprechenden Motive und fanden sogar echte Nordkoreaner auf dem Fahrrad. Was für ein Glückstag. Wir fanden es surreal, dieses Land durchs Fernglas zu beobachten, das so nah, und doch so fern war. Natürlich dachten wir dabei auch an die deutsche Geschichte, die eigene politische und kulturelle Trennung und an all die Familien, die dabei betroffen waren. Der Anblick von Stacheldrahtzäunen und Abwehranlagen weckte bei Carsten Erinnerungen an seine eigenen Kindheit und an Besuche bei seiner Oma in der DDR.

Der Blick durch das Fernglas nach Nordkorea. Zwischen den beiden Fahnen liegt die Grenze.

Immerhin war in Deutschland eine Kommunikation zwischen Ost und West möglich, in Korea wissen viele Menschen im Süden nicht, ob ihre Verwandten im Norden überhaupt noch leben. Es ist deprimierend, noch heute, nach so langer Zeit, die Konsequenzen politischer Entscheidungen Dritter zu sehen und zu spüren.

Korea isst anders

Zugegebenermaßen überfordert uns die koreanische Küche anfangs, so dass wir uns nicht nur wegen des schlechten Wetters die ersten zwei Abende mit Instant-Mie-Nudeln und Gimbab aus dem Supermarkt in unser Hostel zurückzogen. Zwar gab es überall Restaurants und Schnellimbisse, doch die abgebildeten und angepriesenen Speisen sagten uns nichts. Aufgrund der uns unbekannten Architektur erkannten wir auch viele Restaurants und Essmöglichkeiten noch nicht als solche. Viele Läden waren keine klassischen Restaurants wie bei uns, sondern eher kleine Garküchen an jedem Tisch, wo das Essen frisch zubereitet wurde. Da wir aber keine Ahnung hatten, wie genau die Zubereitung und die Handhabung erfolgte und auch nicht auf eine englische Erklärung hoffen konnten, trauten wir uns anfangs keine Abenteuer zu. Am dritten Tag fassten wir uns ein Herz und marschierten in ein Restaurant, das wir schon am Tag vorher ausgesucht hatten. In der Mitte eines jeden Tisches fand sich eine Herdplatte, auf die eine große Pfanne mit Inhalt gestellt und erhitzt wurde. Aus dieser bedienten sich die Gäste dann. Mutig bestellten wir etwas von der Karte und beobachteten heimlich die Essgewohnheiten der anderen, um uns das ein oder andere abzuschauen. Obwohl wir einige irritierte Blicke bekamen, brachten wir das Essen unserer Meinung nach erfolgreich hinter uns und wurden von da an mutiger.

Wir studierten verschiedene Internetseiten mit typischen koreanischen Gerichten und versuchten dann, möglichst viel davon während unserer Reise zu probieren. Der koreanische Klassiker Kimchi (fermentierter Kohl mit scharfer, knoblauchiger Soße) wurde eines unserer Lieblingsgerichte, genauso wie Bibimbap oder Jiggae, eine Art Eintopf. Letzteres probierten wir zum ersten Mal in Busan an einem kleinen Straßenbistro, in dem außer uns nur Einheimische waren. Es schmeckte unglaublich gut und die nette Wirtin stopfte uns zusätzlich mit den typischen Beilagen aus Kimchi, eingelegtem Rettich und Anchovis voll. Es war ein wunderbares Erlebnis.

Natürlich gab es in Korea auch unglaublich viel Fisch und Meerestiere auf der Speisekarte. Üblicherweise befanden sich die entsprechenden Tiere noch lebend in großen Aquarien vor dem Restaurant und konnten von den Gästen vor dem Verzehr begutachtet werden. Es fand sich alles von verschiedenen Fischarten, Oktopoden, Muscheln, Hummern, Krebsen etc. Was wir bei unseren Tauchgängen unter Wasser (noch) nicht finden konnten, wurde uns hier zum Essen angeboten. Obwohl wir grundsätzlich Fisch essen und mögen, verging uns beim Anblick der Tiere meist der Appetit. Vermutlich wäre der gleiche Effekt eingetreten, wenn wir ein Kälbchen vor dem Schnitzelrestaurant angebunden gefunden hätten. Psychologie halt. In unserem Fall wirkte sie appetithemmend.

Korea ist grün

Sobald man die urbane Gegend hinter sich lässt, ist Korea landschaftlich wahnsinnig schön und vor allem grün, da etwa 70% der Fläche bewaldet ist. Während vieler Stunden Autofahrt fiel unser Blick auf grüne Reisfelder und sanfte Hügel bis hin zu Bergketten, die Aussicht nur ab und zu von Ortschaften oder Kleinstädten unterbrochen. Der Großteil der Natur, die wir sahen, war Teil eines der vielen Nationalparks, die über das ganze Land verteilt quasi den Raum zwischen den Städten bilden. Über die Schönheit der Parks und die dortigen Wandermöglichkeiten hatten wir bereits viel gelesen und waren daher sehr gespannt, uns selbst ein Bild zu machen. Wir wurden nicht enttäuscht. Sowohl der Seoraksan Nationalpark an der Ostküste, als auch der Jirisan Nationalpark im Süden des Landes boten wunderbare Wanderwege in einer tollen Landschaft, herrliche Ausblicke (zumindest bei gutem Wetter) und, wenn man die touristischen „Autobahnen“ mied, ziemliche Exklusivität. Touristisch inkludiert in diesem Fall die vielen einheimischen Besucher, die aufgrund der besonderen Grenzgegebenheiten sehr gerne ihr eigenes Land erkunden.

Einzig die vielen Warnschilder bezüglich der Schwarzbären trübte unsere entspannte Wanderfreude etwas, da plötzlich jedes Knacken im Gebüsch zu einem zähnefletschenden schwarzen Ungeheuer wurde, nur um sich dann als eichelsuchendes Nagetier zu entpuppen. Besonders gut gefallen haben uns bei unseren ausgiebigen Wanderungen und Spaziergängen die tollen Tempel, die sich jeweils am Fuß der Berge oder auch entlang des Weges fanden, und die Landschaft um ein interessantes Detail ergänzten. Wir würden gerne wiederkommen, um noch mehr dieser herrlichen Natur zu Fuß oder auch auf Skiern zu entdecken.

Im Seoraksan Nationalpark findet sich ein in den Fels gebauter Buddha-Tempel.

Korea singt Karaoke

Wenn wir abends durch die belebten Innenstädte liefen, waren Karaokeläden die mit der auffälligsten, am meisten blinkenden Reklame. Karaoke ist eines der beliebtesten Hobbys der Koreaner. Sie haben sogar ein eigenes Wort dafür: Noraebang. Es kann der reinen Unterhaltung, aber auch der Stressreduktion oder dem „Dampfablassen“ dienen. Beliebt ist es vor allem bei jungen Leuten und die meisten Läden finden sich in den Universitätsvierteln. In der Regel mietet man sich alleine oder mit einer Gruppe einen entsprechenden Raum auf Zeit und los geht der Spaß. Dabei gibt es spezielle Verhaltensregeln zu beachten. Beispielsweise wird unaufgefordertes Mitsingen als unförmlich betrachtet, genauso wie die Auswahl eines Songs, den jemand anderes gerne singen möchte. Räumlichkeiten für Karaoke stehen häufig von mittags bis in die frühen Morgenstunden offen und sind daher auch beliebtes Ziel für Nachtschwärmer. Eigentlich ein unschuldiges Vergnügen. Einige der Reklametafeln, eher abseits der Universitätsviertel, kamen uns aber doch etwas komisch vor und weckten den Eindruck, dass sich dahinter mehr als nur harmloses Singen verbarg.

Korea mag Hunde

In Korea gibt es viele Hundebesitzer, wobei man ihre Lieblinge in Deutschland vielleicht nicht in diese Kategorie Tier, sondern eher zu den Nagetieren gezählt hätte. Es handelte sich meist um kleine Ausgaben mit einem Schultermaß von etwa 20cm, häufig in weiß mit krausem Fell. Ihre Frisur war wohl drapiert und manchmal trugen sie sogar ein zum Besitzer passendes Outfit. Das erstaunlichste war allerdings, dass ihre gut manikürten Krallen (fast) nie den Boden berührten. (Sehr) kleine Vierbeiner wurden von ihrem Herrchen oder Frauchen in der Handtasche oder unter dem Arm getragen, größeren Exemplaren kam das Privileg eines eigenen Gefährts, ähnlich einem Kinderwagen, zu. Aus diesen schauten sie dann in perfekter Kontenance und Coolness auf all jene, die den dreckigen Boden selber beschreiten mussten. Hin und wieder fanden sich auch durchsichtige Rollkoffer oder Rucksäcke mit lebendem Inhalt. Insgesamt zeugte das Verhalten der Besitzer von einer solchen Hingabe zu ihrem Tier, wie wir sie selten gesehen hatten. Während des bereits erwähnten Gesprächs mit einer jungen Koreanerin kamen wir zu dem gemeinsamen Entschluss, bei miesem Karma gerne als Hund in Südkorea wiedergeboren zu werden.

„Ach der Kleine ist aber süß! Wie alt ist er denn? Stillen Sie noch?“
Zugegebenermaßen mögen auch wir Hunde.

Korea ist bunt und leuchtet

Von den grell leuchtenden Reklametafeln haben wir bereits erzählt. Sie sind allerdings nicht das einzig helle in diesem Land. Eigentlich leuchtet, schimmert und blinkt es überall und am liebsten bunt. Besonders ungewohnt ist dieses Schauspiel in den Großstädten bei Nacht. Vom Seoul Tower, der selber leuchtet wie ein Weihnachtsbaum, erstreckt sich der Blick auf das bis zum Horizont reichende Lichtermeer. In Busan kann man vom berühmten Haeundae Beach die leuchtenden Fassaden der Nobel-Hotels und schicken Hochhäuser bewundern. Wenn man viel Glück hat und gerade in einer dunklen Ecke steht, sieht man sogar ein paar Sterne am Himmel.

Lust auf Tanzen?

Korea ist ehrgeizig

In Korea sind Touristen nichts Besonderes und das nicht etwa, weil es so viele von ihnen gibt (tatsächlich ist das Land touristisch deutlich angesagter als wir dachten, aber bei weitem nicht überlaufen), sondern weil sich der „gemeine Koreaner“ einfach nicht für sie interessiert. Vielleicht fiel uns diese Tatsache nur deshalb so stark auf, weil wir die letzten Monate in Ländern verbracht hatten, in denen Touristen viel (oft unerwünschte) Aufmerksamkeit zu Teil wird. Aber vermutlich wäre uns diese Gleichgültigkeit auch bei einer Ankunft aus Deutschland aufgefallen, denn sie war ziemlich augenscheinlich. Im Normalfall wurden wir mit höflichem Desinteresse oder gar nicht beachtet. Wenn wir uns schwer beladen in die U-Bahn oder den Bus mühten, stand niemand für uns auf oder versuchte, uns etwas mehr Platz zum Ein- oder Aussteigen zu ermöglichen. Die Leute schienen ihrer Umgebung insgesamt wenig Aufmerksamkeit zu schenken oder auf diese Rücksicht zu nehmen. Wie bereits erwähnt, führten wir in Busan ein langes Gespräch mit einer jungen Koreanerin, welches uns viele interessante Einsichten in die Kultur, Mentalität und Lebensweise des Landes gab. Sie beschrieb eine Gesellschaft getrieben von Ehrgeiz und dem unbedingten Streben nach wirtschaftlichem Erfolg und Anerkennung. Wohlhabend zu sein mit einem „guten Job“, am besten bei Samsung, Hyundai oder LG, war für viele das suggerierte Lebensziel. Der Fokus darauf wurde bereits in der Kindheit und Jugend gelegt, wobei auch die Schule eine entscheidende Rolle spielt. Lehrer wie Eltern trichtern den Schülern ein, wie wichtig gute Noten sind, damit sie auf eines der „guten“ Colleges oder eine der renommierten Universitäten gehen können, denn nur dann hätten sie eine Chance auf einen guten Job. Die Jugendlichen stehen früh unter einem unglaublichen Leistungs- und Lerndruck. Es ist außerdem völlig normal, nach der Schule (bis 16 Uhr) noch weitere vier bis fünf Stunden Privatunterricht zu nehmen, jeden Tag, um vor allem in Fächern wie Mathe einen Vorsprung herauszuarbeiten. Die Sinnhaftigkeit dieses Lernverhaltens wird nicht hinterfragt. Ebenso wenig setzen sich die Absolventen mit (eigenen) Berufswünschen auseinander, sondern folgen (auch) hier Empfehlungen von Eltern oder Lehrern, was zu vielen frustrierten Menschen führt. „Uns wurde gesagt, du musst es in ein gutes College schaffen, und dann wird alles besser und dann wirst Du wissen, was du willst“, waren die Worte unserer Gesprächspartnerin. Wie wenig diese Aussage zutraf, sollten sie und einige ihrer Bekannten im Laufe selber herausfinden.

Auch im Privatleben gibt es in der Koreanischen Gesellschaft klare Teilziele zu erreichen. Eintritt ins College bis zum 20. Lebensjahr, Abschluss und guter Job bis zum 25. Lebensjahr, Hochzeit bis zum 30. Lebensjahr, teures Auto, Kinder und Haus bis zum 40. Lebensjahr. Ein straffer Zeitplan also. Wer das Programm nicht durchläuft oder verfolgt, sieht sich ständigen Nachfragen und Kritik von Familie und Freunden ausgesetzt. Ein Lebensstil nach dem Motto „ich mache, worauf ich im Moment Lust habe und was mir gut tut“, stößt auf wenig Verständnis oder Unterstützung. Die junge Frau machte genau dies gerade durch. Nach ihrem Abschluss in „education“ hatte sie sich gegen den Lehrberuf entschieden. Ihr erster Job in Vollzeit machte ihre Eltern stolz und sorgte für Anerkennung bei Freunden. Sie selbst wurde depressiv. Aktuell arbeitet sie immer mal wieder in Teilzeit bei verschiedenen Projekten, hatte mit 30 keinen Partner und kein Auto und träumte von einem Work-and-Travel in Australien nächstes Jahr. Sie wirkte zufrieden, war offen für die Welt, ihre verschiedenen Menschen und Kulturen, und damit – zumindest bei uns – genau richtig. Wir teilten unsere Gedanken zum Glücklichsein und sie bedankte sich für den Austausch. Nach ihrer Aussage wäre dies mit der Mehrheit der Koreaner in ihrem Alter nicht möglich gewesen.

Die Altersarmut in Korea macht diese Rentnerin zu einer Papiersammlerin.

Korea hat uns als Reiseland mehr als begeistert. Sobald man sich mit Schrift und Sprache arrangiert, bietet es dem Touristen alle Annehmlichkeiten eines modernen, digitalen Landes inklusive hervorragend funktionierendem öffentlichen Nah- und Fernverkehr, tollen Sehenswürdigkeiten, viele kostenlose Museen, saubere öffentliche Parkanlagen und Toiletten, moderne Mietwagen in gesittetem Rechtsverkehr, wunderbare Nationalparks und leckeres Essen, insofern man den Geschmack von scharfen, knoblauchlastigen Gemüse und Fleisch mag. Die Zeit verging für uns wie im Fluge und am Ende waren wir selbst erstaunt, wie traurig wir waren, dieses Land wieder verlassen zu müssen. Vermutlich hatte es auch damit zu tun, dass wir uns nach vielen Monaten wieder frei und selbstständig fortbewegen, die Annehmlichkeiten eines Industrielandes genießen und uns abseits von ausgetretenen Touristenpfaden bewegen konnten. Es war die Art von Rückkehr in eine Umgebung mit vertrauten Abläufen, die wir uns gewünscht hatten. Gleichzeitig stellten wir fest, dass in Korea einige Dinge weit fortschrittlicher waren und insbesondere die digitale Entwicklung hier ein rasantes Tempo angenommen hatte. Am Ende fühlten wir uns in unserem nagelneuen KIA Mietwagen mit gefühlt 15 Zoll LCD Display ein bisschen wie Marty und Doc Brown, zurück in die Zukunft.


Bilder aus der Kategorie „Wir versuchen Influencer“, andere sagen auch „Outtakes“
Manchmal machen wir auch verrückte Sachen. Anscheinend handelte es sich um ein Kunstwerk
In einigen Hotels bekommen wir beim Check-in ein kleines Plastiktäschchen ausgehändigt, dessen Inhalt wir neugierig erkunden.

Ein Kommentar zu “Zurück in die Zukunft

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